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Eckhard Frick, Traugott Roser (Hrsg.): Spiritualität und Medizin

Cover Eckhard Frick, Traugott Roser (Hrsg.): Spiritualität und Medizin. Gemeinsame Sorge um den kranken Menschen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2009. 304 Seiten. ISBN 978-3-17-020574-1. 26,80 EUR.

Münchner Reihe Palliative Care - Band 4.
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Herausgeber

Eckhard Frick sj, (geb. 1955), Prof. Dr. med., Er lehrt an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München Psychosomatische Anthropologie, ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychiater und Lehranalytiker des C.G.Jung-Instituts München und Mitglied des Jesuitenordens. Seit 2010 nimmt er außerdem die Stiftungsprofessur für Spiritual Care am Interdisziplinären Zentrum für Palliativmedizin (IZP) der Universität München (LMU) – zusammen mit Traugott Roser – wahr.

Traugott Roser, (geb. 1962), PD Dr. theol., ist Pfarrer der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern, war als Seelsorger in der Gemeindeseelsorge und am IZP tätig, sowie als Dozent für Pastoraltheologie an der LMU München und als Visiting Professor an der McGill University Montral, Quebec, Kanada. Seit 2010 nimmt er zusammen mit Eckhard Frick die Stiftungsprofessur für Spiritual Care am IZP wahr und ist als Seelsorger am Augustinum München-Neufriedenheim tätig.

Thema

Eine Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft und die individuelle Religiosität nimmt Einfluss auf Werteinstellungen und ihre Folgen, auch für Entscheidungen über die Art und Weise von medizinischer Therapien, ebenso auf den Umgang mit Krankheit und ihre Verarbeitung durch den Patienten, auf die Professionalität in den Gesundheitsberufen und die berufliche Motivation.

Durch Begriffsklärungen um „Spiritualität in der Medizin“ wird deutlich, dass es sich im Bereich der Kirchen sowohl um ein Spannungsfeld, einen Konsens und eine Ressource zugleich handelt. In Feld des Gesundheitswesens sind Konsens und Operationalisierungen von Spiritualität und geistlicher Begleitung nötig, die hier als „Spiritual Care“ benannt werden.

Entstehungshintergrund

Seit 2000 trafen sich im „Arbeitskreis Spiritualität und Medizin an der LMU“ Ärzte und Ärztinnen, Psychologen,Klinikseelsorgerinnen und -seelsorger an den Kliniken der LMU mit Ethikern und Theologen der theologischen Fakultäten. Dabei wurden durch die Teilnehmenden in Statements Anfragen aus jeweils anderer theoretischer oder praktischer Perspektive in diesen interdisziplinären Arbeitskreis eingebracht. So entstand ein größerer Teil der Beiträge dieses Bandes. Sie bewegen sich im Themenfeld von Ethik und Medizin, auch über Fragen der Begrifflichkeit und die Themen der Medizinethik hinaus, bis in verschiedene konkrete Fragestellungen. Durch das Buch entsteht im Nachhinein ein Einblick in die Diskussionen und Themenbereiche dieses interdisziplinären Arbeitskreises.

Aufbau

Das Buch enthält folgende fünf Teile:

  • Teil A. Spiritualität Zur Theorie eines vieldeutigen Begriffs
  • Teil B. Spiritualität zwischen säkularisierter Beliebigkeit und kirchlicher Normierung
  • Teil C Spiritual Care als Thema von Medizin und Pflege
  • Teil D Interkulturelle und interreligiöse Perspektiven
  • Teil E: Spirituelle Praxisfelder im Gesundheitswesen

Teil A. Spiritualität Zur Theorie eines vieldeutigen Begriffs

Bernhard Grom sj stellt in „Spiritualität – die Karriere eines Begriffs. Eine religionspsychologische Perspektive“ das Thema vor: Seit den 1960er Jahren kam durch verschiedene Faktoren Bewegung in die Gebrauchs- und die Bedeutungsfacetten des Begriffs Spiritualität, der 1995 auch Eingang in einen Fragebogen der Weltgesundheitsorganisation zur Erhebung gesundheitsbezogener Lebensqualität fand . Neben den Möglichkeiten Spiritualität auch global zu definieren wird die aktuelle Diskussion um die Begriffe Religiosität und Spiritualität kritisch skizziert.

