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Thomas Klatetzki (Hrsg.): Soziale personenbezogene Dienstleistungsorganisationen

Cover Thomas Klatetzki (Hrsg.): Soziale personenbezogene Dienstleistungsorganisationen. Soziologische Perspektiven. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 335 Seiten. ISBN 978-3-531-14328-6. 34,95 EUR.

Reihe: Organisation und Gesellschaft.
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Thema

Der Dritte Sektor und die unter diesem Etikett subsumierten Organisationen können als Zentralbegriffe für einen Themenkomplex betrachtet werden, der in den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten scheinbar immer häufiger aufgegriffen wurde. Verhandelt werden etwa die Wandlungsprozesse der sozialpolitischen Rahmenbedingungen aber vor allem die Veränderungen/Anforderungen hinsichtlich eines Nonprofit-Managements auf der Einrichtungsebene. Es lässt sich der Eindruck gewinnen, dass in der fachwissenschaftlichen Literatur mittlerweile – beispielsweise unter den Überschriften Qualitätsmanagement, Governance, Freiwilligenmanagement, Organisations- und Personalentwicklung, Controlling, Fundraising etc. – ein breites Spektrum von Konzept-, Strategie-, Struktur- und Verfahrensvorschlägen für die Nonprofit-Organisationen anzutreffen ist. Anders verhält es sich allerdings, sobald nach dem theoretischen Fundament „hinter“ diesen Elementen des modernen Handwerkkastens für die Führungs- und Leitungsebenen des Bildungs-, Sozial- und Gesundheitswesens gefragt wird: Einerseits wird bei solchen Gelegenheiten immer wieder auf die gleichen Autoren und Ansätze aus einem vergleichsweise kleinen Fundus von Theorie verwiesen und andererseits ist unübersehbar, dass in diesem Zusammenhang wirtschaftswissenschaftliche Ansätze an Bedeutung gewinnen.

Vor diesem Hintergrund schließt das hier besprochene Buch gleich zwei Lücken: Es geht nicht nur um die Darstellung von möglichen theoretischen Fundamenten für die wissenschaftliche Beschäftigung mit Organisationen und deren Übertragung in die Sphäre des Dritten Sektors, sondern auch darum, bislang im Dritte Sektor-Kontext weniger prominenten Theorieansätzen Beachtung zu schenken. Ein ambitioniertes Ziel dieses Bandes besteht entsprechend darin, Alternativen zu der einseitigen Zuspitzung in der Debatte um die Reorganisation und Qualitätsverbesserung der Organisationen des Dritten Sektors aufzuzeigen, indem von der vorherrschenden Praxis abgewichen wird, nach der diese Organisationen als Wirtschaftsunternehmen verstanden werden. Insofern soll dieses Buch dazu dienen, die Debatte um „die Reorganisation sozialer Einrichtungen und Dienste durch die Darstellung alternativer Perspektiven inhaltlich anzureichern“ (S. 7). Mit anderen Worten: In bewusster Abgrenzung zum aktuellen Mainstream der wissenschaftlichen Debatte zum Dritten Sektor werden Konzepte und Theorieansätze präsentiert, die der Sphäre des soziologischen Denkens entspringen und Organisationen niemals isoliert betrachten, sondern stets im Kontext ihrer Umwelt, ihrer Funktionsbezüge, ihrer Soziokulturen oder ihrer Machtnetzwerke.

Herausgeber

Der Herausgeber Dr. Thomas Klatezki ist Professor am Institut für Soziologie der Universität Siegen.

