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Sighard Neckel, Ana Mijic u.a. (Hrsg.): Sternstunden der Soziologie

Cover Sighard Neckel, Ana Mijic, Christian von Schewe, Monica Titton (Hrsg.): Sternstunden der Soziologie. Wegweisende Theoriemodelle des soziologischen Denkens. Campus Verlag (Frankfurt) 2010. 500 Seiten. ISBN 978-3-593-39181-6. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 42,90 sFr.

Reihe: Campus-Reader.
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Entstehungshintergrund

Die „Sternstunden der Soziologie“ gehen auf gleichnamige Lehrveranstaltungen zurück, die Sighard Neckel seit dem Sommersemester 2003 wiederholt an den Universitäten in Gießen und Wien gehalten hat. Statt von „Sternstunden“ sprechen die Herausgeber gelegentlich auch von „Hits“ der Soziologie.

Herausgeberinnen und Herausgeber

Die vier Herausgeber haben eines gemeinsam: das Institut für Soziologie der Universität Wien. Sighard Neckel ist dort Professor für Allgemeine Soziologie. Ana Mijic und Monica Titton sind seine wissenschaftlichen Assistentinnen. Und Christian von Scheve, der vierte im Bunde, war sein Assistent; heute ist er Juniorprofessor für Soziologie an der FU Berlin.

Gegenstand und Dramaturgie des Werkes

Menschliches Verhalten, Handeln und Erleben wollen erklärt sein. Psychologische Erklärungen setzen bei den „internen Dispositionen“ der je individuellen Person an und konstruieren im Ergebnis den „Homo psychologicus“. Soziologische Erklärungen rücken die externen Bedingungen der „sozialen Lage und Situation“ in den Mittelpunkt. Der „Homo sociologicus“ genügt als Rollenspieler auf der Bühne der Gesellschaft den Anforderungen seiner Umgebung. – Aber welche Anforderungen sind das, wie kommen sie zustande, wie wirken sie? Darüber klärt das Buch auf.

Noch bevor das Wort “Soziologie“ gebräuchlich war, sprachen die Gründerväter der Disziplin, Henri de Saint-Simon und Auguste Comte, von „sozialer Physik“: Der naturwissenschaftlichen Physik stellten sie eine humanwissenschaftliche Physik gegenüber, deren Aufgabe es ist, Regelmäßigkeiten, Muster, gar Gesetzmäßigkeiten zwischenmenschlichen Verhaltens festzustellen. – Der vorliegende Reader ist ein Musterbuch der sozialen Physik.

Auf 4 Gruppen von Regeln, Mustern und Gesetzmäßigkeiten zwischenmenschlichen Verhaltens konzentriert sich der Band:

  1. Muster der sozialen Interaktion (6 Beiträge)
  2. Muster des Einflusses von Gruppen auf das Verhalten der einzelnen Gruppenmitglieder (5 Beiträge)
  3. Muster der Entstehung und Institutionalisierung von sozialen Rangordnungen („Macht und Herrschaft“) (4 Beiträge)
  4. Muster der Entstehung und Verstetigung von sozialer Ungleichheit („Privilegierung und Benachteiligung“) (6 Beiträge)

Die Dramaturgie des Buches ist so gestrickt, dass jedem soziologischen Originaltext – die „Klassiker“ Georg Simmel, Robert King Merton, Norbert Elias und Albert Hirschman kommen wiederholt vor – ein erläuternder und äußerst informativer Einleitungstext der Herausgeber vorangestellt wird. Als Titel / Überschrift des Gesamtbeitrags wird in der Regel eine Volksweisheit (manchmal auch eine Bibelstelle) gewählt, die dann im soziologischen Sprachspiel verifiziert wird. Also heißen die Beiträge z. B.: „Glaube kann Berge versetzen“ / „Es kommt immer anders als man denkt“ / „Wie du mir, so ich dir“ / „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ / „Eine Hand wäscht die andere“ / „Wer hat, dem wird gegeben“.