Konral Hilpert versucht in „Der Begriff Spiritualität. Eine theologische Perspektive“ einerseits zu diskutieren, was der Begriff Spiritualität bedeutet. Auf dieser Basis versucht der Autor auszuführen, wie sich die Erfahrung von Krankheit als Einsatzstelle christlicher Spiritualität zeigt. Spirituelle Sorge und Begleitung für Kranke zeigen sich so als besondere Konsequenzen der Berufung aller Christinnen und Christen in der Nachfolge Jesu.

Ulrich H.J. Körtner argumentiert im Beitrag „Für einen mehrdimensionalen Spiritualitätsbegriff: Eine interdisziplinäre Perspektive“, für einen präzisen, differenzierten und kritischen Gebrauch des Begriffs Spiritualität, im Allgemeinen, wie auch im Bereich der Medizin. Er geht ebenso auf die christliche Geschichte des Begriffs ein, wie auch auf die Beziehung zwischen Religion, Kultur und Medizin im Kontext einer multikulturellen Gesellschaft, schließlich entwickelt er auch ein breiteres Verwendung des Begriffs durch die Formulierung von sechs Thesen.

„Spiritualität. Ein soziologischer Versuch aus soziologischer Sicht“ wird von Armin Nassehi beigesteuert: Spiritualität kann gesehen werden als besondere Form der religiösen Kommunikation, die sich auf die persönlichen authentischen Ressourcen des Sprechers bezieht. Sie ist vielleicht die „Kommunikationsform, die es ermöglicht Kommunikation aufrecht zu erhalten, wo es keine vernünftigen Gründe mehr gibt, nur noch eine Praxis, in der sich alle Beteiligten wiederfinden,“ betroffene Patienten und professionell Handelnde.

Traugott Roser stellt in „Innovation Spiritual Care: Eine praktisch-theologische Perspektive“ die Zunahme von Publikationen zu Spiritualität in den Gesundheitswissenschaften dar. Er geht auf die Unbestimmbarkeit des Begriffs von Spiritualität ein. Dieses vermeintliche Problem birgt zugleich ein innovatives Potential für die Gesundheitswissenschaften: Er schützt die Freiheit des Individuums vor einer Verfügung durch verfasste Religionsgemeinschaften und vor objektivierenden Tendenzen des medizinisch-technischen Apparats. Für eine ganzheitliche Medizin, die mit multiprofessionellen Teams arbeitet, kann dies zur Ressource werden

Teil B. Spiritualität zwischen säkularisierter Beliebigkeit und kirchlicher Normierung

Konral Hilpert geht der Frage nach :„Spiritualität – esoterisches Gegenphänomen zu traditionell kirchlicher Frömmigkeit?“ Der Begriff Spiritualität umfasst einerseits eine spezifische religiöse Lebensweise innerhalb einer Kirche, andererseits innere Erfahrungen ohne engere Bindungen an eine besondere religiöse Gruppe. Hilpert vergleicht beide Weisen des Gebrauchs und skizziert, wie sich kirchlich verantwortete Seelsorge in dieser Vielfalt von Spiritualitäten sinnvollerweise verhalten kann.

Auch Klaus Schmucker geht in „Ist Spiritualität katholisch? Ökumenische Reflexionen“ auf die Vielfalt des Begriffs ein, mit seine Wurzeln in den Traditionen der Christenheit und seinen verschiedenen Ausprägungen und Gestaltungen in der Römisch-Katholischen Kirche und den Kirchen der Reformation. Sämtliche Wege gründen dabei auf ihre Weise in einem besonderen Verständnis der Dreifaltigkeit. Nach einem neuen Aufschwung der Themen der Spiritualität im 20. Jahrhundert sehen sich die Kirchen in einer Situation des gegenseitigen Voneinander-Lernens.

