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Michael Borg-Laufs, Katja Dittrich (Hrsg.): Psychische Grundbedürfnisse in Kindheit und Jugend

Cover Michael Borg-Laufs, Katja Dittrich (Hrsg.): Psychische Grundbedürfnisse in Kindheit und Jugend. Perspektiven für soziale Arbeit und Psychotherapie. dgvt-Verlag (Tübingen) 2010. 323 Seiten. ISBN 978-3-87159-915-6. 24,80 EUR.

Reihe: KiJu - Band 15.
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Thema

In der Welt der Psychotherapie befriedigt Grawes Forschungsprogramm ganz besonders das Bedürfnis nach Orientierung. Den herausgearbeiteten Wirkfaktoren psychotherapeutischer Prozesse stellt seine Theorie bezüglich psychischer Prozesse ein plausibles Koordinatensystem vier grundlegender Bedürfnisse zur Seite: Ein Grundbedürfnis

  1. nach Lustgewinn und Unlustvermeidung, das mit der Suche nach angenehmen und dem Vermeiden unangenehmer Zustände verknüpft ist;
  2. nach Orientierung und Kontrolle, das darauf abzielt, die Umwelt als ausreichend verstehbar und vorhersagbar erfahren zu können; ein Bedürfnis
  3. nach Selbstwertschutz und Selbstwerterhöhung, das darauf gerichtet ist, sich als wertgeschätzt und wertvoll zu erleben; sowie das Bedürfnis
  4. nach Bindung, das auf das Erleben lang andauernder Beziehung zu einer nicht auswechselbaren Bezugsperson gerichtet ist.

Wie stehen die Entstehung, Aufrechterhaltung und psychotherapeutische Veränderbarkeit psychischer Störungen mit diesen Grundbedürfnissen in Zusammenhang? Dieser spannenden Frage geht das vorliegende Buch für die Altersgruppe junger Menschen nach.

Entstehungshintergrund

Der Erstautor, Michael Borg-Laufs, Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Professor am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein und Fachleiter für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie am Ausbildungszentrum Krefeld der DGVT hat im Jahr 2006 im DGVT-Verlag das Störungsübergreifende Diagnostik-System für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie SDS-KJ vorgelegt. Eine Skala dieses Therapieplanungsmanuals ist der GBKJ-Fragebogen zur Erfassung der psychischen Grundbedürfnisse bei Kindern und Jugendlichen. In dem vorliegenden Buch loten die beiden Herausgeber Borg-Laufs und Katja Dittrich, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein gemeinsam mit neun weiteren Autorinnen aus dem Bereich Sozialer Arbeit und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie die Anwendungsmöglichkeit des Fragebogens und des dahinter liegenden Konstrukts für verschiedene psychische Problemlagen aus. Teilweise handelt es sich bei den Beiträgen um empirische Explorationsstudien, teilweise um theoretische Reflexionen.

Aufbau und Inhalte

Der Einführungstext der beiden Herausgeber beschreibt die „Befriedigung psychischer Grundbedürfnisse als Ziel psychosozialer Arbeit“. Borg-Laufs und Katja Dittrich konkretisieren in zwei weiteren Beiträgen, zur Kindeswohlgefährdung und anhand eines Fallbeispiels antisozialer Gewalt, wie das Grundbedürfniskonstrukt als Verstehensfolie in der Sozialen Arbeit dienen kann. Das von Grawe formulierte Konstrukt hat eine solche Plausibilität, dass es beinahe überflüssig erscheint, seine Geltung eingehend zu begründen. Problematisch wird dies erst, wenn dem Grundbedürfnismodell Grawes Überlegenheit über andere theoretische Konstrukte zugesprochen werden soll, die ebenfalls überzeugend erscheinen. In den Texten der Herausgeber wird diese Schwierigkeit anschaulich. Die Beschreibung der von Grawe formulierten Grundbedürfnisse ist eingängig und ihre Bedeutung für die Soziale Arbeit sehr gut nachvollziehbar. Die Auseinandersetzung mit konkurrierenden Modellen, beispielsweise von Maslow oder Brazelton & Greenspan wirkt hingegen verkürzt.

