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Irene Götz, Birgit Huber u.a. (Hrsg.): Arbeit in "neuen Zeiten"

Cover Irene Götz, Birgit Huber, Piritta Kleiner (Hrsg.): Arbeit in "neuen Zeiten". Ethnografien und Reportagen zu Ein- und Aufbrüchen. Herbert Utz Verlag (München) 2010. 211 Seiten. ISBN 978-3-8316-0947-5. 35,00 EUR.

Reihe: Münchner ethnographische Schriften - Band 7.
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Thema

Die ethnografische Perspektive dieser Veröffentlichung gewährt aus der Akteursperspektive heraus Einblicke in Erfahrungs- und Bearbeitungsformen einer sich wandelnden Arbeitswelt

Die Fortentwicklung vom streng geregelten und klar definierten Normalarbeitsverhältnis hin zu einer transformierten Arbeits- und Lebenswelt, in der die Grenzen zwischen Privatleben und Erwerbstätigkeit verschwimmen, wird als postfordistisches Arbeiten bezeichnet. Der Einzelne muss sich immer stärker mit seinen individuellen Fähigkeiten in seine Erwerbstätigkeit einbringen. Lokale Gebundenheiten werden übersprungen, zeitliche Regelungen irregulärer.

Entstehungshintergrund

Die Beiträge dieser Veröffentlichung entstanden als Ergebnis eines von Professorin Dr. Irene Götz geleiteten Lernforschprojektes vom Sommersemester 2008 bis zum Sommersemester 2009. Studierende des Instituts für Volkskunde/Europäische Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München setzten Einzelprojekte um, die aus der Akteursperspektive heraus Spuren von Subjektivierung, Flexibilisierung und Entgrenzung von Arbeit und Leben verfolgten. Dazu wurden über mehrere Monate hinweg Interviews und teilnehmende Beobachtungen in Feldern durchgeführt, die der oben skizzierten Transformation besonders stark unterworfen waren.

Aufbau und Inhalt

Unter dem Fokus von Subjektivierung, Flexibilisierung und Entgrenzung geben die Ethnografien und Reportagen dieses Bandes Einblicke in die Lebens- und Arbeitswelt von Akteuren verschiedener Untersuchungsfelder. Zwei Blöcke systematisieren die verschieden Aspekte der Transformation. Eingeleitet wird die Sammlung durch den Beitrag von Stefanie Seidl, die in den Arbeitsalltag von PR-Dienstleistern blicken lässt. In deren „Praktiken des Netzwerkens“ stößt sie auf Hinweise von Subjektivierung und Entgrenzung. Die Betroffenen reagieren ambivalent, indem sie diese Erscheinungsformen zwar als angenehm und dem persönlichen Aufstieg dienlich wahrnehmen und ihnen gleichwohl Strategien der Arbeitszeitbegrenzung entgegensetzen.

Im Themenfeld „Aus der Krise. Anforderungen durch Ökonomisierung“ nehmen die Autoren Felder in den Blick, die unter dem Einfluss wirtschaftlicher Stagnation, vor allem aber der Wirtschafts- und Finanzkrise erschüttert werden. Dabei werden individuelle und milieuspezifische Strategien im Umgang mit den daraus resultierenden arbeits- und lebensweltlichen Umwälzungen dargestellt.

Olga Reznikovas teilnehmende Beobachtung und die in diesem Kontext durchgeführten qualitativen Interviews in einer Münchner Rahmenfabrik thematisieren die Auswirkungen von Umstrukturierung und Entlassungen auf das Verhalten und die Strategien Betriebsangehöriger im Umgang mit neuen Handlungsanforderungen und einer veränderten sozialen Ordnung. Gerade die Betriebsumstrukturierung lässt die verschiedenen habituellen Ausstattungen der Beschäftigten aus unterschiedlichen Herkunftsmilieus zu Tage treten.

