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Nicholas Carr: Wer bin ich, wenn ich online bin [...]

Cover Nicholas Carr: Wer bin ich, wenn ich online bin ... und was macht mein Gehirn solange? Wie das Internet unser Denken verändert. Karl Blessing Verlag (München) 2010. 383 Seiten. ISBN 978-3-89667-428-9. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 34,90 sFr.
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Der digitale Mensch

Werkzeuge haben in der Menschheitsgeschichte das Denken und Tun der Menschen angeleitet, motiviert und geprägt; das ist eine Erkenntnis, die in der Evolution und ihrer Betrachtung immer wieder in unterschiedlichen Varianten hervorgehoben wurde und wird. Der Hammer, die Maschine, das Internet – die Werkzeuge der Hände und des Geistes haben die Menschen zum homo sapiens entwickeln lassen. In der Kultur- und Geistesgeschichte wird diese Tatsache als Grundlage des Menschseins betrachtet. Der anthrôpos als ein sprach- und vernunftbegabtes Gemeinschaftslebewesen ist in der Lage, Körper und Geist zu einem eu zên zu entwickeln (Aristoteles). Von den Auffassungen, sich als Mensch die Erde untertan zu machen, wie dies in der Bibel zum Ausdruck kommt, bis hin zu der Erkenntnis, das nur eine tragfähige Entwicklung (sustainable development) eine humane Zukunft der Menschheit ermöglichen könne (Brundtland-Bericht), gewissermaßen die Balance-Findung zwischen Natur und Mensch, Technik und Kultur, reichen dabei die Ideen, Szenarien, Empfehlungen, Vorschläge, Prognosen und Weltberichte, verbunden mit der existentiellen Frage: Darf der Mensch all das tun, was er kann? Es sind die positiven und negativen Veränderungen, die das menschliche Alltags- und Gesellschaftsleben, lokal und global bestimmen. Der amerikanische Computerexperte Joseph Weizenbaum hat darauf hingewiesen, dass wir Menschen uns mit unserem technischen Entwicklungsstreben und unseren Vorstellungen von Intelligenz sinnbildlich auf der Titanic befänden, die unabdingbar den Eisberg entgegenfährt. Er warnt davor, das Machbare beim menschlichen Erfindungsgeist überzustrapazieren und die Balance zwischen dem Segen und dem Fluch der Technik zu ignorieren (Joseph Weizenbaum, kurs auf dem eisberg oder nur das Wunder wird uns retten, sagt der Computerexperte, 1984).

Autor und Entstehungshintergrund

Kultur- und entwicklungskritische Fragen danach, ob und inwieweit die digitale Revolution den Menschen humaner oder unmenschlicher macht, werden unterschiedlich beantwortet. Da ist zum einen die Erkenntnis, dass „der Menschen ( ) an die Grenzen des Wissens (stößt), wie das Universum entstand. Seine Evolution und unseren Platz darin zu begreifen, gehört nicht zu der Kompetenz des menschlichen Geistes“ (vgl. dazu: J. A. Goedhart, Über-Leben…, 2006, Rezension), bis hin zu der Auffassung – „Es ist … ein schwerwiegender Fehler, aus der Strom erzeugenden Kernenergie um jeden Preis aussteigen zu wollen“ (Erhard Keppler, Weg vom Öl – aber wie? Energieversorgung, Nachhaltigkeit, Klimawandel, Ressourcenknappheit: Wie ist das zu schaffen?, 2008, Rezension). Die Versuche, eine Standortbestimmung angesichts der globalen krisenhaften Entwicklungen vorzunehmen, reichen ja wiederum von der Einschätzung, dass der Planet Erde sich vor der Überhitzung befinde (vgl. dazu: Worldwatsch Institute, Hrsg., Zur Lage der Welt 2009. Ein Planet vor der Überhitzung, 2009, Rezension) bis zu der Vermutung, dass wir derzeit lokal und global von einer „Deutungskrise“ heimgesucht würden (Eva Hartmann, u.a., Hrsg., Globalisierung, Macht und Hegemonie. Perspektiven einer kritischen Internationalen Politischen Ökonomie, 2009, Rezension).

