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Jürgen Oelkers: Reformpädagogik

Cover Jürgen Oelkers: Reformpädagogik. Kallmeyer Verlag (Seelze/Velber) 2009. 328 Seiten. ISBN 978-3-7800-1015-5. 29,95 EUR.

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Reformpädagogik zwischen Legende und Legitimität

Reformen sind gesellschaftliche und politische Anlässe, die beanspruchen, Überkommenes und Bestehendes zu verändern. Intensität, Richtung und Entwicklung wird dabei bestimmt von revolutionären und evolutionären Erwartungen, von Eros und Herrschaft, von „positiver Subversion“ (Hans A. Pestalozzi) und Beharrungsvermögen. Reformen können sich sowohl positiv auf gesellschaftliche Bedingungen auswirken, als auch Entwicklungen in Gang setzen, die sich direkt oder indirekt nachteilig darstellen. Dabei entsteht nicht selten eine Diskrepanz zwischen aktuellen, gesellschaftsverändernden Wirkungen und von Folgen, die sich erst in historischen Zeiträumen zeigen. Der bekannte Spruch – „Pädagogik ist ein stetiges Bohren durch ganz, ganz tiefe Bohlen“ (Wilhelm Rückriem) - weist darauf hin, dass Bildungs- und Erziehungsanforderungen schwierige Fragen sind, die nicht per Rezept oder Anweisung mit welchen Theorien und praktischen, überkommenen oder neuen Vorstellungen auch immer umgesetzt werden können, sondern individueller, empathischer und verantwortungsvoller Einstellungen bedürfen. Bereits Aristoteles sieht den Menschen als zôon politikon, als politisches Lebewesen mit Verstand und Sprache begabt, und er fragt, ob man für die Bildung und Erziehung der Menschen feste Anordnungen treffen solle, ob sich der Staat oder der einzelne Bürger um die paideia kümmern müsse und welche Art Bildung und Erziehung es sein könne (R. Geiger, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, 2005). Dies ist und bleiben auch reformpädagogische Fragestellungen.

Entstehungshintergrund und Autor

„Reformpädagogik“ hat im erziehungswissenschaftlichen Diskurs ein traditionelles Datum; es handelt sich um pädagogische Reformer, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Theorie und Praxis für eine „neue Erziehung“ entwickelt haben. Namen wie Maria Montessori, Alexander Neill, John Dewey, Helen Parthurst, Jean Piaget, Ellen Key, Berthold Otto, Paul Geheeb und Rudolf Steiner stehen für diese Epoche; und Pädagogik- und Lehramtsstudierende und Lehrende beschäftigen sich in der Theorie und Praxis mit den verschiedenen Konzepten und Modellen der Reformpädagogik. Im Nachvollzug sind nicht selten bei denjenigen, die sich in der pädagogischen Aus- und Fortbildung mit Fragen der Reformpädagogik auseinandersetzen, Inhabhaftnahmen, Idealisierungen und Ideologisierungen entstanden, die den Ursprüngen der verschiedenen pädagogischen Reformideen nicht gerecht werden. Denn die unterschiedlichen Reformansätze – von der Jugendbewegung, über die Landerziehungsheimbewegung, der Pädagogik „vom Kinde aus“, der Arbeitsschulbewegung, der Körperkulturbewegung, der Erlebnispädagogik, der Kunsterziehungsbewegung und der Einheitsschulbewegung – sind, daran erinnert Jürgen Oelkers, überwiegend als Initiativen von einzelnen Reformern entstanden. Zur „Bewegung“ wurden sie erst, indem der Zeitgeist und die entsprechende gesellschaftliche Aufmerksamkeit für diese Formen einer neuen Erziehung vorhanden waren. An der Stelle vollzieht Oelkers einen logischen Schritt, der bisher in der (deutschen) Rezeption der Reformpädagogik vernachlässigt wurde: Reformpädagogische Bewegungen sind, obwohl sie als Projekte mit Trial and Error und im lokalen Rahmen entstanden sind, internationale Bewegungen, die im englischsprachigen Raum als New Education, im französischsprachigen als Éducation nouvelle“ und im spanischsprachigen als Nuova Educazione bezeichnet werden. Sie vollzogen sich in allen (westlichen) entwickelten Industriegesellschaften, zwar mit dezidierten Unterschieden in der gesellschaftspolitischen Ausrichtung. Gemeinsam aber sind ihnen die Werte Freiheit und Demokratie – und in der deutschen Antizipation hat der Begriff vom „Wachsen lassen“ in der Gegenüberstellung von „Führen oder Wachsenlassen“ (Theodor Litt) eine besondere, entwicklungspsychologische und –pädagogische Bedeutung erlangt.

