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Albrecht Koschorke, Nacim Ghanbari u.a.: Vor der Familie

Rezensiert von Prof. Dr. Friedhelm Vahsen, 26.11.2010

Cover Albrecht Koschorke, Nacim Ghanbari u.a.: Vor der Familie ISBN 978-3-86253-005-2

Albrecht Koschorke, Nacim Ghanbari, Eva Esslinger, Sebastian Susteck, Michael T. Taylor: Vor der Familie. Grenzbedingungen einer modernen Institution. Konstanz University Press (Paderborn) 2010. 290 Seiten. ISBN 978-3-86253-005-2. 24,90 EUR. CH: 44,00 sFr.
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Thema

Das Buch geht der zentralen Frage nach, ob sich im Kontext der Debatte um das Eherecht, den Charakter von Ehe und Familie, die Institution Familie signifikant verändert hat. Die zentrale Aussage ist folgende: „ Die Familie hat sich als eine unerwartet stabile Institution erwiesen – trotz oder gerade wegen der Abgesänge, die regelmäßig auf sie angestimmt werden“, so der Klappentext.

Entstehungshintergrund

Dieser Band ging aus dem Graduiertenkolleg „ Die Figur des Dritten“ an der Universität Konstanz hervor.

Aufbau und Inhalt

Diese Publikation ist in fünf Kapitel untergliedert, die sich jeweils auf einen bestimmten Aspekt der Entstehung und Verfestigung der heutigen Familie beziehen. Der Schwerpunkt der Darstellung bezieht sich auf das 19. Jahrhunderts, dem Zeitalter des Bürgertums, das als modellbildend anzusehen sei.

  1. Michael Thomas Taylor hat ein Kapitel zum Thema „Was heißt Aufklärung? Eine Fußnote zur Ehekrise“ verfasst.
  2. Dem schließt sich eine Betrachtung mit dem Titel an: „Die Form der Fortpflanzung und die Form der Familie“ von Sebastian Susteck.
  3. Albrecht Koschorke untersucht „Kindermärchen. Liminalität in der Biedermeierfamilie“.
  4. Eva Esslinger geht auf die Rolle der Dienstboden ein: „Erziehung zur Natur, oder: Wie heiratet man eine Magd?“ wird in diesem Kapitel umgrenzt.
  5. Nacim Ghanbari skizziert die Rolle der „Onkel und Tanten im Haus“.

In dem ersten Kapitel geht es um eine Debatte über die Ehe, um die Autonomie der Vertragspartner und die paradoxe Situation, dass die Frau mit dem „Abschluss des Ehevertrages ihre vertragliche Autonomie aufgibt“ (S.40). Als vernünftiges Rechtssubjekt willig sie in den Verlust ihrer unbeschränkten Rechtsfähigkeit ein. Letztlich wechselt sie von der Abhängigkeit vom Vater in die Abhängigkeit vom Ehemann. Es geht um die Modellierung des Hausvaters „ im Sinne Luthers, dessen Autorität in einer Kette patriarchalischer Mächte bis zu Gott reiche, zum Familienvater“ (ebd.). So wird die vermeintliche Heiligkeit der Ehe erhalten und als natürliche Grundlage der Gesellschaft angesehen, als eine Institution, die „paradoxerweise den Autoritätsinstanzen, die sie regulieren, vorausgeht“ (ebd. S.40).

Hier geht es auch um die unterschiedlichen Vorstellungen von Liebe als Grundlage der Ehe und dem Verständnis der Ehe als rationaler Norm und zugleich die Einbindung von Leidenschaft in die gegebene Ordnung. Dabei besteht die Schwierigkeit, die sexuelle Fortpflanzung als legitimer Teil der Ehe in eine romantische Theorie „der autonomen, reflexiven Intimität“ der Liebenden zu integrieren.

Im zweiten Kapitel nähert sich Susteck dem „Faktum, dass (...) [die Familie] seit dem 19. Jahrhundert von dem bereinigt scheint, was man heute „Sexualität“ nennt“ (S.41). Die Familie ist eben nicht Ort erotischer Liebe und Begierde, sie wird gleichsam desexualisiert und zu einem „unhinterfragbaren sittlichen Wert erhoben“ (S.42). Sexualität wird einerseits in die Familie „versenkt“ und zugleich den Blicken von Außen entzogen. So ist das Verhältnis von Familie und Sexualität prekär: Die Familie dient der Fortpflanzung, dem Aufwachsen des Nachwuchses, „sie wird der Rede über die Familie immer wieder zugrunde gelegt, zu ihrem letzten Bezugspunkt erklärt“ „Dass Kinder das Wohlbefinden von Paaren stören – und nicht befördern – wie zumindest jüngere Studien zu belegen meinen, ist hier nicht vorgesehen“ (S.42).

