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Matthias Hermer, Bernd Röhrle (Hrsg.): Handbuch der therapeutischen Beziehung

Cover Matthias Hermer, Bernd Röhrle (Hrsg.): Handbuch der therapeutischen Beziehung. dgvt-Verlag (Tübingen) . 1676 Seiten. ISBN 978-3-87159-080-1. 89,00 EUR.
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Herausgeber

  • Matthias Hermer, Psychologischer Psychotherapeut; Jahrgang 1952. Seit 1977 in der psychiatrischen Klinik Warstein (Sauerland). Interessenschwerpunkte: methodenübergreifende Behandlungskonzepte; Psychotherapie und Gesellschaft; psychosoziale Versorgung; soziale Netzwerke. Veröffentlichungen zu diesen Themen und zu Qualitätssicherung, Ressourcenorientierung, therapeutischer Beziehung, Sozialpsychiatrie, Therapietechniken und nonverbalen Psychotherapieprozessen.
  • Bernd Röhrle, Psychologischer Psychotherapeut, Supervisor, Jahrgang 1947. Hochschullehrer im Bereich Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Philipps-Universität Marburg. Interessenschwerpunkte: integrative psychotherapeutische Methoden, Kontexte der Psychotherapie, soziale Netzwerke, Prävention und Gesundheitsförderung, klinisch-psychologische Diagnostik (kognitive Methoden).

Thema und Entstehungshintergrund

Immer wieder wurde, nicht erst nach den bahnbrechenden Veröffentlichungen von Klaus Grawe (2004), darauf verwiesen, dass eine gute therapeutische Beziehung eine grundlegende Voraussetzung für das potentielle Gelingen einer Therapie bildet. Folgt man dem Klappentext dieses Buches, so „…bleibt die Frage, welche Aspekte dieser Beziehung von besonderer Bedeutung sind und wie man diese auch innerhalb verschiedener Therapieformen und bei unterschiedlichen Problemlagen herstellen kann. Dieser Frage stellen sich deutschsprachige und amerikanische Experten aus Forschung und Praxis in einem noch nie da gewesenen breit angelegten Handbuch, das sich an alle richtet, die professionell in den verschiedensten Handlungsfeldern mit psychisch beeinträchtigten Personen umgehen. Die Beiträge gründen auf aktuellen empirischen Kenntnissen und reichhaltigen Praxiserfahrungen.“

Aufbau

Das Gesamtwerk setzt sich aus zwei Bänden zusammen: dem allgemeinen und dem spezifischen Teil. Im ersten werden die theoretischen Grundlagen vermittelt und diskutiert, im zweiten wird störungsspezifisch und auf spezielle therapeutische Settings bezogen vorgegangen.

Band 1: Allgemeiner Teil

Nach einer Einführung der Herausgeber unterteilt sich der erste Band in die Kapitel

  • Grundlagen
  • Technik und Kunst der Beziehungsgestaltung
  • Probleme der Beziehungsgestaltung

Es würde den Rahmen der Rezension sprengen, hier sämtliche Kapitel unter Nennung der Autoren aufzuführen.

Inhaltlich wird u. a. deutlich gemacht, dass gute Therapietechnik eine notwendige, jedoch nicht hinreichende Bedingung, eine erfolgreiche Beziehungsgestaltung hingegen unerlässliche „Zutat“ zu einer gelungenen Therapie darstellt.

Unter der Überschrift “Grundlagen“ wird das Thema eingeführt. Neben empirischen Ergebnissen zum Thema werden unter anderem berufsrechtliche, ethischen sowie biologische Implikationen dargestellt.

Im Kapitel Technik und Kunst der Beziehungsgestaltung wird grundlegendes Wissen der Psychotherapie im speziellen Hinblick auf die therapeutische Beziehungsgestaltung vermittelt. Hierbei kommen bereits viele bekannte Autoren der moderneren Therapiegeschichte zu Wort. Als Beispiel seien hier nur James O. Prochaska & John C. Norcrossgenannt. Die Autoren berichten hier aus Sicht der unterschiedlichsten Therapieschulen und auch grundlegend bzw. schulenübergreifend.

Der den ersten Band abschließende Teil “Probleme der Beziehungsgestaltung“ umfasst die Hintergründe der immer wieder kehrenden Themen „schwierige Patienten“, Therapiemotivation, Compliance und die Vorschläge, wie damit umzugehen sei.

Auf den bereits umfassenden ersten Teil des Mammutwerkes folgt ein noch längerer zweiter Teil, der folgende Inhalte abarbeitet:

Band 2: Spezieller Teil

Im Abschnitt “Störungsspezifische Beziehungsgestaltung“ werdenbei ausgewählten Störungsbildern Hinweise zu einer gelungenen Ausgestaltung der Therapeutischen Beziehung gegeben. Hier werden u.a. Angststörungen, Schizophrenie, Depressionen, Posttraumatische Belastungsstörungen, Essstörungen und vor allem Persönlichkeitsstörungen abgearbeitet.

