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Klaus Metzger, Erich Weigl: Inklusion - eine Schule für alle

Cover Klaus Metzger, Erich Weigl: Inklusion - eine Schule für alle. Cornelsen Scriptor (Berlin) 2010. 144 Seiten. ISBN 978-3-589-05164-9. 15,50 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Es ist normal, verschieden zu sein. Zugegeben: Der Satz ist rhetorisch nicht sehr anspruchsvoll. Und doch steckt eine ganze Fülle von Konsequenzen für das gesellschaftliche Miteinander, die Gestaltung des Bildungssystems und den Umgang mit Menschen mit Behinderung darin. Legt man diese Haltung dem Schulsystem zugrunde, muss dessen Vielgliedrigkeit, das Lernen nach gleichen Leistungsstandards und das Aufteilen von Kindern in homogene Lerngruppen grundlegend in Frage gestellt werden. Gleichmacherei? Wohl kaum, wenn man davon ausgeht, dass die Besonderheiten, die Stärken und die Fähigkeiten des einzelnen Kindes im Mittelpunkt stehen und jedes Kind auch genau darin unterstützt wird.

Die Pädagogik der unter Sechsjährigen macht es vor: In den meisten Bildungsplänen der Länder für den Bereich der (früh)kindlichen Bildung wird stringent von den individuellen Möglichkeiten eines Kindes ausgegangen. Das ist der Standpunkt von dem aus pädagogische Angebote für jedes Kind gestaltet werden. Nicht die Trennung von Kindern nach Alter, Leistung oder sozialer Herkunft steht hier im Mittelpunkt, sondern das gemeinsame Miteinanderlernen, sich gemeinsam die Welt erschließen und andere gemeinsame Tätigkeiten – jeder nach seinen individuellen Möglichkeiten.

Diese professionelle Grundhaltung im Umgang mit Vielfalt kann nur entsprochen werden, wenn kein Kind durch sein individuelles So-Sein ausgeschlossen wird. Dann hat jeder Mensch die Möglichkeit, sich nach seinen individuellen Möglichkeiten voll zur Entfaltung zu bringen (Art. 24 der UN-Konvention). An dieser Stelle setzt das Buch ‚Inklusion – eine Schule für alle‘ an. Es versucht Wege für Schulen aufzuzeigen, um das Recht für Menschen mit Behinderung auf Teilhabe und freie Entfaltung einzulösen.

Aufbau und Inhalt

Ziel des Buches ist es, Einblicke in den aktuellen Stand der Diskussion und in die Entwicklung zur Inklusionspraxis zu geben. Im Hauptteil des Buches stellen die Autoren Modelle aus der Praxis und Erfahrungsberichte vor. Das Buch ist in 16 Einzelbeiträge gegliedert, die jeder für sich gelesen werden können.

Eröffnet wird der Band mit dem Beitrag von Veronika und Petronilla Raila. Der Dialog zwischen den beiden Frauen gewährt tiefe Einblicke in die Gedanken und Gefühle einer Mutter und ihrer behinderten Tochter. Dem Eröffnungsdialog folgen zwei Beiträge, die den Stand in der Entwicklung zum Integration- und Inklusionsbegriff erfassen sollen. Anhand des Art. 24 der UN-Behindertenrechtskonvention kommentiert und diskutiert Georg Theunissen den Stand der Umsetzung im deutschen Bildungssystem. Er entwirft in ersten Ansätzen das Bild eines inklusiven Unterrichts und macht gleichzeitig auf aktuelle Problemlagen in der Umsetzung des Inklusion-Ansatzes im Bildungssystem aufmerksam. Erich Weigl beschreibt anschließend den Stand der Inklusionspraxis in Bayern: Im ersten Teil seines Beitrages erhebt der Ministerialrat im Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultur den Anspruch, die „aktuelle Bandbreite der Aspekte der Diskussion auf Länderebene…“ darzustellen. Im zweiten Teil stellt der Autor den „bayerischen Weg der Inklusion durch Kooperation“ vor.

Mit dem Beitrag von Cornelia Rehle wird der Teil des Buches eröffnet, in dem Lehrerinnen und Lehrer Einblicke in die praktische Integrationsarbeit gewähren. Die Autorin stellt Möglichkeiten für einen Unterricht dar, der sich als inklusiv versteht. Dabei geht die Autorin von der Notwendigkeit aus, Unterricht entwicklungsorientiert und in individuellen Lernsituationen zu gestalten. Basis für einen solchen Unterricht ist die individuelle Planung nach dem Wochenplan. Christian Donie stellt anschließend das Konzept einer inklusiven Regelschule aus Rheinland-Pfalz vor, an der er selbst unterrichtet. Der Autor gibt einen anschaulichen und praxisnahen Bericht aus seinem Unterricht in einer ersten Klasse.

