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Héctor Wittwer, Daniel Schäfer u.a. (Hrsg.): Sterben und Tod

Cover Héctor Wittwer, Daniel Schäfer, Andreas Frewer (Hrsg.): Sterben und Tod. Geschichte - Theorie - Ethik. Ein interdisziplinäres Handbuch. J. B. Metzler´sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2010. 389 Seiten. ISBN 978-3-476-02230-1. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 77,00 sFr.
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Sterben und Tod des Menschen im Vexierspiegel der Überlebenden

„Ist vielleicht ein Glück, das Unglück.“ (Bauersima 2010, 56) – das lässt der Theaterautor Igor Bauersima einen seiner Protagonisten des Stücks „norway.today“ sagen, ein Stück, dass sich mit einem jugendlichen Paar auseinandersetzt, das sich über das Internet kennengelernt und verabredet habt, um gemeinsam von einer Klippe zu springen. Menschen, die sich das Leben nehmen wollen, haben in ihrem Vorhaben, und natürlich auch in ihrem tatsächlichen Vollzug, eine ganz besondere Wirkung auf ihre Mitmenschen. Diese besondere Wirkung geht – so lässt sich sagen – vor allem von der Faszination des Todes aus – eine Faszination, die eine große Resonanz in den menschlichen Kulturleistungen findet – zum Beispiel bei Jan Fosse und seinem Stück: Todesvariationen, zu dem ich einmal geschrieben haben: „Das Leben, reduziert auf ein Spiel und einen Zeitvertreib, ist am Ende kein gelungenes Leben - weder als Prolog noch als Hauptstück betrachtet! „Todesvariationen" überzeugt durch den Blick auf die kleinen Tode, die wir im Laufe unseres Lebens uns und anderen zufügen, und die nüchterne Darstellung der Schwierigkeiten, auf dem Weg zusammen zu finden.“ (vgl. Kratochvila 2010).

Jeder Tod, auch der metaphorischen Tod, auf den bereits oben verwiesen wurde, stellt für die Nicht-Toten eine Herausforderung dar: “Und ebenso hängt die unsterbliche Wahrheit der Sterblichkeit paradoxerweise und lächerlicherweise von der Unabwendbarkeit des Todes ab, die das Gesetz vorsieht und logisch impliziert. Wenn jeder neue Tod die unaufhörlich bestätigte und wiederbestätigte Wahrheit von der Sterblichkeit seinerseits bestätigt, so weil diese Wahrheit es nötig hat, sich unablässig von neuem zu erweisen. Die Wahrheit von der Sterblichkeit der Kreatur ist demzufolge keine einleuchtende Wahrheit, sondern ein dunkles Geschick, das uns jeder tatsächliche Tod neu zu denken aufgibt.“ (Jankélévitch 2005), 21). Dieses dunkle Geschick beinhaltet eine Fülle an Wissen und Wähnen, sicheren Boden unter den Füssen bekommt man aber dann, wenn man versucht, sich ein größeres Bild vom Tod zu machen: „Wie immer es mit der Kluft zwischen Natur und Kultur bestellt sein mag, beide Sphären haben miteinander zumindest soviel gemeinsam: sie zwingen die Lebenden, den Interessen der Ungeborenen zu dienen. In einer entscheidenden Hinsicht verfolgen sie jedoch unterschiedliche Strategien: die Kultur verewigt sich durch die Macht der Toten, während die Natur … von dieser Ressource nur in rein organischem Sinne Gebrauch macht. In der Welt der Menschen sind Tote und Ungeborene natürliche Verbündete …“ (Harrison 2006, 9)

