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Stefan Busse, Susanne Ehmer (Hrsg.): Wissen wir, was wir tun?

Cover Stefan Busse, Susanne Ehmer (Hrsg.): Wissen wir, was wir tun? Beraterisches Handeln in Supervision und Coaching ; mit 5 Tabellen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2010. 237 Seiten. ISBN 978-3-525-40234-4. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Interdisziplinäre Beratungsforschung - Band 3.
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Thema

Das Buch „Wissen wir, was wir tun?“ stellt wichtige Beiträge der gleichnamigen wissenschaftlichen Tagung im Dezember 2008 zusammen. Die Tagung fand als gemeinsame Veranstaltung der Ev. Fachhochschule Freiburg, der Universität Kassel, des Netzwerks für rekonstruktive Sozialarbeitsforschung und Biographie, des Sigmund-Freud-Instituts Frankfurt/Main, der Hochschule Mittweida, der Universität Wien und der Deutschen Gesellschaft für Supervision (DGSv) statt.

Die Tagung markiert einen wichtigen Entwicklungsschritt in der wissenschaftlichen Reflexion der beraterischen Praxis.

Aufbau

Im Vorwort benennen die Herausgeber zunächst die Leitgedanken zur Ausschreibung der Tagung. Die Leitfragen beschäftigen sich nicht mit der Wirkung von Supervision, sondern mit dem beraterischen Handeln selbst.

  • Wie beeinflussen unsere Konzepte unser Handeln?
  • Welches Wissen erzeugen wir im praktischen Handeln, und wie lässt sich dieses Potential nutzen und besser zugänglich machen?
  • Wie wird unser implizites Wissen wirksam und nutzbar?

In der Publikation zu der Tagung focussieren Busse und Ehmer auf drei Schwerpunkte:

  1. „Wie kann man der Praxis respektive dem beraterischen Handeln theoretisch-analytisch weiter habhaft werden und was klärt das für Praktiker auf?
  2. Mit welchen genuinen Forschungsmethoden lässt sich beraterische Praxis respektive beraterisches Handeln beobachten beziehungsweise rekonstruieren, die wissenschaftlichen Ansprüchen und der Gegenstandslogik von Beratung genügen?
  3. Was wissen wir im Sinne von empirisch gesichertem Wissen dann wirklich mehr über das, was wir tun?“ (S. 10)

Die acht Beiträge des Bandes beschäftigen in unterschiedlicher Weise mit den ersten beiden Fragen. Vier Aufsätze versuchen verschiedene Referenztheorien und Begrifflichkeiten für die erste Frage fruchtbar zu machen. Zwei Beiträge stellen fallrekonstruktive Forschungsverfahren vor und weitere zwei Artikel befragen die Vorannahmen der Tagung und das Selbstverständnis von Supervision.

Inhalt

Die Beiträge von Wolfram Fischer, Dirk Bayas- Linke und Heidi Möller widmen sich der Fragestellung nach den Forschungsmethoden.

Im ersten Beitrag „Die Praxis des Wissens der Praxis“ führt Wolfram Fischer den Pragmatismus als Referenzdiskurs an und hebt als besondere Stärke das Theorie- Praxis – Modell des Pragmatismus hervor. Er beschreibt den Wissenschaftler als Handelnden, der in das Experiment eingreift und Teil des Experiments ist. Aus seiner Sicht gelingt es dem Pragmatismus „die prinzipielle Spannung zwischen dem besonderen, lokale praktischen Wissen und einem allgemeinen Wissen so zu verbinden, dass Theorie und Praxis nicht als unversöhnliche Gegensätze, sondern als Phasen eines zirkulären Prozesses verstanden werden.“ (s.27) Mit dem pragmatischen Forschungskonzept begründet der Autor fallrekonstruktive Forschungsverfahren, die er im Bereich der berufsbezogenen Beratungsprofessionen für besonders geeignet hält, professionelles Wissen zu erzeigen. Zu diesen Verfahren und Studien gibt er einen breiten Überblick.

Dirk Bayas-Linke vertieft und konkretisiert in seinem Aufsatz „Videointeraktionsanalyse als Methode für supervisorische Beratungsprozesse und supervisorische Selbstreflexivität“ die fallrekonstruktive Forschungsmethode und ihr Potential für die Supervision. Er beschreibt sehr genau, transparent und nachvollziehbar, wie ein Forschungssetting mit der Videointeraktionsanalyse gestaltet wird. Der Beitrag bietet einen sehr detaillierten Einblick in das Forschungsdesign und Setting und die Gestaltung im Forschungsteam und der Auswertung.

