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Irena Medjedović, Andreas Witzel: Wiederverwendung qualitativer Daten

Cover Irena Medjedović, Andreas Witzel: Wiederverwendung qualitativer Daten. Archivierung und Sekundärnutzung qualitativer Interviewtranskripte. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 165 Seiten. ISBN 978-3-531-15571-5. 19,95 EUR.

Unter Mitarbeit von Reiner Mauer und Oliver Watteler. Mit einem Vorwort von Ekkehard Mochmann.
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Thema

Die häufigste qualitative Form der Datenerhebung ist das audio- oder videoaufgezeichnete Interview. Seine Verschriftlichung erfordert einen hohen Aufwand. Schon deshalb könnte es sich lohnen, die Transkripte in weiterer Forschung wiederzuverwenden. Autorin und Autor des vorliegenden Buches zeigen, dass dies in Deutschland noch kaum gebräuchlich ist. Sie stellen dar, welche Erträge solche Sekundäranalysen zu liefern vermögen und welche Strategien dafür einzuschlagen wären. Verbunden damit ist die Idee, eine bundesweite Serviceeinrichtung zu schaffen, die sich sowohl an die GeberInnen von Daten wendet als auch an die potentiellen WeiternutzerInnen. Wie eine solche Einrichtung zweckmäßig aussehen könnte, wird im Buch anhand einer Machbarkeitsstudie ermittelt.

Autorin und Autor(en)

Die Hauptautorin und der Hauptautor arbeiten bzw. arbeiteten an der Universität Bremen, am Archiv für Lebenslaufforschung der Bremen International Graduate School of Social Sciences (BIGSSS). Einen Teil der im Buch referierten Machbarkeitsstudie hat Reiner Mauer bearbeitet. Oliver Watteler hat den Textabschnitt verfasst über „Datenschutz und die Archivierung von Daten der qualitativen empirischen Sozialforschung“ (S. 63–85). Beide sind tätig am Datenarchiv für Sozialwissenschaften der GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften in Köln.

Entstehungshintergrund

Für die Sekundärnutzung qualitativer Daten fehlt es laut Medjedović und Witzel in Deutschland an einer entsprechenden Kultur. So ist auch ein Service zur Wiederverwertung der Daten kaum institutionalisiert und organisiert. Selbst die wissenschaftliche Diskussion über Möglichkeiten und Grenzen der Sekundärnutzung stehe eher noch am Anfang. Es wird angestrebt, dass sich das Archiv für Lebenslaufforschung in Bremen zum Kern eines bundesweiten Servicezentrums für qualitative Daten (QualiService) entwickelt.

Aufbau und Inhalt

Der Haupttext besteht aus sechs Kapiteln von sehr unterschiedlicher Länge (zwischen 4 und 39 S.). Das erste Kapitel stellt den Stand der Forschung zur Sekundäranalyse qualitativer Daten dar. Hier wird vor allem der Nutzen einer Wiederverwendung beschrieben. So können vorhandene Transkripte unter neuen theoretischen Gesichtspunkten untersucht werden; es ist möglich, Daten aus mehreren Untersuchungen gemeinsam auszuwerten; und gerade bei begrenzten eigenen Forschungsressourcen – wie in der Hochschullehre oder bei Qualifizierungsarbeiten – lässt sich kostengünstig das bereitgestellte Material nutzen.

Kap. 2 schildert ausführlich ein empirisches Beispiel: anhand einer Studie zur „Berufsfindung und Berufsberatung“ im lebenslaufbezogenen Übergang von der Schule in den Beruf. Es handelt sich um eine qualitative Sekundäranalyse aus den 1980er Jahren (durchgeführt an der Universität Bremen mit Daten mehrerer eigener und fremder Untersuchungen), an der Witzel bereits beteiligt war. Da diese Studie – mit über fünfhundert Seiten – inzwischen frei im Internet zugänglich ist, bietet sich den LeserInnen des Buches die Möglichkeit einer intensiven Vertiefung. Medjedović und Witzel bemühen sich, das damalige Vorgehen in den heutigen Rahmen der Diskussion zu stellen.

Der Sache gemäß, sind methodologische Besonderheiten schon in den beiden ersten Kapiteln zur Sprache gekommen; das dritte behandelt nun aber explizit die methodologischen Voraussetzungen und auch die Einwände, die dagegen geführt werden (können). Hierzu wird die entsprechende Literatur zitiert. Außerdem werden die speziellen Fragen des Datenschutzes, die eine Sekundäranalyse aufwirft, differenziert erörtert. Das Kapitel schließt mit einer Darstellung der Archivsituation für qualitative Daten, sowohl im internationalen als auch nationalen Rahmen.

