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Boris Traue: Das Subjekt der Beratung

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 30.12.2010

Cover Boris Traue: Das Subjekt der Beratung ISBN 978-3-8376-1300-1

Boris Traue: Das Subjekt der Beratung. Zur Soziologie einer Psycho-Technik. transcript (Bielefeld) 2010. 321 Seiten. ISBN 978-3-8376-1300-1. 29,80 EUR. CH: 49,90 sFr.

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Psychotherapie als Anpassung und Befreiung

Dem Begriff der „Psychotechnik“ haftet im Alltagssprachgebrauch eher ein abwertendes, denn ein professionelles Diktum an, als etwas Technisches, Machbares und Konstruierbares. In der Psychotherapie allerdings werden Psychotechniken als soziale Methoden „der Bearbeitung des ’Inneren’“ verstanden. In der Therapeutik wird seit den 1970er Jahren „eine Konjunktur nicht der Psyche, aber des Subjekts“ registriert, was zu einer Bedeutungszunahme auch des Konstrukts „Beratung“ geführt hat: Lebensberater (immer natürlich auch –innen), Politikberater, Eheberater, Schulberater, Berufsberater, Rechtsberater, Finanzberater, Konfliktberater… sind Bestandteile eines sozialen Beratungssystems, zu dem die psychologische und psychotherapeutische Beratung (und Behandlung) gehören. In der sozialwissenschaftlichen Beratungsforschung wird üblicherweise davon ausgegangen, dass es sich bei den Beratungsfunktionen um Vermittlungsinstanzen handelt, als „neutrales Medium der Förderung von Entscheidungsfähigkeit“, wie auch als Coaching.

Autor und Thema

Der Dipl.- Soz. Boris Traue hat sich in seiner 2008 eingereichten Dissertation an der TU Berlin mit der Thematik auseinandergesetzt, wie Beratung als soziale Technologie zum einen das berufliche Handeln der BeraterInnen, einschließlich des Coachings als besondere Beratungsform bestimmen und als therapeutische und namageriale Diskurse angewandt werden; zum zweiten, auf welchen Programmatiken der Subjektivierung Therapie und Personalführung beruhen; zum dritten, welche Techniken des Selbst dabei vermittelt werden; und viertens, in welchem Verhältnis stehen Diskurse und Praktiken der Beratung zur Transformation von Regierungsformen der Gegenwart. Die verschiedenen Konzepte und Methoden des „helfenden Gesprächs“ werden dabei in das Konstrukt der „Sozialtechnologie“ als Teil der Sozialwissenschaften diskutiert, theoretisch eingeordnet und einer kritischen Wertung unterzogen. Die vom Autor gelieferte Definition – Sozialtechnologien sind „Verbindungen von zeichenhaften und nicht-zeichenhaften Dingen und Wirkungen…, die darauf ausgerichtet sind, die Handlungs- oder Wahrnehmungsweise von Individuen, Gruppen und ganzen Bevölkerungen zu verändern“ – macht schon deutlich, dass die Abgrenzung hin zur Propaganda, Demagogie und Werbung einer besonderen Beachtung bedarf und problematisiert werden muss. Das berücksichtigt Boris Traue dadurch, dass er sein Konzept als „offene Sozialtechnologie“ bezeichnet und dem Wissens- und Aufklärungsdiskurs einen breiten Raum widmet. Dabei stützt er sich auf die Foucaultschen Gouvernmentality Studies, in denen „die Selbstführung von Individuen im Sinne einer Lebensführung, die sie zu Handlungsentwürfen, zur Gestaltung sozialer Beziehungen und zu moralischen Urteilen befähigt“, propagiert wird. Klar ist dabei, dass bei diesen Formen des Wissens- und Beratungsdiskurses der Legitimation eine besondere Bedeutung zukommt und die Dispositive „als Ensemble der Zeichen und Dinge… (die) das Subjekt hervorbringt“ einer Problematisierung bedürfen.

Inhalt

Das Gouvernementalitätskonzept im Foucaultschen Sinne entwickelt Traue weiter zur Gouvernemedialität; weil, so der Autor, „die Organisation des Sozialen immer auch mediale Züge trägt“. Die Bedeutung dieser erweiterten Begrifflichkeit wird klar, wenn man sich bewusst macht, dass die beruflichen Anwendungen im Feld der professionellen Beratung innerhalb der sozialen und gesellschaftlichen Anwendungsgebiete immer auch einer gesellschaftlich lizensierten Zuerkennung von Kompetenzen an bestimmte Personen und Berufsgruppen bedürfen; und zwar von den klassischen Bereichen der sozialen und gesundheitlichen Interventionen, bis hin zur Bildungs- und Eventorganisation (vgl. die Rezension zu Hermann Will / Ulrich Wünsch /Susanne Polewsky, Info-, Lern- und Change-Events. Das Ideenbuch für Veranstaltungen, Tagungen, Kongresse und große Meetings, Weinheim – Basel 2009).