Hits der sozialen Physik

Wir kennen die Bedingungen des physikalischen „Fallgesetzes“; wir wissen, was mit „Ohm“, „Watt“ und „Volt“ gemessen wir; wir kennen das „Zweite thermodynamische Gesetz“. Aber wissen wir auch, was es mit dem „Thomas-Theorem“ auf sich hat? Populär definiert: Menschliche Handlungen beruhen auf Deutungen, die Akteure von der Wirklichkeit haben. Das „Thomas-Theorem“, benannt nach William Isaac Thomas und seiner Frau Dorothy Thomas, ist die prominenteste Theorie –Figur im vorliegenden Buch. Die „self-fulfilling-prophecy“ ist ebenso eine Spielart des Thomas-Theorems wie der „Pygmalion-“, „Andorra-“, „Ödipus-“ und „Matthäus-Effekt“ (weibliches Pendant: „Mathilda-Effekt“), die in dem Buch spektakulär demonstriert werden.

Darüber hinaus werden wir aufschlussreich informiert

  • über das „Gefangenendilemma“, das die „doppelte Kontingenz“ menschlichen Verhaltens in folgenschweren Entscheidungssituationen beschreibt;
  • über das „Don-Corleone-Prinzip“, das die Rolle von „Gefälligkeiten“ v. a. in modernen Bürokratien beschreibt;
  • über das „Tocqueville-Paradox“ (nach Alexis de Tocqueville), welches uns nahe legt, dass Unmut, Protest und Revolte nicht aus wachsendem Elend, sondern aus zunehmenden Wohlergehen erwachsen – und somit die Rolle der “relativen Deprivation“ und des „Tunnelblicks“ (Albert Hirschman) in den Mittelpunkt gerückt wird;
  • über den „Veblen-Effekt“, nach Thorstein Veblen benannt, der die Bedeutung des demonstrativen und oft verschwenderischen Konsums thematisiert: Konsumtion ist Produktion. Produktion von Prestige und gesellschaftlichem Status. Teure Uhren zeigen die Zeit nicht genauer an als billige Uhren, aber sie zeigen der Umwelt den Wohlstand und das Stilempfinden ihrer Besitzer.

Offene Fragen

Warum lohnt es, Soziologie zu betreiben, wenn die Erkenntnisse, die sie hervorbringt, bereits unseren Vorfahren, die keine Soziologie hatten, bekannt waren, was die titelgebenden Sprichwörter und Volksweisheiten nahe legen?

Andererseits bringen die Sozialwissenschaften ihrerseits Sentenzen hervor, die das Zeug haben, „Hits“ zu werden und als moderne Sprichwörter ins Repertoire der Volksweisheiten einzugehen. Beispiele: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ (Paul Watzlawick) „Erst wenn ich die Antwort höre, weiß ich, was ich gesagt habe.“ (Norbert Wiener) „Alles, was der Mensch ist, ist er auf dem Umweg über andere.“ (Hans Peter Dreitzel) – Beide Aspekte kommen in dem Buch leider nicht zur Sprache.

Fazit und Empfehlung

Ein Reader mit soziologischen „Hits“ in einem seriösen Wissenschaftsverlag – das ist in Deutschland nicht üblich, sollte aber Schule machen! Hier treffen E (wie Ernst) und U (wie Unterhaltung) der Scientific World aufeinander. Und es wird weder trivial noch gar peinlich; das Niveau bleibt anregend anspruchsvoll. Jedem Abiturienten, der „etwas mit Menschen machen möchte“, aber nicht weiß, was Soziologie ist, sei dieses Buch wärmstens empfohlen!


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 10.02.2011 zu: Sighard Neckel, Ana Mijic, Christian von Schewe, Monica Titton (Hrsg.): Sternstunden der Soziologie. Wegweisende Theoriemodelle des soziologischen Denkens. Campus Verlag (Frankfurt) 2010. ISBN 978-3-593-39181-6. Reihe: Campus-Reader. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10351.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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