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Christine Riegel, Albert Scherr u.a. (Hrsg.): Transdisziplinäre Jugendforschung

Cover Christine Riegel, Albert Scherr, Barbara Stauber (Hrsg.): Transdisziplinäre Jugendforschung. Grundlagen und Forschungskonzepte. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 370 Seiten. ISBN 978-3-531-17132-6. 39,95 EUR.
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Thema

Der Sammelband hat die Disziplinen übergreifende Jugendforschung, deren Konturierung, die darin liegenden Herausforderungen sowie den in solch einer Orientierung liegenden Profit zum Thema. Die Bemühungen um eine Einforderung und Weiterentwicklung einer interdisziplinären Jugendforschung sollen wieder aufgenommen und damit an die diesbezüglich seit Bernfeld existierende Tradition angeknüpft werden, jedoch ohne die bestehenden Heterogenitäten zu verwischen.

Herausgeberinnen/Herausgeber und Entstehungshintergrund

Der Sammelband basiert auf der Tagung „Transdisziplinäre Jugendforschung“, die im Juli 2009 in Kooperation zwischen dem Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Tübingen (Stauber/Riegel) und dem Institut für Sozialwissenschaften der Pädagogischen Hochschule Freiburg (Scherr) durchgeführt wurde. Die Ausgangsthese war dabei, dass sich die Unterschiede zwischen den Strömungen der Jugendforschung nicht ausschließlich an tradierten disziplinären Abgrenzungen festmachen lassen und es interessanter und weiterführender sein kann, nach unterschiedlichen Perspektiven einer transdisziplinären Jugendhilfeforschung zu fragen.

Aufbau und Inhalt

Die Veröffentlichung ist nach einer rahmenden und sich positionierenden Einleitung durch die HerausgeberInnen in vier Kapitel gegliedert.

I. Theoretische und methodologische Bezugspunkte

Die vier Beiträge dieses Kapitels setzen sich auf einer grundlagentheoretisch-methodologischen Ebene mit dem Thema der Transdisziplinärität auseinander. Barbara Stauber eröffnet, in dem sie Transdisziplinarität in der Geschichte der Jugendforschung verortet und den Nutzen einer integrativen Forschungsperspektive herausarbeitet. Am Beispiel des handlungstheoretischen Konzeptes von „agency“ zeigt sie den methodologischen Ertrag auf.

Im anschließenden Beitrag entwickelt Alfred Scherr zunächst Jugendforschung als eine Forschung, die sich mit ihrer Verschränkung in gesellschaftlich folgenreiche Sichtweisen und Bearbeitungsformen von Jugendproblemen auseinandersetzt und mit einem Verständnis von Jugend als eine in sich widersprüchliche Form der Vergesellschaftung verbunden ist. Eine transdisziplinäre Jugendforschung, die sich nicht darauf beschränkt für anwendungsorientierte Diskurse Wissen aus Teildisziplinen zusammenzutragen, hat deshalb erstens danach zu fragen, wie es wissenschaftlicher Forschung gelingt, Distanz gegenüber Common-Sense-Annahmen über Eigenschaften „der Jugendlichen“ und normativen Vorstellungen von angemessenen Entwicklungsverläufen einzunehmen, zweitens wie wissenschaftliches Wissen über Jugendliche in Normalitätsmodelle und Erwartungen sowie soziale Institutionen und Praktiken eingeht, auf deren Grundlage Heranwachsende als Jugendliche behandelt werden. Drittens, welche Auswirkungen dies auf diejenigen hat, die als Jugendliche gelten.

Christine Riegel bestimmt in ihrem Beitrag das Verhältnis von Transdisziplinarität und Intersektionalität und arbeitet den Beitrag der intersektionalen Forschungsperspektive für die Jugendforschung heraus.

Auch Rudolf Leiprecht beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Intersektionalität und Transdisziplinarität, zeigt wie durch eine intersektionale Perspektive Verallgemeinerungen entgegen gewirkt werden kann und verdeutlicht am Beispiel einer Sequenzanalyse von Filmmaterial welche Herausforderungen mit solch einer Forschungsperspektive verbunden sind.

II. Methodologien und Erkenntnisinteressen

Die vier Beiträge des zweiten Teils beschäftigen sich mit dem Erkenntnisinteresse einer quer zu disziplinären Verortungen angesetzten Forschung.

Bernd Dollinger entwickelt, wie eine Bearbeitung von jugendlicher Devianz erfolgen kann, in der sich unterschiedliche Disziplinen in einer Form aufeinander beziehen, die über eine pure Addition hinaus gemeinsame Kommunikationsweisen zu entwickeln und zu etablieren versucht.

Josef Held geht davon aus, dass eine eigenständige methodologische Perspektive entwickelt werden muss und zeigt an Beispielen aus der Forschungspraxis der Tübinger Forschungsgruppe Varianten eines integrierten auf mixed methods basierenden Forschungsansatzes auf.

Thomas Coelen beschäftigt sich mit Möglichkeiten und Voraussetzungen einer transdisziplinären Bildungs- und Sozialforschung.

Florian Esser und Stefan Köngeter zeigen mit Hilfe einer ethnografischen Studie im Bereich der Jugendarbeit die Notwendig der Differenzierung des disziplinär bestimmten Blicks auf.

