socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Regine Müller, Dirk Nüsken (Hrsg.): Child protection in Europe

Cover Regine Müller, Dirk Nüsken (Hrsg.): Child protection in Europe. Von den Nachbarn lernen - Kinderschutz qualifizieren. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2010. 336 Seiten. ISBN 978-3-8309-2403-6. 29,90 EUR.

Reihe: Soziale Praxis.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema und Entstehungshintergrund

Der von Regine Müller und Dirk Nüsken herausgegebene Sammelband „Child Protection in Europe. Von den Nachbarn lernen - Kinderschutz qualifizieren“ ist eine Zusammenstellung von Fachbeiträgen eines Symposiums, das 2009 in Kooperation des Instituts für Erziehungswissenschaften der Universität Münster und des Instituts für soziale Arbeit e.V. Münster organisiert wurde. Ziel der Veranstaltung war es, einen europäischen Diskussions- und Forschungsraum für WissenschafterInnen und Fachkräfte zum Kinderschutz zu befördern.

HerausgeberInnen

Regine Müller ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für soziale Arbeit e. V. Münster tätig, Dirk Nüsken ist Professor für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit an der evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum.

Aufbau

Die Publikation umfasst sieben Kapitel mit insgesamt 21 Fachaufsätzen. Die Kapitel sind überschreiben mit

  • Child Protection in Europe
  • Zur Diskussion gestellt
  • Kinderschutz konkret
  • Internationale Forschung zum Kinderschutz
  • Prävention und Intervention in der Praxis
  • Rechtliche Rahmensetzungen im Kinderschutz

Child Protection in Europe

Die unter diesem Abschnitt aufgenommenen drei Fachbeiträge sollen gemäß den HerausgeberInnen eine Einführung in nationale Philosophien, wohlfahrtsstaatliche Rahmungen und das deutsche Kinderschutzsystem geben. Heinz Kindler liefert eingangs zunächst eine kurze Literaturübersicht über Einzeldarstellungen verschiedener Kinderschutzsysteme und die wenigen bi- bzw. multinationalen Vergleichsstudien, wirft einen Blick auf Versuche, Grundmodelle für Kinderschutzsysteme voneinander abzugrenzen und stellt dann ausführlicher ein aus seiner Sicht geeignetes Rahmenmodell für Vergleiche entsprechender Systeme in Europa vor. Regine Müller beschäftigt sich mit der Tatsache, dass Handlungsweisen von Fachkräften des Kinderschutzes nicht losgelöst betrachtet werden können von den vor Ort gegebenen wohlfahrtsstaatlichen Ausrichtungen und Organisationen des Kinderschutzes. Im Kontext des Vergleichs von Kinderschutz in Deutschland und den USA stellt sie ihrerseits ein Modell vor, dass auf der Ebene der praktischen Implikationen für die soziale Arbeit eine theoretische Rahmensetzung für vergleichende Betrachtungen bieten will. Dirk Nüsken beschließt den ersten Abschnitt mit der Darstellung und Diskussion von Ergebnissen einer Kurzevaluation der Kinderschutzstelle des Jugendamts der Stadt Mannheim, die als Spezialdienst für Fälle mit Verdacht bzw. Hinweisen auf Kindeswohlgefährdung eingerichtet wurde.

Zur Diskussion gestellt

Petra Linderroos stellt hier zunächst das finnische Modell Neuvela vor, ein kommunales Angebot mit langer Tradition, Schwerpunkt in der Betreuung von (werdenden) Müttern mit Säuglingen und Kleinkindern und großer Akzeptanz in der Bevölkerung. Karen Clarke präsentiert den Ansatz Safeguarding als Bestandteil des Sure Start Programm in England, das neben dem Schutzes von Kindern und Jugendlichen insbesondere zur Vermeidung von Kinderarmut und sozialer Ausgrenzung beitragen will. Adri J. van Montfoort beleuchtet Geschichte und Gegenwart von Kinderschutz und Jugendhilfe in den Niederlanden, verweist auf markante Parallelen zu der Gesamtentwicklung in der Bundesrepublik und schließt seinen Beitrag mit der Diskussion einiger Spannungsfelder (z. B. Hilfe vs. Kontrolle), die sich wie ein roter Faden durch den Diskurs zum Kinderschutz ziehen. Phillip Noyes und Christopher Cloke skizzieren zum Abschluss des Kapitels, wie das öffentliche Verantwortungsbewusstsein aller Mitglieder der Bevölkerung zugunsten des Kinderschutzes gefördert werden kann. Basis ihrer Einschätzungen sind verschiedene Studien vorwiegend aus Großbritannien u. a. über Ausmaß von Gewalt, Reaktionen in der Bevölkerung auf Verdachtsmomente und subjektive Hemmschwellen gegenüber aktivem Schutzhandeln.

Kinderschutz konkret: Wie wird ein Fall zum Fall für den Kinderschutz?