Heide Scholz-Weber erzählt die Geschichte des sechsjährigen Schülers P., der in eine integrative Klasse aufgenommen wird. Daran schließen sich die Beiträge von Anne Fischer-Kautsch und Sabine Herrmann sowie von Gabriele Wolff und Björn Stuber an. Die Lehrertandems beschreiben anschaulich anhand von Praxisberichten und Unterrichtssequenzen den Alltag von Schulen, die integrativ arbeiten. In den folgenden Beiträgen berichten die Lehrerinnen Barbara Adleff und Iris Schäfer aus ihrer Berufspraxis. Beide Lehrerinnen standen plötzlich vor der Herausforderung ein Kind mit Behinderung in die Klasse zu integrieren. Sie beschreiben die damit verbundenen Veränderungsprozesse und wie sie sich auf den Weg gemacht haben. Die Praxisberichte enden mit dem inspirierenden Beitrag des Autorenpaares Peer Zickgraf und Farah Lenser. Die Autoren arbeiten an einer Kölner Schule, die Kinder aus Romafamilien aufnimmt.

Die anschließenden Beiträge gehen über die Praxisberichte hinaus. Ramona Häberlein-Klumper erläutert Nutzen und Umsetzung der sogenannten ‚Vorkurse‘. Das sind Sprachförderkurse, die im letzten Jahr der Kindergartenzeit stattfinden und sich an Kinder mit verzögerter Sprachentwicklung richten. Anschließend geht Thomas Hasselmeyer prägnant und praxisnah auf das Arbeitsfeld der Schulbegleitung ein und beschreibt deren Potentiale für die Integration von Kindern mit Behinderung. Das Arbeitsfeld der Mobilen Sonderpädagogischen Dienste (MSD) wird von Oliver Zens vorgestellt. Diese Dienste richten sich an Kinder mit emotionalen und sozialen Förderbedarf und arbeiten mit ihnen insbesondere in Kleingruppen. Der Band wird abgeschlossen von dem Beitrag von Pius Thoma, der über das „Forum für inklusive Strukturen an Schulen in der Region“ berichtet. Dieses setzt sich in Bayern dafür ein, dass Kinder mit Behinderung möglichst wohnortnah integrativ beschult werden.

Diskussion

Obwohl der Band den Begriff ‚Inklusion‘ bereits im Titel trägt, werden immer wieder die Begriffe ‚Integration‘ und ‚Inklusion‘ im gleichen Kontext verwendet. Ist das Wortklauberei? Wohl kaum, wenn man bedenkt, dass die Begriffe zwei unterschiedliche Konzepte meinen können (vgl. Abram, S.: Die internationale Theoriendiskussion von der Integration zur Inklusion und die Praxisentwicklung in Südtirol. Verlag Freie Universität Bozen, 2003). Darauf macht auch Georg Theunissen in seinem Beitrag aufmerksam: Integration ist demnach die Eingliederung von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft, wodurch soziale Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht werden soll (S. 21). Inklusion beschreibt demgegenüber einen gesellschaftlichen Zustand, in dem alle Menschen per se ein Teil der Gesellschaft sind und nicht durch ein Handicap am gesellschaftlichen Leben behindert werden. Behinderung wird hier als Ausdruck der menschlichen Vielfalt verstanden und verliert mithin seinen „trennenden“ Charakter. Menschen mit Behinderung werden nicht als behandlungs- oder hilfebedürftig wahrgenommen (S. 24).

Diese Unterscheidung von Integration und Inklusion ist keinesfalls unumstritten (eine andere Position vertritt z.B. Georg Feuser; vgl. Feuser, G.: Integration heute - Perspektiven ihrer Weiterentwicklung in Theorie und Praxis. Bd. 1 der Reihe „Behindertenpädagogik und Integration”, Frankfurt/M., 2003). In der Verhältnisbestimmung beider begrifflichen Konzepte bleibt offen, ob nun Inklusion statt Integration gelebt werden soll. Oder ist Inklusion die Vision einer integrierenden Praxis? (vgl. Wocken, H.: Integration & Inklusion. Ein Versuch, die Integration vor der Abwertung und die Inklusion vor Träumereien zu bewahren. In: Stein, A.-D/Krach, S./Niediek, I. (Hrsg.): Integration und Inklusion auf dem Weg ins Gemeinwesen. Möglichkeitsräume und Perspektiven. Bad Heilbrunn, 2010, S. 204-235). Auf diese Fragen gehen die AutorInnen des vorliegenden Buches nicht weiter ein, obwohl das Buch sich zum Ziel gesetzt hat, einen Einblick in den Stand der Diskussion und Entwicklung zu geben.