Unter der Überschrift “Schulenspezifische und integrative Ansätze der therapeutischen Beziehung“ werden die Ansichten der gängigen Therapieschulen (Verhaltenstherapie, Psychoanalyse, Gesprächspsychotherapie und systemische Therapie) nebeneinander gestellt. Abschließend werden neuere integrative Ansätze vorgestellt.

Therapie findet immer in unterschiedlichen Kontexten statt. Das gleichnamige Kapitel geht auf allgemeine Kontexte der therapeutischen Beziehung ein (interkulturelle Therapie, Einfluss von Religion und Medien), um anschließend unterschiedliche Therapiesettings (Familien- Paar- und Gruppentherapie, stationäre Therapie, Zwangsbehandlung und Behandlung bei akuter Suizidalität) darzustellen.

Im letzten Kapitel dieses Gesamtwerkes gehen die Autoren und Autorinnen auf Spezielle soziale Gruppen ein. Zunächst wird auf die umfassende Gender-Forschung eingegangen. Hier wird sowohl die Frage, ob Frauen in der therapeutischen Beziehung von vorne herein im Vorteil sind, eingegangen und das Dilemma der therapeutischen Beziehung aus männlicher Sicht durchleuchtet. Die Beziehungsgestaltung bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen oder älteren Menschen wird geschildert und ein Kapitel über die Psychotherapie mit „proletarischen Unterschichtsangehörigen“ schließt das Gesamtwerk ab.

Diskussion

Das Gesamtwerk ist logisch aufgebaut und meines Wissens nach zumindest im deutschen Sprachraum einzigartig. Besonders positiv hervorzuheben ist der schulenübergreifende Ansatz, der die eingangs erwähnten Ideen von Klaus Grawe aufgreift. Es findet sich für fast jeden Arbeitsbereich viel Anregendes zu lesen. Bei einer derartigen Vielfalt an Autoren und Themen bleibt jedoch kritisch festzuhalten, dass es mir an mancher Stelle nicht mehr ganz klar war, nach welchen Kriterien die Inhalte ausgewählt bzw. auch weggelassen wurden. So treten einerseits einige Redundanzen auf, während andererseits auch andere wichtige Themen eher vernachlässigt werden. Diesbezüglich wird beispielsweise die schwierige Therapie von Menschen mit chronischen Erkrankungen (z. B. Diabetes mellitus) nur am Rande im Artikel von Prochaska & Norcross abgehandelt. Das schulenübergreifende Auswählen von Autoren und Autorinnen sorgt für eine ausgewogene Sicht der Dinge, dafür jedoch auch für ein sehr inhomogenes Leseerlebnis, da die unterschiedlichen Schulen auch immer noch eine unterschiedliche Sprache sprechen. Der Artikel über Beziehungsgestaltung im kinder- und jugendpsychiatrischen Arbeitsfeld von Nitza Katz-Bernstein macht deutlich, dass diese vor allem psychodynamisch-analytische Sicht- und Schreibweise für viele Therapeuten anderer Schulen eher schwer zugänglich sein könnte. Diesem Dilemma des Gesamtwerkes wäre zu begegnen, indem man

  1. alle Artikel unter unterschiedlichen Gesichtspunkten analysiert hätte (dies hätte den eh schon arg strapazierten Rahmen komplett gesprengt),
  2. ein Buch lediglich aus Sicht einer Therapieschule verfasst hätte (nicht mehr zeitgemäß),
  3. oder als Herausgeber auf eine homogenere Sprache der Autoren und Autorinnen beim Verfassen der Artikel Wert gelegt hätte. Dies wäre in Zeiten einer auch immer wieder geforderten „allgemeinen Psychotherapie“ ein wünschenswertes Signal gewesen.

Zielgruppe

Eine Zielgruppe wird in dem Buch nicht explizit genannt. Der Preis und der immense Umfang legen jedoch nahe, dass das Buch vor allem von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten genutzt werden sollte.

Fazit

Der Titel „Handbuch der therapeutischen Beziehung“ liegt leider komplett daneben. Mit 1676 Seiten in zwei gebundenen Bänden bringt das Mammutwerk inklusive Lesebändchen insgesamt drei Kilogramm und 312 Gramm Gewicht auf die Waage. Wen dies abschreckt: Zieht man die umfangreichen Literaturangaben zu jedem Kapitel ab, so bleiben Netto immer noch geschätzte 1300 Seiten zu schmökern. Und die sind bei allen punktuellen Kritikpunkten äußerst lesenswert.


Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 05.10.2011 zu: Matthias Hermer, Bernd Röhrle (Hrsg.): Handbuch der therapeutischen Beziehung. dgvt-Verlag (Tübingen) . ISBN 978-3-87159-080-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10325.php, Datum des Zugriffs 28.03.2020.


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