Über diese natürliche Verbundenheit ist schon viel nachgedacht worden, und dennoch bleibt dieses Nachdenken, niemandem erspart – Natur und Kultur zwingen uns, im Sinne des Zitates – eine Verbundenheit auf, die wir Lebenden nicht zu lösen vermögen – zumindest nicht als Lebende selbst. Nimmt man diese Verbundenheit ganz genau, dann können sich nicht einmal die Toten daraus lösen – wie auch immer: Die Beschäftigung mit dem Tod des Menschen ist zwar unumgänglich, und dennoch gesellschaftlich nicht besonders hoch angesehen – in der wissenschaftlichen Literatur finden sich immer wieder Versuche, die Auseinandersetzung mit dem Sterben und Tod des Menschen zu rechtfertigen – Neugierde alleine wird dafür nicht bemüht: Es ist die Frage nach dem guten Leben, die oftmals eng mit der Frage nach dem guten Sterben verknüpft wird: “I have been thinking about death for some time. Perhaps that alone does not make me unusual, since surely most people think about death … But I chose to think a lot about death, and that deserves some explanation. It seems to me that the philosophical consideration of the nature and value of death leads naturally and rapidly to the consideration of a number of central and significant philosophical questions in ethics and metaphysics. Considering death involves considering what is to live a life, and considering whether death can be a harm involves considering how to live a good life. If any questions are worth pursuing, these are.” (Warren 2004, vii). Leben und Sterben des Menschen haben für die Über-Lebenden Modell-Charakter – und das in vieler Hinsicht: Sterben und Tod des Menschen fungieren als Zäsuren, als Wendepunkte, als Vexierspiegel – jedenfalls ist diese Erfahrung etwas, das uns ein Bedürfnis ist mitzuteilen - „Auch wenn aus der Lektüre eines Romans für das je eigene Leben und Sterben nichts unmittelbar folgt, so kann der Leser doch aus der im Lesen erfolgenden Einübung in das „Es soll gestorben sein“ durch das Eingedenken des abgeschlossenen und daher beurteilbaren Lebensvollzugs einer anderen Person Einsicht gewinnen in Möglichkeiten sinnhafter Strukturierung des Lebens unter Einschluss der Art, wie andere ihr Leben abgeschlossen haben und welche Konsequenzen sich daraus für die Sinnhaftigkeit dieses Lebensvollzugs ergeben.“ (Weingarten 2004, 9)

Dieses Eingedenken kann auch museale Formen annehmen: In Wien gibt es zum Beispiel, was Umfang und Konzeption anbelangt sicherlich einzigartig auf der Welt, ein Bestattungsmuseum, das 1967 gegründet worden ist. Knapp 1000 Objekte dokumentieren den menschlichen Totenkult und Bestattungsrituale (zu einem überwiegenden Teil mit starkem Wien-Bezug, und daher auch nur repräsentativ für mitteleuropäisch, katholische Verhältnisse) - (Bestattungsmuseum). Nichts desto trotz: Die Neugierde auf das Sterben, auf den Tod ist lebendig … “While accepting the Epicurean claim that death is nothing to us because it does not affect momentary well-being, there remains an important sense in which death can be bad: death can be bad because it affects the narrative properties of our lives and, thus, it affects narrative well-being.” (Stoyles 2011, 2)

Entstehungshintergrund und Autoren

Das Handbuch „Sterben und Tod“ wird von Héctor Wittwer, Daniel Schäfer und Andreas Frewer unter Mitwirkung von Klaus Feldmann, Udo Tworuschka und Joachim Wittkowski herausgegeben und stellt im deutschsprachigen Raum eine Besonderheit dar – es gibt derzeit kein anderes, verfügbares Buch, das sich in dieser Art und Weise mit Sterben und Tod auseinandersetzt.

Héctor Wittwer ist Heisenberg-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft und arbeitet am Institut für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin (www.philosophie.hu-berlin.de). Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den moralischen Aspekten von Sterben und Tod, so behandelte er etwa in seiner Dissertation (2001) die Frage der Selbsttötung als moralisches Problem. Seine Habilitationsschrift wird bald publiziert, und fragt nach der Vernünftigkeit moralischen Handelns.

Daniel Schäfer ist sowohl promovierter Germanist als auch Mediziner, der sich seit vielen Jahren mit der Geschichte und Darstellung des Todes beschäftigt. Er unterrichtet derzeit am Institut für Geschichte und Ethik in der Medizin an der Universität Köln (http://geschichte-ethik.uk-koeln.de).

