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Michaela Weyand: Musik - Integration - Entwicklung

Cover Michaela Weyand: Musik - Integration - Entwicklung. Über die Bedeutung des Musikmachens in der präventiven musiktherapeutischen Arbeit mit sozial benachteiligten Migrantenkindern. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2010. 132 Seiten. ISBN 978-3-89500-743-9. 18,00 EUR.
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Thema

Unter dem Begriff „>Community Music Therapy“ werden seit Jahren Arbeitsbereiche der Musiktherapie subsummiert, die im Schnittfeld von Musikpädagogik, Musiktherapie und Sozialtherapie liegen und die in den unterschiedlichsten Bereichen von Krankenhäusern bis hin zu Flüchtlingslagern mit Erfolg angewendet werden. Michaela Weyand erweitert diesen Bereich um ihr Modell einer interkulturellen Jugendarbeit. Auf aufgrund ihrer langjährigen Erfahrungen als Sozialarbeiterin und Musikerin und ihrem späteren Musiktherapiestudium initiierte sie Projekte mit Kindern und Jugendlichen aus Migrantenfamilien, die sie in dem vorliegenden Buch beschreibt.

Autorin

Michaela Weyand ist Musiktherapeutin M.A. und Dipl. Sozialarbeiterin, früher tätig in der offenen Jugendhilfe und interkulturellen Bildung, als Projektgründerin und Leiterin einer sozial-integrativen Musikschule in einem Armenviertel in Chile. Z.Zt. arbeitet sie als Leiterin von Musikkursen für Kinder mit und ohne Migrationshintergrund in sozialen Brennpunktvierteln im Rheinland.

Aufbau und Inhalt

Das Anliegen von Michaela Weyand ist es, den Jugendlichen mithilfe von Musik einen transkulturellen Übergangsraum zu schaffen, in dem diesen Kindern Integration, Empowerment und das Erleben von Zugehörigkeit möglich wird. Und dies beschreibt sie nachvollziehbar lebendig und einfühlsam mit dieser Arbeit.

Das Buch ist in mehrere Kapitel unterteilt:

1. Einleitung: Dieses Kapitel umreißt zunächst die soziale und politische Situation von Migrantenfamilien und deren Kinder, den musiktherapeutischen Einstieg der Autorin in das beschriebene Praxisfeld einer interkulturellenn Aufbau der Arbeit. Zentral steht der Begriff einer interkulturellen Musiktherapie und deren Potential, den subjektiven Bedürfnissen von Migrantenkindern gerecht zu werden.

2. Migration, soziale Benachteiligung und Marginalisierung: Unter Bezugnahme auf Veröffentlichungen zum Thema der aktuellen Integrationsforschung beschäftigt sich die Autorin zunächst mit der Situation von Migrantenkindern in Deutschland und damit, wie diese von Seiten der Politik, der Institutionen und der Öffentlichkeit wahrgenommen und behandelt werden. Aktuelle Daten der Bundesregierung, quantitativen Studien anderer Länder, sowie eine aktuelle kulturvergleichende Integrationsstudie erklären die Notwendigkeit, die daraus ersichtlichen Probleme unter dem Gesichtspunkt von Prävention anzugehen.

3. Kindliche Entwicklung, Migration und Identität: Hier werden ausgehend von den Erfahrungen der Autorin, die Psychodynamik der Migration und deren entwickungspsychologische Relevanz beschrieben, unter Einbeziehung des Stellenwertes, den Musik als Kulturgut im Leben von Migrantenfamilien spielt. Darauf folgen Beschreibungen der psychoanalytischen Behandlung von migrationsbedingten seelischen Störungen und Krankheiten im klinischen Kontext sowie in der präventiven Arbeit mit diesen Kindern.

4. Interkulturelle Kindermusiktherapieprojekte und musiktherapeutische Praxisforschung. In diesem Kapitel. beschreibt Frau Weyand ihre eigene Praxisarbeit als Gegenstand einer qualitativen Praxisforschung. Diese bezieht sich auf die Art der Untersuchung, die Genese der Fragestellung, den Untersuchungsgegenstand und -ablauf . Die Verdeutlichung von Theorie und deren Verknüpfung mit der Praxis gelingt Frau Weyand durch das Einfügen von Fallvignetten in den einzelnen Abschnitten.