III. Methodische Zugänge

In diesem Kapitel werden in sechs Beiträgen unterschiedliche methodische Zugänge, die aus der Reflexion von Transdisziplinarität resultieren, vorgestellt und diskutiert. Dies reicht von Aspekten der kultur- und institutionenspezifischen Übertragungsprozessen im Rahmen sozialpsychologischer Adolesenzforschung (Anke Prochnau), des Improvisationstheaters als eine Kunst, Wissenschaft und Pädagogik verbindende transdisziplinäre Methode (Ronald Kurt), der Herausarbeitung von gesellschaftlichen Prozessen der Unbewusstmachung von Rechtsextremismus auf den theoretischen Hintergrundsfolien von kritischer Theorie, Ethnomethodologie und Cultural Studies (Tobias Studer und Margot Vogel), Anfragen an Gewaltprävention (Mart Busche und Olaf Stuve) über die Reflexion von Ungleichheitsprozessen und Differenzlinien in der Forschungspraxis (Kerstin Bronner) bis hin zu Fragen an die NutzerInnen von E-Mail-Beratungsdiensten (Marc Weinhardt).

IV. Jugendforschung für die Wissensgesellschaft

In diesem letzten Teil beschäftigen sich Andreas Walther, Ulrike Popp und Dorothee Schaffner jeweils mit Bildungsaspekten und Bildungsprozessen in der Jugendforschung bzw. der Frage, in wieweit Jugendforschung einen Beitrag zur Bildungsforschung leisten kann. Dabei liegt der Focus des Beitrages von Andreas Walther auf der international vergleichenden Jugendforschung und der Frage danach, in welcher Weise der internationale Vergleich zur Weiterentwicklung transdisziplinärer Perspektiven beitragen kann. Ulrike Popp fragt nach dem Stellenwert transdisziplinärer Jugend- und Schulforschung im Rahmen der Diskurse um die „Verschulung von Jugend“ und einer jugendgerechten Schule. Dorothee Schaffner plädiert abschließend für eine empirische Annäherung an Bildungs- und Lernprozesse in ihrer biografischen und strukturellen Bedingtheit und positioniert sich dabei mit dem Ansatz der Biografieforschung.

Diskussion

Jugendforschung – und nicht nur sie – tut sich schwer damit, über additive und punktuelle Verbindungen hinauszugehen und zu einer systematischen Integration von Theoremen, Forschungsmethoden und Wissensbeständen zu kommen. Eine Rolle spielen dabei die schwer aufzuhebenden Differenzen disziplinärer Perspektiven, aber auch die wechselseitigen disziplinären Abgrenzungsmanöver, die auf immer noch vorherrschende Statuskämpfe zwischen den beteiligten Disziplinen verweisen.

Die HerausgeberInnen zollen diesem Status Quo und den damit einhergehenden vielfältigen Schwierigkeiten der Umsetzung einer disziplinären Integration Rechnung. Sie stellen aber mit den Beiträgen in diesem Sammelband nicht nur die lang anhaltenden Grenzziehungen zwischen Soziologie, Erziehungswissenschaften, Sozialer Arbeit und Psychologie als dem Gegenstand Jugend völlig unangemessen in Frage. Sie zielen darüber hinaus auf eine Verschiebung der wissenschaftlichen Kontroversen: an die Stelle von Auseinandersetzungen zwischen den Disziplinen, soll die Kontroverse um sachhaltige Fragen treten, die jenseits disziplinärer Grenzlinien unterschiedlich auf der Grundlage verschiedener Theorien und Methodenverständnisse beantwortet werden können. Sie plädieren dabei mit Mittelstrass für eine disziplinäre Grenzgängerschaft als forschungsleitendes Prinzip: „Was die Wissenschaft in einer Welt wachsenden Wissens und Nichtwissens, desgleichen in einer Welt wachsender Probleme braucht, sind (…) disziplinäre Grenzgänger, d.h. Wissenschaftler, die die Grenzen ihrer Disziplin mehr lieben als die ausgetretenen disziplinären Pfade, die transdisziplinär denken und forschen“ (Mittelstraß 1992:89).

Mit der Veröffentlichung liegt ein breitaufgespannter theoriebasierter Bogen vor, an den weiter angeknüpft werden kann. Es ist der Debatte zu wünschen, dass sie systematisch und kontinuierlich weitergeführt und mit Forschungsarbeiten weiter erprobt bzw. unterlegt wird.

Fazit

Der Sammelband ist als eine wichtige, aktuelle Bezugsquelle für eine neue, relevante, Disziplin übergreifende Perspektive in der Jugendforschung anzusehen. Er löst seine Zielsetzung ein, liefert breitgefächertes Material und damit Begründungen und Anregungen, um gegenstandsadäquate Wege jenseits der disziplinären Zuordnung in der Jugendforschung zu gehen und ermöglicht es damit, sich intensiv und differenziert mit Fragen der Konturierung einer transdisziplinären Forschungsperspektive auseinander zu setzen. Er beinhaltet sowohl grundlegende Texte, die gut als Lehrtexte verwendet werden können, als auch empirisch ausgerichtete Forschungsbeispiele. Der Band ist deshalb bestens zu empfehlen für alle theoretisch, forschend und lehrend Tätigen, die daran interessiert sind, ausgetretene disziplinäre Pfade in der Jugendforschung zu verlassen und andere, auch experimentelle Wege zu gehen.


Rezension von
Prof. Dr. Claudia Daigler
Professorin für Integrationshilfen und Übergänge in Ausbildung und Arbeit an der Hochschule Esslingen
Homepage www.hs-esslingen.de/de/mitarbeiter/claudia-daigler.html
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Zitiervorschlag
Claudia Daigler. Rezension vom 03.07.2012 zu: Christine Riegel, Albert Scherr, Barbara Stauber (Hrsg.): Transdisziplinäre Jugendforschung. Grundlagen und Forschungskonzepte. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17132-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10345.php, Datum des Zugriffs 23.01.2021.


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