Andreas Frewer ist Professor am Institut für Geschichte und Ethik in der Medizin an der Universität Erlangen (www.gesch.med.uni-erlangen.de/medizinethik) und publiziert seit vielen Jahren zu diesem Themenkreis. 2006 habilitierte er sich mit einem Buch zur Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin.

Die Autoren des Buches sind durchwegs anerkannte Fachleute, die in jeden einzelnen Beitrag ihre wissenschaftliche Expertise eingebracht haben – das macht das vorgelegte Handbuch zu einer wichtigen (deutschsprachigen) Quelle für die Auseinandersetzung mit Sterben und Tod.

Sterben und Tod

Das Handbuch „Sterben und Tod“ soll, nach Ansicht der Herausgeber, vor allem zwei Zwecken genügen: Die wissenschaftliche Forschung zu diesem Themenkreis soll dem Leser prägnant und informativ dargeboten werden. Zum anderen soll es dem Leser ermöglichen, sich aus diesen Informationen eine fundierte Basis für sein Urteil in diesen Dingen zu bilden. Eine ausgewogene Darstellung soll die garantieren.

Die Interdisziplinarität des Handbuchs „Sterben und Tod“ besteht im Zusammenspiel von sechs verschiedenen, aber einander ergänzenden Perspektiven auf die Phänomene des menschlichen Sterbens und Todes. Diese Perspektiven werden gleich zu Beginn des Buches näher beschrieben und vorgestellt: Geschichtswissenschaft, Religionswissenschaft, Philosophie, Medizin, Psychologie und Soziologie sind die Sichtweisen auf das Thema, denen der größte Raum gegeben wird.

Inhaltlich orientiert sich das Buch an einer sehr klaren Struktur – im ersten Teil „Sicht der Wissenschaften und Religionen“ werden die bereits genannten Perspektiven separat vorgestellt. Einzelne Grundlagen und Konzepte werden darin schon vorweggenommen, aber nochmals ausführlich im zweiten, gleichnamigen Teil besprochen. Gerade die Diskussionen um die Definitionsversuche des menschlichen Todes, die im Zuge des Aufkommens der Organspende und Organtransplantation gesellschaftlich immer wichtiger und auch sichtbarer geworden sind, nimmt hier einen großen Platz ein. Im dritten Teil, der sich „Allgemeine Haltungen und Umgangsweisen“ nennt, kommen kulturelle, psychologische und soziale Aspekte stärker zum Tragen – nicht nur die philosophische Lebens- und Sterbenskunst (ars moriendi) wird thematisiert, sondern vor allem Vorstellungen, die über den Tod hinaus gehen, werden beschrieben. Im vierten Teil – „Konkrete Ausdrucks- und Umgangsformen“ – werden aktuelle Aspekte im Umgang mit dem menschlichen Streben und Tod besprochen. So wir in einem eigenen Abschnitt die sogenannte Patientenverfügung als juristisches Instrumentarium der „Todesvorsorge“ besprochen, daneben werden kontrovers diskutierte Themen wie Sterbehilfe oder Palliativversorgung vorgestellt. In diesem Abschnitt werden aber auch Leichenpredigten, Grabinschriften und Todesanzeigen mit eigenen Abschnitten dargestellt. Den fünften Abschnitt bilden gesellschaftlich heikle Themen wie Abtreibung, Euthanasie und Suizid – zusammengefasst unter dem Titel „Töten und den Tod erleiden“. Der sechste Teil des Buches besteht aus den einzelnen Registern zu Autoren, Personen und Sachthemen.

Über die Endlichkeit von Handbüchern

Den Herausgebern „Dem Charakter eines Handbuchs entsprechend, wurde es nicht mit dem Anspruch auf umfassende Breite und Vollständigkeit konzipiert. Selbstverständlich lassen sich bei einem so weiten Themenfeld einzelne Lücken nicht vermeiden.“ (Wittwer et al. 2010, ix) – auch in dieser Rezension kann nicht detailliert auf alle Beiträge eingegangen werden – ich konzentriere mich daher auf zwei inhaltliche Punkte: zum einen die Diskussion des Suizids, und zum anderen die Darstellung der Massenmorde.