Dazu heißt es: „In Deutschland existieren bislang nur eine Reihe dezentraler Archive für unterschiedliche qualitative Daten“ (S. 89). Das Buch bietet in Auswahl eine tabellarische Beschreibung von 14 solcher Archive (S. 90 f.). Darunter befindet sich die im Aufbau stehende „Arbeitsstelle: Pädagogische Kasuistik“ am Institut für Erziehungswissenschaften der Technischen Universität Berlin. Sie archiviert „Protokolle pädagogischer Praxis, z.B. Beobachtungsprotokolle, Video-/Audiografien oder Transkripte pädagogischer Interaktionen“ (S. 90). Vielen der „meist kleinen Spezialarchive“ fehle noch eine befriedigende Infrastruktur, „internetfähige Datennachweissysteme“ oder die Garantie einer Langzeitsicherung (S. 91 f.).

Das vierte Kapitel berichtet von einer Machbarkeitsstudie, die Perspektiven der Sekundäranalyse qualitativer Interviewdaten und mögliche Archivlösungen entwickeln sollte. Befragt wurden LeiterInnen von qualitativen Forschungsprojekten. Durchgeführt wurde die Studie schon in den Jahren 2003–2005, basierend auf einer postalischen Befragung, ergänzt durch ExpertInneninterviews. Gegenstände waren „Art und Umfang, Archivierungswürdigkeit und Nutzungsmöglichkeiten des von den Befragten erhobenen qualitativen Interviewdatenmaterials“ (S. 15), Befürwortung und Einwände gegen ein zentrales Archiv.

Kap. 5 zieht Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen der Studie für das geplante bundesweite Servicezentrum (QualiService). Die Ergebnisse zeigen zum einen den Bedarf. Zum anderen lassen sich die Aufgaben eines solchen Zentrums beschreiben: Diese liegen in der Akquisition von hauptsächlich qualitativen Interviewdaten und Transkripten, in deren Aufbereitung und Dokumentation sowie schließlich in deren Bereitstellung und langzeitlichen Sicherung. Das kurze sechste Kapitel gibt einen Ausblick auf dieses Projekt, das sich auf unterschiedliche sozialwissenschaftliche Gebiete und Disziplinen erstrecken soll.

Diskussion

Als NutzerIn aus einem großen Pool transkribierter qualitativer Interviews schöpfen zu können, und das aus der gesamten Breite sozialwissenschaftlicher Themen, nährt die Hoffnung, ohne erheblichen finanziellen und zeitlichen Aufwand an geeignetes Forschungsmaterial zu gelangen. Etwas gewöhnungsbedürftiger ist die Vorstellung, eigenes Daten- und Transkriptmaterial zur Verfügung zu stellen und diese Aufgabe schon von Anfang an im Forschungsprozess zu berücksichtigen. Es gilt tatsächlich, eine Art von „Data-Sharing-Kultur“ (S. 16) zu entwickeln.

In der Regel dürften vorliegende Transkripte qualitativer Interviews unterschiedliche Auswertungsverfahren zulassen. Bei der im Buch beschriebenen Studie zur Berufsfindung und Berufsberatung wurde ein tabellarisches Schema entwickelt, das in Auswertungsbögen umgesetzt wurde. Es wären jedoch auch offenere, extensivere Formen möglich (wie anhand der Interpretationstechnik der Objektiven Hermeneutik). Beim zu wählenden Vorgehen kann man sich von einigen der methodologischen Kernsätze (S. 60 f.) im Buch leiten lassen: „Die Sekundäranalyse verlangt nicht weniger Kenntnisse, Sorgfalt und Sensibilität als der primäre Forschungsprozess. Die Herausforderung besteht darin, sich mit der Natur der vorliegenden Daten, ihren Erhebungsmethoden und deren Implikationen für die Analyse und Interpretation vertraut zu machen.“

Das Buch zeichnet sich insgesamt durch eine sorgfältige Darstellung, klare und schlüssige Argumentation aus. Es dürfte vor allem Erwartungen bei denjenigen wecken, die bereits jetzt in Forschung oder Lehre mit der Wiederverwendung qualitativen Forschungsmaterials, nicht nur von Interviews, experimentieren. Mit seiner grundlegenden Herangehensweise eignet sich das Buch aber auch für Sozialforschende, die sich erst einmal ein Bild von Sekundäranalysen, deren Voraussetzungen, Anwendbarkeit und möglichem Ertrag machen wollen.

Fazit

Es handelt sich um ein präzise geschriebenes Buch, das den Nutzen qualitativer Sekundäranalysen einsichtig macht. Es lässt ebenso klar nachvollziehen, welchen erheblichen Nutzen für die Forschung ein zentrales, dauerhaftes Datenarchiv mit einem professionellen Wissensmanagement erbringen könnte.


Rezension von
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 29.11.2010 zu: Irena Medjedović, Andreas Witzel: Wiederverwendung qualitativer Daten. Archivierung und Sekundärnutzung qualitativer Interviewtranskripte. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-15571-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10316.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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