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Gerda Holz, Antje Richter-Kornweitz (Hrsg.): Kinderarmut und ihre Folgen

Cover Gerda Holz, Antje Richter-Kornweitz (Hrsg.): Kinderarmut und ihre Folgen. Wie kann Prävention gelingen? Ernst Reinhardt Verlag (München) 2010. 183 Seiten. ISBN 978-3-497-02170-3. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 41,50 sFr.
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Entstehungshintergrund und Aufbau

Ziel der vielen aber z.T. komprimierten Aufsätze ist, das vorhandene Wissen über Kinderarmut und ihre Folgen darzustellen. Dies geschieht anhand ausgewählter Themenfelder, die erfreulicherweise in einem engen Zusammenhang stehen. Die Analyse struktureller Ursachen, individueller Belastungen und präventiver Handlungsnotwendigkeiten erfolgt dabei in drei Abschnitten:

  1. Armut bei Kindern – ein mehrdimensionales Problem
  2. Armutsprävention für Kinder – Ansätze auf zwei Ebenen
  3. Präventionskonzepte in Umsetzung

Der erste Abschnitt ist dabei untergliedert in

  1. Lebenslage und Teilnahmechancen – Heute für morgen sowie
  2. Wirkung von Armut bei Kindern – Ein Leben lang.

Dieser Aufbau zeigt zugleich, dass eine ausgeprägte Orientierung an Praxis und Praxisentwicklung vorhanden ist, einhergehend mit der Darstellung empirischer Forschungsbefunde und statistischer Untersuchungen.

Inhalt

Zu Beginn werden die psycho-soziale Entwicklungsbedürfnisse von Kindern thematisiert (Hans Weiß). Dann folgen zwei Aufsätze die sich mit Gerechtigkeitsfragen, moralischen Argumenten und sozialpolitischen Rahmenbedingen, z.B. Regelsätze, auseinandersetzen (Roland Merten). Armutsdefinition, Armutsmessung, quantitativer Umfang und grundlegende Begriffe der Armutsdebatte werden erläutert. Ursachen , Risiken und Auswirkungen in der Schule werden erörtert ( Gerda Holz). Die Armut „beraubt Menschen ihrer materiellen Unabhängigkeit und damit der Fähigkeit, über existentielle Fragen, über ihr `Schicksal` selbst zu entscheiden“ (Holz 2010, S. 32).

Der zweite Untergliederungspunkt des 1. Abschnittes beschäftigt sich mit Auswirkungen der Armut bei Kindern. Thematisiert werden Langzeitfolgen insbesondere bei andauernden Armutslagen ( Antje Richter-Kornweitz). Der nachfolgende Aufsatz bezieht sich auf die gesundheitliche Entwicklung. Thomas Lampert und Mattias Richter stellen u.a. fest, das Sehstörungen, Sprach- und Sprechstörungen, emotionale und intellektuelle Entwicklungsverzögerungen sowie psychiatrische Auffälligkeiten bei einem niedrigen Sozialstatus erheblich erhöht sind. Ähnliches gilt für die Bildungslaufbahn und den Bildungserfolg. In dem diesbezüglichen Aufsatz stellt Roland Merten fest, dass gesellschaftliche Ungleichheit ihr Gegenstück in der Bildungsungleichheit findet. Er fordert massive bildungs- und sozialpolitische Interventionen, um soziale Herkunft und Bildungschancen zu entkoppeln. Der letzte Aufsatz von Heiner Müller erörtert Armut im Zusammenhang mit Hilfen zur Erziehung. Einerseits stellt er fest, dass Armut gesellschaftliche Desintegrationsprozesse deutlich verstärkt. Andererseits sieht er auch Grenzen der Hilfen zur Erziehung ( z.B. sozialpädagogische Familienhilfe, Heimerziehung, Tagesgruppen), die nicht strukturelle Antworten auf Armutsrisiken von Kindern und jugendlichen ersetzen können. Die vier genannten Aufsätze zu armutsbedingten Wirkungsfolgen enthalten ausreichendes statistisches Zahlenmaterial und referieren auch soweit möglich den aktuellen Forschungsstand. Der zweite Abschnitt beginnt mit einem Aufsatz zur Resilienz und Armutsprävention. Richter-Kornweitz stellt in der gegebenen Kürze den Resilienzansatz vor. Auf diesem Hintergrund entwickelt sie einen Handlungsansatz zur Stärkung von Schutzfaktoren. Da hier besonders die individuelle Ebene im Vordergrund steht bezieht sich der Folgeaufsatz von Gerda Holz auf die zweite, die strukturelle Ebene. Diese Ebene sieht sie insbesondere innerhalb kommunaler Gegebenheiten und dort in der Knüpfung eines Präventionsnetzwerkes. Sozialräume für diese Netzwerkarbeit wären Stadtteile und Wohnquartiere mit hohen sozialen Belastungen in denen Sozialplanung und Quartiersmanagement, ähnlich dem Bund-Länder-Programm Soziale Stadt, Wirkung entfalten soll.

