Nicola Nawe: Musiktherapie mit Trennungskindern
Rezensiert von Prof. Hartmut Kapteina, 22.06.2011
Nicola Nawe: Musiktherapie mit Trennungskindern. Triangulierungsprozesse in der Einzel- und Gruppentherapie.
Dr. Ludwig Reichert Verlag
(Wiesbaden) 2010.
185 Seiten.
ISBN 978-3-89500-732-3.
Reihe: Zeitpunkt Musik. Forum Zeitpunkt.
Entstehungshintergrund
Dr. Nicola Nawe ist Studienrätin und Musiktherapeutin an Sonder- und Integrationsschulen sowie in einer Kinder- und Jugendpsychiatrischen Gemeinschaftspraxis. In diesem beruflichen Kontext hat sie es naturgemäß häufig mit Kindern zu tun, die unter den dramatischen und traumatisierenden Trennungskrisen in ihren Familien leiden.
Aufbau und Inhalt
Was bedeutet es, wenn plötzlich das elementare Beziehungsdreieck Vater – Mutter – Kind, in dem das Kind sicher aufwachsen, Halt, Geborgenheit und Orientierung erleben sowie seine Stärken und Fähigkeiten entwickeln kann, zerbricht? Die Autorin lässt auf allen Seiten ihres Buches nachvollziehbar und spürbar werden, wie belastet und traumatisiert Kinder aus Trennungsfamilien häufig sind. Sie können nicht nachvollziehen und verstehen, was um sie herum geschieht. So entsteht ein breites Spektrum an Gefühlen, mit denen Kinder aus Trennungsfamilien fertig werden müssen: Sie erleben Angst, Verunsicherung, fühlen sich verlassen, ausgegrenzt, zurückgestoßen, Willkür und Unberechenbarkeit ausgesetzt sowie Schmerz und Trauer über den Verlust eines Elternteils und die Trennung von ihm. Hinzu kommt das diffuse Gefühl, irgendwie am Zustandekommen der Beziehungskatastrophe mit schuldig zu sein und schließlich Wut und Verzweiflung. Gravierende Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsstörungen sind die Folgen und belegen, dass diese Kinder dringend Hilfe brauchen, um ihre Situation zu verarbeiten.
Musiktherapie kann diese Hilfe leisten, wenn sie als fundierte Psychotherapie durchgeführt wird. Das belegt das Buch von Nicola Nawe überzeugend und eindrucksvoll.
Die Therapie basiert auf Erkenntnissen aus der Forschung über Resilienz- und Triangulierung, die in den ersten Kapiteln in Bezug zur Lebenswirklichkeit von Trennungskindern und zur Musiktherapie gebracht werden. Das „Musiktherapeutische Dritte“ (21) bekommt im Kontext der zerbrochenen familiären Triade die Funktion einer Projektionsfläche, an der das Kind seine Gefühle abreagieren und integrieren kann und Wege findet, mit der veränderten Situation fertig zu werden.
Das „Musiktherapeutische Dritte“ bietet ihm in Person der Therapeutin ein Gegenüber, mit dem es Trauer, Schmerz und Aggression teilen kann. Das therapeutische Setting, die Musikinstrumente und andere Materialien eröffnen Spielräume, in denen die unfassbaren Erlebnisse adäquat dargestellt und mitgeteilt werden können. Die Triade Kind – Therapeutin – Musik symbolisiert eine Familiensituation, in der Verlust und Verletzung nacherlebt, betrauert, beklagt werden, Wut, Empörung und Sehnsucht Ausdruck finden und schließlich die Kinder in Kontakt zu ihren eigenen Bewältigungskräften kommen können, mit denen sie sich weiter entwickeln und ihr Leben selbstbewusst gestalten.
Fallvignetten aus Gruppen- und Einzeltherapien belegen die Wirksamkeit der Musiktherapie bei Trennungskindern und verdeutlichen, wie die Autorin ihr therapeutisches Handeln plant, durchführt und reflektiert. Bei der Dokumentation der Fallgeschichten greift sie eine „zentrale Stunde“ aus dem gesamten Therapie – Prozess heraus und beschreibt zusätzlich die beiden Stunden davor und danach. In den Berichten über die einzelnen Stunden schildert sie jeweils den Verlauf und ihre Gegenübertragung. Aus beidem entwickelt sie dann die Interpretation und die Planung für die weiteren Schritte in der Therapie.
Obwohl jede Therapie aufgrund der Individualität des Kindes und der Einmaligkeit seiner Geschichte ihre eigene Dynamik und Entwicklung hat, sieht die Autorin doch auch verallgemeinerbare Aspekte, die sie in einem „Konzept für die musiktherapeutische Gruppenarbeit mit Trennungs- und Scheidungskindern“ darlegt (143 ff). In fünf „Modulen“ werden die zentralen Konflikt- und Problemfelder dieser Kinder bearbeitet:
- „Die Unterbrechung der Familien und Lebensgeschichte“
- „Innere Zerrissenheit zwischen einer Mutter- und einer Vaterwelt, Entscheidungs- und Loyalitätskonflikte“
- „Trauer und Verlust“
- „Schuldgefühle in bezug auf die Trennung“
- „Kränkung des Kindes, Selbstwertzweifel, Wut- und Ohnmachtgefühle gegenüber der Trennung“ (145-148).
Für jedes Modul werden die Zielperspektiven definiert und Vorschläge für musikalische Spielsituationen gemacht.
Fazit
„Wer spielt den dritten Ton“, so fragt die Autorin am Ende ihres wichtigen Buches (148). Sie antwortet zunächst aus der Perspektive des betroffenen Kindes, dass es „wieder den ‚dritten Ton‘ spielen darf, innerlich gehalten und fern von der vorgereiften Position als Ersatzpartner (150). „Aus der Sicht einer flexiblen Triade“ jedoch müsse gelten, „dass jeder der drei Beteiligten wechselweise die Möglichkeit hat, den ‚dritten Ton‘ zu spielen, je nach Erfordernis oder aktueller Situation (ebd.).
Auf dem Buchrücken wird formuliert, dass Musiktherapie zu dem „gesellschaftlich relevanten Thema“ der Trennungskinder einen „wichtigen Beitrag leisten“ könne. Das kann sie aber nur, wenn die Triade Familie – Schule – Gesundheitssystem irgendwann einmal hoffentlich die Qualität einer „flexiblen Triade“ bekommt, in der dann auch die Musiktherapie immer wieder „die Möglichkeit hat, den ‚dritten Ton‘ zu spielen“. Frau Dr. Nawe verkörpert in ihrer Profession als Studienrätin, Musiktherapeutin und Forscherin diese zukunftsweisende Perspektive einer flexiblen Triade, in der Musiktherapie tatsächlich ein „gesellschaftlich relevantes Thema“ werden kann. Heute ist es leider erst noch ein seltener Glücksfall, wenn den betroffenen Familien und ihren Kindern solche wichtigen Hilfen zuteil werden.
Rezension von
Prof. Hartmut Kapteina
Professor an der Uni-GH-Siegen und Leiter der dort angesiedelten. „Musikalisch-Therapeutischen Zusatzausbildung“
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