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Alf von Kries (Hrsg.): Wege zum Lebenssinn

Cover Alf von Kries (Hrsg.): Wege zum Lebenssinn. Religiöse und philosophische Orientierung in Zeiten lebensbedrohlicher Krankheit ; für Betroffene und Angehörige. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2008. 83 Seiten. ISBN 978-3-89500-620-3. 12,90 EUR.

Reihe: Forum Zeitpunkt.
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Thema

Ars von Kries, Psychologischer Leiter des Psycho-Onkologischen Dienstes an den Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden, führt in diesem Band Beiträge aus einer Reihe von Seminaren zum Thema „Wege zum Lebenssinn“ zusammen. Diese Seminare für schwer erkrankte Menschen und ihre Angehörigen folgen den Gedanken: “Wenn Bedrohung gemeistert ist, was muss, kann, will ich tun, um mein Leben wieder kostbar und sinnvoll zu erleben?“ Nach der Überwindung einer lebensbedrohlichen Erkrankung oder auch wenn die Gewissheit nach dem bevorstehenden Ende unübersehbar ist, steht die Frage nach einer achtsamen und sinnvolleren Lebensführung, oft auch nach geistiger und seelischer Neuorientierung. Die Beiträge geben Antworten aus Sicht der verschiedenen Weltreligionen, der Anthroposophie und Lebensphilosophie, die dazu anregen können, sich aktiv mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Das Buch will Anleitung und Ermutigung geben, sich diesen Fragen zu nähern, für sich selbst, dem eigenen Leben, dem Leben des Angehörigen einen anderen, tieferen Sinn zu schaffen.

Autorinnen

  • Dr. Jochen Kramm, Leiter des Zentrums Ökumene; Zentrum Ökumene der EKHN,
  • Rainer Frisch, Klinikseelsorger an den Universitätskliniken Frankfurt am Main,
  • Petra Kunik, Publizistin und freie Autorin, Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Frankfurt am Main, Tochter von Überlebenden der Shoa und aktives Mitglied der jüdischen Gemeinde.
  • Naime Cakir, Dipl. Sozialpädagogin, Studentin der Islamwissenschaften in Frankfurt, freischaffende Referentin zum Themenbereich Islam und Integration.
  • Dr. Cornelia Weishaar-Günter, Studium der Medizin und Tibetologie, seit 1988 tätig als Übersetzerin für Tibetisch, Dozentin and der Universität Erlangen, der VHS Eltville und buddhistischen Zentren.
  • Dr. Annemarie Richards, Gynäkologin, freie Praxis, Jahre in einer anthroposophischen Klinik auf einer Krebsstation.
  • Dr. Wilhelm Schmid lebt als freier Philosoph in Berlin, Professor an der Universität Erfurt. Nach Jahren als Gastdozent in Riga/Lettland und Tiflis/Georgien, heute regelmäßig als „philosophischer Seelsorger“ am Spital Affoltern am Albis bei Zürich.

Aufbau und Inhalt

Zum Geleit führt Ars von Kries in das Thema und die Intention des Buches ein: In diesem Sammelband geht es darum, was man tun kann, um sein Leben nach der Bedrohung durch eine Krankheit wieder als sinnvoll und wertvoll zu erleben bzw. zu gestalten. Es gibt keine allgemeingültigen Aussagen darüber, wie das zu bewerkstelligen sein könnte, aber das Buch zeigt Wege auf, sich mit dem eigenen Lebenssinn auseinander zu setzen – sich auf den Weg machen. den Weg wählen, den Weg gehen – als eine Aufforderung zur Eigenverantwortung. Die Botschaft, die vielen Religionen gemeinsam ist, besagt, dass alle weltlich orientierten Angebote an einen Lebenssinn nur vorläufig sein können, weil sie immer wieder verschwinden und uns letztlich leer zurücklassen. Die Religionen bzw. die Autoren der folgenden Beiträge geben hierauf andere, weiterführende Antworten-

Jochen Krimm spricht über die Sicht der evangelischen Kirche: Die Lebensgeschichte als Spiegel von Lebenssinn. „In der evangelischen Tradition wird der Tod Jesu am Kreuz als sinnerfüllte Lebensgeschichte im Angesicht des Leids erzählt“ - „Das Kreuzessterben Jesu steht stellvertretend dafür, dass das Leiden des menschlichen Lebens nicht zerstört, sondern auf Sinngebung jenseits dieser Welt hinweist“. Alles was geschieht, ist in den Sinn der eigenen Lebensgeschichte zu integrieren, ihn zu transformieren, ohne ihn in Frage zu stellen
Die Sicht der katholischen Kirche legt Rainer Frisch dar: Leben – Geschenk und Auftrag. Das Leben als Geschenk ohne Gegenleistung, als Auftrag für Ethik und Handeln, für die Gemeinschaft in der Welt, bleibt bestehen, auch wenn Krankheit dem Geschenk einen anderen Wert verleiht. „Die Verheißung von Heilung gehört zu den endgültigen Hoffnungen… Besonders die Überwindung von Krankheit… ist Bestandteil der Zukunftsvision“, auf die alles irdische Leben hin ausgerichtet ist.
Petra Kunik über die Sicht des Judentums: Ohne Zustimmung geboren – gegen seinen Willen verstorben. Das Alte Testament liefert zwar grundlegende Bezüge für kollektive Erfahrungen, erklärt aber nicht den Sinn einer Krankheit. „Die Herausforderung ist die Hingabe an Gott und der veränderte Umgang mit sich selbst“. Ein Mensch jüdischen Glaubens darf „nie den Kampf um ein Menschenleben aufgeben, nie die aktiven Handlungen für den Erhalt eines Lebens einstellen und seine Gebete“.
Aus Sicht der Anthroposophie, wie sie Annemarie Richards in Besinnung das eigentliche Lebensvorhaben beschreibt, hat jeder Mensch eine individuelle Seele, die im Leben unterschiedliche individuelle Erfahrungen zu machen hat, um sich weiter zu entwickeln. Das bedeutet, dass auch Krankheit in diesem Kontext verstanden wird, nämlich die Herausforderung, mit den eigenen inneren Heilungskräften in Kontakt zu kommen und sie zu nutzen.
Die Sicht des Buddhismus: Geborgen – im Strom des Lebens fasst Cornelia Weishaar-Günter zusammen: Ausgehend vor dem in täglicher Praxis zu erwerbendem Wissen um die Vergänglichkeit allen Seins, lebt der Buddhist in der Gewissheit sich ständig erneuernder Lebensfreude. Seine Lebensaufgabe besteht darin, die eigenen Grenzen aufzulösen und sich aus dieser inneren Weisheit heraus einer universellen Verantwortung zu stellen
Naime Cakir schreibt über Den Sinn im Leid aus islamischer Perspektive: Da Hoffnung und Demut die zentralen Tugenden des Islam darstellen, wird demjenigen Heil und Vergebung versprochen, der seine Krankheit demutsvoll in Hinwendung zu Gott annimmt. Der Sinn des Lebens schließt Krankheit mit ein. Das Leben ist Prüfung - eine Zwischenstation auf dem Weg zu Gott.

Der letzte Beitrag stammt aus der Feder des Philosophen Wilhelm Schmid:
Sicht der Lebensphilosophie Lebenskunst im Umgang mit Krankheit. Für ihn bedeutet Leben ein Leben in Polarität. Krankheit, ein Medium der Erkenntnis, um Veränderung zu erfahren – dem Sinn wieder nachzuspüren. Den Sinn zu finden, Lebenskunst zu entwickeln, beruht auf der Übernahme von Selbstsorge - die Sorge um sich, körperlich, seelisch, geistig. Das führt letztlich zu Glück der Fülle, das es zu entdecken gilt, um Lebenskunst im Umgang mit Gesundheit und Krankheit zu erfahren.

Zielgruppe

Diese Veröffentlichung richtet sich vornehmlich an diejenigen Menschen, die von einer lebensbedrohlichen Krankheit betroffen oder von ihr genesen sind und an betroffene Angehörige, aber auch an Fach – und Pflegepersonal sowie an Ärzte.

Diskussion und Fazit

Die Aufsätze in diesem Sammelband sind klar, übersichtlich, und sind so abgefasst, dass sich auch ein theologischer Laie darin zurecht finden und Gewinn daraus ziehen kann. Die Beiträge aber sind wiederum so kompakt und differenziert, dass sie „nur“ als Anregung zu lesen und zu verstehen sind, als Aufforderung, sich mit dem einen oder anderen Ansatz näher zu beschäftigen.

Die Fülle der Gedanken und Erfahrungen, die aus jedem der Aufsätze sprechen, sind sicher geeignet, demjenigen, der er ein Suchender ist, hilfreich zur Seite zu stehen, seinem Leben oder auch dem seiner Angehörigen oder Begleitenden, eine Türe zur besseren Ertragbarkeit dieses Schicksals und dessen Bewältigung im Sinne von Sinnhaftigkeit zu öffnen.
„Es ist ein Gesetz im Leben.
Wenn sich eine Tür vor uns schließt,
öffnet sich dafür eine andere.
Die Tragik jedoch ist,
dass man am meisten nach der geschlossenen Tür blickt
und die geöffnete nicht beachtet.“
André Gide


Rezension von
Dr. sc. mus. Monika Nöcker-Ribaupierre
Dipl. Musiktherapeutin DMtG, Vice President der International Society for Music in Medicine ISMM.
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Zitiervorschlag
Monika Nöcker-Ribaupierre. Rezension vom 18.03.2011 zu: Alf von Kries (Hrsg.): Wege zum Lebenssinn. Religiöse und philosophische Orientierung in Zeiten lebensbedrohlicher Krankheit ; für Betroffene und Angehörige. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-89500-620-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10277.php, Datum des Zugriffs 16.10.2021.


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