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Ulrike Busch (Hrsg.): Sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte

Cover Ulrike Busch (Hrsg.): Sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte. Nationale und internationale Perspektiven ; [eine Tagungsdokumentation]. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2010. 187 Seiten. ISBN 978-3-8329-5943-2. 39,00 EUR, CH: 65,90 sFr.
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Thema

Die politische Dimension der Themen Partnerschaft, Sexualität und Familienplanung erschließt sich erst vor dem Hintergrund aktueller sozialwissenschaftlicher, politischer und öffentlicher Diskurse. Die Forderung nach sexueller und reproduktiver Gesundheit und Rechten für alle Menschen ist unter anderem im Kairoer Aktionsprogramm der Konferenz für Bevölkerung und Entwicklung (1994) sowie in den von der Weltbevölkerung erklärten Milleniumszielen, die bis zum Jahr 2015 erreicht werden sollen, festgeschrieben worden. Der Sammelband gibt einen Überblick darüber, wie es um die Erreichung dieser Teilziele rund um Sexualität und Fortpflanzung bestellt ist.

Herausgeberin

Prof. Dr. Ulrike Busch war Geschäftsführerin des Familienplanungszentrums Berlin und hat seit 2003 eine Professur für Familienplanung an der Hochschule Merseburg inne. Sie arbeitet ehrenamtlich in verschiedenen Gremien des pro familia Bundesverbandes und des Landesverbandes Berlin.

Entstehungshintergrund

Bei dem vorliegenden Sammelband handelt es sich um eine Dokumentation der gleichlautenden Fachtagung vom 14.-15.1.2010 an der Hochschule Merseburg.

Aufbau

Nach einer Einführung in das Thema durch Ulrike Busch mit dem Titel „Sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte – Zu Geschichte und Aktualität eines Paradigmenwechsels“ wurden die weiteren Artikel folgenden Kapiteln zugeordnet:

  1. Politische und fachpolitische Perspektiven
  2. Aspekte von Frauengesundheit, sexuellen und reproduktiven Rechten
  3. Interkulturelle Perspektiven sexueller Selbstbestimmung
  4. Sexuelle Orientierung und Selbstbestimmung
  5. Sexualität und Recht

Inhalt

Ulrike Buschs Einführungstext gibt einen groben historischen Überblick über die Familienplanung im antiken Griechenland, im mittelalterlichen Europa und nationalsozialistischen Deutschland sowie über die internationalen Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach einem kurzen Abschnitt zu den aktuellen Regelungen in einigen Ländern Europas zieht sie eine kritische Bilanz 15 Jahre nach der Kairoer Konferenz für Bevölkerung und Entwicklung.

Christel Riemann-Hanewinckel betrachtet relevante internationale Abkommen und Initiativen von 1945 bis heute aus frauenrechtlicher Perspektive. Darunter befinden sich z. B. die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen, die Antidiskriminierungs-Konvention CEDAW (1979), die Kinderrechtskonvention der UN (1989), die Wiener Erklärung (1993), das Aktionsprogramm der Weltbevölkerungskonferenz (1994), die Aktionsplattform von Peking (1995) sowie die Milleniumsentwicklungsziele (2000). Die Postulate in diesen internationalen Dokumenten kontrastiert sie mit der Lebensrealität von Frauen und zieht daraus Schlussfolgerungen für Politik und Gesellschaft.

Ulla Ellerstorfer beschreibt aufgrund ihrer Erfahrungen als Leiterin eines Familienplanungszentrums und als Mitglied des Bundesvorstands von pro familia Handlungsbedarfe und Herausforderungen zur Verbesserung reproduktiver und sexueller Gesundheit und Rechte in Deutschland.

Eva Johanna Kantelhardt und Christoph Zerm nehmen in ihrem Artikel zunächst eine Definition weiblicher Genitalverstümmelung (FGM) vor. Daran schließt sich eine Darstellung der aktuellen Situation und der Arbeit zur Überwindung von FGM an. In einem eigenen Abschnitt wird auf die Lage von betroffenen Migrantinnen in Deutschland eingegangen bevor abschließend Vorschläge zur Bekämpfung von FGM gemacht werden.

Eva Johanna Kantelhardt und Claudia Hanson betrachten zunächst Ansätze zur Bekämpfung der Müttersterblichkeit gestern und heute. Im Anschluss daran identifizieren sie mehrere Problemfelder bei der Umsetzung dieser Ansätze. Abschließend weisen sie auf die Konkurrenz um finanzielle Mittel mit Entwicklungshilfeprogrammen zur Bekämpfung von HIV/Aids hin.