Manuela Höllmüller bietet eine empathische Situationsbeschreibung zur Einführung von Kurzarbeit in einem Maschienenbaubetrieb im Chiemgau. Auch hier treten in Krisenzeiten neue Spaltungen zwischen verschiedenen Gruppen von Arbeitern zutage.

Julia Grohs begibt sich in einen Zeitarbeitstreff und erschließt verschiedene Sichtweisen und individuelle Strategien der Anwesenden. Der Blick richtet sich auf ein breites Spektrum an Leiharbeitern, die die Wahl dieser Erwerbsform als Chancen und zugleich als Gefahren einer Verfestigung prekärer Berufsbiografien deuten. Die Flexibilität im Leiharbeitsverhältnis spiegelt sich auch in der fehlenden Kontinuität in der Arbeit des Zeitarbeitstreffs wider. In der Untersuchung wird offenbar, dass die Belastungen durch die Arbeitsorganisation der Leiharbeit gegenüber den damit verknüpften Hoffnungen überwiegen.

Der Beitrag von Anzhela Grigorova thematisiert den Arbeitsalltag von „Ein-Euro-Jobbern“ in einer Beschäftigungsmaßnahme für Langzeitarbeitslose. Hier werden Ambivalenzen deutlich zwischen der Aufwertung durch einem strukturierten Tagesablauf und sozialen Kontakten und, andererseits, der Abwertung durch eine ständig scheiternde Integration auf dem ersten Arbeitsmarkt.

Petra Schweiger stellt vier verschiedene Arbeitsstile als Bewältigungsleistungen im Altenpflegebereich nebeneinander. Ein ideales Modell gibt es nicht: Ob Akkordarbeiterin, Kommunikatorin, Selbstbezogene oder rhythmisierte Pflegekraft - alle Arbeitsstile können nur mit einem Teil der dissonanten Pflegeleitbilder und -ansprüche umgehen. So summieren sich Ökonomisierungstendenzen, zeitliche Einschränkungen und tradierte Pflegevorstellungen zur individuellen Belastung.

In Kundengesprächen kompensieren Finanzberater den Imageverlust, den sie in der Finanzkrise erlitten haben, durch Selbstinszenierung. Thomas J. Heid stellt die steigende Bedeutung von Emotionsarbeit in diesem Feld heraus. So kann „unseriöses Verhalten anderer“ zum eigenen Seriösitätsmerkmal umgedeutet werden. Die Beratungspraxis zeichnet sich durch eine Subjektivierung der Dienstleistung aus, allerdings bleibt es fraglich, ob diese maßgeschneiderten Beratungsangebote auf die Befriedigung der Kundenbedürfnisse oder die Kundenbindung zielen. Dem klassischen Finanzberater wird einem Berater im Gaybusiness gegenübergestellt, der seine Involviertheit in die Homosexuellenszene ökonomisiert. Ein weiteres Beispiel entgrenzter Arbeit.

Das Themenfeld „Flexibilisiertes Ich. Öffnung des Privaten“ behandelt zeitliche, räumlich, soziale und inhaltliche Entgrenzungen als Kennzeichen postfordistischer Arbeitsbeziehungen.

Im erste Beitrag dieser Abteilung schlägt Sarah Braun eine Brücke von der empathischen Selbstinszenierung der Finanzberater hin zur Emotionsarbeit der Mitarbeiterinnen eines Friseursalons. Empathisches Einfühlungsvermögen trägt auch hier zur Kundenbindung bei und wird ein wichtiges Element in der Arbeit der Friseurinnen. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Lebens- und Arbeitswelt, so dass emotionale Arbeit zu einem Konfliktfeld werden kann.

Kathrin Resch beschreibt eine Ehe- und Arbeitsgemeinschaft in der Grafikerbranche. Im beruflichen Kontext verstehen sich die Partner als gleichwertig. Die Untersuchung legt den Fokus auf geschlechterspezifische Ausprägungen des alltäglichen Lebens und Arbeitens. Dissonanzen werden sichtbar, doch versuchen die Akteure unter allen Umständen ihr Selbstkonzept aufrecht zu erhalten.

