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Axel Honneth: Das Ich im Wir

Cover Axel Honneth: Das Ich im Wir. Studien zur Anerkennungstheorie. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2010. 308 Seiten. ISBN 978-3-518-29559-5. D: 12,00 EUR, A: 12,40 EUR, CH: 21,70 sFr.

Reihe: Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft - 1959.
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Moralitäten und Möglichkeiten – Zur Anerkennung des Anderen im Gewebe der Gerechtigkeit

Für Axel Honneth ist Anerkennung nichts, was man leichthin bewerkstelligen kann, nichts, was einem nur ein paar Lippenbekenntnisse abverlangt und schon gar nicht etwas, das sich in knackigen Sprüchen oder eloquenten Plattitüden ausdrücken ließe. „„Anerkennung“ – die wechselseitige Beschränkung der eigenen, egozentrischen Begierde zugunsten des jeweils Anderen.“ (32) – so liest sich die Definition des deutschen Philosophen, der sich seit knapp 20 Jahren mit der Frage nach den Implikationen und der Explikation von Anerkennung befasst.

Wer sich mit der theoretischen Frage nach den Bedingungen und Elementen von Anerkennung auseinander setzt, sieht sich einigen Schwierigkeiten ausgesetzt – zum einen der „Modehaftigkeit“ ethischer Überlegungen, die bei vielen Menschen auf (berechtigte) Skepsis stößt - “Ethik ist eine Modeerscheinung geworden, und zwar so sehr, daß der noch vor kurzer Zeit leicht angestaubte und akademische Begriff nicht nur zeitgemäß, sondern auch vieldeutig geworden ist. Aufgrund einer Reihe von Entwicklungen, die Soziologen besser verstehen als Philosophen, nennen sich heute unterschiedlichste Fachleute, und die Philosophen darunter am wenigsten, „Ethiker“, und geben normative Stellungnahmen zu aktuellen Entwicklungen der Wissenschaft und der Gesellschaft ab. … In diesem „ethischen Diskurs“ geht es nicht vorrangig, was für die philosophische Ethik kennzeichnend ist, um die Suche nach Gründen, warum etwas so und so sein soll (oder warum etwas gut oder schlecht ist), sondern eher um Einflußnahmen, daß etwas so und so sein soll.“ (Leist 2000, 1); zum anderen der wichtigen Frage nach dem realen Gehalt solcher Überlegungen (zum Thema Anerkennung) - “Eine der wichtigsten und auch schwersten Aufgaben der Philosophie ist es, eine bestimmte Unterscheidung zu ziehen. Diese Linie teilt die Wirklichkeit in das Wirkliche, das vom Denken, Wollen und Fühlen des Menschen unabhängig ist, und das Wirkliche, das vom Menschen und seinem Zugriff auf die Welt abhängig ist.“ (Stemmer 2008, 11)

Bei Martin Seel kann man nachlesen, welche Bedingungen erforderlich sind, um die Welt auf eine realistische Weise wahrzunehmen (wobei Weltwahrnehmung auch als Welterschließung und auch als Welterzeugung verstanden werden muss): „Ich spreche über Richtigkeit und Wahrheit, weil ich meine, dass der Begriff der „Welterschließung“ nur im Rückgang auf diese beiden Begriffe erläutert werden kann. „Welterschließung“ … ist ein Vorgang der Orientierung zugleich am Richtigen und am Wahren. Welterschließung (in einem bestimmten Bereich) … ist eine Veränderung des Verhältnisses der Orientierung am Richtigen und am Wahren (in einem bestimmten Bereich).“ (Seel 2002, 45). Martin Seel reduziert begrifflich den menschlichen Versuch der Welterzeugung auf Richtigkeit und Wahrheit - beides sind Begriffe, die einen (naiven) Realismus nahelegen: „“Richtigkeit“ ist demnach ein Wort, mit dem die Korrektheit des Herangehens an eine Situation oder Aufgabe bewertet wird.“ (Seel 2002, 49). „Unter „Wahrheit“ verstehe ich die Wahrheit von Aussagen aller Art, also auch von evaluativen Aussagen. Wahrheit in diesem Sinn ist Wahrheit der Proposition eines behaupteten oder als Feststellung geäußerten Satzes, ganz egal, was für ein Satz das sei – solange seine Äußerung überhaupt als sinnvolle Behauptung oder Feststellung verständlich ist.“ (Seel 2002, 52).

Moralität und Möglichkeit hat viel mit unserer Welterschließung zu tun – somit hat Anerkennung als moralische Handlung sehr viel mit unser Welterschließung zu tun. Axel Honneth veranschaulicht in seinen Studien, was es braucht, um dieses Konzept greifbar und anwendbar zu machen.