In „Der Geist der Wahrheit und die Legion der Spiritualitäten. Ein orthodoxer Blick auf die Klinikseelsorge im religiösen Pluralismus“ weisen H.Trisan Engelhardt, Jr. und Corinna Deleskamp-Hayes auf die Probleme eines pluralen Spiritualitätsbegriffs hin: Zu Beginn des 21. Jahrhunderts steht das Berufsbild des Klinikseelsorgers im Schnittpunkt unvereinbarer Erwartungen: Neben einer möglichen therapeutischen Orientierung an den medizinischen Diensten als steht eine Orientierung an den Anforderungen des jeweiligen Krankenhaus(träger)s, sowie die (traditionelle) Orientierung an der Religion bzw. Konfession. Die jeweilige Rollenausprägung kann in Bezug gesetzt werden zur speziellen Vorstellungen von Seelsorge und deren Aufgabe, ebenso zu jeweils damit korrelierenden Vorstellungen über Gott, speziell über den Heiligen Geist – ein dogmatisches Themenfeld also. Durch ein säkularisiertes Umfeld ist der Seelsorger ständigen inneren und äußeren Konflikten ausgesetzt, Spiritualität wird dort leicht reduziert auf ein Phänomen, das für das subjektive und als solches psychologisch erfassbare Wohlbefinden der zu betreuenden Patienten (wie auch der Angehörigen und mitbetreuenden Pflegedienst Leistenden) unverzichtbar ist, andererseits aber unbestimmt bleibt. Konfliktfrei kann ein Seelsorger nach diesen Überlegungen in einem säkularisierten Kontext nur überleben,wenn er auf die auf die theologische Frage nach der Wahrheit des Heiligen Geistes verzichtet.

Peter Bertram, Siegfried Kneißl und Thomas Hagen beschreiben unter „Krankenhausseelsorge – Qualität im Kontext von Spiritual Care“ die Aufgaben und den Auftrag der Krankenhausseelsorge, ein Konzept der Sorge für die Kranken und ihre Angehörigen sowohl in der Römisch-Katholischen als auch in den Lutherischen Kirchen. Im Besonderen gehen sie auf Aspekte von Qualität von Seelsorge und deren Integration ins Kliniken ein. Krankenhausseelsorge basiert auf deinem christlich-biblischen, ganzheitlichen Verständnis des Menschen, und hat auch die körperlichen und psychischen Nöte im Blick. Spirituelle Kompetenz, die auch in Präsenz und Verlässlichkeit sichtbar ist, wird allen Patienten und Patientinnen, ihren Angehörigen, unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit zur Verfügung gestellt. Neben einem Gesprächs- und Beratungsangebot geschieht dies in Formen des Gebets, der liturgischen Feiern, Zeichen und Sakramenten, in Angeboten für Mitarbeitende der Klinik. In der Zusammenarbeit mit den verschiedenen Professionen wird die Sorge für die spirituellen Bedürfnisse als Bestandteil einer „ganzheitlichen Zuwendung“ verstanden.

Stefan Kiechle sj stellt in „Leib für den Geist: Eine ignatianische Reflexion“ vor. Er spricht von Spiritualität als Leben aus dem Geist, den es zu entdecken und wahrzunehmen gilt. In vielfältigen Formen spiritueller Praxis wird dabei versucht, sich vom Geist Gottes, der heilt, leiten zu lassen, die „Geister“ (nach Ignatius von Loyola die verschiedenen inneren Regungen im Menschen) unterscheiden zu lernen, ebenso auch Jesus Christus als Bild des Lebendigen Gottes zu schauen.