Koschorke setzt sich im dritten Kapitel mit den Kindermärchen in der Biedermeierfamilie auseinander. Ein Ideal der bürgerlichen Familie ist der Begriff des Volkes. Einerseits wird das traute Heim als Festung gegen die zunehmende Proletarisierung verstanden, andererseits wird gleichzeitig „die Nähe zu einem imaginären, ursprünglich-naturhaften Volk [gesucht und beschworen], das fromm, ehrbar arm und von den Schädigungen der Moderne noch unberührt ist“ (S.43). Die romantische Entdeckung der Volkspoesie - wie in den Sammlungen der Volksmärchen der Brüder Grimm - spielt dabei eine entscheidende Rolle. (Deren Hypostasierung auch noch heute in den “Deutschen Häusern“, den Begegnungsstätten der Russlanddeutschen in der ehemaligen UdSSR, zu finden ist; F.V.). Der Autor sieht dies als Teil einer „inneren Kolonisierung“ und dem Ausbau des „Projektes Preußen“ und dies trägt „zur Bildung eines nationalen Grundstocks an verbindendem kulturellem Wissen“ (S.44). bei. Die von Grimm für die Primärsozialisation vorgesehenen Märchen tragen dabei häufig das „Gepräge einer vormodernen, agrarischen Lebensweise“ (ebd.). Dabei muss diese Volkspoesie von allem Pöbelhaften, Derb-Erotischen gereinigt werden und die Literatur – so der Verfasser dieses Beitrags – stellt sich letztlich in den Dienste einer Koalition der Volkstümlichkeit gegen die alten Aristokraten“ und richtet sich direkt gegen die Missachtung des Volkes“. Zugleich sind die Märchenhelden a-familial und lassen die Kinder „von einer Abenteuerwelt jenseits des Familienbanns träumen“ (S.45).

Eva Eßlinger wendet sich im vierten Kapitel der Erziehung zur Natur zu und skizziert die Rolle der Personen im Haushalt, die an der Organisation des Tagesablaufs, der Kindererziehung mitwirken. Es geht um die Bedeutung der Dienstmädchen und Dienstboten. Deren Anwesenheit „widerspricht der Idee der sozialen Schließung der Familie und des Unter-Sich-Bleibens“ (S.46). Das Klagen und die Debatte um die Moral und Erziehbarkeit des Personals hat zwei kaum thematisierte Bezugspunkte: Zum einen wandern immer mehr Frauen aus den Dienstbotenberufen in die Fabriken ab und zum anderen schließen sich die Dienstboten in Berufsverbänden zusammen und versuchen auf diese Weise ihre rechtliche Lage zu verbessern. Letztlich führt dies jedoch nicht zu einer Lockerung der rigiden Gesindeordnung, sondern tendenziell zu einer Verschärfung. Es besteht bis ins 20. Jahrhundert ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Herrschaften und Dienstboten. Dennoch kommt es zum Überschreiten der Standesgrenzen, was „nicht selten in der Form eines sorgfältig geplanten Modellversuchs, heiraten [zu] wollen endet. Das Beispiel des Anatomieprofessors Jakob Henles und der Magd Elise Egloff dokumentiert den realen Versuch, ein Mädchen aus der Unterschicht zur Frau Professorin zu erziehen. Weibliches Hauspersonal galt als erziehungswürdig wie –fähig. Henle schickt seine Geliebte Egloff ein Jahr in ein Pensionat für Bürgertöchter und bringt sie in der zweiten Bildungsphase bei seiner Schwester unter. Damit lässt sich eine doppelte Zeitdiagnose verbinden. Der „bürgerliche Mann ist ein mit sich selbst entfremdetes Individuum, das seinen Platz in der Gesellschaft ebenso wenig findet wie häusliches Glück“ (S. 195), der bürgerliche Held ist seiner selbst verlustig gegangen, der moderne Mann hat Probleme, „seine individuellen Bedürfnisse mit den Anforderungen der Gesellschaft und des Erwerbslebens in Einklang zu bringen“ (S. 196). Das männliche Begehren nach einer zugleich „natürlichen“ und gebildeten Frau verweist auf die Utopie der Versöhnung zwischen den Klassen und die Realität verdeutlicht deren Nichteinlösung.