Der zweite Text des Buches, den Borg-Laufs und Anna Spancken, Psychologische Psychotherapeutin in Ausbildung am Krefelder Institut und frühere wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Niederrhein beisteuern, beschreibt die Ergebnisse einer Stichprobenerhebung mit dem GBKJ. Der Beitrag wurde erstmals 2008 in der Zeitschrift für Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen abgedruckt. Im GBKJ-Bogen werden „zentrale Aspekte der vier psychischen Grundbedürfnisse mit jeweils 3 oder 4 Items erfasst“. Es liegen eine Fremdbeurteilungsform für Bezugspersonen und Therapeuten vor und eine Selbstbeurteilungsversion für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren. Ein zentraler Aspekt für das Verständnis eines Problemverhaltens ist, ob hinsichtlich eines Grundbedürfnisses - psychologisch primär zu erwartendes - Annäherungsverhalten gegeben ist, oder ob bei einer Person eine defensive Verhaltenssteuerung vorliegt, die darauf ausgerichtet ist, erwartete Bedürfnisfrustrationen zu vermeiden. Dieser Aspekt wird für jedes Bedürfnis mit einem Item erfragt. Die Erhebung zeigt plausible Unterschiede zwischen den untersuchten Teilstichproben psychisch belasteter Kinder- und Jugendlicher und einer unausgelesenen Stichprobe junger Menschen zwischen 4 und 18 Jahren.

Der dritte Beitrag (Esther Wagner) beschreibt eine kleine Befragung aggressiver Jugendlicher durch den GBKJ mit klinisch plausiblen Ergebnissen. Der Beitrag Sandra Behrs lotet aus, welche Bedeutung das Konstrukt beim Verständnis von Angststörungen junger Menschen hat. Im Zentrum steht dabei die Hypothese, dass aus der nicht ausreichenden Befriedigung von Grundbedürfnissen psychische Inkonsistenzerfahrungen resultieren, die ein spezifisches Risiko für die Entwicklung von Angststörungen darstellen. Der Beitrag von Catharina dos Santos, Diplom-Sozialarbeiterin und in der stationären Jugendhilfe tätig, erkundet mittels des Grundbedürfniskonstruktes die psychosoziale Situation von Flüchtlingskindern psychisch erkrankter Eltern. Es handelt sich um eine kleine Erkundungsstudie, in der Interviews und GBKJ-Befragungen kombiniert betrachtet werden, teilweise mit überraschenden, aber schlüssigen Ergebnissen.

Drei weitere Texte des Buches rekonstruieren verschiedene Praxisfelder Sozialer Arbeit in der Grundbedürfnis-Begrifflichkeit. Jeanette Rohleder widmet sich der Schulsozialarbeit, Estera Krajewski und die beiden Herausgeber beschreiben Psychische Grundbedürfnisse in der offenen Jugendarbeit. Der längste Beitrag des Buches beschreibt die Verletzung psychischer Grundbedürfnisse durch sexuellen Missbrauch in der Kindheit. Julia van der Linden legt eine überzeugende Linie durch die einschlägige Literatur hin zu dem Thema des Buches und diskutiert Ansatzpunkte, die sich für den Beratungsprozess bieten. Schlusstext ist ein Fallbeispiel. Jenny Schwab schildert die Diagnostik und Behandlungsplanung für ein dreijähriges Mädchen, das innerfamiliären sexuellen Missbrauch erlebt hat. Das Potential des SDS-KJ und des Grundbedürfniskonstruktes für das Fallverstehen werden in dem Fallbericht anschaulich. Beeindruckend ist, wie die Herausarbeitung dysfunktionaler Kognitionen auch mit dieser jungen Patientin sinnvoll möglich war.

Zusammenfassung und Fazit

Das Buch ist als Werkstattbericht zu lesen. Aus verschiedenen Perspektiven wird das Konstrukt psychischer Grundbedürfnisse in den Kontext psychosozialer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gestellt. Die Autorinnen verdienen Anerkennung, sich aus der Praxis heraus an dieses komplexe Thema gewagt zu haben. Wünschenswert wäre eine eingehendere methodische Diskussion durch die Herausgeber gewesen, um die vorgenommene Operationalisierung des Grundbedürfniskonstruktes zu begründen. Der GBKJ, das für das Buch zentrale Erhebungsinstrument, wird nur auszugsweise wiedergegeben. Angaben zur messtheoretischen Güte der Skala wurden leider nicht aufgenommen. Die generell plausiblen Befunde und ihre Interpretation hätten so methodologisch besser abgesichert werden können.


Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
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Zitiervorschlag
Christian Brandt. Rezension vom 26.08.2011 zu: Michael Borg-Laufs, Katja Dittrich (Hrsg.): Psychische Grundbedürfnisse in Kindheit und Jugend. Perspektiven für soziale Arbeit und Psychotherapie. dgvt-Verlag (Tübingen) 2010. ISBN 978-3-87159-915-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10229.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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