socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Stefanie Weber, Christoph Hasler: Gewalt in den Medien und ihre Auswirkungen [...]

Cover Stefanie Weber, Christoph Hasler: Gewalt in den Medien und ihre Auswirkungen auf das Aggressionsverhalten unter Jugendlichen. Zwei Studien zur Untersuchung des Zusammenhanges. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2010. 164 Seiten. ISBN 978-3-631-60286-7. D: 34,80 EUR, A: 35,80 EUR, CH: 51,00 sFr.

Europäische Hochschulschriften - Reihe 6, Psychologie - Band 764.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Anlässlich spektakulärer Amokläufe in Schulen und Universitäten stößt das Thema Gewalt in Zusammenhang mit gewalthaltigen Medien immer wieder auf ein breites Interesse in Öffentlichkeit. In diesem Zusammenhang wird Amokschützen oftmals das Spielen von so genannten Ego-Shootern – Computerspiele, bei denen der Spieler in einer dreidimensionalen virtuellen Umgebung andere Spieler oder computergenerierte Gegner aus der Ich-Perspektive bekämpft und zu töten versucht (vgl. www.de.wikipedia.org/wiki/Ego-Shooter) – und der Konsum von Horrorfilmen (vgl. www.de.wikipedia.org/wiki/Horrorfilm) nachgesagt. Es stellt sich von daher die Frage, ob gewalthaltige Medien und Killerspiele tatsächlich Auslöser von realen Gewalthandlungen sind? Selbst wenn ein Zusammenhang von Gewalt in den Medien und realer Aggressionsbereitschaft nachgewiesen werden könnte, bleibt immer noch die Frage offen, was denn letztlich der Auslöser für die Gewalthandlungen ist? Um diese und weitere Fragen geht es in dem von Stefanie Weber und Christoph Hasler vorgelegten Buch „Gewalt in den Medien und ihre Auswirkungen auf das Aggressionsverhalten unter Jugendlichen“.

AutorInnen

Stefanie Weber, Jahrgang 1983, arbeitet nach dem Diplomstudium der Psychologie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck als Psychologin und Legasthenietrainerin in einem Kindertherapie- und Förderzentrum in Tirol.

Christoph Hasler, Jahrgang 1981, ist nach dem Diplomstudium der Psychologie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck derzeit im Sozialbereich tätig.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Publikation beruht auf den beiden an der Universität Innsbruck verfassten Diplomarbeiten der AutorInnen.

Aufbau

Nach einer kurzen Einführung in die Thematik gliedert sich das Buch in die folgenden Hauptkapitel:

  • Definition des Begriffs Aggression und verschiedene Aggressionsarten
  • Vorstellen der unterschiedlichen Aggressionstheorien / -modelle
  • Risikofaktoren für Gewalt bei Jugendlichen
  • Geschlechtsunterschiede von aggressivem Verhalten
  • Gewalt in der Schule
  • Die Faszination Fernsehen
  • Der Umgang Jugendlicher mit dem Medium Fernsehen
  • Vorstellung des Mediums Computerspiel und Abgrenzung zum Medium Fernsehen
  • Die Faszination medialer Gewaltdarstellungen, die Lust am Bösen
  • Wirkungen von Gewaltdarstellungen
  • Stand der Forschung
  • Untersuchungsteil
  • Diskussion beider Untersuchungen
  • Präventionsmaßnahmen
  • Aufgaben des Jugendschutzes.

Ergänzt wird die Darstellung durch ein (schmales) Literaturverzeichnis und einen Anhang, der den (knapp eine Seite umfassenden) Fragebogen zur Erhebung der Medienkonsumgewohnheiten der Probanden dokumentiert.

