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Stephan Lessenich (Hrsg.): Wohlfahrtsstaatliche Grundbegriffe

Cover Stephan Lessenich (Hrsg.): Wohlfahrtsstaatliche Grundbegriffe. Historische und aktuelle Diskurse. Campus Verlag (Frankfurt) 2003. 471 Seiten. ISBN 978-3-593-37241-9. 34,90 EUR.
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Einführung in das Thema

Der Wohlfahrtsstaat ist zwar in aller Munde und dies vornehmlich als ein gefährdetes Gebilde, aber eine eigentliche Theorie des Wohlfahrtsstaates gibt es (zumindest im deutschen Sprachraum) noch nicht. Dies ist an sich verwunderlich, stellen doch wohlfahrtsstaatliche Institutionen einen ganz wesentlichen Strukturmechanismus für alle Industrienationen dar. Dabei ist es alles andere als einfach, eine "Theorie des Wohlfahrtsstaates" zu entwerfen, angefangen von der Frage, was genau Elemente einer solchen Theorie sein können. Eine weitere Frage, die vor allem PraktikerInnen beschäftigen dürfte, ist diejenige nach dem "wozu": kann eine Theorie des Wohlfahrtsstaates für die alltägliche soziale Arbeit von Nutzen sein? Diese Frage kann zwar allein mit der Lektüre dieses Buches nicht beantwortet werden, aber wichtige Anstöße hierzu werden gegeben. Anders ausgedrückt, wird durch diesen Sammelband deutlich, dass es sinnvoll sein kann, sich grundlegende Gedanken über die Wurzeln des eigenen Tuns - nämlich der Sozialen Arbeit - zu machen. Insofern stellt eine Untersuchung wohlfahrtsstaatlicher Grundbegriffe ein längst notwendiges Unterfangen dar, die für die Versachlichung der Diskussion über das Pro und Contra des Wohlfahrtsstaates im Allgemeinen und des deutschen Sozialstaates im besonderen von Nutzen sein kann.

Hintergrund für die Entstehung des Buches

Ausgehend von der Überlegung, dass der Wohlfahrtsstaat theoretisch kaum bestimmt ist, hat der Göttinger Soziologe Stephan Lessenich ausgewiesene Expertinnen und Experten für die Erarbeitung dieses Grundlagenwerkes zusammengeführt. Dabei war die Idee handlungsleitend, den Wohlfahrtsstaat nicht nur aus einer einzigen Sichtweise heraus zu betrachten, sondern ihn umfassend als soziale Wirklichkeit zu begreifen. Damit ist eine umfassende und interdisziplinäre Darstellung möglich, die in dieser Art im deutschsprachigen Raum noch nicht vorliegt.

Aufbau und Inhalt des Buches

Dem interdisziplinären Ansatz gemäß, der der Konzeption dieses Buches zugrunde liegt, ist dieser Sammelband in verschiedene Teile gegliedert, die jeweils eine unterschiedliche Perspektive einnehmen. So ist der erste Teil den "Selbstbeschreibungen" gewidmet, die in einer metatheoretischen Weise jeweils den Wohlfahrtsstaat als Ganzes in den Blick nehmen. Dabei ist der Titel "Selbstbeschreibungen" für diesen ersten Teil des Buches durchaus negativ zu verstehen, denn in den hier versammelten Beiträgen geht es vor allem darum, Gründe für die Theorielosigkeit des Wohlfahrtsstaates im deutschen Sprachraum zu erschließen.

Im zweiten Teil, den "Wertideen", werden verschiedene normative Konzepte wie Sicherheit, Gerechtigkeit, Freiheit, Solidarität und Subsidiarität untersucht. Hier ist allen Beiträgen trotz aller Unterschiedlichkeit gemeinsam, dass diese "großen" Werte hinsichtlich ihrer spezifischen Ausgestaltung im sozialpolitischen Kontext herausgearbeitet werden.