Petra Schmidt und Irene Götz richten den Fokus auf die andere Seite entgrenzter Arbeit, indem sie Elemente postfordistischer Arbeitswelten im Privatleben einer Mutter in den Blick nehmen. Dabei treten die Differenzen zwischen Erwerbsarbeitswünschen, postfordistischen Vorstellungen und der Realität zu Tage. Trotz der postfordistischen Arbeitskompetenzen, die sich Familienarbeiterinnen aneignen, werden Benachteiligungen, wie sie aus dem männlich besetzen Normalarbeitsverhältnis bekannt sind, nicht überwunden.

Magdalena Maria Dobrzynska wirft einen Blick auf das Selbstbild eines Software-Entwicklers. Indem entgrenzte und subjektivierte Arbeit ein Identitätsmerkmal dieses Berufs bildet, ist er ein Prototyp postfordistischer Arbeit, der sowohl in Arbeitsorganisation als auch Berufsethos und Selbstinszenierung im starken Gegensatz zu traditionellen Formen des Handwerks steht. Die Abhängigkeit von der eigenen Kultur und damit der Widerspruch zum Selbstbild der räumlich entgrenzten Arbeitsform wird allerdings dann sichtbar, wenn der internationale Anspruch der Software-Branche jenseits digitaler Formen im persönlichen Kontakt zum Tragen kommt. In solchen Fällen wird deutlich, wie kultur- und regionenabhängig die eigene Inszenierung und das eigene Selbstverständnis dieser Branche ist. Die Widersprüche subjektivierter Arbeit brechen hervor.

Arnold Tiberiu Tolnai befasst sich mit einem weiteren Bereich entgrenzter Lebenswelt, der „Öffnung des Intimen“. Er beobachtet einen jungen Mann mit einer Körperbehinderung bei der Selbstinszenierung im Internet. Der Aufsatz veranschaulicht, wie die Online-Identität eine Ressource für die Lebensbewältigung und Selbstwertentwicklung im realen Raum werden kann, und trägt damit zur Diskussion um die Verschmelzung des Realen und Virtuellen bei.

Fazit

Der Sammelband lotet die Weite postfordistischer Arbeitswelten aus. In teilweise journalistisch anmutenden Beiträgen werden Arbeits- und Lebenswelt – genauer: entgrenzte Erwerbstätigkeit und die Öffnung des Privaten – betrachtet. Die Involviertheit der Autoren in die Lebenswelten ihrer Akteure und die damit verbundene Kenntnis des im Untersuchungsfeld vorherrschenden Habitus erlaubt die Einnahme einer ethnografische Perspektive.

Durch die Fülle der Untersuchungsfelder wird ein breiter Blick in den Alltag deutscher Existenzen gewährt. Dieser Blick eröffnet Deutungen, die sowohl kritische als auch auch wohlwollende Betrachtungen arbeits- und lebensweltlicher Transformation ermöglichen. Damit hilft sie, eine verstehende Perspektive hinsichtlich des Agierens in einer sich wandelnden Gesellschaft einzunehmen.

Allerdings wäre eine weniger ausgeprägte Bezugnahme auf die Finanzkrise akzeptabel gewesen, denn postfordistische Transformationsprozesse, auch dies wird in den Beiträgen deutlich, sind durch Langfristigkeit und Diskontinuität gekennzeichnet.


Rezension von
Dipl. Soz.-Arb. Dipl.Soz.-Päd. Maria Philipp
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Zitiervorschlag
Maria Philipp. Rezension vom 29.12.2010 zu: Irene Götz, Birgit Huber, Piritta Kleiner (Hrsg.): Arbeit in "neuen Zeiten". Ethnografien und Reportagen zu Ein- und Aufbrüchen. Herbert Utz Verlag (München) 2010. ISBN 978-3-8316-0947-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10221.php, Datum des Zugriffs 19.01.2021.


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