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Christina Hölzle, Irma Jansen (Hrsg.): Ressourcenorientierte Biografiearbeit

Cover Christina Hölzle, Irma Jansen (Hrsg.): Ressourcenorientierte Biografiearbeit. Grundlagen - Zielgruppen - kreative Methoden. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 341 Seiten. ISBN 978-3-531-16377-2. 19,90 EUR.

Reihe: Lehrbuch.
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Ein boomendes Thema

Wer sich als Neuling mit Biografiearbeit befassen möchte und bei Google erste Orientierung sucht, kann sich im Dschungel der fast 57.000 Nennungen (Mai 2010) leicht verlieren. Wenn er das vorliegende, verständlich geschriebenen Lehrbuch zum Wegweiser nimmt, hat er gute Aussichten, das Terrain einermaßen zu überblicken.

Die Herausgeberinnen Christina Hölzle und Irma Jansen kennen als Professorinnen der Fachhochschule Münster die Fragen und Wünsche Studierender nach dem Was und Wozu bestimmter Lehrinhalte. Sie legen hier einen Reader vor, der mit insgesamt 20 Beiträgen ein weites Spektrum des Themas Biografiearbeit abdeckt und ausgezeichnet zu einem Einstieg taugt.

Was den Leser erwartet

Die Herausgeberinnen stellen im Klappentext in Aussicht „… Ein neues, systematisiertes und erweitertes Verständnis von Biografiearbeit in Theorie und Praxis”. Sie kennzeichnen Biografiearbeit „… Als Instrument zur Gestaltung biografischer Prozesse […] und richten dabei den […]Fokus auf kreative Lebensbewältigung und die Aktivierung von Ressourcen”. Sie bieten „…Theoretische Grundlagen für das Verständnis biografischer Prozesse und fachliche Leitlinien für den Einsatz von Biografiearbeit im systematischen Hilfeprozess”. Sie machen für die sozialpädagogische Praxis neugierig auf „…Kreative Zugänge für die biografische Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und alten Menschen”.

Es würde den Leser überstrapazieren, hier alle Einzelbeiträge zu referieren und zu kommentieren. Statt dessen empfiehlt es sich, der Dreiteilung der Herausgeberinnen zu folgen.

Aufbau

Das Buch ist in drei Hauptteile gegliedert:

  1. Grundlagen,
  2. Zielgruppen,
  3. Kreative Medien.

1. Grundlagen biografischer Arbeit

Im Grundlagenteil stellen Hölzle und Jansen Biografiearbeit als Schlüsselkompetenz bewusster Lebensgestaltung dar. Sie zeigen, wie diese Schlüsselkompetenz im Kontext Sozialer Arbeit Identitätsentwicklung unterstützt und Integration von Erfahrungen ermöglicht, wie sie Stabilisierung in krisenhaften Umbruchsituationen bewirkt und hilft, vorhandene, jedoch verkannte oder verschüttete Ressourcen zu aktivieren. Sie stellen dar, wie die Arbeit im Hilfeprozess Sozialer Arbeit konkretisiert wird, welche Bedeutung den Ressourcen Kohärenzgefühl und Resilienz zukommt und inwiefern kreative Medien, weil erlebnisaktivierend, zur schöpferischen Bewältigung biografischer Herausforderungen beitragen. Damit haben sie den Rahmen gesetzt, in den sich die speziellen Beiträge in den folgenden Kapiteln einfügen.

2. Zielgruppen biografischer Arbeit

Dieser Teil enthält grundlegende theoretische Erörterungen (Norbert Rath, Peter Schwab) sowie die Darstellung spezifischer Projekte und Methoden für die unterschiedlichen Adressatengruppen:

  • Kinder,
  • Jugendliche,
  • Erwachsene und alte Menschen.

2.1 Biografische Arbeit mit Kindern. Einleitend und grundlegend wird die Notwendigkeit und Schwierigkeit biografischer Arbeit mit Kindern aus psychoanalytischer Sicht thematisiert (Norbert Rath). Notwendig erscheint die Arbeit bei fremdplatzierten Kindern, bei traumatisierten Kindern und bei Kindern von psychisch kranken Eltern. In all diesen Fällen leistet Biografiearbeit unschätzbare Hilfe. Schwierig und mühevoll ist der Prozess jedoch, weil das Gesagte nicht zwingend das Gemeinte und das Erinnerte nicht unbedingt das tatsächlich Erlebte sein muss – dies gilt für alle Klienten, besonders aber für sehr junge.
Der Beitrag von Irmela Wiemann behandelt Biografiearbeit mit Adoptiv- und Pflegekindern. Nach grundsätzlichen Erörterungen folgen praktische Vorschläge und die dringende Forderung, diese Arbeit endlich zu institutionalisieren und zwar nach dem Modell der britischen Gesetzespraxis. Magnus Frampton zeigt im direkt anschließenden Beitrag, wie im britischen Adoptionswesen diese Forderung konkretisiert wird.
Frauke Framing und Bernhard Brugger fokussieren die Probleme von Kindern psychisch kranker Eltern und konzipieren ein kunsttherapeutisches Angebot für diese Betroffenen.