Teil C Spiritual Care als Thema von Medizin und PflegeInt

„Spiritual Care in der Psychosomatischen Antropologie“ wird von Eckhard Frick sj vorgestellt. Er erinnert daran, dass „Spiritualität“ in denjenigen geschichtlichen Kontexten auftaucht, in denen die institutionelle Religion zu erstarren droht, ebenso an die traditionelle Skepsis der Anthropologie und der Psychosomatik gegenüber spirituellen Fragen, sowie an das Konzept des Bindungsverhaltens (anschließend an die Bindungstheorie von Bowlby), an den Typ einer „symbolischen Bindung“ bei der Gott als letzte Bindungsfigur zur Verfügung steht. Er nimmt Bezug zum psychosomatischen Spiritualitätskonzept der Selbsthilfe-Bewegung der Anonymen Alkoholiker und beschreibt ein Konzept von Spiritual Care als Sorge für sich selbst und andere Menschen. Aus der Perspektive der Antropologie wäre Spiritual Care eine Gestalt der Exzentrizität des Menschen, die zu seiner Gesamtheit gehört. Er legt die Annahme nahe, dass sie nicht nur Risiken, sondern auch ein Bewältigungs-, Entwicklungs- und Deutungs-Potential beinhaltet.

Gian Domenico Borasio reflektiert Spiritualität in der Palliativmedizin/Palliative Care“. Zum Einen analysiert er die Begriffe Palliative Care, Palliativmedizin und Hospizarbeit und ihren Bezug zueinander, in der historischen Verortung, der Situation in Deutschland und der aktuellen Situation. Zum Zweiten geht er auf auf der Grundlage von empirischen Studien auf Spiritualität in Kontext von Palliative Care ein, besonders auf Wertvorstellungen am Lebensende, auf die Erfassung spiritueller Bedürfnisse aus ärztlichen Rolle heraus, auf die spirituelle Grundkompetenz aller in einem Palliativteam und auf mögliche Implikationen für die Aus-Fort und Weiterbildung.

Reinhard Patz berichtet über die Ausbildung von Studierenden der Medizin am Anfang ihres Studiums: „Am Anfang steht der Tod. Die Spirituelle Dimension des anatomischen Präparierkurses“. Wichtige Funktionen nehmen dabei die Motivation der Studierenden und die Art der Konfrontation mit dem Leichnam, sowie die Vorbild- und Modellfunktion der Lehrenden ein. In dieser Phase der Ausbildung scheinen Grundlagen für eine respektvolle objektivierende Haltung eines wissenschaftlich Handelnden, wie auch für die Entwicklung der Empathie der Studierenden zu liegen.

Hermann Diezfelbinger präsentiert Eine „kleine Spiritualtät“ für Onkologen“: Nach einer Reihe von Jahrzehnten, in denen man sich um die Heilbarkeit von Krebs mühte, trat eine Stagnation im Fortschritt der Disziplin der Onkologie ein. In vielen Fällen kann ein langanhaltender guter und lebenswerter Allgemeinzustand erhalten werden, auch wenn keine wirkliche Heilung erzielt werden kann. Im Paradigmenwechsel von einer Lebensquantität zur Lebensqualität beginnen Psychoonkologie und Spiritualität neue bedeutsame Rollen in der Onkologie zu bekommen – in vielem steht man hier jedoch noch am Anfang.

Carola Riedner erläutert die Spiritualität in der Psychoonkologie“ mit einem Rundblick in die Psychoonkologie. Sie sieht den ihren Fokus dieses Fachs nicht nur in der kurativen Therapie, sondern ebenso in der Behandlung chronischer, also unheilbar kranker Krebspatienten. Dabei kommen oft verborgene und übersehene Dimensionen in den Blick – wie auch in der WHO-Definition von Palliative Care die psychischen, sozialen und spirituellen Bedürfnisse der Patienten genannt werden. Riedner schildert dies durch Beispiele aus ihrer Praxis.

Monika Führer, Claudia Sommerauer und Traugott Roser gehen auf die besondere Herausforderung palliativer Situationen bei Kindern ein – Kinderheilkunde: Spirituelle Begleitung sterbender Kinder und ihrer Familien“: Die WHO-Definition von Palliative Care für den Bereich der Pädiatrie entspricht dem der der allgemeinen Definition, fügt als Adressaten ausdrücklich – neben dem Patienten, dem Kind also, – die Familie mit ihren jeweiligen körperlichen, psychischen, sozialen und spirituellen Bedürfnissen hinzu. Es ergeben sich in der spirituellen Begleitung besondere Herausforderungen in der Kommunikation, die Berücksichtigung der jeweiligen körperlichen, geistigen und seelischen Entwicklung des Kindes, der Besonderheiten der Familie als Betreuungssystem, wie auch verschiedene Deutungsebenen im Umgang mit Symptomen und Möglichkeiten der Unterstützung der Familien.