Sarah Diehl weist in ihrem Artikel auf die in den letzten Jahren erstarkte Lobby von Initiativen und Organisationen von Abtreibungsgegnern in den USA, Europa sowie weltweit hin. Dabei deckt sie deren Strategien und Mechanismen auf, um die öffentliche Meinung sowie politische Personen in ihrem Sinne zu beeinflussen. Diese reichen über massive Einschüchterungsversuche von medizinischem Personal über die „global gag rule“, die unter Ronald Reagan eingeführt wurde und US-Entwicklungshilfe-Organisationen stark beeinträchtigte, bis hin zur Pathologisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Neuerdings wird auch der Kampf gegen Rassismus und Behindertenfeindlichkeit instrumentalisiert, um den Schwangerschaftsabbruch zu diskreditieren.

Patrick Franke beobachtet in seinem Text drei Bewegungen als Reaktion auf die Herausforderungen der sexuellen Moderne: Abwehrreaktionen, Anpassungsversuche und Gegenentwürfe. Zuvor beschreibt er ausführlich den Wandel der traditionellen islamischen Sexualethik bis in die Gegenwart.

Haci-Halil Uslucan beschreibt das Aufwachsen von jugendlichen Migrantinnen und Migranten im Bildungskontext des heutigen Deutschland. In diesem Zusammenhang geht er auch näher auf die empirisch belegte höhere Gewaltbelastung von Migrantinnen und Migranten ein.

Corinna Ter-Nedden arbeitet in der Berliner Kriseneinrichtung für junge Migrantinnen Papatya. Dort finden Mädchen mit Migrationshintergrund Zuflucht, die in ihrer Familie Gewalterfahrungen aufgrund von Zwangsverheiratung oder ihres Lebensstils machen. Anhand zweier Fallbeispiele wird die innerfamiliäre Zuspitzung von Konflikten deutlich, die die jungen Mädchen oftmals zur Flucht veranlasst. Wie die Erfahrung zeigt, hat der Ehrbegriff aus den jeweiligen Herkunftsländern die Migration überlebt. Eine wichtige Schlüsselfrage in diesem Kontext lautet, ob die Eltern ihrer Tochter erlauben würden, einen von ihnen vorgeschlagenen Partner abzulehnen.

Anne Thiemann geht der Frage nach, in wie weit die Rechtsansprüche von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern, Trans- und Intersexuellen (LSBTI) im internationalen Menschenrechtsschutzsystem der letzten 15-20 Jahre entwickelt und anerkannt wurden. Dabei werden sowohl die internationalen Bemühungen im Kampf gegen die Diskriminierung deutlich, aber auch die großen Defizite und der immer noch bestehende Handlungsbedarf bei der Durchsetzung konkreter Rechtsansprüche.

Ken Kupzok beschreibt in seinem Text eine Methode, die Jugendlichen aber auch Erwachsenen eine Auseinandersetzung mit der kulturellen Vielfalt und ihrer Beziehung zum Selbstverständnis von Sexualität und Geschlecht ermöglicht. Die Methode greift auf das Beispiel der Hijras zurück, die in Indien ein drittes, androgynes Geschlecht neben Mann und Frau darstellen.

Helmut Graupner beschäftigt sich mit dem Rahmenbeschluss der Europäischen Union zur Bekämpfung der Kinderpornografie und der sexuellen Ausbeutung von Kindern. Aus juristischer Perspektive fragt er danach, wo die Umsetzung dieser Richtlinien Kinder und Jugendliche schützt und wo diese unnötig bevormundet werden. Die Umsetzung der Richtlinien in Deutschland führte trotz der Berücksichtigung der geäußerten Kritik an mehreren Stellen dazu, dass das Recht auf Schutz vor sexuellem Missbrauch und Gewalt zu Lasten der sexuellen Selbstbestimmung geändert wurde.

Diskussion

Der Sammelband gibt einen relativ breit gefächerten Überblick über die verschiedenen nationalen und vor allem internationalen Beschlüsse, Vereinbarungen und Regelungen, die reproduktive und sexuelle Gesundheit und Rechte betreffen. Dabei stehen in der Mehrzahl der Artikel die Rechte von Frauen im Mittelpunkt. Nach der Lektüre aller Artikel ergibt sich für die Leserin und den Leser ein aktueller Stand zu wichtigen Themen wie z.B. weibliche Genitalverstümmelung, Müttersterblichkeit, Schwangerschaftsabbruch oder international anerkannten Rechtsansprüchen von LSBTI.