2.2 Biografische Arbeit mit Jugendlichen. Nicht nur das Leben, auch das Gehirn ist eine Baustelle. Das wird einleuchtend dargestellt im Aufsatz „Kohärenz- und Identitätsentwicklung durch biografische Arbeit” von Peter Schwab. Galt es ehemals als Lehrbuchwissen, dass nach der Gehirnentwicklung im frühen Kindesalter keine neuen Neuronen entstehen, so finden nach dem gegenwärtigen Forschungsstand nicht nur in der frühen Kindheit phasenhafte Auf- und Umbauprozesse des Gehirns statt, sondern ebenfalls am Beginn der Adoleszenz [1].
Die Kenntnis dieser zentralnervösen Umbauvorgänge als biologische Grundlagen/Anlässe für psychische Anpassungs- und Bewältigungsprozesse fordert eine veränderte Sicht auf die Probleme von Jugendlichen. Da in ihrem Gehirn das bisher Taugliche zugunsten neuer Erfordernisse aufgegeben oder modifiziert wird, ist die zwangsläufige Folge, dass sich ihr Verhalten ändert. Etwas salopp formuliert kann es heißen: Die alte „hardware” ist untauglich, den Anforderungen an das notwendige Neu- und Umlernen zu genügen. Diese Anforderungen sind in der Tat gewaltig. Geht es doch um nicht weniger als den Erwerb von Eigenständigkeit, partnerschaftlicher Bindungsfähigkeit, sozialer Autarkie und Urteilsfähigkeit, insgesamt zentrale Lernanforderungen im Dienste der Kohärenz- und Identitätsentwicklung
Auf diesem theoretischen Hintergrund behandelt der Artikel Möglichkeiten im Dienste einer strukturierten, methodischen Biografiearbeit in Projekten mit Jugendlichen. Aufgeführt werden beispielhaft zwölf Problemfelder, die je nach Zusammensetzung der Gruppe den Rahmen für die Arbeit setzen können. Die Themen sind:

  • Körperschema,
  • Geschlechtsreife,
  • Biologische Diversifikation,
  • Normen und Werte,
  • Soziale Rolle,
  • Schule und Beruf,
  • Körper und Geist,
  • Persönlichkeit,
  • Sucht,
  • Psychische Krankheit,
  • Stimmungswechsel,
  • Risiko und Gewalt.

Abschließend betont der Autor, dass Biografiearbeit mit kreativen Mitteln die Emergenz von Vielfalt fördern hilft, da sie nicht dem überholten Ideal einer normativen Erziehung verpflichtet sei, sondern vielmehr, weil ergebnisoffen, die Entwicklung der je spezifischen adoleszenten Identität unterstützt.
Auf diesen grundlegenden Artikel folgen Beiträge zu Methoden der Biografiearbeit mit jugendlichen Straftätern und benachteiligten Mädchen (Bernward Hoffmann, Matthias Eichbauer, Katharina Barth, Nadja Tumbrink). Sie bieten Anregungen für alle, die ähnliche Projekte planen.

2.3 Biografische Arbeit mit Erwachsenen und alten Menschen. Diesem Abschnitt wird kein grundlegendes Einführungskapitel vorangestellt; vielmehr finden sich hier vier Projektbeschreibungen. Am Anfang steht eine Arbeit mit studierenden MigrantInnen (Brigitte Bauer), bei welcher das Narrative Interview als Weg zum biografischen Verstehen dient, ein Beitrag also, der einerseits einer Zielgruppe gewidmet ist, andererseits das Instrument eines methodischen Zugangs beschreibt.
Es folgt ein Beitrag von Günther Rebel zu den Möglichkeiten von Bewegung und Tanz im Dienste der Biografiearbeit. Beispielhaft wird die Arbeit mit einer Schwerhörigen, die Arbeit mit Kindern sowie mit geistig Behinderten vorausgeschickt, um dann durch theoretische Erörterungen und praktische Beispiele den Lesern einen Zugang zu diesem Bereich zu bieten.
Um die Förderung von Ressourcen und Potenzialen im Alter geht es im Artikel von Norbert Erlemeier. Zusammenfassend werden zunächst Ergebnisse der Altersforschung dargestellt und für das Konzept des differenziellen Alterns plädiert; dies in Absetzung sowohl von einem „überholten Defizitmodell des Alters” einerseits als auch von einem „überzogenen Kompetenzmodell” andererseits. Konkrete Aufgabenbereiche der Sozialen Arbeit werden vorgestellt. Stellvertretend seien hier einige genannt:

  • Prävention (Gesundheitsberatung, Gesundheitsförderung),
  • Beratung in praktischen Lebensfragen (z.B. Wohnberatung),
  • Sozialdienste im Pflegeheim,
  • Pflegeberatung,
  • Krisenhilfe,
  • ambulante gerontopsychiatrische Dienste.