Die Einführung und Darstellung in das Thema Suizidalität und das Recht auf Leben (oder wie Peter Schaffer-Wöhrer in seiner aktuellen Rechtsgeschichte von Freitod und Sterbehilfe schreibt: Das Recht am eigenen Leben; Peter Schaffer-Wöhrer 2010) wird von Norbert Erlemeier, Christa Lindner-Braun und Dagmar Fenner besorgt. Dabei stört aber, dass keiner der drei Autoren empirische Ergebnisse zur Frequenz von Parasuizidalität und Suizidalität liefert. Im zweiten Abschnitt des Buches „Grundlagen und Konzepte“ wird der Suizid zwar als Todesursache angeführt – gemäß ICD 10 (International Classification of Disease), aber nicht durch aktuelle Zahlen belegt. Stattdessen wird auf die Artikel zum Suizid verwiesen. Hier findet sich aber kein Zahlenmaterial – ebenso wenig finden sich wichtige Definitionen aus diesem Themengebiet: sogar eine Definition zu Suizid und Parasuizid kommen nicht vor. Das erstaunt, gilt doch: „Suizid ist ein Thema, das in den meisten von uns unangenehme Gefühle auslöst. Sie bringen es mit sich, dass uns die Auseinandersetzung mit ihm nicht leicht fällt. Dieser Umstand besagt aber nichts über die Aktualität und Lebensrelevanz des Themas.“ (Bauer et al. 2011, 13) – dieser Aktualität und Lebensrelevanz muss dementsprechend mit Fakten unterlegt werden können (z.B. www.who.int/mental_health/prevention/suicide/suicideprevent/en). Darüber hinaus ist es verwunderlich, dass das wichtigste deutschsprachige Journal zum Thema Suizid und Suizidprävention nicht erwähnt wird – die „Suizidprophylaxe“ ist das Journal der Deutschen und Österreichischen Gesellschaften für Suizidprävention (www.suizidprophylaxe.de) – ein Verweis auf die Arbeiten von, Hans Wedler, Gernot Sonneck, Manfred Wolfersdorf oder Elmar Etzersdorfer wird in den drei Artikeln ebenfalls vermisst – Wissenschafter, die sich seit vielen Jahren mit großem Engagement für dieses Thema einsetzen (und das, obwohl einer der Autoren: Norbert Erlemeier selbst im Wissenschaftlichen Beirat der „Suizidprophylaxe“ vertreten ist.)

Zum zweiten möchte ich kurz auf die Darstellung von Genozid, Demozid und Massenmord eingehen, die der Historiker Hans-Walter Schmuhl für das Handbuch „Sterben und Tod“ beigetragen hat. Dem Autor gelingt es auf wenigen Seiten sehr ansprechend dieses heikle Themengebiet abzuhandeln – er liefert Begriffsdefinitionen und wirft selbst ein kritisches Bild auf diese Definitionsbemühungen und den realen Gegebenheiten, die sich hinter diesen Begriffen finden. Demozide (demos, gr.: Volk, caedere, lat.: töten) werden als soziale Handlungen verstanden, als kollektives Handeln – „arbeitsteilige Großverbrechen“ (Wittwer et al. 2010, 355) Dennoch fehlt der Verweis auf die Diskussion, die Hannah Arendt mit ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem – Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ losgetreten hat – sie hat dort an vielen Stellen darauf aufmerksam gemacht, dass die Verbrechen, die während der Herrschaft des Nazi-Regimes verübt wurden, eine neue Form des Verbrechens darstellen – und sie hat dabei besonders betont, dass die Kriegsverbrecher-Prozesse mit drei grundlegenden Schwierigkeiten zu kämpfen haben: „der Beeinträchtigung der Gerechtigkeit und Billigkeit in einem Gerichtshof des Siegers, der Klärung des Begriffes von „Verbrechen an der Menschheit“ und dem neuen Typus des Verwaltungsmörders, der in diese Delikte verwickelt ist.“ (Arendt 2009, 398) Gerade die Kategorie des „Verwaltungsmörders“ verweist auf die bürokratische Verwaltung dieser Verbrechen – Bürokratie als System , als Herrschaftsform, die (nur) scheinbar den Einzelnen von seiner Verantwortung entlasten kann, die aber auch als kollektiver Akteur verstanden werden kann (vgl. dazu Kutz 2005). In seiner Darstellung dieser Phänomene verliert Hans-Walter Schmuhl diese Banalität des Bösen aus dem Blick (damit auch die psychologische Komponente, wie sie sich bei Zimbardo 2007 ausgezeichnet dargelegt findet).