Eckhard Frick sj interviewt Christine Klingl zu den „Chancen für Spiritual Care in einer materialistischen Medizin und Pflege“. Als besonders wichtig für die Arbeit in der Pflege („Die Pflege ist am nächsten dran“) werden die Haltungen der Wertschätzung, der Offenheit und Achtsamkeit gesehen, sowohl für die eigene Spiritualität der im Gesundheitsbereich beruflich Tätigen, wie auch für die individuellen spirituellen Bedürfnisse der Patienten.

Beate Augustyn stellt die PerspektiveSpiritual Care in der Pflege“ vor. „In der Pflege von Menschen am Lebensende begegnen Pflegende Patienten auf der Suche nach Antworten auf Fragen“, und sie begleiten die Patienten und ihre Angehörigen auf ihrem individuellen Weg, auch in diesen Fragen. Auch wenn es nicht zu den spezifischen Aufgaben von Pflege zu gehören scheint – die Patienten suchen sich ihre Gesprächspartner aus. Hierbei ist es wichtig, sich der eigenen Fragen, Zweifel und Hoffnungen bewusst zu sein. Vieles bleibt dabei unausgesprochen und kommt in der Haltung der Pflegenden zum Tragen.

Teil D Interkulturelle und interreligiöse Perspektiven

Tom Kutschera stellt „Jüdische Spiritualität an den Grenzen des Lebensintervalls“ vor, ein modernes Konzept, das auf biblischer Grundlage die Dynamik in der Welt um den Menschen beschreibt. Das beinhaltet religiöse, kognitive und praktische Aspekte, so z.B. die religiösen Grundlagen der Pflege von Sterbenden, das Konzept der Trennung von rituell (nicht moralisch) rein und unrein, die darauf aufbauende Praxis der rituellen Waschung des toten Körpers, vier chronologische Stufen der Trauerzeit und vier rituelle Mittel in der Trauer.

Metin Avci beschreibtKrankheitsbewältigung aus Sicht des Koran und heutiger islamischer Spiritualität“. Islamische Spiritualität vorgestellt als eine Lebenseinstellung, die nach Sinn und Bedeutung des Lebens sucht. An praktischen Bespielen der Umsetzung wird auf die aktive Rolle des Kranken verwiesen, das Gebet als Ressource der Krankheitsbewältigung genannt, die Regularien der Anrufungen bei Krankheit und beim Sterben, die Aufgaben eines Sterbenden, seiner Angehörigen und anderer anwesender Personen, Rituale des Sterbeprozesses, der Trauer und des Abschieds vom Leichnam. Der Umgang mit dem Tod eines Menschen wird geprägt vom Respekt vor dem Menschen als „ehrwürdigstes aller erschaffenen Geschöpfe“.

Im Beitrag „Die französischsprachige Welt. Der Begriff der Spiritualität in Medizin und Pflege“ erläutern Cosette Odier (unter Mitarbeit von Annette Mayer) die Begrifflichkeit und seine Bedeutung in diesem kulturellen Raum.

Ariel Marcon Prada stellt „Spiritualität im lateinamerikanischen („postkatholischen“) Kontext“ vor. Durch den Verlust einer durchgängig kirchlich geprägten Kultur war ein Schwinden einer Kultur von spirituellen Begleitung zu beobachten, in der letzten Zeit wird in persönlicherer und tieferer Weise wieder damit begonnen.

Susan Bawell Weber schildert „Erfahrungen mit Spiritual Care in Deutschland und den USA“. Sie vergleicht die religiöse Situation in Deutschland und den USA, und geht auf im Einzelnen auf Patientenbedürfnisse in der Onkologie und in Palliative Care in beiden Kulturen ein.