Besonders informativ sind die Artikel von Sarah Diehl, Patrick Franke und Helmut Graupner. Diehl berichtet über den weltweiten Backlash, der in den letzten 20 Jahren vor allem von konservativen Kräften im Bereich der Familienplanung und des Schwangerschaftsabbruchs vorangetrieben wurde, und entlarvt deren Strategien und Methoden der Einflussnahme. Franke beschreibt die Entwicklung einer islamischen Sexualethik seit dem Mittelalter und trägt so zu ihrem besseren Verständnis bei. Noch aufschlussreicher ist jedoch seine differenzierte Analyse unterschiedlicher Reaktionen auf die sexuelle Moderne im islamischen Kulturkreis. Graupner bringt Licht in die Debatte um die Verschärfung des Gesetzes zur Bekämpfung der Kinderpornografie und sexuellen Ausbeutung von Kindern, das in der deutschen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen worden ist und demnächst aufgrund einer neuen europäischen Richtlinie weiter verschärft werden könnte.

Trotz der im Buch versammelten Expertise zu den unterschiedlichen Spezialthemen behandelt kein Artikel die strukturellen Zusammenhänge der Diskriminierung von Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund oder Behinderung und LSBTI. Eine kritische und explizite Analyse der Machtstrukturen und der damit verbundenen Hierarchien bleibt aus. Dabei wird die Grundlage für die Diskriminierung bestimmter Gruppen dadurch gelegt, dass an entscheidenden Stellen über den Ein- oder Ausschluss einer Gruppe bzw. über die Legalität oder Illegalität einer Handlung befunden wird, ohne dass die „Betroffenen“ selber gehört oder berücksichtigt werden. Die heute immer noch bestehenden Probleme im Zusammenhang mit den reproduktiven und sexuellen Rechten bzw. der Gesundheit lassen sich nicht lösen, ohne die Entscheidungsprozesse in den einzelnen Ländern, Parlamenten und internationalen Gremien in Frage zu stellen. Wer gegen diesen Missstand eine wirkungsvolle Strategie entfalten will, sollte nach Verbündeten für mehr sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung, Gesundheit und Rechte suchen. Frauen, Menschen mit Behinderung oder LSBTI könnten national wie international mehr erreichen, wenn sie eine Allianz bildeten, um die gemeinsamen Ziele zusammen zu erreichen, anstatt dies weiter allein zu versuchen. Eine solche Strategie wird leider in dem vorliegenden Sammelband von keinem Autor und keiner Autorin erwähnt geschweige denn angedacht oder entwickelt.

Fazit

Das Buch mit dem eher sachlichen und nüchternen Titel beinhaltet zahlreiche informative Artikel über wichtige Entwicklungen der letzten Jahre, die mit sexuellen und reproduktiven Rechten und Gesundheit zusammenhängen und viel zu undifferenziert in der deutschen Öffentlichkeit diskutiert und wahrgenommen werden. Darunter fallen sowohl Themen wie Familienplanung und Verhütung, Müttersterblichkeit, weibliche Genitalverstümmelung, Schwangerschaftsabbruch, die zwischen den Kulturen geführten Kontroversen um eine moderne Sexualethik, sowie der Schutz sexueller Minderheiten vor Diskriminierung und die Änderungen der Gesetze zur sexuellen Ausbeutung von Kindern in der EU. Der Sammelband bietet die Gelegenheit, sich bzgl. all dieser Themen in relativ kurzer Zeit einen guten und kompetenten Überblick zu verschaffen. Dem Buch sind daher möglichst viele Leserinnen und Leser zu wünschen.


Rezensent
Dr. Stefan Timmermanns
Dozent an einer Fachschule für Sozialpädagogik, 2008-2011 Fachreferent bei der Deutschen AIDS-Hilfe e.V., Vorsitzender der Gesellschaft für Sexualpädagogik e.V.
Homepage www.timmermanns.eu
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Zitiervorschlag
Stefan Timmermanns. Rezension vom 06.01.2011 zu: Ulrike Busch (Hrsg.): Sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte. Nationale und internationale Perspektiven ; [eine Tagungsdokumentation]. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2010. ISBN 978-3-8329-5943-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10315.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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