Den Fachbeiträgen vorangestellt sind hier zwei Fallvignetten. Zum einen wird ein Fall von häuslicher Gewalt vorgestellt, in das ein 3 Monate altes und offensichtlich vernachlässigtes Kind involviert ist und die Polizei von Nachbarn alarmiert wird. Zum anderen wird der Fall eines 8jährigen Jungen skizziert, bei dem die Lehrerin seit geraumer Zeit Anzeichen von Misshandlung wahrnimmt, einen Zuwachs an Aggression und nach wiederholten Gesprächsversuchen schließlich erfährt, dass der Junge vom Stiefvater misshandelt wird und bei Aufdeckung noch massivere Gewalttätigkeiten fürchtet. Sandra Stoffels erläutert nach einem kurzen Blick auf die Geschichte des Schutzes von Minderjährigen in Belgien und die aktuellen Unterschiede in der französischsprachigen, flämischen und deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens die zu erwartende Vorgehensweise in beiden Fällen in diesem Land. Miriam Ben Atar gibt Einblick in die entsprechende Praxis in Israel und lässt dabei erkennen, dass hier Polizei und Justiz sozusagen an vorderster Front im Kinderschutz agieren, ihre Einbeziehung bei Kindeswohlgefährdung nahezu unumgänglich ist. Esther Studer stellt das Vorgehen in beiden Fällen vor, das im Kanton Zürich in der Schweiz zu erwarten wäre. Lineke Joanknecht präsentiert schließlich abschießend am Beispiel des ersten Falls die so genannte Eigen-Kracht-Konferenz, die sich als Familiengruppenkonferenz übersetzen lässt und aus seiner Sicht besonders geeignet ist, gerade im Kontext von Kindeswohlgefährdung der Einzigartigkeit von Familien gerecht zu werden und Selbsthilfepotentiale zu aktivieren.

Internationale Forschung im Kinderschutz

Pascal Bastian u.a. eines Forscherteams der Universität Münster wurden im Rahmen der Bundesinitiative „Frühe Hilfen für Eltern und Kinder und soziale Frühwarnsysteme“ mit der Evaluation entsprechender Maßnahmen beauftragt. In ihrem Beitrag diskutieren sie die besonderen Herausforderungen und Grenzen einer themenspezifischen Wirkungsanalyse und stellen ihren Ansatz im Hinblick auf die Evaluation von Wirkungen und Vernetzung früher Hilfen vor. Hans Grietens gewährt in seinem Beitrag zunächst Einblick in die Präventionspraxis in Flandern und beleuchtet anschließend theoretische Fundierung und zentrale Ergebnisse einer eigenen Studie zur Effektivität von Präventionsprogrammen. Bilha Davidson-Arad und Rami Benbenishty präsentieren die Ergebnisse einer Studie aus Israel, die Zusammenhänge zwischen Einstellungen von Fachkräften, Wünschen von Eltern und Kindern im Hinblick auf stationäre Hilfen auf der einen Seite und Gefahreneinschätzungen und Empfehlungen der Fachkräfte hinsichtlich Herausnahme von Kindern und Rückführung auf der anderen Seite untersuchte. Andrea Polutta und Stefanie Albus gehen in ihrem Artikel der Frage nach, wie sich aus der Sozialen Arbeit heraus angemessene Kriterien für das Wohlergehen von Kindern bestimmen lassen und richten dabei den Fokus auf Verwirklichungschancen junger Menschen. Ihre Ausführungen untermauern sie mit Auszügen aus einer eigenen Studie, in der Kinder, Jugendliche und ihre Eltern zu ihrer Lebenssituation, ihren Ressourcen und der von ihnen in Anspruch genommenen Hilfe zur Erziehung befragt wurden.

Prävention und Intervention in der Praxis

Anita Kraak und Suus Mijland geben zu Beginn dieses Kapitels vertiefenden Einblick in die Praxis der in jeder niederländischen Provinz tätigen Behörden (AMKs) für die Beratung zum Thema Kindesmisshandlung und zur Meldung von Verdacht auf Kindeswohlgefährdung. Arbeitsmethoden werden ebenso vorgestellt wie einrichtungsinterne und einrichtungsübergreifende Kooperationen Zahlen, Fakten und Daten aus der Gegenwart. Johannes Schnurr befasst sich im Anschluss mit der Qualifizierung von Kinderschutzfachkräften im Sinne von insoweit erfahrenen Fachkräften im Bundesgebiet und stellt die Inhalte entsprechender Fortbildungsmaßnahmen u. a. in Bezug zu den verschiedenen Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe. Michaela Hinterwälder und Vanessa Schnorr haben ebenfalls das Thema Kinderschutzfachkraft als Schwerpunkt ihres Beitrags. Auf der Grundlage von Ergebnissen einer Evaluation der ISA - Zertifikatskurse Kinderschutzfachkraft gem. § 8a SGB VIII und Erfahrungen aus der praktischen Aus- und Weiterbildung mit bereits qualifizierten Kinderschutzfachkräften gehen sie der Frage nach deren Profil, Aufgaben und Funktionen und daraus ableitbaren Herausforderungen im Hinblick auf die (fortlaufende) Unterstützung in der Umsetzung ihres Handlungsauftrags nach. Heinrich Haddenhorst gibt einen Überblick über Entwicklungen und gegenwärtige Angebote im Kontext Frühwarnsystem und frühe Hilfen in der Stadt Gütersloh. Katharina Bickel stellt abschließend in diesem Kapitel das Gastfamilienkonzept eines SOS-Kinderdorfs aus der Region Vorarlberg vor. Hier werden Familien in belasteten Lebensphasen über die Dauer von ein bis zwei Jahren in die Kinderdorfgemeinschaft aufgenommen und intensiv begleitet mit dem Ziel, nach Ablauf der Intensivbetreuung wieder ein eigenständiges und dem Kindeswohl zuträgliches Familienleben führen zu können.