Heidi Möller fragt in ihrem Beitrag „Supervision und Supervisionsforschung als Selbstkonfrontationsprozess“ nach einer gegenstandsangemessenen Forschungsmethode und formuliert Anforderungen an die Forschungsinstrumente. „Wir brauchen Forschungsinstrumente, die den Interaktionsprozessen der Supervision in ihrem Ineinandergreifen gerecht werden, die in der Lage sind, die Interpersonalität des Geschehens zu fassen. (…) Die Beforschten sollen in ihrer Kompetenz gefragt sein und die wissenschaftliche Methodik sich nicht substanziell verschieden von der Methode, mit denen wir in Supervisionsprozessen arbeiten, zeigen.“ (S. 219 f.) Frau Möller stellt ebenfalls ein fallorientiertes Verfahren dar und plädiert für technisch gestützte Falldokumentationen mit Video- und Audiogeräten. Sie stellt anschaulich und nachvollziehbar ihr methodisches Vorgehen mit diesem Material vor.

Die Artikel von Stefan Busse, Thomas Binder und Sascha Liebermann/Thomas Loer und der oben schon erwähnte Artikel von Wolfram Fischer stellen aus verschiedenen theoretischen Diskursen, Modelle zur Verfügung, die beraterisches Handeln und die Selbstreflexion von Beratern orientieren können.

In seinem Beitrag „Wie gut verstehen Berater ihre Kunden? Ich- Entwicklung- ein vergessener Faktor in der Beratung“ führt Thomas Binder uns ausgesprochen anschaulich in die Unterscheidung von Lernen und Entwicklung, den Entwicklungsbegriff nach Piaget ein und gibt einen guten Überblick über den Diskurs zur Ich-Entwicklung. Dabei beschäftigt sich Binder mit 2 zentralen Fragen: Was ist der angemessene Ich- Entwicklungsstand für einen prozessorientierten Berater und welchen Einfluss auf den Erfolg von Beratung ist die Passung zwischen dem Ich- Entwicklungsstand zwischen Berater und Kunde.

In dem Beitrag „Zur Pragmatik beraterischen Handelns in Supervision und Coaching“ beleuchtet Stefan Busse das beraterische Handeln mit der Theorie kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas. In dem mit 50 Seiten längsten Beitrag in diesem Buch „zeichnet er die strukturelle Einbindung von Beratung in die Lebens- und Arbeitswelt nach, setzt Supervision wie Coaching strukturlogisch zu unterschiedlichen Handlungstypen (instrumentell- strategisch und verständigungsorientiert, Anmerkung der Rezensenten) in den Arbeitswelten in Beziehung und bestimmt schließlich die pragmatische Differenz und Abhängigkeit beraterischen Handelns (in Supervision und Coaching) von ihrem Reflexionsgegenstand.“ (S. 11)

Sascha Liebermann und Thomas Loer beschäftigen sich in ihrem Artikel „Autonomie in der Beratung – fördern, hemmen oder erodieren?“ mit Überlegungen zum besonderen Charakter des Arbeitsbündnisses in der Beratung von Organisationen, wie uns der Untertitel zum Aufsatz gut einführt. Ihre theoretischen Bezüge sind die Psychoanalyse und die Professionalisierungstheorie Ulrich Oevermanns. Auf dem Hintergrund eigener Erfahrung mit einem wenig motivierten Beratungsnehmer diskutieren sie die Anforderungen an ein Arbeitsbündnis, was die aktive Beteiligung der Beratungsnehmer sichert.

Die Beiträge von Fritz Böhle und Manfred Moldaschl befragen die Vorannahmen der Tagung.

Fritz Böhle fragt in seinem Tagungsbeitrag „Erfahrungswissen und subjektierendes Handeln – verborgene Seiten professionellen Handelns“, was wir eigentlich wissen können und warnt vor einem verengten, rein kognitiven Wissensverständnis. Unter Verweis auf zahlreiche arbeitssoziologische Studien von komplexen Arbeitsprozessen entfaltet er ein Verständnis von erfahrungsgeleitetem- subjektivierendem Handeln, das starke körperliche, sinnliche und intuitive Komponenten umfasst. Abschließend kommt er zu der Aussage, dass Professionelle sich dadurch auszeichnen, dass sie planmäßig- rationales Handeln und erfahrungsgeleitetes subjektives Handeln miteinander verbinden und je nach Problemlage auswählen können.

