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Susanne Kuß: Deutsches Militär auf kolonialen Kriegsschauplätzen

Cover Susanne Kuß: Deutsches Militär auf kolonialen Kriegsschauplätzen. Eskalation von Gewalt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Links Verlag (Berlin) 2010. 500 Seiten. ISBN 978-3-86153-603-1. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR, CH: 84,00 sFr.

Band ... der Reihe "Studien zur Kolonialgeschichte" - 3.
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Die Kolonialeroberer kamen, um als Herrscher zu bleiben

„Er ist der Schüler und Arbeitnehmer, wir die Lehrer und Arbeitgeber, aber auch: wir sind die Herren und er der Untergebene“, so beschreibt der honorable, anerkannte Sprachwissenschaftler, Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften und Direktor des Londoner „International African Institute“, der Missionar Diedrich Westermann 1939 in seinem Aufsatz „Der afrikanische Mensch und die europäische Kolonisation“, das Verhältnis der Kolonialherren zu den Kolonisierten. Die über Jahrzehnte vergessene, verdrängte und tabuisierte Forschung über die deutsche Kolonialgeschichte ist spätestens durch die „Weißseinsforschung“ (vgl. dazu: Maureen Maisha Eggers / Grada Kilomba / Peggy Piesche / Susan Arndt, Hrsg, Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland, Münster 2005, Rezension) auf das Tableau der öffentlichen und wissenschaftlichen Aufmerksamkeit geraten. Das lange gehütete und unangetastete Bild von den „guten deutschen Kolonialherren“ geriet ins Wanken durch Forschungsberichte wie den Nama-Aufstand (Andreas Heinrich Bühler, Der Namaaufstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft in Namibia von 1904 – 1923, Ffm 2003), den Vernichtungskampf gegen die Herero (Martin Baer / Olaf Schröter: Eine Kopfjagd. Deutsche in Ostafrika, Berlin 2001) und zahlreiche weitere Entdeckungen über die Wirklichkeit der deutschen Kolonialgeschichte. Bei der Beschreibung des Widerstandes der „Eingeborenen“ gegen die deutschen Kolonialherren gibt es bevorzugte Blickpunkte, wie den Boxer-Aufstand in China (vgl. dazu: Hubert Mainzer / Herward Sieberg, Hrsg., Tagebuchaufzeichnungen des späteren Hildesheimer Polizeioffiziers Gustav Paul, Hildesheim, 2001), die Herero- und Namakriege in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwest-Afrika (vgl. u. a.: J. Zimmerer / J. Zeller, Hg., Völkermord in Deutsch-Südwestafrika, Berlin 2003) und den Majimajikrieg in Deutsch-Ostafrika (F, Becker / J.Beez, Hg., Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika, Berlin 2007). Eher vernachlässigt werden in der Rezeptionsgeschichte und der Frage „Wie wir geworden sind, wie wir sind“ die zahlreichen (kleineren) Widerstandsscharmützel in den ehemaligen deutschen Kolonialgebieten (vgl. dazu: Thomas Morlang, Rebellion in der Südsee. Der Aufstand auf Ponape gegen die deutschen Kolonialherren 1910/11, Rezension).

Autorin und Entstehungshintergrund

Die am Historischen Seminar der Universität Freiburg / Br. tätige Historikerin und Politikwissenschaftlerin Susanne Kuß ist eine ausgewiesene Kennerin und Forscherin zur Kolonialgeschichte, insbesondere der dabei stattgefundenen Gewaltexzesse. „Gewaltsames Handeln stellt eine Grenzüberschreitung dar“. Insbesondere die Kolonialkriege der europäischen Mächte waren gekennzeichnet von Merkmalen und Situationen, die die Kriegsführung bestimmten:

  • Kolonialkriege waren meist Klein- oder Guerillakriege mit überwiegend asymmetrischer Kriegsführung.
  • Mangelnde Infrastruktur, wie Transport- und Versorgungswege der dominanten Kriegsherren, aber auch der Widerstandskräfte, bestimmten den Kriegsverlauf, Erfolg und Misserfolg der Kampfhandlungen.
  • Die eurozentrierten Auffassungen der Kolonialmächte und ihre „zivilisatorischen“ Vorstellungen von Kriegsführung prägten ihre Kriegsbilder.
  • Die weißen Truppen waren immer auf sogenannte „Middlemen“ angewiesen, Einheimische, die mit den soziokulturellen und natürlichen Verhältnissen in den Kampfgebieten vertraut waren.
  • Die Kolonien wurden auf dem Seeweg erschlossen. Damit wurde bei den Kolonialisten auch die Distanz zwischen dem gewohnten und erworbenen (kulturellen) Einheimischen und dem (primitiven) Fremden zur „Out of Area“.

In der Militärhistoriographie der letzten Jahrzehnte dominieren Arbeiten, „in welchen die Interaktion zwischen militärischem und zivilem Bereich, die gesellschaftliche Kontrolle des Militärs, aber auch dessen Dogmen, Leitsätze, Einstellungen, Selbstverständnis, Rollenverteilung und Befehlsstruktur in den Vordergrund rückten“. Der von der amerikanischen Historikerin Isabel Hull formulierten These, dass in Kriegen, auch in Kolonialkriegen, nicht in erster Linie eine extreme Ideologisierung der Soldaten erforderlich sei, um Grenzüberschreitungen als „normal“ und „pflichtgemäßes“ Handeln zu adaptieren, sondern „institutionell geprägte, aber weitgehend unreflektierte standardmilitärische Praktiken wie beispielsweise die Missachtung des internationalen Militärrechts, die Befolgung des Grundsatzes `Kriegsnotwendigkeit vor Humanität` und die Auftragstaktik“.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin gliedert ihre umfangreiche Studie, neben der Einleitung und dem Schlussteil, in drei Kapitel.

Im ersten stellt sie Ursachen, Verlauf und Wirkungen der drei ausgewählten Kolonialkriege vor: Boxerkrieg 1900/01, Herero- und Namakrieg 1904-07 und den Majimajikrieg 1905-08 dar. Es war überwiegend die Strategie der „verbrannten Erde“, der die dominante Kriegsführung der Kolonialherren bestimmte, wie auch die Politik des unbedingten Gehorsams und der Unterordnung sowohl für die beteiligten deutschen Schutztruppen, als auch vor allem für die in den Diensten der Kolonialherren stehenden afrikanischen und asiatischen Söldner und angeworbenen einheimischen Soldaten (vgl. dazu: Thomas Morlang, Askari und Fitafita. Farbige Söldner in den deutschen Kolonien, Berlin 2008, Rezension).

Im zweiten Kapitel diskutiert sie die kolonialen Kriegsschauplätze, indem sie die Motivation weißer und einheimischer Kolonialsoldaten untersucht, auf ihre Bewaffnung und ihr Wissen um die Kriegsaufgabe eingeht, die jeweiligen Dienstvorschriften analysiert und die Kolonialkriegsführung auf die nationalen und internationalen Rechtsgrundlagen hin abklopft; ebenso die indoktrinierten „Feindbilder“ befragt, wie sie in den Soldatenliedern und heimischen wie kolonialen Medien forciert wurden. Militärkartogaphie und –ethnographie waren dabei bestimmt von der „kolonialen Aufgabe“, Siedlungs- und Wirtschaftsraum für das „Mutterland“ langfristig zu schaffen, auszubauen und zu erhalten. Die jeweiligen Strafexpeditionen gegen einheimischen Widerstand standen dabei ausschließlich unter dem Primat der Kolonialherrschaft. Mögliche moralische und kulturelle Bedenken bei der Ausübung der absoluten Macht wurden von der Kolonialpolitik dadurch weg gewischt, dass es sich bei den kolonialen Auseinandersetzungen immer um den Kampf eines (hochstehenden) „Kulturvolkes“ gegen (primitive) „Naturvölker“ handelte, „als Kampf zwischen Zivilisation und Barbarei“. Die politischen Auseinandersetzungen im Deutschen Reichstag, wie die völkischen und nationalistischen Ideologien, waren mitbestimmend für die verherrlichende und in der deutschen Öffentlichkeit überwiegend akzeptierte koloniale Herrschaftsausübung; nicht zuletzt aber auch durch das rigorose Strafrecht, das Widerstand als ehrenrührig und volksfeindlich denunzierte: „Im Kaiserreich wurde das Strafrecht als Waffe gegen missliebige Gruppen und deren Umtriebe eingesetzt, im Kulturkampf ebenso wie in der Auseinandersetzung mit der Sozialdemokratie“. Dass dabei eine Einigung über einen humanitären Mindeststandard gegenüber den Kolonisierten im gesellschaftlichen Diskurs ausblieb, verwundert nicht.

