Alf von Kries (Hrsg.): Wege zum Lebenssinn
Rezensiert von Dr. sc. mus. Monika Nöcker-Ribaupierre, 18.03.2011
Alf von Kries (Hrsg.): Wege zum Lebenssinn. Religiöse und philosophische Orientierung in Zeiten lebensbedrohlicher Krankheit ; für Betroffene und Angehörige.
Dr. Ludwig Reichert Verlag
(Wiesbaden) 2008.
83 Seiten.
ISBN 978-3-89500-620-3.
12,90 EUR.
Reihe: Forum Zeitpunkt.
Thema
Ars von Kries, Psychologischer Leiter des Psycho-Onkologischen Dienstes an den Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden, führt in diesem Band Beiträge aus einer Reihe von Seminaren zum Thema „Wege zum Lebenssinn“ zusammen. Diese Seminare für schwer erkrankte Menschen und ihre Angehörigen folgen den Gedanken: “Wenn Bedrohung gemeistert ist, was muss, kann, will ich tun, um mein Leben wieder kostbar und sinnvoll zu erleben?“ Nach der Überwindung einer lebensbedrohlichen Erkrankung oder auch wenn die Gewissheit nach dem bevorstehenden Ende unübersehbar ist, steht die Frage nach einer achtsamen und sinnvolleren Lebensführung, oft auch nach geistiger und seelischer Neuorientierung. Die Beiträge geben Antworten aus Sicht der verschiedenen Weltreligionen, der Anthroposophie und Lebensphilosophie, die dazu anregen können, sich aktiv mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Das Buch will Anleitung und Ermutigung geben, sich diesen Fragen zu nähern, für sich selbst, dem eigenen Leben, dem Leben des Angehörigen einen anderen, tieferen Sinn zu schaffen.
Autorinnen
- Dr. Jochen Kramm, Leiter des Zentrums Ökumene; Zentrum Ökumene der EKHN,
- Rainer Frisch, Klinikseelsorger an den Universitätskliniken Frankfurt am Main,
- Petra Kunik, Publizistin und freie Autorin, Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Frankfurt am Main, Tochter von Überlebenden der Shoa und aktives Mitglied der jüdischen Gemeinde.
- Naime Cakir, Dipl. Sozialpädagogin, Studentin der Islamwissenschaften in Frankfurt, freischaffende Referentin zum Themenbereich Islam und Integration.
- Dr. Cornelia Weishaar-Günter, Studium der Medizin und Tibetologie, seit 1988 tätig als Übersetzerin für Tibetisch, Dozentin and der Universität Erlangen, der VHS Eltville und buddhistischen Zentren.
- Dr. Annemarie Richards, Gynäkologin, freie Praxis, Jahre in einer anthroposophischen Klinik auf einer Krebsstation.
- Dr. Wilhelm Schmid lebt als freier Philosoph in Berlin, Professor an der Universität Erfurt. Nach Jahren als Gastdozent in Riga/Lettland und Tiflis/Georgien, heute regelmäßig als „philosophischer Seelsorger“ am Spital Affoltern am Albis bei Zürich.
Aufbau und Inhalt
Zum Geleit führt Ars von Kries in das Thema und die Intention des Buches ein: In diesem Sammelband geht es darum, was man tun kann, um sein Leben nach der Bedrohung durch eine Krankheit wieder als sinnvoll und wertvoll zu erleben bzw. zu gestalten. Es gibt keine allgemeingültigen Aussagen darüber, wie das zu bewerkstelligen sein könnte, aber das Buch zeigt Wege auf, sich mit dem eigenen Lebenssinn auseinander zu setzen – sich auf den Weg machen. den Weg wählen, den Weg gehen – als eine Aufforderung zur Eigenverantwortung. Die Botschaft, die vielen Religionen gemeinsam ist, besagt, dass alle weltlich orientierten Angebote an einen Lebenssinn nur vorläufig sein können, weil sie immer wieder verschwinden und uns letztlich leer zurücklassen. Die Religionen bzw. die Autoren der folgenden Beiträge geben hierauf andere, weiterführende Antworten-
Jochen
Krimm spricht über die Sicht der evangelischen Kirche: Die
Lebensgeschichte als Spiegel von Lebenssinn. „In der
evangelischen Tradition wird der Tod Jesu am Kreuz als sinnerfüllte
Lebensgeschichte im Angesicht des Leids erzählt“ - „Das
Kreuzessterben Jesu steht stellvertretend dafür, dass das Leiden
des menschlichen Lebens nicht zerstört, sondern auf Sinngebung
jenseits dieser Welt hinweist“. Alles was geschieht, ist in den
Sinn der eigenen Lebensgeschichte zu integrieren, ihn zu
transformieren, ohne ihn in Frage zu stellen
Die Sicht der
katholischen Kirche legt Rainer Frisch dar: Leben
– Geschenk und Auftrag. Das Leben als
Geschenk ohne Gegenleistung, als Auftrag für Ethik und Handeln,
für die Gemeinschaft in der Welt, bleibt bestehen, auch wenn
Krankheit dem Geschenk einen anderen Wert verleiht. „Die
Verheißung von Heilung gehört zu den endgültigen
Hoffnungen… Besonders die Überwindung von Krankheit…
ist Bestandteil der Zukunftsvision“, auf die alles irdische
Leben hin ausgerichtet ist.