Monika Kögler und Martin Fegg beleuchten „Spiritual Care im virtuellen Raum des Internet“ mit den Chancen und Grenzen, gegenwärtige Tendenzen und Zukunftsszenarien, die dieses Medium bietet.

Maria Wasner „Spiritual Care und gender“ – Maria Wasner berichtet über die Entwicklung der Gender-Forschung in der Medizin, auch solche, die Aspekte der Spiritualität mit einschließen. Trotz einiger vorliegender Hinweise auf gender-bedingte Unterschiede in Bezug auf Spiritualität und Gesundheit liegen noch zu wenig Daten vor, um Handlungsempfehlungen für Spiritual Care ableiten zu können.

Teil E: Spirituelle Praxisfelder im Gesundheitswesen

Monika Kögler und Martin Fegg wenden sich der Frage zu: „Kann man Spiritualtität messen? Operationalisierung des Begriffs“. – Durch eine Operationalisierung, also eine präzise Angabe der Vorgehensweise, mit der ein theoretisches Konstrukt empirisch überprüft werden kann. Dies geschieht bei quantitativen durch Beschreibung der Fragebögen und der Art und Weise, wie die Daten interpretiert werden können, bei qualitativen werden Begriffe definiert und die Vorgehensweise ebenfalls genau beschrieben. So lässt sich zwar nicht „Gott, Glaube Religiosität […], Spiritualität messen“, aber durch ein Herstellen von Vergleichbarkeit des Vorgehens werden spezielle Themen dabei für andere nachvollziehbar und empirisch beschreibbar. Die Autoren stellen verschiedene Studien unterschiedlichen Typs im Verfahrens vor, zu einzelnen Teilthemen wie etwa Spirituellem Wohlbefinden, religiösem Coping, intrinsischer Religiosität und Transpersonalem Vertrauen, der Erfassung spiritueller Bedürfnisse (SPIR-Studie).

Carola Riedner und Thomas Hagen erläutern die „Spirituelle Anamnese“: Sie kann als Kommunikationsmittel ermöglichen, dass zwischen den Professionen Arzt und Seelsorger in geregelter Weise eine „Übergabe“ stattfindet. Die Wahrnehmung der individuellen Situation des Patienten kann dabei durch vier Schritten zur der Erfassung der spirituellen Bedürfnisse und Ressourcen des Patienten in vergleichbarer Weise gefasst werden:

  • Spiritualität und Glaubensüberzeugung
  • Platz und Einfluss den diese Überzeugungen im Leben des Patienten einnehmen
  • Integration und eine spirituelle, religiöse, kirchliche Gemeinschaft/Gruppe
  • Rolle des jeweilig beruflich Helfenden (z.B. Arzt)

Eine strukturelle Verortung, wie auch eine konkrete Person im Team, die für das Thema steht (also ein konkreter Seesorge vor Ort präsent und ansprechbar) sind notwendig um das Thema spirituelle Anamnese im Team lebendig zu halten.

Andreas Müller-Cyran bringt das Thema „Spiritualität angesichts des plötzlichen Todes“ ein. In der Notfallseelsorge, der Seelsorge angesichts des plötzlichen, in dieser Weise unerwartet eingetretenen Todes. Neben den Bezügen zur Psychotraumatologie und dem christlichen Beistand in explizit erkennbarer Form, wenn ein Bedürfnis dazu erkennbar ist, geht es dabei um einen Versuch, Spuren Gottes in einem Kontext auszumachen, der für viele Menschen, auch Glaubende, Gottesferne bedeutet. An spirituell benennbaren Themen werden beispielhaft genannt: Das Dasein als der Gottesname des Ersten Bundes, die Bereitschaft sich seine eigenen Pläne durchkreuzen zu lassen, die Verkündigung des Todes als Glaubensgeheimnis (von Tod und Auferstehung), und die Situation der Trauernden als Situation des Karsamstags.