Zu Axel Honneth

Axel Honneth zählt als Schüler von Jürgen Habermas zu den Vertretern der „Frankfurter Schule“. Seit vielen Jahren leitet der das Institut für Sozialforschung (IfS) an der Goethe-Universität in Frankfurt/Main (www.ifs.uni-frankfurt.de). Seit der Veröffentlichung des Buches „Kampf um Anerkennung“ (1993), setzt sich Axel Honneth immer wieder mit der Frage nach der theoretischen Begründung und praktischen Anwendung dieses Konzeptes auseinander – dabei folgt er zum Teil den philosophischen Überlegungen von Georg Wilhelm Friedrich Hegel zum Begriff der Anerkennung Axel Honneth sprich in diesem Zusammenhang selbst von „Hegelsche[n] Wurzeln (13) - „Das Subjekt nimmt in ein und demselben Augenblick an der Selbstbeschränkung des Anderen die Aktivität wahr, durch die es die (soziale) Wirklichkeit erzeugt, und weiß sich darin zugleich als Mitglied einer Gattung, deren Existenz sich durch ebenjene Reziprozität erhält … „Anerkennung“ – die wechselseitige Beschränkung der eigenen, egozentrischen Begierde zugunsten des jeweils Anderen.“ (32).

Anerkennung als moralische Handlung

Das Buch ist eine Sammlung von Studien (Aufsätzen), in denen Axel Honneth versucht hat, „die Grundannahmen einer an Hegel anknüpfenden Anerkennungstheorie weiter auszubuchstabieren.“ (7). Diese Beiträge haben einen großen Praxisbezug, der vor allem mit der grundsätzlichen Ausrichtung der Überlegungen von Axel Honneth zusammen hängt – seine Ideen „bewegen sich an den Rändern der Sozialphilosophie, an denen sich normative Fragen nur unter Einbeziehung der empirischen Anstrengungen anderer, benachbarter Disziplinen sinnvoll beantworten lassen.“ (7). Das Buch ist ausgelegt auf vier verschiedene Zugänge zum Thema Anerkennung: die (philosophiehistorischen) Wurzeln der Anerkennungstheorie in der dialektischen Bewusstseinsphilosophie bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel werden von Axel Honneth in zwei Aufsätzen diskutiert und vorgestellt (13-48). In dem Abschnitt zu den systematischen Konsequenzen der Anerkennungstheorie wird in fünf Aufsätzen versucht, „zentrale Probleme einer zeitgenössischen Gerechtigkeitstheorie zu klären.“ (8-9). Dabei wird versucht das Konzept der Anerkennung in den Bereichen der Arbeit, der Ideologie und der gesellschaftlichen Ausgestaltung des Zusammenlebens fassbar zu machen. So macht Axel Honneth in dem Aufsatz „Das Gewebe der Gerechtigkeit“ (51-77) deutlich, dass die Explikation des Begriffs „Anerkennung“ eine entscheidende Rolle in der Annäherung von politischer Theorie (vor allem durch die Versuche „Gerechtigkeit“ als Konzept auszugestalten) und Praxis (vor allem durch den Versuch „Gerechtigkeit“ im Rahmen der gesellschaftlichen Möglichkeiten umzusetzen) spielen kann - „In dieser Situation der wachsenden Kluft zwischen philosophischer Gerechtigkeitstheorie und politischer Praxis mag es sinnvoll sein, einen Schritt zurückzutreten, um die erstgenannte der beiden Seiten aus größerem Abstand in den Blick zu nehmen; denn es ist durchaus möglich, daß es die konzeptionellen oder begrifflichen Mängel der theoretischen Bemühungen selbst waren, die zu einer Vergrößerung der Distanz zur Politik geführt haben.“ (52)