5. Mögliche Potentiale der Musiktherapie im Kontext von Migration und Integration. Schulenübergreifend werden diejenigen Potentiale von Musiktherapie herausgestellt, die sich für diese Zielgruppe als bedeutsam erwiesen haben, wie die Auswahl der Musikinstrumente, die therapeutische Funktion von Spiel und Improvisation, die Verwendung und der Wert von Symbolen, der Einsatz von Sprache zur Kommunikation, der Bereich der Kreativität.

6. Fallbeispiel: Wir machen einen Film.- und

7. Präsentation der Ergebnisse: Ein Musiktheaterstück in Form eines Märchens wird von den Kindern in der Gruppe erfunden, inszeniert und gleichzeitig mit einer Videokamera aufgenommen Die Kinder setzen sich szenisch, musikalisch und sprachlich mit der Bedeutung der Musik auseinander. Dieser Film wird zunächst nacherzählt und im weiteren Verlauf interpretiert: als eine freie musikorientierte Arbeit mit psychotherapeutischen Orientierung. Das Ergebnis der Auswertung ist eine psycholiterarisch verdichtete Erzählung unter Einarbeitung der vorangegangenen Beobachtungen und Interpretationen.

8. Schlussfolgerungen und Ausblick: Integration und Empowerment. Dieser Titel fasst zusammen, um was es der Autorin geht: dass diese „freie musikorientierte Arbeit mit psychotherapeutischer Orientierung“ als eine präventive Musiktherapie mit Migrantenkindern in Bezug auf Förderung von Empowerment und Entwicklungsprozessen eine wertvollen und Freude bereitenden Beitrag leisten kann.

Am Ende des Buches findet man neben einer ausführlichen Literatur noch die Transkription des „Drehbuch“ des Filmes

Diskussion

Psychotherapeutische Forschung bedient sich wie auch im dargestellten Buch einer qualitativen Beweisführung, einer Methode, die sich auf Erfahrungen, Beobachtungen, Rekonstruktionen und Analogien stützt. Durch die Nachvollziehbarkeit der Berichte, immer wieder veranschaulicht durch Fallvignetten und theoretisch untermauert, wird der Leser in den Prozess einbezogen und kann ihn dadurch erlebend verstehen.

Auch wenn es sich bei diesem Praxisfeld nicht um klinisches Feld der Musiktherapie handelt, wird deutlich, dass es zur Behandlung von migrationsbedingten Themen in der Präventiven Arbeit mit Migrantenkindern und ihren Familien eines geschützten, verlässlichen und vertrauten Rahmens bedarf, der über die pädagogischen Ansätze hinaus geht, d.h. einer psychotherapeutischen Haltung bedarf. Michaela Weyand hebt zudem die Bedeutung der therapeutischen Beziehung hervor als eines transkulturellen Übergangsraums, der zu Intensivierung des Integrationsprozesses beitragen kann. Gleichzeitig zeigt sie Brücken zur sozialen Kulturarbeit und zur sozial engagierten Musikpädagogik auf – und ermutigt zur Brücken stiftenden Funktion des kreativen Spiels mit musikalischen und theatralischen Mitteln.

Fazit

Ein Mut machendes Buch, das gerade deshalb fachübergreifend für Sozialarbeiter, Musikpädagogen und Musiktherapeuten anregend und von großem Nutzen sein kann.


Rezensentin
Dr.sc.mus. Monika Nöcker-Ribaupierre
Dipl. Musiktherapeutin DMtG, Vorstand Freies Musikzentrum München, Vice President der International Society for Music in Medicine ISMM.
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Zitiervorschlag
Monika Nöcker-Ribaupierre. Rezension vom 17.11.2010 zu: Michaela Weyand: Musik - Integration - Entwicklung. Über die Bedeutung des Musikmachens in der präventiven musiktherapeutischen Arbeit mit sozial benachteiligten Migrantenkindern. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-89500-743-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10276.php, Datum des Zugriffs 18.10.2017.


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