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Deniz Düzel: Zwische Inklusion und Exklusion? - (Kurdische Jugendliche)

Cover Deniz Düzel: Zwische Inklusion und Exklusion? - Die zweite Generation von Jugendlichen kurdischer Herkunft in der Bundesrepublik. Eine sekundäranalytische Studie zur Wahrnehmung ihrer (staats-) rechtlichen und psychosozialen Situation. Grin Verlag (München) 2008. 136 Seiten. ISBN 978-3-640-19328-8. 59,90 EUR.
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Thema

Der Band befasst sich mit den Lebenswelten kurdischstämmiger Jugendlicher in Deutschland.

Autor

Der Verfasser Deniz Düzel ist Erziehungswissenschaftler, erfahren in der interkulturellen Kinder- und Jugendarbeit und Promovend an der Philipps Universität Marburg.

Aufbau und Inhalt

Einführend erläutert der Verfasser die Fragestellungen seiner Untersuchung: In erster Linie geht es um die Frage spezifischer Inklusions- und Exklusionserfahrungen und ebenfalls spezifischer Verarbeitungsmechanismen. Mit dem Ziel Zugang zum Verständnis von und für Jugendliche kurdischer Herkunft aus der Türkei und Grundlagenbildung für eine adressatenspezifische Jugendarbeit soll dabei in besonderer Weise der besonderen psychosozialen Situation aufgrund trikultureller Orientierung und mangelnder Tradierung eines positiven kollektiven Selbstbildes sowie der Thematik ‚Sprachverlust‘ Rechnung getragen werden.

Im Anschluss an die Einführung gibt der Verfasser eine Übersicht über den Forschungsstand in der modernen Kurdologie und der sozialwissenschaftlichen Forschung zu kurdischen Migranten in Deutschland.

Es folgt der theoretische Bezugsrahmen: angemessen kurz geht der Autor zunächst auf das Phänomen ‚Migration‘ und Migrationsreaktionen ein, wobei er den entsprechenden Abschnitt nicht ganz zu Recht mit ‚Migrationstheorien‘ überschreibt. Im Folgenden grenzt er die Konzepte ‚Diaspora‘, ‚Ethnizität‘ und ‚Transnationalismus‘ begrifflich ein und stellt dann die wichtigsten historischen und soziopolitsichen Faktoren zusammen, die in Bezug auf die untersuchte Gruppe von Bedeutung sind. Dabei konzentriert er sich auf den Herkunftsstaat Türkei. Es folgt ein Überblick über Migrationsursachen und die Migrationsgeschichte sowie die allgemeine Situation kurdischer Migrant(inn)en in Deutschland. Mit einem kleinen Exkurs zur so genannten ‚Konfliktimportthese‘, die vor dem Hintergrund von Bürgerkriegen, ethnischen Konflikten und Migration – alles auf kurdische Bedingungen zutreffende Umstände - Relevanz besitzt, bringt er einen zusätzlichen theoretischen Bezugspunkt. Im letzten Abschnitt des theoretischen Teils macht der Verfasser deutlich, dass er eine ethno-religiöse Differenzierung türkeistämmiger Migranten im Gegensatz zu anderen Forschenden für notwendig erachtet und begründet dies schlüssig.

Den Untersuchungsteil, in dem er sich methodisch auf Literaturstudium, teilnehmende Beobachtung und Experteninterviews beruft, teilt Düzel in zwei Kapitel zu den Lebenswelten der Zielgruppe, wobei zwischen Innen und Außen gegliedert wird.

Im Kapitel zum Innenbereich der Lebenswelten, dem eher privaten Bereich (Familie, Peergroups) nähert der Verfasser sich den Belangen der Zielgruppe an, indem er zunächst auf die allgemeine Situation, die allgemeinen Problemlagen zugewanderter Jugendlicher nämlich in bzw. zwischen mehreren Kulturen und Welten zu leben eingeht und dabei u.a. allgemeine Herausforderungen im Zusammenhang mit Pubertät und Adoleszenz behandelt. Er verknüpft anschließend unter Bezugnahme auf die wenige zu kurdischen Jugendlichen vorhandene Literatur von Anfang an systematisch Allgemeinheiten und Besonderheiten der untersuchten Gruppe. Insbesondere geht er auf die sprachliche Situation ein und stellt heraus, dass bezüglich türkisch-kurdischer Jugendlicher Dreisprachigkeit zu thematisieren ist und das jahrelange Verbot der kurdischen Sprache mit entsprechend massivem generationsübergreifendem Sprachverlust dabei eine enorm wichtige Rolle spielt. Dazu unternimmt er einen notwendigen Exkurs zum Thema muttersprachlicher Unterricht in kurdischer Sprache.