Der dritte Teil versucht unter dem Titel "Sozialfiguren" Konzepte wie Bürger, Nation, Geschlecht und Generation im wohlfahrtsstaatlichen Kontext zu analysieren. Auch hier zeigt sich, dass sich keines dieser Konzepte ohne den Wohlfahrtsstaat überhaupt hätte in der Art herausbilden können, wie diese aktuell diskutiert werden. Im vierten und letzten Teil werden schließlich "Strukturkategorien" wie Risiko, Inklusion, Integration, Umverteilung und Anerkennung untersucht. Hier werden neuere und neueste soziologische und politologische Ansätze diskutiert, die der theoretischen Grundlegung des Wohlfahrtsstaates dienlich sein können. Zusammengehalten wird das gesamte Werk durch jeweils einen einleitenden und einen resümierenden Beitrag des Herausgebers.

Haupterkenntnisse des Buches

Dieser Sammelband macht deutlich, was bislang zwar von vielen vermutet wurde, aber nur wenig systematisch bearbeitet wurde: der Wohlfahrtsstaat ist mehr als eine mechanische Umverteilungsmaschine. Er hat eine eigene soziale Wirklichkeit, ein eigenes Wertegerüst und strukturiert unsere Gesellschaft in tiefgreifender Weise. Mit den überwiegend sehr verständlich formulierten Beiträgen in diesem Buch zeigt sich gleichzeitig, dass eine Theorie des Wohlfahrtsstaates keine nur für wenige interessante Spezialwissenschaft darstellt, sondern ganz im Gegenteil ausgesprochen hilfreich ist, um aktuelle politische Diskussionen besser einordnen zu können. Ein Beispiel hierfür ist der Beitrag von Franz-Xaver Kaufmann zur Wertidee der "Sicherheit", in dem sehr übersichtlich dargestellt wird, wie viele Facetten das Konzept "Sicherheit" hat.

Zielgruppen

Dieses Buch ist ein theoretisches Grundlagenwerk und insofern vornehmlich für Wissenschaftlerinnnen und Wissenschaftler konzipiert. Es kann aber, wie weiter oben schon angedeutet, für PraktikerInnen der Sozialen Arbeit wertvolle Anregungen bieten, sich über die Hintergründe des eigenen Wirkens Gedanken zu machen. Dies gilt umso mehr, als keiner der Beiträge als geschlossenes theoretisches Gebäude gelesen werden sollte, sondern zur Diskussion geradezu einlädt.

Zum Wert des Buches für die Zielgruppen

Für ForscherInnen der Soziologie, Politologie, Sozialpolitik und Sozialphilosophie hat das Buch einen hohen, möglicherweise sogar enzyklopädischen Wert. Insofern ist der Vergleich mit dem Grundlagenwerk "Geschichtliche Grundbegriffe" von Brunner, Conze und Kosselleck durchaus nicht vermessen, wenn auch hier (zunächst) nur ein einbändiges Werk vorliegt und sich keiner der Beiträge als erschöpfend begreift. Durch seine theoretische Herangehensweise ist es für PraktikerInnen nicht unbedingt direkt für die alltägliche Arbeit verwendbar, stellt aber für die Weiterentwicklung einer Theorie der Sozialen Arbeit einen wertvollen Beitrag dar.

Fazit

Das Buch ist ein wichtiger und überfälliger Beitrag zur Theorie des Sozialstaates. Die gelegentlich nicht zu übersehende theoretische Anlehnung an Luhmann tut dem keinen Abbruch. Nur der erste Beitrag von André Kieserling ("Die Gesellschaft der Politik? Zum Politismus der Moderne") ist als sehr voraussetzungsvoll einzustufen und erfordert eine intime Vertrautheit mit Luhmanns Theorie. Die übrigen Beiträge sind durchweg verständlich verfasst und werden hoffentlich zu fundierten Diskussionen einer Theorie - und damit der Legitimität - des Wohlfahrtsstaates führen.


Rezensentin
Prof. Dr. Marion Möhle
Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
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Zitiervorschlag
Marion Möhle. Rezension vom 07.10.2003 zu: Stephan Lessenich (Hrsg.): Wohlfahrtsstaatliche Grundbegriffe. Historische und aktuelle Diskurse. Campus Verlag (Frankfurt) 2003. ISBN 978-3-593-37241-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1038.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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