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau des Buches folgt gewissermaßen einer großen „Ausholbewegung“, um ein facettenreiches Bild zu den sozialen personenbezogenen Dienstleistungsorganisationen zu entwickeln. Ganz unterschiedliche theoretische Ansätze mit eigenen Perspektiven, Fragestellungen, Definitionen und Begrifflichkeiten werden bemüht, um sich dem gemeinsamen Analysegegenstand – den sozialen personenbezogenen Dienstleistungsorganisationen – zu nähern. Die Beiträge im Einzelnen:

Soziale Dienstleistungsorganisationen: Max Weber und die Folgen (Klatezki/Nokielski, S. 25-60). Einleitend wird auf Ausführungen Max Webers Bezug genommen, um Grundlagen sowohl für gesellschaftstheoretische als auch für handlungstheoretische Fragestellungen zu entwerfen. Dabei wird vor allem die Bedeutung der auf „Beherrschbarkeit getrimmten Rationalität“ (S. 34) im Kontext von Organisationen hergeleitet und erläutert. Eingehend werden die Differenzen zwischen den Idealtypen der Bürokratie und des wirtschaftlichen Betriebs beschrieben, wobei bereits hier vereinzelt über die Analysen Webers hinausgegangen wird. Nachdem die relevanten Begrifflichkeiten, Definitionen und Typen bei Weber behandelt worden sind, werden etliche kritische Einwände und Weiterentwicklungen beschrieben – etwa hinsichtlich des Typs der „professionellen Autorität“ oder der „kollegialen Organisationsform“. Dies erscheint den Autoren notwendig, da eine Übertragung des Rationalitätsverständnisses nach Weber auf andere Produktionsformen wie Handwerk, kundenorientierte Vertriebsformen oder kreativ tätige Verwaltungszweige – als eigenständige Formen neben dem kapitalistischen Betrieb und der über Schriftlichkeit kontrollierten Verwaltung – kaum gelingen kann. Insbesondere Organisationen, die soziale personenbezogene Dienstleistungen anbieten, können als Paradebeispiele für die Kombination von bürokratischer und kollegialer Steuerung verstanden werden. Sind diese Präzisierungen und Ergänzungen des theoretischen Rahmens eingeführt, können auf dieser Basis die zentralen und langfristigen Wandlungsprozesse aufgezeigt werden, die heute von den sozialen personenbezogenen Organisationen vollzogen werden. Auf diese Weise wird plausibel die Entwicklung zu einem post-bürokratischen bzw. einem post-professionellen Organisationsmodell erläutert, innerhalb dessen unter anderem über Zielvorgaben selbstbestimmte und regulierte Handlungsräume der professionellen Einheiten geschaffen werden, „die ihrerseits über die strategische Ausrichtung in einen effizienzsichernden Zusammenhang gebracht werden“ (S. 58). Auf diese Weise kommt – so das Fazit der Autoren – ein eng gefasstes Verständnis von Zweck-Mittel-Rationalität zum Ausdruck, mit dem bereits Weber argumentiert hatte.

Soziale personenbezogene Dienstleistungsorganisationen im Dispositiv der Kontrolle und Disziplinierung (Groenemeyer/Rosenbauer, S. 61-102).Basierend auf den Arbeiten von Foucault, die mehrfach gegenüber anderen theoretischen Standpunkten (etwa Weber, der Wissenssoziologie oder der Ethnomethodologie) abgegrenzt werden, greifen die Autoren aktuelle und grundsätzliche Anfragen an die Soziale Arbeit sowie an die sozialen Dienstleistungsorganisationen auf und diskutieren diese hinsichtlich des Konzeptes der Disziplinierung. Ein Ausgangspunkt ist das Verständnis von Organisation „als eine Institutionalisierungsform von Machtnetzwerken der Disziplinierung und der sie tragenden Diskurse“ (S. 70). Damit leisten Organisationen einen Beitrag für das Funktionieren unserer Gesellschaft, die auf die Herstellung von angepassten und handlungsfähigen Subjekten angewiesen ist und somit auf Disziplinierung als eine zentrale Machttechnik setzt. Mittels dieser Perspektive werden letztlich aktuelle Entwicklungen, die allgemein in der Sphäre des Wirtschaftens und speziell im Bereich der Sozialen Arbeit zu beobachten sind, interpretiert und bewertet. Angesprochen werden explizit die Qualitätsmanagement-Debatte, das Ideal einer „Evidence-based Practice“ und die Tendenz hin zu einem neuen Typus von Arbeitskraft – dem „Arbeitskraftunternehmer“.