Gemeinsames Ziel aller Aktivitäten ist die weitgehende Erhaltung von Lebensqualität und Wohlbefinden unter den erschwerten Bedingungen des Alters und Alterns” (S.250)
Biografiearbeit mit dementiell erkrankten Menschen behandelt der Beitrag von Hans-Hermann Wickel. Erinnerungen an frühere Kompetenzen und früheres Wirken sind geeignet, die Identität auch bei Verlust der sprachlichen Mitteilungsfähigkeit zu wahren. Methodische Zugänge dazu bieten u. a. das Hören bekannter und emotional anregender Musikstücke und der Umgang mit Haustieren.

3. Kreative Medien

In einem einführenden Kapitel Medien und Biografie” verdeutlicht Bernward Hoffmann den Zusammenhang von Medienerfahrung und Biografie als Ausgangspunkt für Erinnerungsarbeit. Die Medienbiografie ist selten im Vordergrund des Bewusstseins. Die Bewusstmachung medial vermittelter emotional aufwühlender Ereignisse lässt sich jedoch methodisch zur Erinnerungsarbeit nutzen:

  • Wo war ich, als ich von der Katastrophe von Ground Zero erfahren habe?
  • Mit welchen Menschen war ich zusammen?
  • Was war damals für mich wichtig?

So gelangt man zwanglos über erinnerte äußere Ereignisse zur Reflexion der eigenen inneren Welt in Vergangenheit und Gegenwart.

„Es gibt immer ein Lied, das von unserem Leben handelt”. So beginnt Hans Hermann Wickel seinen Beitrag Die Bedeutung von Musik für die Bewältigung kritischer Lebensereignisse”. Er verweist darauf, dass Musik ein bedeutsames Medium für die Erinnerungsarbeit sein kann. Seine These lautet: Die Funktion, sich mit Hilfe von Musik an bedeutungsvolle Situationen zu erinnern, ist mit Abstand die wichtigste und am häufigsten genutzte” (S. 296). Biografiearbeit mit Musik öffnet zwei Wege: Zum einen führt sie direkt zu außermusikalischen Ereignissen im Umfeld der erinnerten Melodien, zum anderen offenbart sie musikalische Ressourcen der beteiligten Personen und damit Ansatzpunkte für das Musizieren in der Gegenwart.

Nach diesen Überblickskapiteln folgt eine Sammlung exemplarischer Übungen für kreative Biografiearbeit mit den verschiedenen Altersgruppen: mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und alten Menschen. Diese achtzehn Übungen entstammen zum Teil einschlägigen Methodensammlungen anderer Autoren, zum Teil sind sie von Studierenden oder Lehrenden der FH Münster entwickelt und in Projekten erprobt worden.

Von diesem Abschnitt profitieren mit Sicherheit alle, die sich auf das Gebiet der praktischen Biografiearbeit begeben wollen oder bereits dort zu Hause sind und nach Anregungen suchen.

Fazit

Der Band bedient vor allem die Bedürfnisse von Studierenden, für die das Gesamtgebiet Neuland ist. Gleiches gilt für Berufsanfänger sowie für Praktiker, die sich erstmals diesem Gebiet nähern wollen.

Wer theoretisch am Thema interessiert ist, wird in den einleitenden Beiträgen der Heraus-geberinnen Hölze/Jansen zu den Grundlagen sozialwissenschaftlicher Biografieforschung und Biografiarbeit sowie in den Kapiteln von Rath (Biografisches Verstehen von Kindern) und Schwab (Kohärenz- und Identitätsentwicklung durch biografische Arbeit) reichhaltiges Material finden.

Wer nach Anregungen für praktische Arbeit und eigene Projekte sucht, wird in der umfangreichen Sammlung exemplarischer Übungen fündig werden.

Als deutlichen Mangel empfindet der Leser das Fehlen eines Stichwortverzeichnisses. Auch kann er der Etikettierung des Bandes als Lehrbuch nicht ganz zustimmen, fehlt diesem doch die didaktische Stringenz eines solchen Werkes. Das mindert jedoch in keiner Weise den Wert der einzelnen Beiträge und des Buches als ganzem. Es wäre jedoch treffender als Reader charakterisiert und ist als solcher zur Lektüre bestens zu empfehlen.


[1] Abgesehen davon ist das Gehirn lebenslang eine Baustelle, aber besondere Betriebsamkeit findet sich in den beiden genannten Etappen der Entwicklung


Rezensent
Prof. Dr. Gisbert Roloff
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Zitiervorschlag
Gisbert Roloff. Rezension vom 27.09.2010 zu: Christina Hölzle, Irma Jansen (Hrsg.): Ressourcenorientierte Biografiearbeit. Grundlagen - Zielgruppen - kreative Methoden. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16377-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10300.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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