Im dritten Kapitel wendet sich Susanne Kuß der seinerzeit unbeantworteten Frage zu, ob „angesichts der Kolonialkriege in China und Afrika… Schutztruppe und freiwilliges Expeditionskorps ausreichend seien oder ob Deutschland einer speziell geschulten Kolonialarmee bedürfe“. Diese Diskussion wurde freilich weniger von der Politik, sondern von der Kolonialpresse, –literatur und den Kolonialkriegervereinen geführt, bis hin zur Pfadfinderbewegung und der Jugendzeitschrift "Jambo". Die Überführung des „Kolonialgedankens“ in die nationalsozialistischen „Volk-ohne-Raum“- und Eroberungsideologien verlief kontinuierlich und widerstandslos.

Fazit

Das Akten- und Literaturverzeichnis weist aus, dass Susanne Kuß mit ihrer Studie über (ausgewählte) Kriege während der deutschen Kolonialzeit vielfältige Quellenmaterialien aus Archiven, Nachlässen, Bibliotheken und der zeitgenössischen Literatur gesichtet und berücksichtigt hat, um ein weiteres Fenster in dem (abgedunkelten) Raum der Historie zur deutschen Kolonialgeschichte zu öffnen. Das beigefügte Personenregister bietet dabei eine ausgezeichnete Orientierungshilfe für die historische Forschung, wie auch für Bildungsaufklärung und –information. Es lässt sich nur vermuten, ob und „inwieweit ehemalige Kolonialsoldaten – neben anderen Gruppen der Weimarer Republik – an der Schaffung eines neuen Kriegertypus mitgearbeitet haben, den dann das Militär im Nationalsozialismus übernommen hat“. Hier sind weitere Forschungen notwendig, wobei Parallelen zu heutigen (Friedens-)Einsätzen auch deutscher Soldaten in den Kriegsgebieten und Unruheherden der Welt sich war anbieten, jedoch nicht unbedingt in Beziehung zu den Kolonialkriegen gebracht werden sollten.

Die Studie von Susanne Kuß „Deutsches Militär auf kolonialen Kriegsschauplätzen“ als Exempel für Eskalation von Gewalt zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist eine Forschungsarbeit, die in erster Linie Studierende und Lehrende der Geschichts- und Kulturwissenschaften interessieren dürfte. Sie ist ein Baustein für ein Geschichts- und Forschungsbewusstsein, dass bei historischen, militärischen Ereignissen niemals nur die Motive und Absichten des Militärs sowie mentale oder psychische Dispositionen der Soldaten bestimmend für gewalttätige Handlungen bestimmend waren (und sind), sondern die jeweiligen Gewalttaten auf Ereignisse von spezifischen Umständen und Möglichkeiten der Kriegsführung und Ausübung der Gewalt beruhen, die in den kolonialen Kriegsschauplätzen vorherrschten.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 18.11.2010 zu: Susanne Kuß: Deutsches Militär auf kolonialen Kriegsschauplätzen. Eskalation von Gewalt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Links Verlag (Berlin) 2010. ISBN 978-3-86153-603-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10329.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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