Fazit

Das vorgelegte Handbuch bietet ein breites Spektrum an Positionen und Anhaltspunkten zum menschlichen Sterben und Tod und ist somit für jeden von Interesse, der sich einen systematischen Zugang zu diesen Themen verschaffen möchte. Die einzelnen Beiträge schwanken zwar etwas in Bezug auf Quantität und Qualität, doch insgesamt haben die Herausgeber, sowie die Autoren eine gelungene Arbeit abgeliefert. Dieses Handbuch wird über einige Jahre hinaus eine (deutschsprachige) Referenz zum Thema Sterben und Tod des Menschen sein können. Die zum Teil umfangreicheren englischsprachigen Enzyklopädien und Handbücher sind zum Teil bereits vor knapp zehn Jahren erschienen und zum großen Teil erheblich teurer (z.B. Balk et al. 2007, Bryant 2003, Howarth et al. 2001, Kastenbaum 2001). Zwei Schwachstellen fallen aber bei der Beurteilung des Buches besonders ins Gewicht – Zum einen ist es fachlich nicht nachvollziehbar, weshalb eine rechtswissenschaftliche Perspektive nicht explizit in das Handbuch aufgenommen worden ist. Einige Beiträge nehmen natürlich Bezug auf die herrschende und historische Rechtsprechung, greifen teilweise auf Legaldefinitionen zurück, aber die Besonderheiten der juristischen Denkweise werden nicht in einer eigenen Perspektive gewürdigt. Damit hängen z.B. Probleme der Rechtstheorie und der Rechtsphilosophie, die immer wieder in der Diskussion um Sterben und Tod des Menschen bemüht werden, systematisch in der Luft. Zum zweiten fehlt es dem Handbuch an einem gesammelten Literaturverzeichnis, was den Überblick über die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema sehr erleichtern würde (schließlich ist das als eines der beiden Hauptzwecke der Herausgeber hervorgehoben worden – eine Überblicksdarstellung der wissenschaftlichen Ergebnisse). Dazu kommt noch, dass es keinen Überblick über die (internationalen) Fachjournale zum Thema Sterben und Tod gibt – so fehlt der Verweis auf die renommierten „Death Studies“ oder „OMEGA - Journal of Death and Dying“. Zugegeben: Es sind umfangreiche Personen- und Sachregister am Ende des Buches vorhanden, nur die Personeneinträge beziehen sich ausschließlich auf den Text, nicht auf die jeweiligen Literaturverzeichnisse am Ende der Beiträge – eine Suche nach einem zitierten Autor ist damit nur bedingt möglich (der Autor muss namentlich im Text erwähnt worden sein). Abschließend soll eine Passage aus dem neuesten Buch von Elizabeth Leake zitiert werden, die es ermöglicht den Kreis der Diskussion zu schließen – zu Beginn der Rezension wurde auf die Idee verwiesen, dass Fiktionen durchaus realistische Modelle des Sterbens darstellen können, Modelle, die dadurch real werden können, weil wir uns daran orientieren. Was Elizabeth Leake über den Suizid schreibt gilt genauso für alle Formen des menschlichen Todes - „We care about suicide (and in many cases condemn it) because it gives us ideas that we prefer to repress, including the idea that far from being an unnatural act, it is very much a part of the natural human repertoire …But we also pay attention to the dead – we care, even if it is not sufficient to repay the debt we owe – for the simple reason that their experiences, by definition, exceed ours, and thus they have much to teach us. In the end, our job as readers of the dead … is to bear witness, through our readings, to others‘ lives and writings without feeling urgency for an interpretation that forces disparate or chaotic accretions of signs into legible formations. For in the final analysis, authorial suicides teaches more about us, the living, than about the dead. Most of all, they write us: they give us the language which to live, and after words, to die.” (Leake 2011, 171-172)