Inhalt

Nach einer Definition und Übersicht über die unterschiedlichen Aggressionstheorien und -modelle beschreiben Stefanie Weber und Christoph Hasler zunächst allgemeine Risikofaktoren für die Entstehung von Gewalt bei Jugendlichen, wobei sie insbesondere Faktoren wie die Familiensituation, Erziehungsverhalten sowie Gewalt in der Familie oder Peergruppen berücksichtigen. In der Folge gehen sie auf Geschlechtsunterschiede von aggressivem Verhalten von Mädchen und Jungen ein. Da die Schule sehr häufig jener Ort ist, an welchem Jugendliche Gewalt ausgesetzt sind, nehmen sie des weiteren auf die unterschiedlichen Formen von Gewalt Bezug, die in der Schule auftreten. Nach einer kritischen Betrachtung des Mediums Fernsehen wenden sie sich schließlich dem Medium Computerspiel zu, wobei sie zunächst den momentanen Stand der Forschung schildern.

Sodann stellen die AutorInnen ihre eigenen Untersuchungen zum Zusammenhang von Gewalt in den Medien und ihre Auswirkungen auf das Aggressionsverhalten unter Jugendlichen vor. Die Datenerhebung erfolgte an Hauptschulen und Gymnasien in Innsbruck-Stadt und Innsbruck-Land, wobei die Stichprobe rund 200 SchülerInnen im Alter von 12 bis 18 Jahren umfasste.

In der ersten Arbeit wurde von Stefanie Weber in einer Querschnittuntersuchung SchülerInnen ein Fragebogen vorgelegt, der unter anderem Aggressionsbereitschaft (die Akzeptanz und Disposition zu Gewalthandlungen) und auch tatsächliches aggressives Verhalten erfasste. Daneben wurden die Häufigkeit des Konsums von Gewalt- und Horrorfilmen sowie die Nutzung von aggressiven Computerspielen abgefragt.

Die Untersuchung erbrachte hoch signifikante Zusammenhänge zwischen dem Konsum von gewalthaltigen Medien (Gewaltfilmen und aggressiven Computerspielen) und der erhobenen Aggressionsbereitschaft beziehungsweise tatsächlich aggressivem Verhalten. Nach Ansicht der Autorin lässt dieser Zusammenhang freilich nicht ohne weiteres eine monokausale Erklärung zu. Sind es aggressive Schüler, die sich eher mit gewalthaltigen Medien beschäftigen oder führt umgekehrt der Konsum von letzteren zu einer Zunahme der Gewaltbereitschaft?

Zur Klärung dieser Frage wurde in der zweiten Arbeit von Christoph Hasler eine Längsschnittstudie durchgeführt, bei der Schüler in einer Laborsituation ein Computerspiel mit aggressivem Inhalt spielen mussten. Aus Vergleichszwecken spielte noch eine Kontrollgruppe ein gewaltfreies Computerspiel. Auch hier kam der gleiche Frageboden wie in der Querschnittstudie zum Einsatz.

Wesentliches Ergebnis der zweiten Untersuchung war, dass es in der Experimentiergruppe (also jener Gruppe, die ein aggressives Computerspiel spielte) im Vorher-Nachher-Vergleich zu keiner Zunahme der Aggressionsbereitschaft kam, sondern dass diese ganz im Gegenteil sogar leicht abnahm. Dies legt die Vermutung nahe, dass der in der ersten Untersuchung festgestellte Zusammenhang zwischen gewalthaltigen Medien und aggressivem Verhalten nicht einseitig durch den Konsum dieser Medien erklärt werden kann.

Ist es am Ende das tatsächlich vorhandene aggressive Verhalten, das zuallererst zum Konsum gewalthaltiger Medien führt? Um dieser Frage näher zu kommen, wurde in dem verwendeten Fragebogen das tatsächliche aggressive Verhalten über die Variable Aggressionshäufigkeit abgefragt. Um diese als mögliche Ursache für den Zusammenhang von Aggressionsbereitschaft und gewalthaltigen Medien auszuschalten, wurde die Stichprobe entlang des Medians in zwei Schülergruppen nach dem Ausmaß ihrer Aggressionshäufigkeit eingeteilt und anschließend Korrelationen zwischen gewalthaltigen Medien und Aggressionsbereitschaft in den beiden Gruppen jeweils getrennt berechnet. Hierbei zeigte sich, dass weniger gewalttätige Schüler auf aggressive Medieninhalte nicht mit einer höheren Aggressionsbereitschaft reagierten, wohingegen gewalttätigere Schüler durch gewalthaltige Medien viel stärker beeinflussbar sind. Diejenigen, die also von vorneherein aggressive Verhaltensauffälligkeiten zeigen, werden scheinbar durch gewalthaltige Medien zu einer höheren Gewaltbereitschaft angeregt werden. Aggressive Computerspiele können scheinbar die Gewaltbereitschaft bei bereits gewalttätigen Jugendlichen fördern, ohne sie aber zu verursachen.