Maria Wasner stellt den Bezug von „Spiritualität und Soziale(r) Arbeit“ vor. Neben Definition und Selbstverständnis von Sozialer Arbeit geht sie anhand eines Fallbeispiels auf Möglichkeiten des Arbeitsfeldes ein. Besonders verweist sie auf die Notwendigkeit sich der eigenen Wertvorstellungen bewusst zu sein, wie auch Werten, Einstellungen Moralvorstellungen, Hoffnungen und Idealen der Klienten Beachtung zu schenken.Auf dieser Basis ist es möglich, auch den spirituellen Bedürfnissen des Klienten gerecht zu werden.

Im Beitrag von Claudia Bausewein geht es um „Klassische geistliche Begleitung und Spiritual Care aus ärztlicher Perspektive“. Vor dem Hintergrund der von Ignatius von Loyola, dem Gründer des Jesuitenordens, entwickelten geistlichen Begleitung im Rahmen der von ihm konzipierten Geistlichen Übungen werden Inhalte der Begleitung als Prozess und Weg vorgestellt – ebenso im Bereich der Spiritual Care: Themen dabei sind Menschwerdung, Hoffnung, Vertrauen, Heilung, Akzeptanz der eigenen Gebrochenheit und Freiwerden für das, was das Leben bringt und Gott uns schenkt. Neben den besonderen Situationen von Begleitetem und Begleiter wird die Beziehung beider bedacht. Die Kontrolle belastender Symptome in Palliativsituationen ist wichtig, ebenso die ganzheitliche Begleitung Schwerkranker und Sterbender. Spiritual Care ist eine Dimension hiervon. Eine Auseinandersetzung mit den Aspekten der Begleitung kann für Ärzte zu einer Bereicherung ihrer eigenen Tätigkeit werden.

Johanna Haberer geht im Artikel „Für die Seele eines Hauses sorgen. Erfahrungen aus der Leitung eines Einrichtungsträgers“ auf die Bedeutung von Spiritualität für kirchliche Organisationen ein. Für traditionelle Organisationen, wie sich auch das Augustium versteht, mit seiner Kette von Wohn- und Pflegeheimen für ältere Menschen stellt spirituelle und seelsorgliche Begleitung auch ein bewusstes Kennzeichen des Marketingkonzepts dar. Der Artikel beschreibt, wie spirituelle Themen in Managemententscheidungen integriert und in die tägliche Praxis umgesetzt werden. Spiritualität wird hier verstanden als eine Kultur der Sorge um die Seelen, sowohl von Bewohnern, als auch von Mitarbeitenden, wie auch um die des ganzen Hauses.

Thomas Hagen und Eckhard Frick sj erschließen „Rituale, Zeichen und Symbole“ in palliativen Situationen. Sterbende, ihre Angehörigen, wie auch das pflegende Team benötigen in Situationen des Übergangs ressourcenorientierte Rituale, die durch Zeichen und Worte der Unsicherheit und Plötzlichkeit Raum geben. Rituale bestehen aus vertrauten, biographisch bedeutsamen Zeichen oder Symbolen aus dem Leben, die ein „darüber hinaus“ an Realität ausdrücken und einen so symbolischen Raum erschließen. In der christlichen Tradition gehen bei Sakramenten immer selbsterklärende Symbole und ein begleitendes Wort miteinander her. Das Wort ist dabei weder eine Erklärung noch eine Gebrauchsanweisung, sondern Teil befreienden symbolischen Wirklichkeit, die nicht zurück nehmbar.

Michael Tischinger stellt das „spirituelle Konzept“ der psychosomatischen Fachklinik Bad Herrenalb vor. Die therapeutische Praxis in dieser Klinik mit ihrer tiefenpsychologisch orientierten Grundlage wird als therapeutische Gemeinschaft vorgestellt, angelehnt an das 12-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker, mit einem System klarer Vereinbarungen zur Aufgabe (selbst)destruktiver Verhaltensweisen, verbunden mit emotioneller Gruppentherapie.