Im dritten Themenblock versucht Axel Honneth in drei Aufsätzen zu zeigen, wie die Anerkennungstheorie für die Sozialtheorie und deren Anwendung auf gesellschaftliche Phänomene fruchtbar gemacht werden kann (179-248). Die wachsende Individualisierung wird als symptomatischer Wandlungsprozess moderner Gesellschaften aufgegriffen in den Zusammenhang „einer Steigerung von Zweckrationalität gefaßt“ (202). Im Anschluss an den Soziologen Georg Simmel kann der Begriff der Individualisierung in mindesten vier Bedeutungen verstanden werden (insbesondere 204 ff.): die „Individualisierung der Lebenswege“, steht für die wachsende Ungleichförmigkeit der Lebensgestaltung der Individuen in der Gesellschaft. Die „wachsende Isolation der Handlungsakteure“ geht mit dieser Divergenz in den Lebensgestaltungen einher. Daneben gibt es eine „Zunahme an Reflexionsfähigkeit“ und eine „Authentizitätssteigerung der Individuen“ zu beobachten. Das sich ändernde gesellschaftliche Umfeld wirft die Akteure immer stärker auf sich selbst zurück. Diesem empirischen Befund wird auch der vierte Themenblock des Buches gerecht, der sich mit den „[p]sychoanalytischen Weiterungen“ der Anerkennungstheorie befasst (249-306). Ein besonders bemerkenswerter Aufsatz lautet etwa „Das Ich im Wir“ (261-279) und setzt sich mit den Bedingungen von Gruppenbildungen auseinander. Axel Honneth verweist dabei auf Begriffe wie „Selbstbeziehung“ und „Selbstwertgefühl“ – „Den fruchtbarsten Nährboden für die Gruppenbildung stellt aber zweifellos jene Schicht der Persönlichkeitsbildung dar, die ich zuvor als Selbstwertgefühl bezeichnet habe; denn das Bewußtsein, daß die eigenen Fähigkeiten in den Augen der anderen einen Wert genießen, bedarf wohl lebenslang der erneuten Bestätigung, um nicht zu schwach und kraftlos zu werden.“ (269). Für Axel Honneth ist es „das zentrale Motiv der Gruppenbildung“ (269). Und um die maßgebliche Definition nochmals aufzugreifen: „Anerkennung“ – die wechselseitige Beschränkung der eigenen, egozentrischen Begierde zugunsten des jeweils Anderen.“ (32) – das Wechselspiel individueller Bedürfnisse läuft nur im besten Fall auf eine Win-Win-Situation hinaus. Was es dafür braucht ist die Bereitschaft und die Möglichkeit andere in ihrer Individualität anzuerkennen.

Fazit

Anerkennung hat nicht nur als moralphilosophischer Begriff eine große Bedeutung, auch politische und historische Ereignisse können zeigen, dass Anerkennung ein über das Individuum hinaus reichende – sprich auf Kollektive - Kraft besitzt – die politische Situation im Kosovo, in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts drastisch ins Bewusstsein der westeuropäischen Politik gerückt, kann als Beispiel dafür genommen werden, was passieren muss, um Menschen gegeneinander aufzuhetzen, einen gewaltsamen Konflikt zu initiieren und was es vor allem braucht, Konflikte zu lösen – Anerkennung ist in vielerlei Hinsicht ein besonderes Moment im menschlichen Zusammenleben (vgl. zur Geschichte des Kosovo: Rathfelder 2010). Dem Buch von Axel Honneth kommt das Verdienst zu dieser wichtigen Kategorie politischen und moralischen Denkens – der Anerkennung – breiten theoretischen Raum zu geben. In ihm finden Interessierte von jeglicher fachlicher Herkunft Denk- und Merkwürdigkeiten. Natürlich: Axel Honneth rekurriert in seiner Arbeit sehr stark auf philosophische und sozialtheoretische Denktraditionen – dem Verständnis seines eigenen Gedankengangs tut dies sicherlich keinen Abbruch. Wenn man bereit ist, sich auf das analytische Denken einzulassen, wird mit viel Gedankenstoff für eigene Überlegungen belohnt werden. Manchmal sind es Details, die zu überzeugen wissen - „Ich gehe auch nicht von der simplen Tatsache ab, daß gerade Details auf das Wesentliche verweisen.“ (Ugresic 1995, 93) und manchmal ist es die philosophische Tradition, die zu überzeugen weiß. In diesem Sinne: „Denn eigene Glückseligkeit ist ein Zweck, den zwar alle Menschen (vermöge des Antriebes ihrer Natur) haben, nie aber kann dieser Zweck als Pflicht angesehen werden, ohne sich selbst zu widersprechen. Was ein jeder unvermeidlich schon von sich selbst will, das gehört nicht unter den Begriff der Pflicht; denn diese ist eine Nötigung zu einem ungern genommenen Zweck. Es widerspricht sich also zu sagen: man sei verpflichtet, seine eigene Glückseligkeit mit allen Kräften zu befördern.“ (Kant 1977, 515)

Literatur:

  • Kant, I. (1977). „Die Metaphysik der Sitten.“ Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag
  • Nagl-Docekal, H. (2010). Über Selbstgesetzgebung und das Glück - Autonomie bei Kant. „Grenzen der Autonomie.“ E. List and H. Stelzer. Weilerswist (GER), Velbrück Wissenschaft: 33-53
  • Rathfelder, E. (2010). „Kosovo - Geschichte eines Konflikts.“ Berlin (GER), Suhrkamp Verlag
  • Seel, M. (2002). „Sich bestimmen lassen. Studien zur theoretischen und praktischen Philosophie.“ Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag
  • Ugresic, D. (1995 [1994]). „Die Kultur der Lüge.“ Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag

Rezensent
Mag. Harald G. Kratochvila
Homepage www.kompetenz-coaching.at
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Zitiervorschlag
Harald G. Kratochvila. Rezension vom 20.01.2011 zu: Axel Honneth: Das Ich im Wir. Studien zur Anerkennungstheorie. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2010. ISBN 978-3-518-29559-5. Reihe: Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft - 1959. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10208.php, Datum des Zugriffs 18.12.2018.


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