Die Rolle und Stellung der Onkel und Tanten im Haus durchläuft verschiedene Muster. Dies wird im letzten Kapitel erörtert. Im Prozess der Orientierung an der „Liebe“ „ vergisst“ die Familie die Verwandten“ (S.48) und holt sie in der nächsten Epoche im Bewußt-Werden der ökonomischen Einheit in die Familie zurück: Sie finden wieder Beachtung, nicht zuletzt durch Vererbung und Schenkungen, so z.B. das Studium zu ermöglichen oder eine Privatbibliothek zu hinterlassen. Die Verwandtschaft gewinnt im Rahmen des „Hauses“ an Bedeutung. Es geht nicht nur um materielle Güter, sondern auch um die Weitergabe von „immateriellen Gütern wie Titel, Rechte, Privilegien, Fertigkeiten und Namen“ (S.50). So schließt sich letztlich der Kreis: „Die Welt vor der modernen Familie –im historischen Sinn – bleibt in vielen Strukturen außerhalb des intimisierten kleinfamilialen Rahmens bestehen, auf den sich in den letzten 200 Jahren fast alle Aufmerksamkeit richtet“ und, dies führt nicht notwendigerweise trotz der Vervielfältigung und Verflüssigung in „eine Welt nach der Familie“(S.50).

Diskussion

Ein Buch, das in den dargebotenen Facetten ein vielfältiges Bild der bürgerlichen Familie des 19. Jahrhundert zeichnet.

Wenn in der aktuellen Debatte um die Ehe ihre Fragilität deutlich hervortritt, dann kann der Blick auf ihre historische Entstehung und Verfestigung die Zentrifugalkräfte verdeutlichen, „die in der Konzeption der bürgerlichen Familie schon angelegt waren“ (S.11).

Die Autoren betonen, dass viele Elemente des Räsonnierens über die Ehe, das für die Epoche um 1800 charakteristisch war, in den Reformdebatten unserer Tage wieder zum „Vorschein“ (S.11) trete.

Deutlich wird in der historischen Betrachtung, dass die Ehe als scheinbar naturgegebene Norm sich mit den tatsächlichen Familien- und Liebesverhältnissen kaum in Einklang bringen lässt. Das instabile Wechselverhältnis zwischen Intimitität, Sexualität und Fortpflanzung tritt nicht erst in der Postmoderne hervor, sondern prägt schon das Leben in der bürgerlichen Familie des (vor)letzten Jahrhunderts.

Gerade in einer Zeit der Spannungen und Widersprüche, der Ablösung der Ehe von der heterosexuellen Norm der Fortpflanzung, der Vervielfältigung familialer Lebensformen ist der Blick auf die Genese der bürgerlichen Familie ein wichtiger Beitrag zur Erkenntnis ihrer Auflösung und Krise, aber auch ihrer Beständigkeit. Familie wird als Trauerspiel und Idylle zugleich gesehen.

Dieses Buch richtet den Blick nicht nur auf die Mitte der Familie, sondern auch auf Ränder „auf diejenigen Personen und Mächte, die aus- und eingehen, die Schwelle kreuzen“ (S.14).

Die in diesem Band zusammengeführten Materialstudien gehen davon aus, dass sich die Familie eher von diesen Rändern erschließt, denn von der familiären Mitte, diese bleibt „ein schwarzes Loch von Normierungen, (enttäuschten) Erwartungen, Wunschprojektionen, Vermeidungshandlungen“ (S.14).

Fazit

Ein wichtiger Blick auf die Entstehung der bürgerlichen Familie, ihre Faszinationskraft, aber auch ihres Katastrophencharakter, nicht zuletzt an einzelnen Familienportraits und literarischen Zeugnissen und philosophischen Texten aufgezeigt. Deutlich wird das sentimentale Reden von der Familie. Die Familie wird zur Familienidylle die sich an vormodernen Lebensstilen orientiert, „als moderner Traum von vormodernen Zeiten“ (S.105). Zwei Familienleitbilder haben sich im 19. Jahrhundert herausgebildet, zum einen ein dynastisches, die Generationen übergreifendes Familienbild und das Bild der modernen Kleinfamilie, die jedoch nicht als Sexualidylle zu verstehen ist. Dieser Band zeichnet die Genese der bürgerlichen Familie in ihren inneren Strukturen und äußeren Verbindungen eindrucksvoll nach. Die umrissenen Zusammenhänge wirken bis in die Gegenwart: Der Ehe „stets Dauer zu verleihen“, sie als dem Zeitfluss enthoben zu imaginieren zugleich aber deren mangelnde Stabilität zu sehen, deren Zerbrechlichkeit und Auflösung (S. 136 f).

Darauf machen die einzelnen Beiträge in ihrem Facettenreichtum eindrucksvoll aufmerksam.

Rezension von
Prof. Dr. Friedhelm Vahsen
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Zitiervorschlag
Friedhelm Vahsen. Rezension vom 26.11.2010 zu: Albrecht Koschorke, Nacim Ghanbari, Eva Esslinger, Sebastian Susteck, Michael T. Taylor: Vor der Familie. Grenzbedingungen einer modernen Institution. Konstanz University Press (Paderborn) 2010. ISBN 978-3-86253-005-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10273.php, Datum des Zugriffs 26.06.2022.


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