Der Autor gelangt hier zu dem Fazit, kurdische wie auch andere Jugendliche der zweiten Migrantengeneration nicht zu kulturalisieren, pauschal als ‚verlorene‘ zu bemitleidende Generation zu betrachten und im Zuge dessen mit einem gesellschaftlichen Stigma zu versehen.

Im folgenden Kapitel geht es um den öffentlichen, den Aussenbereich der Lebenswelten, konkret um Exklusionsprozesse im Übergang von der Schule in die Berufswelt. Einführend werden die hinreichend bekannten Schwächen des deutschen Bildungs- und Ausbildungssystem in Bezug auf seinen Umgang mit Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund dargestellt. Bezogen auf die kurdische Zielgruppe macht er interessante Indizien für in besonderem Maße krisenbegleitete (z.B. kollektive Gewalterfahrung, kollektive negative Zuschreibungen) Bildungskarrieren aus. Insgesamt ergeben sich Schlussfolgerungen zu einer auch herkunftsbezogen differenzierten interkulturellen Jugendarbeit, vor allem aber auch einer solchen Wahrnehmung im Umfeld von Schule und Ausbildung, die im wesentlichen auch das Gesamtfazit darstellen.

Diskussion

Düzels Studie ist sorgfältig aufgebaut und erarbeitet. Insbesondere sein Bemühen, die wenige, relevante kurdenspezifische, sozialwissenschaftlich seriöse Literatur einzubeziehen und zu den themenrelevanten sozialwissenschaftlichen Ansätzen in Beziehung zu bringen ist in optimaler Weise gelungen. Mit einer einführenden Darstellung des Diskurses um den Begriff Ethnizität, seiner Konstruktion und Dekonstruktion schafft er die notwendige Grundlage der Verortung und Betrachtung seiner Zielgruppe (Selbstzuschreibung, internes Gruppenverständnis, epochaltypische, sich häufig wandelnde Zugehörigkeitskriterien) und seines auf diese Gruppe bezogenes Erkenntnisinteresses (besondere psychosoziale Situation, Notwendigkeit adressatenspezifischer Jugendarbeit).

Es gelingt dem Verfasser in unstrittiger Weise, die Notwendigkeit einer kurdischen Spezifik in den Erziehungswissenschaften und anliegenden Disziplinen zu belegen, ohne dabei eine Ethnisierung um ihrer selbst willen vorzunehmen. Die Sensibilisierung gegenüber Jugendlichen aus vermeintlich homogenen Migrantengruppen mit potentiell kurdischen oder auch ‚anderen‘ Anteilen, die er einfordert ist mehr als gerechtfertigt und immer wieder aktuell.

Fazit

Die Arbeit sollte in ihrer Differenziertheit ein Muss für Akteure der Sozialen Arbeit - insbesondere der Jugendarbeit und Migrationsarbeit sein. Sie richtet sich ebenfalls ergebnisorientiert an Sozial- und Migrationspolitik, aber auch Jugendforschung und Erziehungswissenschaften und ist dort uneingeschränkt zu empfehlen, empfindliche Lücken zu schließen.

Als ausgesprochen bedauerlich ist der hohe Preis und damit die eingeschränkte Zugangsmöglichkeit für dieses Buch zu bezeichnen. Verbunden mit dieser Aussage sei der Aufruf, der Arbeit, die kaum einer Aktualisierung und vielleicht einer Minimalisierung einzelner Überschriften bedürfte, ein erweitertes Forum zu ermöglichen.


Rezensentin
Prof. Dr. Birgit Ammann


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Zitiervorschlag
Birgit Ammann. Rezension vom 26.01.2011 zu: Deniz Düzel: Zwische Inklusion und Exklusion? - Die zweite Generation von Jugendlichen kurdischer Herkunft in der Bundesrepublik. Eine sekundäranalytische Studie zur Wahrnehmung ihrer (staats-) rechtlichen und psychosozialen Situation. Grin Verlag (München) 2008. ISBN 978-3-640-19328-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10274.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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