Der Tod hat unsere Aufmerksamkeit – und die Sprache, die wir für diesen Tod finden, die Sprache, die uns die Toten zurück gelassen haben, ermöglichen uns ein besseres Verständnis unseres Lebens und Sterbens.

Literatur

  • Arendt, H. (2009 [1963]). Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. München (GER) & Zürich (SUI), Piper Verlag
  • Balk, D., C. Wogrin et al., Hrsg. (2007). Handbook of Thanatology: The Essential Body of Knowledge for the Study of Death, Dying, and Bereavement. New York, NY (USA), Routledge
  • Bauer, E. J., R. Fartacek, et al. (2011). Wenn das Leben unerträglich wird - Suizid als philosophische und pastorale Herausforderung. Stuttgart (GER), Verlag W. Kohlhammer
  • Bauersima, I. (2010 [2000]). norway.today. norway.today. I. Bauersima. Frankfurt/Main (GER), Fischer Taschenbuch Verlag: 7-62
  • Bryant, C. D., Hrsg. (2003). Handbook of Death and Dying. Thousand Oaks, CA (USA), SAGE Publications
  • Harrison, R. (2006 [2003]). Die Herrschaft des Todes. München (GER) & Wien (AUT), Carl Hanser Verlag
  • Howarth, G. und O. Leaman, Hrsg. (2001). Encyclopedia of Death and Dying. London (UK), Routledge
  • Jankélévitch, V. (2005 [1977]). Der Tod. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag
  • Kastenbaum, R., Hrsg. (2002). Macmillian Encyclopedia of Death and Dying. New York, NY (USA), Macmillan
  • Kratochvila, H. G. (2010). Bemerkungen zu den ‚Todesvariationen‘ von Jon Fosse. Suizidprophylaxe 37(141)
  • Kutz, C. (2005). The Difference Uniforms Make: Collective Violence in Criminal Law and War. Philosophy & Public Affairs 33(2): 148-180
  • Leake, E. (2011). After Words: Suicide and Autorship in Twentieth-Century Italy. Toronto (CAN), University of Toronto Press
  • Schaffer-Wöhrer, P. (2010). Das Recht am eigenen Leben. Eine Rechtsgeschichte von Freitod und Sterbehilfe. Marburg (GER), Tectum Verlag
  • Stoyles, B. J. (2011). Challenging the Epicureans: Death and Two Kinds of Well-Being. The Philosophical Forum 42(1): 1-19
  • Warren, J. (2004). Facing Death. Epicurus and his Critics. Oxford (UK), Clarendon Press
  • Weingarten, M. (2004). Sterben (bio-ethisch). Bielefeld (GER), transcript Verlag
  • Zimbardo, P. (2007). The Luzifer Effect - Understanding How Good People Turn Evil. New York, NY (USA), Random House

Rezensent
Mag. Harald G. Kratochvila
Homepage www.kompetenz-coaching.at
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Zitiervorschlag
Harald G. Kratochvila. Rezension vom 17.02.2011 zu: Héctor Wittwer, Daniel Schäfer, Andreas Frewer (Hrsg.): Sterben und Tod. Geschichte - Theorie - Ethik. Ein interdisziplinäres Handbuch. J. B. Metzler´sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2010. ISBN 978-3-476-02230-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10347.php, Datum des Zugriffs 18.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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