Hybride Organisationen im Bereich sozialer Dienste. Ein Konzept, sein Hintergrund und seine Implikationen (Evers/Ewert, S. 103-128). Vor dem Hintergrund des Konzeptes, dass sich mit Blick auf Steuerungsprinzipien und Grundwerte drei gesellschaftliche Basisinstitutionen bzw. Sphären (demokratischer Staat, Marktwirtschaft und Gemeinschaft) unterscheiden lassen, wird eine „intermediäre“ Sphäre entworfen, deren Kennzeichen hinsichtlich dieser Analysekategorien in einer grundlegenden Unbestimmtheit liegen. Diese Intermediarität – so die mit Beispielen unterlegte These der Autoren – dient nicht nur zur Charakterisierung eines gesellschaftlichen Bereiches, sondern lässt sich auch auf die Analyseebene von Organisationen übertragen und führt dort dazu, diese als „hybride Organisationen“ zu etikettieren. Auch auf dieser Ebene ist von wechselseitigen Verschränkungen bzw. von der Ko-Präsenz von verschiedenen Logiken und Wertorientierungen auszugehen. Aufbauend auf diesem Konzept und mit Hinweis auf eine eigene Untersuchung wird weiterhin die These vertreten, dass im intermediären Bereich – aber ebenso im öffentlichen – eine Tendenz dahingehend besteht, „dass sich verschiedene Organisations- und Handlungslogiken mischen und mithin auch die Trennungslinien zwischen den Sektoren – etwa dem öffentlich-staatlichen und dem Dritten Sektor – weniger deutlich sind, als oft unterstellt wird“ (S. 110). Anhand von vier Dimensionen (Ressourcen, Ziele, Governanceformen und Corporate Identity) wird der Prozess der Hybridisierung näher erläutert und die Analyse immer wieder mit Beispielen angereichert. Abschließend wird der Frage nachgegangen, was diese Tendenzen etwa für die Profile von Organisationsmanagern bedeuten. Idealtypisch betrachtet erscheinen „multiple Identitäten“ funktional, die mit der Koexistenz mehrerer gleichrangiger Selbstzuschreibungen und Rollenmuster umgehen können, um auf diese Weise Anschlussfähigkeiten an unterschiedliche Handlungsrationalitäten aufzuweisen. In der Nachfolge dieser Analyseperspektive gilt allgemein: „Es braucht Organisationsmanager, eingebundene Professionen und die Adressaten selbst, die Hybridität als Chance begreifen und das Nebeneinander totalisierter sektorspezifischer Logiken und Rationalitäten als ein Dilemma“ (S. 122).

Soziale personenbezogene Dienstleistungsorganisationen aus neoinstitutionalistischer Perspektive (Drepper, S. 129-165). Dieser Beitrag betrachtet die personenbezogenen sozialen Dienstleistungsorganisationen aus der Perspektive des Neoinstitutionalismus, deren Besonderheiten eingangs ausführlich geschildert werden. Die neoinstitutionalistische Sicht wendet sich ab „von mikrologisch argumentierenden Verhaltenstheorien der Organisation“ (S. 130), fokussiert insbesondere die strukturelle Einbettung von Organisationen in größere gesellschaftliche Felder, beachtet in historischer Perspektive die Pfadabhängigkeit des Gefüges der Institutionen und führt auf diese Weise zu einer Verschmelzung von Organisationsanalyse und der (Makro-)Analyse gesellschaftlicher Organisationsweisen. Als eine zentrale Kategorie wird der Begriff der „Institution“ verstanden, in denen nicht die Normen und Werte, sondern vielmehr als selbstverständlich angesehene Regeln, Klassifizierungen und intersubjektiv geteilte Sinnmuster die Elemente darstellen, die die Institutionen stabilisieren – ganz im Sinne der sinnhaften Konstruktion sozialer Wirklichkeit in der Nachfolge von Berger/Luckmann. Übertragen auf die Ebene der Organisation bedeutet dies, dass deren formale Struktur weniger als ein Mittel zur Erzielung von Effizienz und Effektivität zu verstehen ist, sondern eher eine Reaktion auf Ansprüche und Erwartungen der jeweiligen institutionellen Umwelt darstellt. Insofern eignet sich dieser Ansatz – so der Autor – insbesondere zur Analyse von sozialen personenbezogenen Organisationen, da diese sich auf institutionalisierte Moralvorstellungen ihrer Umwelt gründen und „die Auseinandersetzung mit dominanten kulturellen Symbolen und Glaubensvorstellungen“ (S. 150) sowohl für ihre Struktur als auch für ihr operatives Geschäft leitend sind. Mit anderen Worten: Diese Organisationen sind kulturell konditioniert, agieren in moralisch aufgeladenen Kontexten und sind stetig aufgefordert, sich in wandelnden Umwelten Legitimation zu beschaffen.

Die funktionalistische Analyse sozialer personenbezogener Dienstleistungsorganisationen (Lahusen/Stark, S. 167-197).Dieser Beitrag versucht einerseits die Potenziale des funktionalistischen Ansatzes für die Analyse sozialer personenbezogener Dienstleistungsorganisationen auszuloten und andererseits einige handlungsleitende Empfehlungen aus dieser „zutiefst soziologischen“ Perspektive abzuleiten. Der Ansatzpunkt einer solchen Betrachtung ist die Einsicht, dass die Systemerhaltung nicht als Selbstzweck des sozialen Systems Organisation verstanden werden kann, sondern der Erfüllung eines spezifischen eigenen Ziels dient, zu dessen Bestimmung das jeweilige Umfeld einzubeziehen ist. Damit die Systemerhaltung gelingen kann, ist die so genannte „Gleichgewichtsannahme“ zentral. Als optimal wird demnach ein Zustand verstanden, der sich durch eine „Kongruenz der sowohl informellen als auch formellen Organisationsstrukturen mit den anderen funktionalen Teilbereichen der Organisation (z.B. mit der Organisationskultur, den Solidaritäts- und Loyalitätsbeziehungen sowie den mikropolitischen Positions- und Verhandlungsmustern innerhalb der Mitgliedschaftsrolle)“ (S. 174) auszeichnet. Vor diesem Hintergrund erweisen sich einige Strukturbesonderheiten der Organisationen des Dritten Sektors als problematisch und begründen „organisationsinterne Dilemmata“: etwa die Notwendigkeit der Vermittlung von sozialer und systemischer Integration oder das vergleichsweise breite Spektrum von Beschäftigungsverhältnissen. Virulent bzw. manifest werden diese Dilemmata nicht zuletzt aufgrund langfristiger Entwicklungen im Dritten Sektor, die im Beitrag als Professionalisierung, Bürokratisierung und Ökonomisierung aufgegriffen werden. Nach der Analyse der grundsätzlichen organisationalen Reaktionsoption bleibt festzustellen: „Gemeinschaftliche Bindungen, bürgerschaftliches Engagement und moralische Debatten werden damit entweder an den Randbereich des Dritten Sektors gedrängt oder an ein semi-organisiertes Feld von Initiativen, Projekten, Selbsthilfegruppen, Engagement-Netzen abgetreten, das nur noch lose an soziale Dienstleistungsorganisationen rückgekoppelt ist“ (S. 190).

Soziale personenbezogene Dienstleistungsorganisationen als soziokulturelle Solidaritäten (Klatetzki, S. 199-239). Ein Großteil dieses Beitrages wird dazu genutzt, Grundlagen und Entwicklungslinien der Cultural Theory darzustellen, deren Wurzeln mit den Arbeiten von Durkheim verbunden sind. Dabei wird vor allem auf die so genannte „grid/group-Typologie“ von Mary Douglas und auf die darauf basierenden transaktionstheoretischen Überlegungen von Michael Thompson Bezug genommen. Zentral ist eine Typologie von vier bzw. fünf Organisationsweisen, die ebenfalls entsprechende „Kosmologien“ bzw. „Weltlogiken“ kategorisiert. Die dahinter stehende Grundannahme besagt, dass eine Homologie zwischen Werten, Glaubensvorstellungen und der soziostrukturellen Organisation des menschlichen Handelns existiert. Die Cultural Theory „arbeitet mit der Vorstellung, dass die Akteure stets in unterschiedlichen Beziehungskontexten engagiert sind und zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten im Rahmen jeweils unterschiedlicher Solidaritäten handeln“ (S. 218). Differenziert und entwickelt werden vier Soziokulturen, denen jeweils bestimmte Menschenbilder und Wertesysteme entsprechen: die hierarchische, die egalitäre, die individualistische und die fatalistische Soziokultur. Zur Schließung einer theoretischen Lücke wird als fünfter Typ die autonome Soziokultur eingeführt, für die das Einsiedlerdasein das Paradebeispiel darstellt. Auf diesem Fundament werden Organisationen als soziale Einheiten verstanden, die sich aus dem Zusammen- und Gegeneinanderarbeiten der Soziokulturen entwickeln. Auf diese Weise lässt sich einerseits plausibel ein Kategoriensystem für unterschiedliche Organisationen entwickeln – indem der Frage nachgegangen wird, welche Soziokultur in der sozialen Einheit vorherrschend ist. Andererseits kann nachvollziehbar und mit Beispielen angereichert die These entwickelt werden, dass soziale personenbezogene Organisationen nur dann dauerhaft überlebensfähig sind, wenn sie alle Organisationsweisen berücksichtigen bzw. alle Soziokulturen zugelassen werden. Darauf aufbauend ergibt sich folgerichtig ein Idealtypus einer „guten sozialen Einrichtung“, die sich dadurch auszeichnet, dass „eine fortlaufende demokratische Auseinandersetzung zwischen der individualistischen, hierarchischen und egalitären Kultur um die Lösung von Problemen gibt, und wo auch Raum für Einsiedler und Fatalisten ist“ (S. 233).

Zur gesellschaftlichen Bestimmung und Fragen der Organisation „personenbezogener sozialer Dienstleistungen“. Eine systemtheoretische Sicht (Drepper/Tacke, S. 241-283). Dieser Beitrag steigt mit einer Behandlung derjenigen drei Begriffe ein, die (summarisch) hintereinandergestellt den zentralen Beobachtungsgegenstand des Herausgeberbandes und seiner Teile angeben: die personenbezogenen sozialen Dienstleistungen. Anschließend wird die systemtheoretische Perspektive (im Sinne von Luhmann) genutzt, um das an diesen Ansatz gekoppelte „Auflöse- und Rekonstruktionsvermögen“ für das soziale Phänomen der personenbezogenen sozialen Dienstleistungsorganisationen anzuwenden. Dies passiert einerseits, indem basale Elemente der Sozialform Organisation – wie etwa die Mitgliedschaftsrolle oder die Entscheidungskommunikation – dargestellt werden und andererseits ausführlich auf das Beispiel der Erziehungsorganisation eingegangen wird. In diesem Kontext spielt vor allem die Differenzierung von drei Strukturtypen eine entscheidende Rolle: Der analytische Blick richtet sich auf Entscheidungsprogramme, Kommunikationswege und das Personal. Gleichzeitig findet noch eine weitere Grunddifferenzierung Anwendung, die vor allem die Ebenen Organisation und gesellschaftliches Funktionssystem unterscheidet aber auch auf spezifische Zusammenhänge dieser Ebenen hinweist.

Soziale personenbezogene Dienstleistungsorganisationen als lose gekoppelte Systeme und organisierte Anarchien (Wolff, S. 285-335). Die Identifizierung von Unsicherheit und Ambiguität in Organisationen sowie der Umgang mit diesen Phänomenen stellen den zentralen Fokus dieses Beitrages dar. Vorgestellt werden die miteinander kombinierbaren Konzepte der „losen Kopplung“ (Karl Weik) sowie der „organisierten Anarchie“ (James March) und es wird der Versuch unternommen, Anknüpfungspunkte dieser Analyseperspektive für den Bereich der personenbezogenen Dienstleistungsorganisationen aufzuzeigen. Dies erscheint vor allem deshalb fruchtbar, weil das Besondere dieser Organisationen in ihren vielfältigen Widersprüchlichkeiten gesehen wird. Diese Besonderheit, die auch eine spezifische Rationalität generiert, wird allerdings weniger als Defizit eingestuft, welches durch Modernisierungsmaßnahmen (Neues Steuerungsmodell, Total Quality Management etc.) beseitigt werden muss. Im Gegenteil: Aus der eingenommenen Perspektive bietet sich ein breites Spektrum von Situationen an, in denen lose gekoppelte Systeme – gegenüber starken, kontinuierlichen, direkten und unmittelbaren Kopplungen – besondere Stärken aufweisen und effektiv sind. Insofern wird deutlich, „dass sich nicht die Alternative stellt zwischen enger auf der einen und loser Kopplung auf der anderen Seite, sondern dass Organisationen offenbar enge und lose Kopplungen zugleich benötigen“ (S. 294). Die Leistungsfähigkeit des Konzeptes wird dementsprechend darin gesehen, dass sowohl theoretische Begründungen und ein Begriffsinstrumentarium zur Verfügung gestellt werden, um eigentlich unvereinbare Sachverhalte in nur einem System zuzulassen und analytisch zu nutzen: nämlich Rationalität und Unbestimmtheit. Verbunden ist damit eine besondere Betonung der Prozesshaftigkeit von Strukturbildung: Organisierte Anarchien werden als Zwecke suchende und nicht lediglich als Zwecke umsetzende Systeme verstanden. Der Entscheidungsprozess und nicht die Person des Entscheiders stellen die zentrale Analyseeinheit dar. Damit wird denjenigen organisationswissenschaftlichen Ansätzen widersprochen, die Organisationen als geordnete Gebilde verstehen, in denen Regelabweichungen und Unsicherheiten als störende Faktoren behandelt werden. „Die Perspektive der losen Kopplung erklärt demgegenüber gerade diese Ungeordnetheit, Unsicherheit und Ambivalenz zum eigentlichen Ausgangspunkt der Theoriebildung und aller praktischen Versuche des Organisierens“ (S. 329).

Zielgruppen und Fazit

Bei dem Buch ist der Untertitel („Soziologische Perspektiven“) wichtig, denn dieser Band erfordert ein Interesse an theoretischer soziologischer Reflexion. Alle, die eine schnelle, praktisch verwertbare oder systematische gegliederte Einführung in die Strukturen, die Besonderheiten oder die Funktionsweisen der sozialen personenbezogenen Dienstleistungsorganisationen erwarten, müssen enttäuscht werden. Diejenigen allerdings, die Interesse an Theoriebildung und theoretisch fundierter Auseinandersetzung besitzen, finden in dem Band anregende Beiträge vor, deren gemeinsames Kennzeichen vor allem darin zu sehen ist, dass sie durchaus bekannte Phänomene der sozialen Dienstleistungsorganisationen und Entwicklungen der Sozialen Arbeit in zum Teil ungewohnter Weise interpretieren, theoretisch reflektieren und auf diesem Fundament weiterdenken. Wissenswertes zu dem spezifischen Charakter der sozialen personenbezogenen Dienstleistungen und den Spannungsfeldern, die in diesem Kontext mit der Erbringung durch Organisationen einhergehen, wird gewissermaßen nebenbei vor dem Hintergrund der – keineswegs einfach miteinander kombinierbaren – theoretisch entwickelten Perspektiven mitgeliefert. Insofern empfiehlt sich dieses Buch nicht für jeden: ein Interesse an wissenschaftlich-theoretisch unterfütterter Argumentation und an einem dezidiert soziologischen Blickwinkel sollte vorhanden sein.


Rezension von
Prof. Dr. Reinhard Liebig
Fachhochschule Düsseldorf Fb. Sozial- und Kulturwissenschaften


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Zitiervorschlag
Reinhard Liebig. Rezension vom 17.05.2011 zu: Thomas Klatetzki (Hrsg.): Soziale personenbezogene Dienstleistungsorganisationen. Soziologische Perspektiven. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-14328-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10238.php, Datum des Zugriffs 19.01.2020.


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