Was bedeutet aber nun der Inklusionsansatz für das Bildungssystem? Wie sieht Unterricht aus, der sich als inklusiv bezeichnet? Welche notwendigen Entwicklungen braucht es, um eine inklusive Gesellschaft zu ermöglichen? Diese Fragen bleiben weitgehend unbeantwortet, da der Inklusionsansatz in den Folgebeiträgen nicht stringent gelebt wird. Die Beschreibungen beziehen sich eher auf die Integration von Kindern mit Behinderung in das Schulsystem. Insbesondere der „bayerischen Weg der Inklusion durch Kooperation“ ist durch eine unklare Konzeption der Begriffe ‚Integration‘ und ‚Inklusion‘ geprägt. Die Begriffe werden nacheinander verwendet, ohne jedoch die dahinterstehenden Theorien deutlich zu machen oder die Begriffe einer Verhältnisbestimmung zu unterziehen. So entsteht der Eindruck, dass Inklusion durch die Umsetzung einiger Modelle die gegenwärtige Integration abzulösen vermag. Solange aber Bayern an seinem Förderschulsystem festhält, wird eine inklusive Gesellschaft nicht zu haben sein. Denn: Inklusion realisiert sich nicht durch die Vernetzung zweier segregierender Systeme. Inklusion braucht ein verändertes Bildungssystem, welches vom einzelnen Kind ausgeht, auf dessen Stärken schaut und jedes Kind individuell unterstützt. Wird der Bildungsauftrag in dieser Weise wahrgenommen, werden verschiedene Schultypen überflüssig und die Differenzierung in eine ‚allgemeine Schule‘ und eine ‚Förderschule‘ zugunsten einer Einheitsschule abgelöst. Kritisch zu hinterfragen ist, inwieweit die Bezeichnung eines ‚inklusiven Bildungssystems‘ einer praktischen Realisierung an bayerischen Schulen entspricht.

Der Beitrag von Erich Weigl schließt sich der Praxisteil des Buches an. Dieser enthält zahlreiche Anregungen und Vorschläge für die Gestaltung eines integrativen Unterrichts, die zusätzlich durch Einblicke in den Alltag der vorgestellten Schulen veranschaulicht werden. Diese hier beschriebenen Arbeitsweisen sollten heute zu den Grundstandards jeder Schule zählen, die die Verschiedenheit der Schülerschaft ernstnimmt, heterogenitätsbewusst arbeitet und das einzelne Kind in seinen individuellen Bildungsprozessen unterstützen möchte. Besonders anregend sind die Schilderungen der PraktikerInnen zu ihrem Bild vom Kind. Denn die Haltung von Lehrkräften gegenüber der Verschiedenheit einer Kindergruppe ist wohl der erste und wichtigste Schritt auf dem Weg zu einer inklusiven Praxis.

Fazit

Der Gewinn des Buches liegt in seinem Anregungscharakter für PraktikerInnen, die in ihrer täglichen Arbeit vor der Frage stehen, wie sie Integration für alle SchülerInnen ermöglichen können. Die theoretische Einordnung der Begriffe Inklusion und Integration wird nicht vorgenommen, auch eine Verhältnisbestimmung der Begriffe bleibt offen. Wirkliche Innovationen in Bezug auf die konsequente Realisierung des Inklusionsgedankens vermag das Buch nicht zu geben. Es kann aber LehrerInnen Impulse für die praktische Integrationsarbeit bieten und durch die zahlreichen Erfahrungsberichte und Praxisbeispiele für die Lebenswelt von Kindern, die besonders sind, sensibilisieren. Vielleicht ist das bereits der erste wichtige Schritt um das wahrzumachen, was der UN-Sonderberichterstatter Vernor Munoz Villalobos anlässlich des Kongresses „Eine Schule für alle“ im Jahr 2010 forderte: „Man muss nur eine Kleinigkeit ändern: alles!“ (S. 95).


Rezension von
Thomas Buchholz
M.A.
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Zitiervorschlag
Thomas Buchholz. Rezension vom 10.02.2011 zu: Klaus Metzger, Erich Weigl: Inklusion - eine Schule für alle. Cornelsen Scriptor (Berlin) 2010. ISBN 978-3-589-05164-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10376.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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