Rechtliche Rahmensetzungen im Kinderschutz

Judith Masson behandelt in ihrem Beitrag den Umgang mit Fehlern im englischen Kinderschutzsystem. Sie setzt sich zunächst mit der Frage auseinander, was als Fehler im Kinderschutz zu kategorisieren ist und beleuchtet anschließend zentrale Reaktionen auf diese Einschätzungen in der Entwicklung des Kinderschutzes sowohl auf administrativer wie auf rechtlicher Ebene. Josep Ferrer i Riba formuliert im letzten Beitrag des Gesamtwerkes Grundsätze und Aussichten für ein europäisches System zum Kinderschutz. Dabei spricht er sich weniger für eine Verbesserung auf der Gesetzesebene aus als vielmehr für eine Betonung von gemeinsamen Prinzipien im Kinderschutz und die Förderung eines fortschrittlichen europäischen Problembewusstseins unter Anerkennung kultureller Unterschiede.

Diskussion

Die Publikation gewährt einen interessanten Einblick in die Kinderschutzpraxis insbesondere in Teilen von Nord-, West- und Mitteleuropa und macht Gemeinsamkeiten ersichtlich, vor allem aber auch länderspezifische Eigenheiten. Letzteres regt im positiven Sinne zum Nachdenken an, vor allem wenn die Spezifika in den Beiträgen in Bezug gesetzt werden zu kulturellen Gegebenheiten und politischen Entwicklungen in der Vergangenheit und Gegenwart des jeweiligen Landes. Es wird einmal mehr deutlich, dass Kindeswohl und Kindeswohlgefährdung und damit einhergehend Einschätzungen über notwendige und geeignete Maßnahmen zum Kinderschutz normative Konstrukte sind, die es immer wieder aufs Neue zu reflektieren gilt.

Erschreckend deutlich wird in jenen Kapiteln, die sich mit Forschungen zu Unterschieden, deren Entstehungshintergrund und der Wirkung von Maßnahmen zu Kinderschutz befassen, der Mangel an empirischen Befunden, die auch und gerade im Hinblick auf die Integration von Maßnahmen anderer Länder in die eigene Kinderschutzpraxis von herausragender Bedeutung wären. Es bleibt zu hoffen, dass forschungsgeneigte Leser/innen diese Tatsache als Ansporn betrachten, um ein länderübergreifendes Lernen durch wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zu unterstützen.

Ein Wermutstropfen ist, dass Beiträge aus Ost- und Südeuropa fehlen und diese Lücke auch nicht kommentiert wird. Nicht immer gänzlich nachvollziehbar ist darüber hinaus die Zuordnung von Beiträgen zu den einzelnen Kapiteln. Auch wäre es zur besseren Übersicht hilfreich gewesen, die Kapitel nicht nur im Inhaltsverzeichnis, sondern auch in der Publikation selbst mit einführenden Worten aufzugreifen angesichts der Vielzahl von Beiträgen.

Fazit

Als Gesamtwerk befördert die Veröffentlichung den Blick über den Tellerrand und die Betrachtung der eigenen Praxis aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Sie gibt Anregungen für eine Optimierung des Kinderschutzes im eigenen Land, liefert Anhaltspunkte für notwendige Forschungen und stiftet dazu an, Kinderschutz grenzüberschreitend zugunsten des Kindeswohls zu denken. Von daher ist sie eine in mehrfacher Hinsicht empfehlenswerte Lektüre für Leser/innen, die allerdings mindestens über ein Basiswissen im Themenfeld Kindeswohlgefährdung und Kinderschutzsysteme verfügen sollten.


Rezensentin
Dr. Claudia Bundschuh
Hochschule Niederrhein Fachbereich Sozialwesen


Alle 13 Rezensionen von Claudia Bundschuh anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Claudia Bundschuh. Rezension vom 22.08.2011 zu: Regine Müller, Dirk Nüsken (Hrsg.): Child protection in Europe. Von den Nachbarn lernen - Kinderschutz qualifizieren. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2010. ISBN 978-3-8309-2403-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10382.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung