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Korinna Heimann: Entwicklung interkultureller Kompetenz (Auslandspraktika)

Cover Korinna Heimann: Entwicklung interkultureller Kompetenz durch Auslandspraktika. Grundlinien eines didaktischen Handlungskonzepts für die Berufsausbildung. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2010. 381 Seiten. ISBN 978-3-643-10684-1. 29,90 EUR, CH: 47,90 sFr.

Reihe: SIETAR Deutschland e.V.: SIETAR Deutschland - Beiträge zur interkulturellen Zusammenarbeit - Band 4.
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Thema

Der berufliche Kontakt mit Menschen aus fremden Kulturen ist nicht mehr auf Führungskräfte beschränkt, sondern gehört zunehmend auch für Fachkräfte in Industrie und Handwerk zum Alltag. Dieser vierte Band der SIETAR Schriftenreihe beschäftigt sich mit der Frage, wie Auslandspraktika während der Berufsausbildung Auszubildenden internationale und interkulturelle Kompetenzen vermitteln können und wie dieser Lernprozess konzeptionell und methodisch seitens der ausbildenden Institutionen unterstützt und begleitet werden kann. Dabei untersucht die Autorin Fragen nach der Zielsetzung und der konzeptuellen Praxis der Auslandsaufenthalte, der methodischen Integration als Lerneinheit in die Berufsausbildung, der theoretischen Fundierung dieser Lerneinheit, um hieraus Grundlinien eines didaktischen Handlungskonzeptes zu entwickeln.

Autorin und Herausgeber

Die Autorin, Korinna Heimann, studierte Germanistik, Romanistik und Pädagogik an den Universitäten Hamburg und Bordeaux. Nach dem Studienabschluss "Maîtrise de Lettres Modernes" 1996 in Bordeaux legte sie 1998 das Erste Staatsexamen für das Lehramt an der Oberstufe/ allgemein bildende Schulen in Hamburg ab. Ihre Dissertation, die die Grundlage für den vorliegenden Band bildet, baut auf ihrer praktischen Erfahrung mit der Konzeption und Koordination von internationalem Austausch und Auslandspraktika für Auszubildende auf.

Dies ist der vierte Band der Schriftenreihe „Beiträge zur interkulturellen Kommunikation“, herausgegeben von Andrea Cnyrim (Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft, Arbeitsbereich Interkulturelle Kommunikation der Universität Mainz), Matthias Otten (Institut für interkulturelle Bildung der FH-Köln) und Alexander Scheitza (RADIUS – Kommunikation und interkulturelle Zusammenarbeit, Saarbrücken). Die Reihe hat zum Ziel den Dialog zwischen Forschung und Praxis im interkulturellen Feld durch wissenschaftliche und praxisorientierte Texte gleichermaßen der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich entsprechend der Fragestellung in drei Teile.

In Teil eins legt die Autorin eine lerntheoretische Basis aus der bestehenden Forschungsliteratur, wobei sie Erkenntnisse zum Kompetenzerwerb, zum interkulturellen Lernen, zum Erfahrungslernen sowie Modelle des interkulturellen Lernen, der Akkulturation und des Kulturschocks aufgreift und auf Lernpotentiale aus Auslandpraktika anwendet.

Der zweite Teil ist der qualitativen empirischen Untersuchung im Feld gewidmet und stellt die Frage nach der konzeptuellen Praxis von Auslandspraktika in fünf ausgewählten ausbildenden Institutionen. Die Autorin beschreibt ihre qualitativen Forschungsmethoden und Gütekriterien, legt die zugrundeliegenden Prämissen dar und präsentiert die Auswertung der Ergebnisse.

Im dritten und letzten Teil entwickelt die Autorin unter Rückgriff auf die lerntheoretische und didaktische Theorie einerseits sowie ihre empirischen Ergebnisse andererseits Grundlinien für ein didaktisches Handlungskonzept für Auslandspraktika während der Berufsausbildung.

