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Alice Schwarzer (Hrsg.): Die große Verschleierung

Cover Alice Schwarzer (Hrsg.): Die große Verschleierung. Für Integration, gegen Islamismus. Verlag Kiepenheuer & Witsch (Köln) 2010. 272 Seiten. ISBN 978-3-462-04263-4. D: 8,95 EUR, A: 9,20 EUR, CH: 15,90 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das Buch von Alice Schwarzer erschien am 23. September 2010, also einen Monat, nachdem der SPIEGEL und BILD Auszüge aus Thilo Sarrazins Buch über die Abschaffung Deutschlands gedruckt hatten (Sarrazin, 2010). Man könnte meinen, Alice Schwarzer sei mit ihrem Buch auf einen Bandwagon aufgesprungen, um vom Publikumserfolg des besagten Sarrazin-Buches zu profitieren. Eine derartige Vermutung würde aber nicht nur der Herausgeberin und Autorin Alice Schwarzer Unrecht tun; sie würde vor allem zwei Sichtweisen, die von Thilo Sarrazin und jene von Alice Schwarzer, in einen Topf werfen, in dem zumindest die Letztere überhaupt nicht hingehört: in den Topf des biologistisch argumentierenden Rassismus. Denn mit Rassismus hat das von Alice Schwarzer herausgegebene Buch ganz und gar nichts zu tun. Es geht vielmehr darum, die Grenze zwischen Islam und Islamismus deutlich zu definieren, die Zeichen, Symbole und ideologische Indoktrination des Islamismus zu bestimmen und seine Auswirkungen auf die Muslime und auf die Nichtmuslime zu beschreiben. Das sind für Alice Schwarzer keine neuen Themen. Im Jahre 1979 bereiste sie zwei Wochen nach der Machtergreifung durch Ayatollah Khomeini den Iran und berichtete über die beginnende Hoffnungslosigkeit – vor allem unter den iranischen Frauen – in der Zeitschrift EMMA. Mit diesem Bericht schließt übrigens auch das vorliegende Buch. Im Jahre 2002 erschien dann das ebenfalls von Alice Schwarzer herausgegebene Buch „Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz“ (Schwarzer, 2002). Die zentrale These des Buches, dass die Gefahr, die fundamentalistische Gotteskrieger darstellen, von den westlichen Gesellschaften auf fatale Weise verkannt werde, wurde damals in zahlreichen Rezensionen vehement kritisiert (vgl. z.B. Sperr, 2002). Nicht minder vehement waren auch die bisherigen Reaktionen auf das jüngste Buch, das es hier zu besprechen gilt. Von „Kampfschrift“ (Steinfeld, 2010) und von „Stimmungsmache“ (so der Integrations- und Migrationsforscher Klaus Bade in der ARD-Sendung „Titel – Thesen – Temperamente“ vom 19.09.2010; Quelle: http://www.ardmediathek.de; aufgerufen am 20.12.2010) war die Rede. Zweifellos argumentieren Alice Schwarzer und ihre Mitautorinnen auch im neuen Buch mit dramatischer Rhetorik, Zuspitzungen und viel Polemik. Ehrlich und beeindruckend sind die Beiträge indes allemal.

Autorinnen

Über Alice Schwarzer muss der Rezensent nicht viele Worte machen. Die bekannteste Vertreterin der deutschen Frauenbewegung, engagierte Publizistin, Gründerin und Herausgeberin der Zeitschrift EMMA war im Jahre 2010 medial so präsent, dass sich weitere Hinweise erübrigen. Im Sammelband äußern sich neben Alice Schwarzer prominente Autorinnen: Elisabeth Badinter, französische Philosophin und Professorin an der Eliteuniversität École polytechnique in Paris; Djemila Benhabib, tätig für die kanadische Regierung; Rita Breuer, Islamwissenschaftlerin und Referatsleiterin im Bundesamt für Verfassungsschutz; Cornelia Filter arbeitet als Redakteurin und freie Journalistin u.a. für DIE ZEIT, die Frankfurter Rundschau und vor allem für EMMA, Necla Kelek, Sozialwissenschaftlerin, Islamkritikerin und Frauenrechtlerin, war von 1999 bis 2004 Lehrbeauftragte für Migrationssoziologie an der Evangelischen Fachhochschule für Sozialpädagogik in Hamburg, Chantal Louis, Redakteurin bei EMMA; Khalida Messaoudi-Toumi, seit Mai 2003 Ministerin für Kommunikation und Kultur von Algerien; Antonia Rados, gegenwärtig Kriegsreporterin für RTL; Annette Ramelsberger, Journalistin bei der Süddeutschen Zeitung; Gabriele Venzky, langjährige Auslandskorrespondentin der ZEIT und freie Autorin; Martina Zimmermann, Paris-Korrespondentin für diverse deutsche Rundfunkanstalten.