Der amerikanische Literaturwissenschaftler, provokanter und prophetischer Denker zum gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel in der Internetära, Nicholas Carr, legt mit dem Originaltitel „The Shallows – What the Internet Is Doing zu Our Brains“, das aus dem amerikanischen Englisch von Henning Dedekind übersetzte Buch vor. Dabei gehe es, so in dem Vorwort von Frank Schirrmacher, nicht um Kulturpessimismus, sondern um Aufklärung und die Aufforderung, „wieder auf das eigene Denken zu hören“. Die Auseinandersetzung mit den zwischen Netz-Enthusiasten und den Netz-Skeptikern heftig und beinahe unverträglich ausgetragenen Für und Wider der digitalen Entwicklung, die Carr keinesfalls in Bausch und Bogen ablehnt, mündet in der Frage, ob und inwieweit der Computer gleichzeitig unser Diener und unser Herr sei.

Aufbau und Inhalt

Dazu gliedert der Autor seine Analyse in zehn Kapitel, und im Epilog appelliert er, dass die Menschen im digitalen Zeitalter nicht ihre individuelle Intelligenz abgeben an die Maschine und die künstliche Intelligenz. Als der kränkliche Philosoph Nietzsche, fast unfähig, seine Denkarbeit fortzusetzen, die Schreibkugel erwarb, eine Ende der 1870er Jahre vom Dänen Hans Rasmus Johann Malling-Hansen erfundene Schreibmaschine, konnte er plötzlich wieder schreiben – und denken! „Sie haben recht – unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken“, so formuliert er die erstaunliche Gesundung seiner Schaffenskraft. Gleichzeitig machten sich kritische Wissenschaftler auf, die damals unumstößlich erscheinende Erkenntnis ins Wanken zu bringen, dass sich die Struktur des menschlichen Gehirn im ausgewachsenen Zustand nicht mehr verändere; sie fanden heraus, dass unser Gehirn sich in einem Zustand dauernder Veränderung befindet. Seitdem ist das Mysterium Gehirn durch bildgebende Verfahren durchschaubar und liegt offen für Vermutungen und Gewissheiten, wie auch die aufregende Erkenntnis: Unsere Denkmuster bestimmen unser Gehirn! Der Weg hin zur Betrachtung und Analyse unserer Denkwerkzeuge ist die logische Konsequenz für die Frage: Was denkt das Gehirn, wenn es über sich selbst nachdenkt? Technik als Antriebsriemen für menschliches Wollen und Tun, als Trieb zur Selbsterhaltung wie zur Machtausübung und existentiellen Behauptung kann für das Sosein der Menschen förderlich oder hinderlich, nützlich oder schädlich sein. Es ist die Erkenntnis, dass jede Technik eine geistige Ethik bedarf; oder anders formuliert: Sie kann dem Geist neue Horizonte des Denkens und des Ausdrucks eröffnen, oder den Menschen zum Barbaren, Ignoranten und Egoisten machen.

Das Denken aufschreiben, ob es in der Frühzeit der Menschheit das Einritzen in Felswände war, in den Zeiten des Buchdrucks das Setzen der Lettern zu einem sinnvollen Ausdruck, oder heute die digitalen Zeichen, schulte beim Menschen Erinnerung, Botschaft und Konzentration. Das Lesen wurde zur selbstverständlichen, allgemeinbildenden Kompetenz: „Ohne Übertreibung kann man sagen, dass das Lesen und Schreiben von Büchern die menschliche Wahrnehmung des Lebens und der Natur geschärft und verfeinert hat“. Die „elektronische Revolution“ schafft heute einen Paradigmenwechsel zwischen zwei technologischen Welten – der Welt der Druckerpresse und dem Zeitalter des Internet: „Das Netz ist für uns Schreibmaschine, Druckerpresse, Landkarte, Uhr, Rechner, Telefon, Postamt, Bibliothek, Radio und Fernseher“. Weil im Sinne Mc Luhans „ein neues Medium ( ) niemals die Ergänzung eines alten (ist)“, wird immer intensiver und drängender die Frage danach gestellt, welchen Stellenwert das Buch heute und morgen für Bildung, Kommunikation und Unterhaltung haben kann. Ist das Umsteigen von Papier auf Pixel nur eine den neuen Technologien geschuldeter Schwenk, oder sind die faszinierenden und ausgreifenden Funktionen, die das E-Book bietet, nur Schnick-Schnack und verzichtbare Zutaten, die der konzentriert Lesende gar nicht benötigt und haben will? Bewirkt der zwangsläufige Wandel des Leseverhaltens im digitalen Buch auch einen neuen (oberflächlicheren?) Schreib- (und Denk-)stil? Bewirkt das World Wide Web nichts weiter als „schnelle, kaleidoskopartige Zerstreuung“?