Thomas Hagen und Josef Raischl erläutern die Hintergründe der Begrifflichkeit von „Allgemeiner“ und „Spezieller spiritueller Kompetenz“ in Spiritual Care: So ist in jedem Menschen sie spirituelle Dimension vorhanden, bewusst oder unbewusst. Eine zweite Ebene ist die bewusster Versprachlichung spirituellen Erlebens oder das Suchen nach Ausdrucksformen der eigenen spirituellen Kompetenz, eine dritte das Wahrnehmen existentieller Erfahrungen bei einem anderen, weniger vertrauten Menschen. Diese Ebene stellt für die Beteiligten im Palliativ und Hospizkontext eine wichtige Grundkompetenz dar, die in den verschiedenen Professionen (Pflege, Medizin und psychosozialen Berufsgruppen) ein besondere Ausprägung hat. Wenn diese Wahrnehmung in Kommunikation mit dem Patienten übergeht, wird dies mit spezieller Kompetenz in Spiritual Care benannt: Ein Dialog in einer vertrauten Umgebung, oder in aller Offenheit. Diese Spezielle Kompetenz baut auf der Allgemeinen und der ihr zugrunde liegenden Haltung auf, bedarf aber der grundlegenden Qualifizierung. Hier wird Reflexionsfähigkeit und Kommunikation über die Gespräche als elementar angesehen. Neben all diesen Ebenen und Bereichen wird ein Bereich als nicht fassbar und doch wirklich als existent benannt, der der unmittelbaren Gottesbegegnung.

Josef Raischl erörtert einige „Aspekte von Spiritual Care in der ambulanten Hospizarbeit“. Ausgehend vom Bedürfnis von Klinikpatienten „heimzugehen“, dem des Menschen „Daheim“ zu sein, der Situation und den Rahmenbedingungen ambulanter Hospizarbeit benennt er die Freiwilligen Hospizbegleiter mit ihrem „unbezahlbaren Interesse“ und ihrer mit-bürgerlichen Solidarität als Grundbestandteil des ambulanten Hospizteams, die nicht als kostengünstiger Ersatz für fachliche und regelmäßige Leitungen missbraucht werden dürfen. Ihr „Da-Sein“ wird in Verbindung mit dem Namen Gottes im jüdisch-christlichen Alten Testament gebracht. Ihre Kompetenz der Präsenz, ihre Achtung als Haltung und Zurückhaltung, als Unterstützung für die Familie, die Angehörigen kann als spiritueller Beistand in einem weiterem Sinn angesehen werden.

Es schließt sich ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren mit Informationen zu deren verschiedenen beruflichen Hintergründen an.

Zielgruppe

Das Buch hat alle Professionen im Blick, die sich in den beruflichen Feldern von Medizin, Therapie, Sozialer Arbeit, Theologie und Seelsorge bewegen, auch über den Bereich von Palliative Care hinaus, wie auch alle, die sich für Themen um Lebensbedingungen und Ressourcen am Ende des Lebens interessieren.

Fazit

Der Sammelband gibt aus verschiedenen Perspektiven zahlreiche interessante Einblicke in die Ansätze und Themen der Professionen, sie sich in der existentiellen Situation des Lebensendes um den Menschen annehmen. Der Begriff Spiritualität wird in Theorie und Praxis gerade durch die vielen Beiträge deutlich anschaulich, ebenso kann die in der Palliativ Care notwendige Interdisziplinarität beim gemeinsamen Reflektieren erlebt werden. Den beruflich Tätigen werden aktuelle Aspekte ihres Faches geboten, und der Blick über die Grenze des eigenen Berufsfeldes hinaus ermöglicht.


Rezensent
Dipl. Theol. Christian Fleck
M.Sc. in Supervision, Pastoralreferent, Krankenhaus- und Altenheimseelsorger, Supervisor DGfP, dipl. TZI-Gruppenleiter (ruth-cohn-institut international), Psychotherapie HPG, außerdem tätig in Supervision u. Fortbildung (u. a. in den Bereichen Hospizarbeit, Palliative Care und Trauerbegleitung)


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Zitiervorschlag
Christian Fleck. Rezension vom 29.11.2012 zu: Eckhard Frick, Traugott Roser (Hrsg.): Spiritualität und Medizin. Gemeinsame Sorge um den kranken Menschen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-17-020574-1. Münchner Reihe Palliative Care - Band 4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10318.php, Datum des Zugriffs 11.12.2018.


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