Aufbau und Inhalt

Alice Schwarzer eröffnet den Sammelband mit einem Vorwort, in dem sie an ihre schon erwähnte Reise im Jahre 1979 in den Iran erinnert. Schon damals seien die Absichten der Islamisten deutlich erkennbar gewesen: Errichten des Gottesstaates, Einführung der Scharia, Tod durch Steinigung im Falle von Ehebruch (der Frau) oder Homosexualität. „Nein“, so Schwarzer (S.13), „die Islamisten haben nie einen Hehl aus ihren Absichten gemacht. So wenig wie einst die Nationalisten. Auch in ‚Mein Kampf‘ stand ja schon alles drin. Auch wir hätten es damals wissen können, ja müssen“. Natürlich ist das polemisch, aber eben auch eine zutreffende Beschreibung der Elemente einer totalen Herrschaft. Noch einmal: Alice Schwarzer nimmt mit ihren Co-Autorinnen den Islamismus in den Blick. Sie polemisieren weder biologistisch noch demografisch gegen den Islam und die Muslime, sondern setzen sich politisch mit fundamentalistischen Herrschaftsansprüchen auseinander. Sie wollen über die Gefahren des Islamismus berichten und vor seinen Auswirkungen warnen. Das Kopftuch erscheint ihnen dabei als die Flagge des Islamismus.

Diese „Flagge“ bestimmt den Inhalt der nachfolgenden fünf Kapitel. Im Kapitel 1 (mit dem Titel „Mitten in Europa“) finden sich 10 Beiträge, in denen die politischen und ideologischen Auseinandersetzungen mit islamistischen Tendenzen beschrieben werden: u.a. die Debatten um ein Kopftuchverbot in deutschen Schulen, die Diskussionen um das Schweizer Minarettverbot, „Zwangsverschleierungen“ von muslimischen Frauen, die mögliche Islamisierung Deutschlands, der Dschihadismus im Internet, fundamentalistische Bestrebungen zur Errichtung von Parallelgesellschaften, Mobbing gegen Mädchen ohne Kopftuch.

Kapitel 2 („Sie sagen nein!“) mit fünf Beiträgen schildert, dass und wie Frauen sich in Algerien, in der Türkei und in anderen Ländern gegen den Islamismus zu wehren versuchen. Besonders aufschlussreich dürfte der Beitrag von Djemila Benhabib sein, der auf einer Rede basiert, die die Autorin im November 2009 vor dem Senat von Paris gehalten hat. Nota bene: „Der politische Islamismus ist nicht Ausdruck einer kulturellen Besonderheit, wie hier und da behauptet wird. Er ist eine politische Angelegenheit, eine kollektive Bedrohung, die mit der Verbreitung einer gewaltverherrlichenden, sexistischen, frauenfeindlichen, rassistischen und homesexuellenfeindlichen Ideologie das Fundament der Demokratie angreift“ (S. 116). Abgeschlossen wird dieses Kapitel übrigens von einer sehr lesenswerten Polemik, mit der sich Alice Schwarzer gegen eine Petition von 60 deutschen Migrationsforschern wendet. Diese Petition mit dem Titel „Gerechtigkeit für Muslime“ wurde am 1.2.2006 in der ZEIT veröffentlicht (Quelle: http://www.zeit.de/2006/06/Petition; aufgerufen am 20.12.2010) und richtet sich kritisch gegen ein Buch von Necla Kelek (Die fremde Braut, 2005). Die Autorin schildert darin Hintergründe und Folgen von Zwangsheiraten in muslimischen Familien. Die o.g. 60 Migrationsforscher und – forscherinnen meinten, das Buch von Kelek sei unwissenschaftlich, unseriös und bediene nur die Vorurteile in der deutschen Mehrheitsgesellschaft. „Heiratsmärkte“, so die Unterzeichner der Petition, seien das Ergebnis der Abschottungspolitik Europas gegenüber geregelter Einwanderung. Es mache keinen Sinn, solche Phänomene pauschal „dem Islam“ zuzuschreiben, der dann ebenso pauschal der westlichen Zivilisation gegenübergestellt werde. Alice Schwarzer hält nun mit spitzer Feder dagegen und entlarvt so ganz nebenbei auch manche Eitelkeiten der community, zu der sich auch der Rezensent rechnen muss.