Der an der Zürcher Universität lehrende Erziehungswissenschaftler Jürgen Oelkers hat 1989 die Studie „Reformpädagogik“ (4. Auflage 2005) als kritische Dogmengeschichte vorgelegt. Mit dem soeben erschienenem Buch gleichen Titels nimmt er die lehrwissenschaftliche Korrektur vor, dass „die Landerziehungsheime nicht als die positive Summe der Reformpädagogik verstanden werden können“. Damit reagiert er zwar einerseits auf die massive öffentliche Aufmerksamkeit und Kritik, die der Reformpädagogik (in Deutschland) durch die bekannt gewordenen Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule zukamen; andererseits macht er deutlich, dass gerade diese traditionellen Paradebeispiele in der Schulreformdiskussion „ausdrücklich nicht für eine demokratische Gesellschaft konzipiert waren“.

Aufbau und Inhalt

Nach der Einleitung gliedert der Autor das Buch in sieben Kapitel, und schließt es mit einem Schlussteil und mit Hinweisen für empfohlene Literatur und einer Auswahl von aufgelisteter Sekundärliteratur zur Thematik ab. Es ist ein Lehrbuch für Pädagogik-Studierende. Didaktisch und methodisch ist es aufgebaut in Lernschritten mit jeweils angegliederten Arbeitsaufgaben und ausgewiesenen Text- und Bilddokumenten auf der dem Buch beigefügten CD-ROM. Wenn Studieren das Ringen um Antworten, das kritische Fragen lernen und die Suche nach der Verbindung von Theorie und Praxis beim Lehren und Lernen bedeutet, handelt es sich beim Aufbau und der Auswahl der Anschauungs- und Informationsmaterialien um einen gelungenen pädagogischen Wurf, mit dem zudem auf die durch die mediale Umwelt veränderten Studier- und Lernbedingungen eingegangen wird. Die permanente Verfügbarkeit und die Qualität etwa der ausgewählten Bilddokumente ermöglichen eine motivierende Auseinandersetzung mit diesen wichtigen Reformideen für das, was in Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (1948) mit dem Einleitungssatz postuliert wird: „Jedermann hat das Recht auf Bildung“, und im Absatz 2 sich ausweist: „Die Bildung muss auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit … gerichtet sein“.

Es ist vor allem das „aktive Kind“, das sich mit den christlichen Traditionen und in den unterschiedlichen philosophischen, entwicklungspsychologischen und pädagogischen Entwürfen ausgeprägt hat und die Forderungen ermöglichte, die in der Reformpädagogik besondere theoretische und praktische Erziehlehren hervorbrachte; die „praktische Erziehung“, die frühe (Kindergarten-)Erziehung und die Idee der freiheitlichen Erziehung. Es sind nicht zuletzt die Entdeckungen, dass das Kind kein tabula rasa, sondern mit Kreativität begabt sei und dazu entwickelt werden müsse. Wie in allen Reform- und Projektunternehmungen, bei denen die Ziele nicht von vorn herein in Stein gemeißelt oder in Blei gegossen und die Ergebnisse nicht vorbestimmt sind, gibt es auch in den Reformpädagogiken vielfältige Schritte, Umwege, Einbahnstraßen, gelingende und misslungene Experimente, die in zahlreichen historischen Beispielen diskutiert werden. Die vielfältigen Versuche, staatliche Interessen bei den Schulgründungen und –konzepten mit denen von privaten, religiösen und gesellschaftlichen Gruppen zu versöhnen, zeigen zum einen, dass machtpolitische und hegemoniale Potenzen mächtig wirken können, zum anderen aber auch, dass individuelle Initiativen und Reformanstrengungen mächtig wirksam sind und bis heute ausstrahlen.

