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Silvia Krumm: [...] Kinderwunsch bei Frauen mit [...] psychischen Erkrankungen

Rezensiert von Dr. phil. Petra Thorn, 24.01.2011

Cover Silvia Krumm: [...] Kinderwunsch bei Frauen mit [...] psychischen Erkrankungen ISBN 978-3-88414-514-2

Silvia Krumm: Biografie und Kinderwunsch bei Frauen mit schweren psychischen Erkrankungen. Eine soziologische und sozialpsychiatrische Studie. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2010. 324 Seiten. ISBN 978-3-88414-514-2. 39,95 EUR. CH: 62,90 sFr.
Reihe: Forschung für die Praxis - Hochschulschriften.

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Thema

Zurzeit gibt es viele öffentliche Diskussionen um das Thema „Kinderwunsch“. So wird aktuell die Präimplantationsdiagnostik kontrovers beurteilt, und auch die Familiengründung homosexueller und alleinstehender Personen sorgt immer wieder für Schlagzeilen in den Medien. Es gibt weitere Gruppen von Personen, deren Kinderwunsch in der (Fach-) Öffentlichkeit mit durchaus gemischten Gefühlen gesehen wird. Hierzu gehören Menschen, die das reproduktive Alter deutlich überschritten haben (dies wird allerdings vor allem bei Frauen diskutiert), sowie Menschen, die eine geschlechtsangleichende Operation durchgeführt haben oder deren Geschlecht nicht eindeutig festgelegt werden kann. Manche Fachgruppen thematisieren auch die Umsetzung des Kinderwunsches von Menschen mit einer psychiatrischen Erkrankung und die Bedeutung der Erkrankung für Schwangerschaft, Geburt und das spätere Kind. Dieser letzten Gruppe nimmt sich das vorliegende Buch an. Es beschreibt die Wechselwirkungen zwischen der individuellen Biographie psychisch kranker Frauen und ihrem Kinderwunsch.

Autorin

Silvia Krumm, geb. 1968, Soziologin, hat als Krankenpflegerin psychiatrische Erfahrung. Sie gehört der Arbeitsgruppe „Psychiatrische Versorgungsforschung“ der Universität Ulm an. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind u.a. geschlechtsspezifische Aspekte der psychiatrischen Versorgung, Elternschaft und psychische Erkrankung, sinnverstehende Ansätze und Biografieforschung.

Entstehungshintergrund und Aufbau

Bei dem Buch handelt es sich um eine sozialwissenschaftliche Dissertation. Der Aufbau ist entsprechend:

  • Theoretische Aufarbeitung,
  • Methodenteil,
  • Ergebnisse,
  • Diskussion sowie
  • Zusammenfassung, Grenzen der Arbeit und Ausblick.

Inhalt

Im ersten Teil beschreibt die Autorin den Kinderwunsch als vielschichtiges Phänomen, das methodisch nur schwer in Griff zu bekommen ist. Zwar spielen ihrer Meinung nach normative Zwänge mittlerweile eine geringere Rolle als früher, aber dennoch spielen auch überindividuelle, also soziale und kulturelle, Bedingungen eine wichtige Rolle. Im Kapital „Rationalität und Kinderwunsch“ werden ökonomische Betrachtungen des Kinderwunsches, rationale Entscheidungstheorien sowie der Themenbereich „Individualisierung und Kinderwunsch“ diskutiert. Anschließend wird die Einbettung des Kinderwunsches in die Biografie nach den Themen „biografisch stabiler Kinderwunsch“, „generalisierte Akzeptanz von Kindern“ und „entwicklungs- bzw. situationsabhängige Kinderwunschgenese“ dargelegt. Fazit dieses Teils ist, dass die biografische Gestaltung des Kinderwunsches sowohl durch individuell-biografische als auch durch strukturelle Zwänge zu verstehen ist. Zwar, so die Autorin, muss den Individuen „nicht bewusst sein, über welche biografisch eingebetteten Präferenzen sie in Bezug auf die Gestaltung ihrer Biografie verfügen. Denkbar ist, dass faktisch vorhandene Optionen … ergriffen werden, weil bestimmte Milieus bestimmte Werte und Normen vermitteln, die wiederum bestimmte biografische Entscheidungssituationen … in Betracht ziehen“ (S. 47).