Petra Kunik über die Sicht
des Judentums: Ohne Zustimmung
geboren – gegen seinen Willen verstorben.
Das Alte Testament liefert zwar grundlegende Bezüge für
kollektive Erfahrungen, erklärt aber nicht den Sinn einer
Krankheit. „Die Herausforderung ist die Hingabe an Gott und der
veränderte Umgang mit sich selbst“. Ein Mensch jüdischen
Glaubens darf „nie den Kampf um ein Menschenleben aufgeben, nie
die aktiven Handlungen für den Erhalt eines Lebens einstellen
und seine Gebete“.
Aus Sicht der Anthroposophie, wie sie
Annemarie Richards in Besinnung
das eigentliche Lebensvorhaben beschreibt, hat jeder
Mensch eine individuelle Seele, die im Leben unterschiedliche
individuelle Erfahrungen zu machen hat, um sich weiter zu entwickeln.
Das bedeutet, dass auch Krankheit in diesem Kontext verstanden wird,
nämlich die Herausforderung, mit den eigenen inneren
Heilungskräften in Kontakt zu kommen und sie zu nutzen.
Die
Sicht des Buddhismus: Geborgen –
im Strom des Lebens fasst Cornelia Weishaar-Günter
zusammen: Ausgehend vor dem in täglicher Praxis zu erwerbendem
Wissen um die Vergänglichkeit allen Seins, lebt der Buddhist in
der Gewissheit sich ständig erneuernder Lebensfreude. Seine
Lebensaufgabe besteht darin, die eigenen Grenzen aufzulösen
und sich aus dieser inneren Weisheit heraus einer universellen
Verantwortung zu stellen
Naime Cakir schreibt über Den
Sinn im Leid aus islamischer Perspektive: Da Hoffnung und
Demut die zentralen Tugenden des Islam darstellen, wird demjenigen
Heil und Vergebung versprochen, der seine Krankheit demutsvoll in
Hinwendung zu Gott annimmt. Der Sinn des Lebens schließt
Krankheit mit ein. Das Leben ist Prüfung - eine Zwischenstation
auf dem Weg zu Gott.
Der
letzte Beitrag stammt aus der Feder des Philosophen Wilhelm
Schmid:
Sicht der
Lebensphilosophie Lebenskunst im Umgang mit Krankheit. Für
ihn bedeutet Leben ein Leben in Polarität. Krankheit, ein Medium
der Erkenntnis, um Veränderung zu erfahren – dem Sinn
wieder nachzuspüren. Den Sinn zu finden, Lebenskunst zu
entwickeln, beruht auf der Übernahme von Selbstsorge - die Sorge
um sich, körperlich, seelisch, geistig. Das führt letztlich
zu Glück der Fülle, das es zu entdecken gilt, um
Lebenskunst im Umgang mit Gesundheit und Krankheit zu erfahren.
Zielgruppe
Diese Veröffentlichung richtet sich vornehmlich an diejenigen Menschen, die von einer lebensbedrohlichen Krankheit betroffen oder von ihr genesen sind und an betroffene Angehörige, aber auch an Fach – und Pflegepersonal sowie an Ärzte.
Diskussion und Fazit
Die Aufsätze in diesem Sammelband sind klar, übersichtlich, und sind so abgefasst, dass sich auch ein theologischer Laie darin zurecht finden und Gewinn daraus ziehen kann. Die Beiträge aber sind wiederum so kompakt und differenziert, dass sie „nur“ als Anregung zu lesen und zu verstehen sind, als Aufforderung, sich mit dem einen oder anderen Ansatz näher zu beschäftigen.
Die
Fülle der Gedanken und Erfahrungen, die aus jedem der Aufsätze
sprechen, sind sicher geeignet, demjenigen, der er ein Suchender ist,
hilfreich zur Seite zu stehen, seinem Leben oder auch dem seiner
Angehörigen oder Begleitenden, eine Türe zur besseren
Ertragbarkeit dieses Schicksals und dessen Bewältigung im Sinne
von Sinnhaftigkeit zu öffnen.
„Es
ist ein Gesetz im Leben.
Wenn
sich eine Tür vor uns schließt,
öffnet
sich dafür eine andere.
Die
Tragik jedoch ist,
dass
man am meisten nach der geschlossenen Tür blickt
und
die geöffnete nicht beachtet.“
André
Gide
Rezension von
Dr. sc. mus. Monika Nöcker-Ribaupierre
Dipl. Musiktherapeutin DMtG, Vice President der International Society for Music in Medicine ISMM.
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