Dass Oelkers bei der Parade der zahlreichen Reformprojekte überwiegend US-amerikanische vorstellt, hat seine historischen Gründe in dem Melting Pot, der das gesellschaftliche und politische Zusammenwachsen in den USA herausforderte und Ideen erforderte, die eine ganzheitliche Bildung und Erziehung ermöglichte. John Dewey und viele andere Reformer waren es dann auch, die auf europäische Experimente ausstrahlten. Die Wege von der Laborschule in Chicago, mit John Dewey an der Spitze um die Jahrhundertwende hin zur Laborschule Bielefeld, mit Hartmut von Hentig, sind dabei unverkennbar; ebenso die Entwicklung von Schulen nach Plan – von Carleton Washburnes Schule in Winnetka/Illinois, der Dalton-Plan-Schule von Helen Parkurst hin zur Jenaplan-Schule. Der Vorbildcharakter der amerikanischen Schulreformentwicklung für die europäische Reformbewegung wird auch deutlich, betrachtet man die jeweiligen Konzepte der „Kindorientierung“, dort eher labory- und zeitfixierte-, hier spirituell und kreativbestimmte Konzeptionen. Von besonderer Bedeutung ist hier Alexander S. Neills Schule von Summerhill in England zu nennen; aber auch die Berthold-Otto-Schule in Berlin, die mit Rudolf Paulsens Kritik an dem „Herz und Seele brechenden Wahnsinn gymnasialer und akademischer Scholarenherrschaft“ in der traditionellen deutschen Bildungs- und Schullandschaft Ausrufezeichen setzte. Die Bewegung der Landerziehungsheime in Deutschland hat mit dem Namen Odenwaldschule eine prägende – und in letzter Zeit kompromitierende und irritierende – Bedeutung erlangt. Jürgen Oelkers bekennt, dass er seinem Buch, das bereits vor dem Bekanntwerden der Missbrauchs- und Übergriffskandale an der Schule fertig geschrieben war, nachträglich den Beitrag über die Odenwaldschule einfügte und dabei deutlich machen wollte, dass eben der in der Rezeption der Reformpädagogik gehandelte Vorzeigecharakter der Landschulbewegung und hier insbesondere der Odenwaldschule nicht als die positive Summe der Reformpädagogik verstanden werden dürfe und die angeblichen oder tatsächlich firmierten Elitevorstellungen der überwiegenden Privatschulen keinesfalls den Ansprüchen der Reformpädagogik entsprächen. Nur angefügt sei, dass die unakzeptablen Vorfälle in der Odenwaldschule mittlerweile, wie die Tagespresse berichtet, sich zu einem “Führungschaos“ auswachsen, mit Rücktritten der für einen Neuanfang angetretenen Vorstandsmitglieder Johannes von Dohnanyi und Michael Frenzel.

Diskussion

Jürgen Oelkers öffnet mit seinem Buch „Reformpädagogik. Entstehungsgeschichten einer internationalen Bewegung“ einen neuen, wichtigen Strang in der Rezeption der pädagogischen Reformen in der Neuzeit. Sein Verweis, dass die Geschichten und die Geschichte der Reformpädagogik nicht Vergangenheit sind, sondern in der (heutigen und zukünftigen) „Schulentwicklung ragt die Vergangenheit mehr oder weniger direkt in die Gegenwart hinein", ist ein Hinweis auf die Geschichts- und Kulturhaftigkeit der Bildung. Nimmt man allerdings diese (richtige) Erkenntnis konkret, ist es dem Rezensenten nicht verständlich, weshalb der Autor mit keinem Wort die deutsche Gesamtschulbewegung erwähnt. Die vielfältigen und andauernden Bemühungen um eine Schule für alle Kinder, wie sie insbesondere von der Integrierten Gesamtschule seit den 1960er Jahren vollzogen werden, gegen konservative, traditionelle und politische Widerstände, sind Bestandteil der Schulreformbewegung. Mit dem Begriff „Reformpädagogik“ wird zwar eine historisch eingrenzbare bildungspolitische Bewegung bezeichnet; doch die zahlreichen Quellenbezüge und konzeptionellen, didaktischen und methodischen, theoretischen Entwürfe und praktischen Arbeitsgrundlagen der IGS auf reformpädagogische Modelle sind es wert, in den erziehungswissenschaftlichen und bildungspolitischen Diskurs einbezogen zu werden: Curriculumrevision, Stammgruppen-, Projekt- ganzheitlicher Unterricht, Lern- und Leistungsbegriff, demokratischer Aufbau, usw. Gerade weil das Buch „Reformpädagogik“ in erster Linie als Lehr- und Lernmittel für Lehramtsstudierende gedacht ist, sollten die Verweise auf die Gesamtschulbewegung als aktueller schulreformerischer Entwurf nicht fehlen. Es wäre deshalb dem Autor anzuraten, in den weiteren Auflagen, die nach Überzeugung des Rezensenten sicherlich folgen werden, einen Absatz „Gesamtschulbewegung als Schulreform“ anzufügen.

Fazit

Oelkers´ Perspektivenwechsel in der Rezeption und im Diskurs um die (westliche) internationale Reformpädagogik stellt einen wichtigen, weiterführenden Beitrag um die Frage nach der richtigen, kind- und gesellschaftsgerechten, lokalen und globalen Bildung und Erziehung der Menschen dar. Das „lernende System Schule“ benötigt immer wieder Erinnerungen und Impulse dafür. Für Studierende und Lehrkräfte sind ohne Zweifel die in der beigefügten CD-ROM ausgewiesenen Text- und Bilddokumente, sowie die Bildergalerie zahlreicher im Buch erwähnten Personen hilfreich und lernförderlich.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 30.12.2010 zu: Jürgen Oelkers: Reformpädagogik. Kallmeyer Verlag (Seelze/Velber) 2009. ISBN 978-3-7800-1015-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10292.php, Datum des Zugriffs 09.07.2020.


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