Inhalt

Die Autorin geht von der Hypothese aus, dass Auslandspraktika, die im Rahmen einer Berufsausbildung stattfinden, auch eine pädagogische Zielsetzung verfolgen, unter anderem die Förderung der Fähigkeit mit Veränderungen umzugehen, der Fähigkeit zur kritischen Reflexion sowie der Entwicklung einer interkultureller Kompetenz. Hierbei sieht sie interkulturelle Kompetenz nicht unabhängig sondern als aufbauend auf und konstituierend für grundlegende Fähigkeiten im Bereich von Selbst-, Sozial- und Sachkompetenz. Grundlagen der interkulturellen Kompetenz werden schrittweise entwickelt. Bis zum Praktikum sollten die Auszubildenden in der Vorbereitungsphase zu einer ethnorelativen Haltung nach Milton Bennett gelangt sein und damit kulturelle Verschiedenheit anerkennen und respektieren. Interkulturelle Kompetenz und Fähigkeit zur Veränderung lassen sich nicht ausschließlich rezeptiv erlernen, sondern erfordern auch Erfahrung und aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt, die in der Durchführungsphase im Ausland geboten wird.

„Kulturschock“- Erfahrungen können laut der Autorin ein „disorienting dilemma“ darstellen. Der Auszubildende stößt dabei auf Erfahrungen, die mit seinem kognitiven Bezugssystem zunächst nicht erklärbar sind und sich nur dadurch erschließen lassen, indem bisherige Annahmen und Deutungsmuster hinterfragt und erweitert werden. Ein solcher Umgang mit Erfahrungen entspricht dem Konzept des „transformativen Lernens“, im Gegensatz zum „formativen Lernen“, in dem neues Wissen in das eigene Bezugssystem integriert wird. Transformatives Lernen kann vor Ort im Ausland und in der Nachbereitung stattfinden.

Im empirischen Teil ihrer Arbeit untersucht die Autorin durch Interviews und Dokumentenanalyse in fünf ausbildende Institutionen die konzeptuelle Praxis, das heißt, welche Konzepte der praktischen Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von Auslandspraktika zugrunde liegen. Dabei kommt sie zu dem Ergebnis, dass Vorbereitung und Nachbereitung zu kurz geraten und zu wenig methodisch strukturiert sind. Die Betreuungsangebote während der Aufenthalte erscheinen unsystematisch und bleiben meist den Betreuern vor Ort überlassen. Sie kritisiert weiterhin, dass die Reflexion über die interkulturellen Erfahrungen, die zum Aufbau von Erfahrungswissen und interkultureller Kompetenz notwendig wäre, nicht hinreichend strukturiert und angeregt wird. Vielmehr werden in vier der fünf Fälle nur die leistungsstarken Auszubildenden für Auslandspraktika ausgewählt, von denen dann erwartet wird, dass sie die Anforderungen selbständig bewältigen können. Damit, so die Autorin, rücken aber die pädagogischen Ziele in den Hintergrund und das Lernpotenzial der Auslandspraktika wird nicht voll ausgeschöpft. Im Gegenteil können aufgrund der fehlenden Betreuung oder mangelhaften Reflexion von schwierigen Erlebnissen im Ausland Kulturschockerfahrungen auch psychisch destabilisieren oder Vorurteile sogar noch verfestigen.

Interessant ist auch die Beobachtung, dass gerade internationalisierte Ausbildungsgänge, die das Auslandpraktikum in ihren Abschluss integrieren, mehr Gewicht auf die Vermittlung von Sachkompetenzen, wie Sprache und oder binational anerkanntem Berufsabschluss, legen als auf die überfachliche Schlüsselqualifikation „kulturelle Kompetenz“, während Ausbildungsgänge mit Auslandspraktika als Zusatzqualifikation oder ausbildungsbegleitendes Qualifizierungsprogramm mehr didaktische Elemente in Bezug auf die Förderung berufsübergreifender Sozialkompetenzen erkennen ließen.