Nun kommt unser Gehirn und das Denken ins Spiel: Zahlreiche Studien von Psychologen, Neurobiologen, Pädagogen und Webdesignern zeigen auf: „Wenn wir online gehen, begeben wir uns in eine Umgebung, die oberflächliches Lesen, hastiges und zerstreutes Denken und flüchtiges Lernen fördert“. Diese „konstante Zerstreutheit“ lässt sich im übrigen alltäglich erkennen, bis hin zum permanent handy-benutzenden Spaziergänger in der Fußgängerzone, der selbst sein persönliches und intimes Leben der Öffentlichkeit preis gibt. Die Neurologen stellen dazu fest, dass sich durch die tägliche Nutzung von Computern, Smartphones, Suchmaschinen… das menschliche Gehirn verändert – zwar mit dem positiven Ergebnis, dass „das Surfen im Netz zahlreiche Hirnfunktionen in Anspruch nimmt und somit dazu beitragen kann, dass ältere Menschen geistig fit bleiben“; jedoch mit dem bisher kaum zu bewertenden Ergebnis, dass zwar das Kurzzeitgedächtnis aktiviert, das Langzeitgedächtnis jedoch blockiert wird. Hirnforscher sind mittlerweile zu der Überzeugung gelangt, dass das Langzeitgedächtnis der Sitz unseres Verstandes ist! „Das Netz macht uns also schlauer, aber eben nur, wenn wir Intelligenz mit den Maßstäben des Internets definieren. Wenn wir Intelligenz in einem breiteren und traditionelleren Kontext sehen, wenn wir also auch den Tiefgang unseres Denkens und nicht ausschließlich seine Geschwindigkeit in die Waagschale werfen, müssen wir zu einem anderen und beträchtlich düsteren Schluss gelangen“.

Das Schlüsselwort im World Wide Web ist „Effizient des Informationsaustauschs“. Die „heilige Kirche Google“ hat es dabei zur Effizient-Meisterschaft gebracht. Das führt bei den Internetnutzern zu einer nicht mehr rational und kritisch zu beurteilenden Informations- und Datenüberflutung. Die Anpassung des menschlichen Gehirns an die Leistungsfähigkeit von Computern wäre eine Horrorvorstellung für denkende Menschen.

Fazit

Der anfangs erwähnte Computerwissenschaftler und spätere –kritiker Joseph Weizenbaum hat mit seinem Buch „Die Macht des Computers und die Ohnmacht der Vernunft“ (1978) hat davor gewarnt, dass das, was uns Menschen menschlich mache, nämlich das, was sich am wenigsten berechnen und digitalisieren lasse, „die Verbindungen zwischen unserem Geist und unserem Körper, die Erlebnisse, die unser Gedächtnis und unser Denken formen, unsere Fähigkeit zu Gefühlen und Entschlossenheit“, durch die häufige Nutzung des Computers uns abhanden kämen, bis hin, „dass wir dabei eines Tages unsere Menschlichkeit einbüßen“. Wenn wir Menschen uns aber von Maschinen unterscheiden wollen, müssen wir lernen, „meditatives Denken“ anstelle von „kalkulatorischem Denken“ (Martin Heidegger) einzuüben und zu praktizieren. Es geht nicht darum, Technikfeindlichkeit“ zu propagieren; vielmehr geht es darum zu begreifen: „Wenn wir die Welt nur noch durch den Computer begreifen, verkümmert unsere eigene Intelligenz zu einer künstlichen Intelligenz“. Nicholas Carr hat eine Studie verfasst, die Computerfreaks vermutlich als Ewig-Gestrig abtun werden; diejenigen aber, die den Menschen als ein zôon politikon, als ein sprach- und vernunftbegabtes Lebewesen verstehen wollen, werden in Carrs Buch viele nützliche und bedenkenswerte Argumente finden.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 25.11.2010 zu: Nicholas Carr: Wer bin ich, wenn ich online bin ... und was macht mein Gehirn solange? Wie das Internet unser Denken verändert. Karl Blessing Verlag (München) 2010. ISBN 978-3-89667-428-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10328.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


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