Kapitel 3 trägt den Titel „Die Konvertitinnen“ und schildert in fünf Beiträgen und an Einzelfällen, wie und mit welchen Einstellungsänderungen Frauen und Männer den Übertritt zum Islam vollzogen haben. Dass Konvertiten in der Auslegung und alltäglichen Gestaltung ihres Glaubens meist strenger sind als die Muslime, die einen gelebten Glauben mitbringen, dürfte keine neue Einsicht sein. Schon eher gibt die Vermutung – so z.B. im Beitrag von Cornelia Filter (S. 172ff.) - zu denken, eine Konversion zum muslimischen Glauben geschehe auch, zwar nicht immer, aber hin und wieder, um anschließend in den Krieg gegen die Ungläubigen zu ziehen. Nun gibt es über die Anzahl der jährlichen Übertritte zum Islam in Deutschland keine verlässlichen Zahlen. Die Schätzungen schwanken zwischen 350 und 4000 pro Jahr (S. 174). Auch wenn Cornelia Filter sicher nicht den Eindruck erwecken möchte, dass diese Konvertiten alle potentielle „Gotteskrieger“ sind oder werden könnten, lässt ihre polemische Darstellung manch fatale Schlussfolgerung zu. Spannend und bewegend sind in diesem Kapitel aber vor allem die zwei von anonymen Autorinnen verfassten Beiträge über ihren Weg zum Islam und den schmerzhaften Weg „zurück“ zu einem kopftuchlosen Leben.

„Exempel Frankreich“ lautet der Titel von Kapitel 4. Hier geht es um das Burka-Verbot, das am 14. Juli 2010 vom französischen Parlament beschlossen wurde, um das ein Jahr zuvor erfolgte „Kopftuch-Verbot“ an französischen Schulen, um die „wahren Gründe der Vorstadt-Unruhen“ und um den Aufstand junger Musliminnen, die sich gegen Gruppenverwaltigungen durch junge muslimische Männer zur Wehr zu setzen versuchen.

Im Kapitel 5 fragen u.a. Antonia Rados, Gabriele Venzky und Alice Schwarzer, „sind sie verloren?“; gemeint sind die Frauen, die dem alltäglichen Islamismus ausgesetzt sind. Sehr optimistisch fallen die Antworten der Autorinnen nicht aus.

Fazit

Nein, ein Fachbuch ist es nicht, das Alice Schwarzer herausgegeben hat. Das war aber auch nicht ihre Absicht. Mit ihrem neuen Buch wollte sie provozieren. Das haben sie und ihre Mit-Autorinnen erreicht. Auch dass alle im vorliegenden Sammelband veröffentlichten Beiträge bereits in der Zeitschrift EMMA erschienen und zu einem großen Teil mehrere Jahre alt sind, darf man kritisieren. Besser als Sarrazins Buch sind die Beiträge aus Sicht des Rezensenten durchaus. Am Ende bleiben aber zumindest einige große Fragen offen: Wer definiert und bestimmt die Bedingungen erfolgreicher Integration (die Mitglieder der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft oder die muslimischen Frauen und Männer in Deutschland)? Und was ist eigentlich Integration (Anpassung an eine Leitkultur oder Akzeptanz des Grundgesetzes)? Und: Was tun gegen den Islamismus?

Zitierte Literatur:

  • ARD-Sendung „Titel – Thesen – Temperamente“ vom 19.09.2010; Quelle: http://www.ardmediathek.de; aufgerufen am 20.12.2010.
  • Petition „Gerechtigkeit für Muslime“; Quelle: http://www.zeit.de/2006/06/Petition; aufgerufen am 20.12.2010.
  • Sarrazin, Th. (2010). Deutschland schafft sich ab. München: Deutsche Verlags-Anstalt.
  • Schwarzer, A. (Hrsg.). (2002). Die Gotteskrieger und die falsche Toleranz. Köln: Kiepenheuer & Witsch.
  • Sperr, F. (2002). Machismo, Islamismo. Süddeutsche Zeitung, 1.07.2002.
  • Steinfeld, T. (2010). Erziehungsdiktatur Deutschland. Süddeutsche Zeitung, 28.09.2010.

Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 30.12.2010 zu: Alice Schwarzer (Hrsg.): Die große Verschleierung. Für Integration, gegen Islamismus. Verlag Kiepenheuer & Witsch (Köln) 2010. ISBN 978-3-462-04263-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10288.php, Datum des Zugriffs 21.09.2020.


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