Es erscheint dringend erforderlich, um den „Weizen von der Spreu“ und die „Professionalität von der Scharlatanerie“ zu trennen, zu integrativen, wissenssoziologisch-diskursanalytischen Charakterisierungen zu kommen. Dazu formuliert Traue „Strukturen der Beratung als rechtliche, wirtschaftliche und berufliche Institution“ – in der betrieblichen und gesellschaftlichen Personalverwaltung, bei der Strategie- und Prozessberatung, den Berufs- und Tätigkeitsfeldern der jeweiligen Funktionen und Aufgabenstellungen, und nicht zuletzt bei der Frage der „Marktprofessionalität“.

Im sich immer öffentlicher und entgrenzender entwickelndem gesellschaftlichem Strukturwandel wird die Frage nach der „Genealogie der Beratung“ immer bedeutsamer. Die dadurch einsetzende Neubegründung der Therapeutik, sowohl in ihrem professionellem Verständnis, als auch in der konkreten Professionalisierung, von der „Krisenhervorbringungstechnik“ im 18. Jahrhundert, über die psychoanalytische Behandlungstechnik, bis hin zur kybernetischen Therapeutik mit der Wiederentdeckung der Suggestion, als Formen des „therapeutischen Humanismus“, zeigt sich im Anwendungsbereich der Personalverwaltung besonders deutlich. Es ist das „Humankapital“, das das Marktgeschehen beeinflusst und Strategien für ein strategisches Humankapitalmanagement hervor bringt.

Mit den „Techniken des Selbst“, wie die Selbsttechniken in der Therapeutik bezeichnet werden, diskutiert der Autor schließlich die Möglichkeiten, Notwendigkeiten und Bedingungen einer Psychotechnik der Beratung. Wenn es in der Sozialwelt darum geht, wie Menschen ihre Gegenwart bewältigen und ihre Zukunft mit gestalten können, ist eine Balance zwischen Beratung, Intervention, Selbst- und Fremdbestimmung und den Gefahren einer „Zurichtung“ zu halten. Als Ziel einer moralisch fundierten Beratungstätigkeit muss an oberster Stelle die „Gestaltung des Selbst“ stehen. In der Personalberatung sollte ein „human resource management“ praktiziert werden – und als allgemein-aufklärerische, gesellschaftliche Herausforderung eine „Kultur des Konflikts“ kultiviert werden (vgl. dazu: Frank Ettrich / Wolf Wagner, Hg., Krise und ihre Bewältigung in Wirtschaft, Finanzen, Gesellschaft, Medizin, Klima, Geschichte, Moral, Bildung und Politik, Berlin 2010; sowie die vgl. die Rezension zu Herfried Münkler u.a., Hg., Handeln unter Risiko. Gestaltungsansätze zwischen Wagnis und Vorsorge, Bielefeld 2010).

Fazit

In einer „Optionalisierungsgesellschaft“, in der die mediale Information und öffentliche Kommunikation über Gelegenheiten, Möglichkeiten, Chancen und Ängste den Ton angibt und einen scheinbar (sofortigen) allumfassenden Zugriff zu optionalisiertem Handeln bieten, kommt der Beratung eine gesellschaftsstabilisierende und zukunftsorientierte Bedeutung zu; denn „Beratung bringt gegenläufige Responsibilisierungs- und De-Responsibilsierungsprozesse mit sich“. Damit kann sich Beratung sogar stilisieren und protektionieren hin zu einem Aufwecken der „gesellschaftlichen Schläfrigkeit“ und „Sorglosigkeit“, die sich nicht zuletzt zeigt in dem Rückzug der Gesellschaft vom Politischen. Daran aber, dass der Mensch ein zôon politikon, ein politisches Lebewesen und verstandesgemäß aufgefordert ist, in der Gemeinschaft human zu leben, schafft die Verbindung der Psycho-Technik hin zur Humanität (vgl. die Rezension zu Jörn Rüsen, Hg., Perspektiven der Humanität. Menschsein im Diskurs der Disziplinen, Bielefeld 2010).

So weist die Dissertation von Boris Traue über das „Subjekt der Beratung“ weiter als in der sozialwissenschaftlichen Fachdisziplin der Psychotherapie hergeleitet wird; denn soziale Beratung, in den vielfältigen Formen und Anforderungsbereichen, ist „Indienstnahme und Inwertsetzung von vormals als lebensweltlich bzw. privat begriffenen Tätigkeiten und Fähigkeiten. Wünschen und Bilderwelten“. Die Diss. Ist ein Beitrag zur Klassifizierung und Stabilisierung des wuchernden Feldes der vielfältigen Beratungsdispositive und trägt dazu bei, eine gegenwartsbezogene und zukunftsorientierte Schneise zur Lebensweltfindung der Menschen zu schlagen.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 30.12.2010 zu: Boris Traue: Das Subjekt der Beratung. Zur Soziologie einer Psycho-Technik. transcript (Bielefeld) 2010. ISBN 978-3-8376-1300-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10379.php, Datum des Zugriffs 30.01.2023.


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