Der letzte Abschnitt beschäftigt sich mit praxisbezogenen Umsetzungen anhand von Praxisbeispielen. Mirjam Hartmann zeigt anhand des Beispiels ADEBAR in Hamburg auf, wie Prävention für belastete Familien durch ein Empowerment - Konzept Profil gewinnt. Der darauf folgende Aufsatz von Martina Block, Hella von Unger und Michael T. Wright konzentriert sich auf die Partizipation von Kindern hinsichtlich der notwendigen Gesundheitsförderung. Annette Berg beschreibt sodann am Beispiel der Stadt Monheim wie eine kommunale Handlungsstrategie aussieht. Unter dem Programmziel „Prävention statt Reaktion“ wird dargestellt wie sich ein sozialräumlich orientiertes Trägernetzwerk entwickeln lässt. Eine ähnlich wegweisende Strategie mit großer Reichweite wird auch im letzten Aufsatz von Beate Hock und Heiner Brülle aufgenommen. Sie konzipieren Bildungsteilhabe von sozial benachteiligten Kindern im Zusammenhang mit lokalen Bildungslandschaften. Damit wird auch auf die ganz aktuelle Diskussion der vom Deutschen Städtetag angeregten Entwicklung lokaler Bildungslandschaften eingegangen.

Die beiden Herausgeberinnen des Bandes fassen den roten Faden des Bandes in einer „Kindbezogenen Armutsprävention – Eine Handlungsanleitung für Praxis und Politik“ zusammen.

Diskussion

Die Herausgeberinnen sowie die Autorinnen und Autoren legen ein notwendiges und sehr themenzentriertes Fachbuch vor. Ausgehend von Armut und Armutsrisiken bei Kindern und Jugendlichen wird ein gesellschaftspolitisches Alarmsignal richtigerweise in die Fachöffentlichkeit gesetzt. Die wissenschaftliche und damit auch empirische Durchdringung des gesamten Themas zeigt die dramatische Bandbreite der Entstehung und der Folgen von Kinderarmut. Ein Gewinn ist, dass die Beiträge in recht kurzer aber auch komprimierter Form die jeweiligen Themensegmente bearbeiten. Bei der Darstellung der Praxisansätze wird deutlich, dass noch sehr große Entwicklungsschritte in den Kommunen, also von dortiger Sozialpolitik und Sozialer Arbeit, zu tun sind. Die Publikation ist eine Grundlage Sozialer Arbeit und Sozialpädagogik und spricht deshalb alle dort professionell Tätigen in Ausbildung, Studium, Lehre und Praxis an. Zu hoffen ist, dass auch die angesprochenen Politikbereiche von dem Band Kenntnis nehmen.

Fazit

Die Publikation ist ein Grundlagentext für die Soziale Arbeit und Sozialpädagogik. Wertvoll ist die Zusammenstellung vielfältiger Themenbereiche aus der Kinder und Jugendliche betreffenden Armutslage (u.a. Bildung, Gesundheit, Erziehungshilfe, Resilienz). Wissenschaft, Politik und Praxis stellen die zusammenhängenden Blickwinkel des vorgelegten Buches dar.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 20.12.2010 zu: Gerda Holz, Antje Richter-Kornweitz (Hrsg.): Kinderarmut und ihre Folgen. Wie kann Prävention gelingen? Ernst Reinhardt Verlag (München) 2010. ISBN 978-3-497-02170-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10334.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


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