Manfred Moldaschl geht in seinem Aufsatz „Reflexivität + Depistemologie = Supervision?“ der Frage nach, wie reflexiv die Praxis derer ist, die anderen Professionellen zur Reflexivität verhelfen wollen. Dabei argumentiert er in 3 Schritten: Im ersten Schritt entwickelt er einen anspruchsvollen Reflexivitätsbegriff. Im zweiten Schritt stellt er eine Erklärungssammlung von Phänomenen des Nicht- Lernens und der Erfahrungsabwehr vor (Depistemologie), um im dritten Schritt die Leitfrage zu beantworten. Humorvoll und freundlich befragt er das Selbstverständnis einer Profession, wo Reflexivität zu den wesentlichen Leistungsmerkmalen zählt. Spannend und anregend war für uns, dem Gedanken nachzugehen, in wie weit wir in unserer Profession den hohen Anspruch an Reflexivität einlösen.

Diskussion

Wenn man sich die drei oben genannten Leitfragen zum Buch ansieht, geben die Artikel wertvolle Hinweise und viele anregende Ansätze. Die Beratungswissenschaft versteht sich selber noch in den Anfängen und so erscheint es dem Stand der Dinge angemessen, dass sich in diesem Buch verschiedenste Ansätze und Diskurse wiederfinden und man sich an den Such- und Verständigungsbemühungen beteiligt fühlt.

Zur 1. Leitfrage, „wie man der Praxis respektive dem beraterischen Handeln therapeutisch- analytisch weiter habhaft werden kann“ (S. 10) und was diese Theorien, Vorschläge und Modelle für die Praktiker klärt, stellen die Beiträge von Fischer, Busse, Binder, Liebermann und Loer interessante Modelle und Anregungen für die beraterische Praxis zur Verfügung.

Bezogen auf die 2. Leitfrage präsentieren sich bezüglich der Forschungsinstrumente auch für den Praktiker interessante Forschungsdesigns, die auch für die Selbstbeobachtung einen einladenden und praktikablen Eindruck machen.

Manfred Moldaschl regt mit seinem Beitrag genau das an, was er in seinem Aufsatz kritisch befragt. Sind wir Berater, deren Kernkompetenz die Reflexivität ist, mit uns selber eigentlich auch reflexiv? Dem anspruchsvollen Reflexivitätsbegriff Moldaschl folgend, ist die Auseinandersetzung damit eine herausfordernde Selbstbefragung, die der Profession nur gut tun kann.

Jeder einzelne Artikel ist spannend und anregend, allerdings sehr unterschiedlich verständlich geschrieben. Das Vorwort hätte bei der Unterschiedlichkeit der Beiträge etwas orientierender sein können.

Was uns, bei unserer Kenntnis älterer Forschungsvorhaben und Vorschlägen zum Forschungsdesign, ausgesprochen verwundert, dass auf diese Ergebnisse und Vorschläge kein Bezug genommen wird. So erscheint es, als hätte es bisher keine Beratungs- und Supervisionsforschung gegeben.

Fazit

Der Beitragsband zur Tagung stellt eine anregende Lektüre dar, wenn man sich für die Professions- und Qualitätsentwicklung interessiert. Die Notwendigkeit einer forschungsgestützten Weiterentwicklung von Theorie und Praxis der Supervision wird von vielen formuliert. Als daran interessierte Praktiker konnten wir auch für unsere Praxis interessante Anregungen mitnehmen und freuen uns über eine neue Qualität der Beziehung von Praxis und Wissenschaft.


Rezension von
Dipl. Sozialpädagogin Carla van Kaldenkerken
Dipl. Sozialpädagogin, Supervisorin und Caoch (DGSv), Lehrsupervisorin und Ausbildungsleiterin für Supervision und Coaching (DGSv-zertifiziert), Mediatorin und Ausbilderin für Mediation (BM e.V.), Organisationsberaterin und Fachbuchautorin zum Thema Supervision
Homepage www.stepberlin.de
E-Mail Mailformular
und
Dipl. Volkswirt Roland Kunkel-van Kaldenkerken
Supervisor (DGSv), Mediator und Ausbilder für Mediation (BM)
Freiberuflich als Organisationsberater und Mediator tätig
Homepage www.step-Berlin.de
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Zitiervorschlag
Carla van Kaldenkerken/Roland Kunkel-van Kaldenkerken. Rezension vom 15.02.2011 zu: Stefan Busse, Susanne Ehmer (Hrsg.): Wissen wir, was wir tun? Beraterisches Handeln in Supervision und Coaching ; mit 5 Tabellen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2010. ISBN 978-3-525-40234-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10354.php, Datum des Zugriffs 25.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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