Der nächste Teil befasst sich mit der Reproduktion psychisch kranker Frauen. Es beschreibt zunächst die Risiken, die Frauen mit einer psychischen Erkrankung eingehen, wenn sie ihren Kinderwunsch umsetzen. Anschließend wird ausführlich die geschichtliche Einbettung der Reproduktion psychisch kranker Menschen geschildert. Dieser Teil gibt einen spannenenden Überblick über „eugenische“ Maßnahmen und Zwangsabtreibungen vor und nach 1945, beschreibt die psychiatrische Reformierungsprozesse seit Mitte des letzten Jahrhunderts sowie aktuelle Empowermentansätze und die nach wie vor vorhandene Stigmatisierungstendenzen psychisch kranker Frauen mit Kinderwunsch bzw. Kindern.

Teil 4 analysiert psychologische und soziologische Konzepte zu psychischer Erkrankung und Biografie. Es werden individuelle Copingstrategien, systemische Theorien, Labelling-Ansätze, narrative und biografische Konzepte vorgestellt und die Autorin konkludiert, dass die Auseinandersetzung mit einer psychischen Erkrankung die Identität Betroffener berührt und die Bewältigung daher „illness-identity work“ erfordert. Bezüglich des Kinderwunsches entsteht die Frage, ob sich psychisch kranke Frauen an einer „reproduktiven Normalbiografie“ orientieren und wie sie die Belastungen, die mit der psychischen Erkrankung einhergehen, in diesem Kontext reflektieren und bewältigen.

Teil 5 und 6 beschreiben die Fragestellung und den empirischen Zugang zum Thema. Zentrale Fragen für die Dissertation waren die Folgenden:

  • Welche Bedeutung hat die psychische Erkrankung für die Biografie?
  • Welche Wechselwirkung gibt es zwischen Kinderwunsch und psychischer Erkrankung?
  • Wie gehen die Frauen mit normativen Erwartungen um und welchen Handlungsspielraum empfinden sie für ihren Kinderwunsch?

Krumm führte insgesamt 17 narrativ-biografische Interviews durch, die Teilnehmerinnen wurden in einem Krankenhaus mit angeschlossener psychiatrischer Klinik sowie mithilfe eines Aufrufs in Tageszeitungen rekrutiert. Die Interviews wurden aufgezeichnet, transkribiert und analysiert.

Im Ergebnisteil werden 5 Fallanalysen dargestellt, die ausgewählt wurden, weil sie Idealtypen darstellen. Dieser Hauptteil des Buches ist trotz seiner Länge (er umfasst über 100 Seiten) interessant und fesselnd zu lesen. Krumm gelang es in diesem Teil, die zentralen Aspekte der Interviews prägnant zu interpretieren und darzustellen.

Teil 8 diskutiert diese Ergebnisse und analysiert die folgenden einzelfallübergreifenden Themenbereiche:

  • Die Wechselwirkung zwischen psychischer Erkrankung und Kinderwunsch
  • Die Bedeutung des Krankheitsverständnis für den Kinderwunsch
  • Die biografische Einbettung des Kinderwunsches
  • Die Bedeutung der Partnerschaft für den Kinderwunsch
  • Die größere soziale Einbettung des Kinderwunsches

Basierend auf dieser Diskussion werden im Anschluss die folgenden drei Hypothesen zum Kinderwunsch psychisch kranker Frauen formuliert:

  1. Psychisch kranke Frauen orientieren sich an der normativen Erwartung, dass sie wegen ihrer Krankheit auf ein Kind verzichten. In den Interviews beschrieben die Frauen, dass ihnen Fähigkeiten fehlten und sie sich überfordern und damit dem Konstrukt der „guten Mutter“ nicht genügen würden. Gleichzeitig stellt dies jedoch eine Dilemma-Situation dar, denn die Mutterrolle ist sozial hoch normiert. Die Frauen in dieser Studie, die sich trotz ihrer Erkrankung ein Kind wünschten, begegneten diesem Dilemma, indem sie versuchen, den Kinderwunsch zu legitimieren.
  2. Strategien zum Umgang mit dem Kinderwunsch können auch als Ausdruck des biografischen Umgangs mit der psychischen Erkrankung verstanden werden: Eine weitgehende Identifizierung mit der Krankheit kann dem Kinderwunsch entgegenstehen, während eine Distanzierung (bis hin zu einer mangelnden Krankheitseinsicht) einen Kinderwunsch eher ermöglicht. Der Kinderwunsch könnte somit dazu führen, die Diagnose einer psychischen Erkrankung anzulehnen.
  3. Der Kinderwunsch selbst kann identitätsstiftende Funktion in der Krankheitsbewältigung übernehmen. Die Integration des Kinderwunsches in ein kongruentes biografisches Gesamtkonzept ist Ausdruck davon, unabhängig, ob der Kinderwunsch verneint oder bejaht wird.

Der letzte Teil resümiert die Arbeit und beschreibt ihre Grenzen. Im „Ausblick“ beschreibt die Autorin, dass die zunehmende gesellschaftliche Individualisierung dazu beigetragen hat, dass Frauen mit psychischer Erkrankung mehr Gestaltungsfreiräume haben, hierfür jedoch auch mehr Eigenverantwortung tragen. Sie bemängelt, dass im psychiatrischen Kontext der Kinderwunsch als biografisches Thema nicht ausreicht gewürdigt wird und spricht sich für eine angemessene Unterstützung der Frauen aus, die ihren Kinderwunsch umsetzen möchten.

Fazit

Das Buch bietet vor allem Sozialwissenschaftlern einen fundierten Einblick in das Thema „Kinderwunsch bei psychiatrischer Erkrankung“. Es zeigt auf, wie Frauen mit psychiatrischer Erkrankung mit dem Thema „Kinderwunsch“ umgehen, und wie maßgeblich Wissen um die Biografie ist, um den Umgang damit zu verstehen. Aus wissenschaftlichem Blickwinkel ist es ein hervorragendes Werk, das methodisch transparent und nachvollziehbar durchgeführt wurde. Die einzige Ergänzung, die m.E. die Qualität noch erhöht hätte, wäre ein Vergleich der ausgewählten Fallbeispiele mit den übrigen 12 Interviews, die die Autorin geführt hatte, die allerdings nicht mehr erwähnt werden. Es wäre interessant gewesen zu erfahren, ob diese inhaltlich ähnlich waren oder sich deutlich unterschieden haben. Mit dem Blickwinkel einer Praktikerin betrachtet kamen mir manche Aspekte zu kurz. Eine ausführlichere Diskussion der Tabuisierung des Kinderwunsches psychiatrisch kranker Frauen im professionellen Kontext hätte ich für angemessen gehalten und mir von einer Autorin mit Psychiatrieerfahrung auch gewünscht. Im Sinne eines „inklusionsorientierten“ Verständnisses wäre es auch interessant gewesen, von möglicherweise vorhandenen Konzepten der Unterstützung der Frauen zu erfahren, die ihren Kinderwunsch umgesetzt haben.

Rezension von
Dr. phil. Petra Thorn
Dipl. Sozialarbeiterin,Dipl. Sozialtherapeutin.
Tätig in eigener Praxis für Paar- und Familientherapie; Arbeitsschwerpunkte: Beratung bei unerfülltem Kinderwunsch, Familienbildung mit Spendersamen
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Es gibt 12 Rezensionen von Petra Thorn.

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Zitiervorschlag
Petra Thorn. Rezension vom 24.01.2011 zu: Silvia Krumm: Biografie und Kinderwunsch bei Frauen mit schweren psychischen Erkrankungen. Eine soziologische und sozialpsychiatrische Studie. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2010. ISBN 978-3-88414-514-2. Reihe: Forschung für die Praxis - Hochschulschriften. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10272.php, Datum des Zugriffs 15.04.2024.


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