Aus diesen Erkenntnissen leitet die Autorin Handlungsempfehlungen für die Einbettung, Gestaltung und Durchführung von ausbildungsbegleitenden Auslandspraktika ab. Ihr methodisches Konzept basiert theoretisch auf der konstruktivistischen Didaktik von Kersten Reich. Sie empfiehlt die methodische Verknüpfung von formellem und informellem Lernen sowie eine methodische Förderung des selbstgesteuerten Lernens. Praktisch bedeutet dies in der Vorbereitung eine ethnorelativen Haltung aufzubauen, Wissen über das Gastland zu vermitteln sowie die auszubildenden auf Kultur- und Rückkehrschock vorzubereiten. Auch müssen die Lernmethoden der nachfolgenden Phasen, wie Reflexion und das Führen von Lerntagebüchern oder Portfolios bereits vor Abreise gelernt sein. Vor Ort kann eine vertrauensvolle und empathische Betreuung unter Einsatz von Coachingtechniken vor Destabilisierung schützen und Selbstreflexion anregen. Kulturelle Erfahrungen können einzeln oder auch in der Gruppe reflektiert werden und durch Moderations-, Lernberatungs- oder Supervisionstechniken intensiviert werden. Eine strukturierte Reflexion der persönlichen interkulturellen Lernerfahrungen durch die Auszubildenden selbst, zum Beispiel mittels Lerntagebüchern oder Lernportfolios ist sowohl vor Ort als auch in der Nachbereitung sinnvoll. Die Nachbereitung kann durch eine Präsentation von Arbeits- und kulturellen Lernergebnissen abgerundet werden. Mittels einer solchen methodischen Vorgehensweise können Auslandserfahrungen bewusst reflektiert und verarbeitet werden und so aus der eigenen Erfahrung gelernt werden.

Diskussion

Korinna Heimann leistet mit ihrer Dissertation einen Beitrag zur theoretischen Fundierung der didaktischen Hintergründe und Gestaltung von Auslandspraktika in der Berufsausbildung auf Basis von Erkenntnissen der pädagogischen Didaktik sowie der interkulturellen und Akkulturationsforschung.

Sie zeigt Defizite in der praktischen Umsetzung auf und gibt dadurch konkrete Hinweise, wo Lernmöglichkeiten, die in Auslandspraktika stecken, noch nicht vollständig ausgeschöpft werden. Die Untersuchung erfolgt aus der Perspektive der ausbildenden Betriebe und verantwortlichen Pädagogen und Organisatoren. Der Perspektive der Auszubildenden selbst, ihren persönlichen Zielen, Bewertungen und wahrgenommenem Nutzen wird lediglich indirekt durch Beobachtungen und Zitaten der Ausbilder und Betreuer Raum gegeben.

Aus den empirischen Ergebnissen leitet sie methodische und didaktische Grundlinien für die erfolgreiche Umsetzung als Handlungsempfehlungen für die Praxis.

Auch hier geht die Autorin methodisch und theoretisch überzeugend vor, verweist aber bezüglich eines empirischen Nachweises der Wirksamkeit der von ihr empfohlenen didaktischen Methoden auf weitere Evaluationsforschung. Die Evaluation ihrer Handlungsleitlinien, wie zum Beispiel die Bestimmung und Messung von Erfolgskriterien zu verschiedenen Punkten des Ausbildungsverlaufs und gegenüber Kontrollgruppen bleibt somit noch ein Desideratum. Jedoch sind die Praxisempfehlungen der Autorin mit informiert durch ihre eigene langjährige Berufspraxis in diesem Feld, die dem Buch in allen drei Teilen positiv zugute kommt.

Fazit

Dieses Buch schließt eine wissenschaftliche Lücke, indem es eine theoretische Grundlage für die Fragestellungen für Auslandspraktika in Ausbildungsberufen legt. Welches didaktische Verbesserungspotential hier noch besteht, hat die Autorin empirisch aufgezeigt. Gleichzeitig liefert sie auch argumentativ schlüssig konkreten Handlungsempfehlungen für die praktische Vorbereitung, Betreuung und Nachbereitung von Auslandspraktika, die durch Evaluationsstudien bestätigt und verfeinert werden können.

Die für einen wissenschaftlichen Text sehr klare und verständliche Darlegung von Theorie und Grundlinien, Erklärungen von Fachbegriffen, häufigen Zusammenfassungen und Ergebnisübersichten in Tabellen machen das Buch auch für Praktiker der Berufsausbildungsbranche zugänglich und hilfreich für die praktische Konzeption und Durchführung. Dabei profitiert das Buch auch von der langjährigen Berufspraxis der Autorin.


Rezension von
Dipl.-Kfm. Tatjana van de Kamp
Dipl. Kauffr.; MA (Arbeits- und Organisationspsychologie)
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Zitiervorschlag
Tatjana van de Kamp. Rezension vom 16.11.2010 zu: Korinna Heimann: Entwicklung interkultureller Kompetenz durch Auslandspraktika. Grundlinien eines didaktischen Handlungskonzepts für die Berufsausbildung. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2010. ISBN 978-3-643-10684-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10256.php, Datum des Zugriffs 30.05.2020.


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ISSN 2190-9245

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