Abschließend stellen die AutorInnen kurz bisherige Präventionsmaßnahmen für Täter und Opfer dar und diskutieren die in diesem Zusammenhang stehenden Aufgaben des Jugendschutzes.

Diskussion

Spätestens seit den tragischen Amokläufen an amerikanischen und deutschen Schulen wurden in einer kontroversen Diskussion von einigen Parteien wiederholt die Gewaltdarstellungen in den Medien und der Konsum von Computerspielen mit gewalttätigen Inhalten als Ursache der Gewalttaten genannt. Der Zusammenhang zwischen virtueller Gewalt in Computerspielen und realer Gewalt ist dabei wissenschaftlich umstritten. Das Spektrum der diskutierten Wirkung geht von keinerlei Auswirkung über Aggressionssteigerung / Verrohung bis zum Aggressionsabbau aus. In neueren zusammenfassenden Untersuchungen wird darauf hingewiesen, dass kein direkter, ursächlicher Zusammenhang zwischen medialer Gewaltdarstellung und Gewalthandlung erkennbar sei. Eine Anzahl von Fachleuten sieht Gewaltdarstellungen mit einem Wirkungsrisiko verbunden, d.h. bei bestimmten Gruppen oder Individuen könnten diese in Verbindung mit anderen Faktoren (etwa soziales oder familiäres Umfeld) zu erhöhter Gewaltbereitschaft oder aggressivem Verhalten führen; wobei die Rolle der medialen Gewalt hier relativ kleiner wirke. Viele Spieler selbst sehen keine Aggressionsförderung durch solche Spiele. Wie ein als schlecht empfundener Film kann aber auch ein als schlecht empfundenes Spiel Aggressionen auslösen und verstärken.

Die Diskussion des Verbots solcher „gewaltverherrlichender Spiele“ – Bayerns ehemaliger Innenminister Günther Beckstein prägte den Begriff „Killerspiel“ – dauert bis heute an. Die von Stefanie Weber und Christoph Hasler vorgelegte Studie kann den Diskurs bereichern. Für treffsichere Aussagen und Handlungsanweisungen sind freilich noch weitere Studien notwendig. So wurde in der Längsschnittstudie nur ein Zeitpunkt – unmittelbar nach dem Spielen des aggressiven Computerspiels – erhoben. Zu klären wäre hier etwa, ob Gewalt fördernde Eigenschaften von aggressiven Computerspielen sich nicht erst mit der Zeit, also nach mehrmaligem oder dauerhaftem Gebrauch, einstellen.

Fazit

Das vorliegende Buch ist ein interessanter Beitrag über Gewalt in Zusammenhang mit aggressiven Medieninhalten. Es ist für alle von Interesse, die sich über das Thema informieren und – jenseits der berühmten Stammtischparolen – kompetent mitreden möchten.


Rezension von
Dr. Hubert Kolling
E-Mail Mailformular


Alle 177 Rezensionen von Hubert Kolling anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 07.12.2010 zu: Stefanie Weber, Christoph Hasler: Gewalt in den Medien und ihre Auswirkungen auf das Aggressionsverhalten unter Jugendlichen. Zwei Studien zur Untersuchung des Zusammenhanges. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2010. ISBN 978-3-631-60286-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10320.php, Datum des Zugriffs 19.01.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht