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Herfried Münkler (Hrsg.): Handeln unter Risiko

Cover Herfried Münkler (Hrsg.): Handeln unter Risiko. Gestaltungsansätze zwischen Wagnis und Vorsorge. transcript (Bielefeld) 2010. 285 Seiten. ISBN 978-3-8376-1228-8. 29,80 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Sozialtheorie.
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Die Störanfälligkeit, Gefahren- und Bedrohungssensibilität der modernen Gesellschaften

Das an der Berliner Humboldt-Universität durchgeführte Forschungsprojekt „Sicherheit & Risiko“ hat mittlerweile mehrere Aspekte und Ergebnisse zu diesen sensiblen, differenziert und interdisziplinär zu behandelnden Themenbereichen politischen und gesellschaftlichen Handelns zur Diskussion gestellt (vgl. dazu die Rezension zum Tagungsband Münkler / Bohlender / Meurer, Hrsg., Sicherheit und Risiko. Über den Umgang mit Gefahr im 21. Jahrhundert, Bielefeld 2009). Die genannten Herausgeber legen nun einen weiteren Band vor, indem sie auf das Spannungsfeld von „Wagnis“ und „Vorsorge“ verweisen. Sie diskutieren, dass „moderne Gesellschaften … ( ) vor der Frage (stehen), wie und in welchen Formen das Verhältnis Risiko – Sicherheit neu bestimmt und auf soziale, rechtliche und politische Weise neu arrangiert werden kann“.

Aufbau

Der Band wird in drei Kapitel gegliedert.

1. „Codierungen von Gefahr und Ungewissheit“

Im ersten Teil setzt sich der Berliner Politologe Herfried Münkler mit dem Begriffspaar „Sicherheit und Freiheit“ auseinander, indem er darauf verweist, dass die Begriffe und ihre Verwendung in der politischen Sprache einer irreführenden Oppositionssemantik unterliegen. Er macht darauf aufmerksam, dass sich die Trennungslinie beim Umgang mit Freiheit und Sicherheit bei liberalen und demokratischen Gesellschaften gegenüber denen in autoritären und totalitären Regimen zeigt; aber auch, dass es nicht sinnvoll ist, „Freiheit und Sicherheit als aparte Normen einander gegenüberzustellen, um daraus eine Oppositionssemantik zu gewinnen, sondern es ist…viel ergiebiger, das Augenmerk auf die Rahmenbedingungen zu richten, unter denen Sicherheit und Freiheit zueinander in Beziehung treten“. Die Freiheit des Einzelnen muss dabei im Einklang gebracht werden mit der Freiheit eines jeden Anderen, genau so wie die Freiheit eines Jeden mit der Sicherheit eines jeden Anderen.

Der an der Bundeswehr-Universität in München lehrende Soziologe Wolfgang Bonß reflektiert „(Un-)Sicherheit als Problem der Moderne“. In der okzidentalen Moderne ist der Übergang von der Ordnungs- zur Risikowahrnehmung in vielen alltäglichen und institutionellen Lebensbereichen in vollem Gange; wiewohl dabei, darauf hat schon Niklas Luhmann hingewiesen, die Abgrenzung von den Bereichen Risiko und Gefahr nicht eindeutig ist. Risikoeinschätzung und der Umgang mit Unsicherheiten bedürfen neuer, zu der bisher praktizierten „kumulativen“ Risikobewältigung entgegengesetzter Zugangsweisen; die „Risikoverweigerung“ ist eine davon. Andere, alternative Unsicherheitsorientierungen, bei denen etwa Unsicherheit nicht als Ärgernis, sondern als Produktivitätsressource und als Basis und Bezugspunkt menschlichen Lebens verstanden wird und so etwas wie eine „Kultur der Unsicherheit“ ermöglichen, bilden interessante Ansätze für ein „risikobewusstes“ und „risikomündiges“ Leben.

Der an der Stuttgarter Universität tätige Soziologe Ortwin Renn und die stellv. Direktorin der

gemeinnützigen Gesellschaft für Kommunikations- und Kooperationsforschung, DIALOGIK, Marion Dreyer, stellen in ihrem Beitrag „Vom Risikomanagement zu Risk Governance“ neue Steuerungsmodelle zur Handhabung komplexer Risiken vor: denn Risiken stehen im Spannungsverhältnis zwischen unabwendbarem Schicksal und Eigenverantwortung der Menschen. Das in Genf ansässige International Risk Governance Council hat 2005 einen Prototyp einer Risikoregulierungskette entworfen, bei dem physische und gesellschaftliche Dimensionen von Risiken in die Risikosteuerung einbezogen werden. Die alternativen, wissenschaftlichen und anwendungsorientierten Modelle tragen dazu bei, dass alle Beteiligten aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik einbezogen werden.

Der Siegener Literaturwissenschaftler Niels Werber reflektiert einen Zustand des „Nicht-Kriegs“, indem er einen Epochenwandel in der (deutschen) gesellschaftlichen Selbstbeschreibung aufzeigt. Dabei knüpft er, am Beispiel des (kriegerischen?) Einsatzes der Bundeswehr in Afghanistan, an das Hobbes`sche Paradigma an, dass der Krieg das Gegenteil des Friedens sei und macht deutlich, dass in der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden Welt holistische Benennungen und Bewertungen eine gesellschaftsverändernde Wirkung haben.

2. „Sicherheitsarchitektur für das 21. Jahrhundert“

Das zweite Kapitel beginnt der an den Universitäten Essen und Witten-Herdecke lehrende Kulturwissenschaftler Harald Welzer mit Anmerkungen zu einem unterbelichteten Zusammenhang: „Ökologie des Krieges“. Dabei richtet er seinen Blick (und Zeigefinger) auf die Gewaltfolgen, die der Klimawandel mit sich bringt (vgl. dazu die Rezension zu Worldwatch Institute, Hrsg., Zur Lage der Welt 2009. Ein Planet vor der Überhitzung. Intelligente Politik gegen ein destabilisiertes Klima; in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung und Germanwatch, Münster 2009). Dabei diskutiert er die ökologischen Ursachen und Folgen von Gewaltkonflikten, die sich aus der Umweltproblematik ergeben. Mit der These „Konflikte haben kein Außen mehr“ fordert er auf, „mehr konzeptionelle, theoretische und empirische Anstrengungen in die Entwicklung einer Ökologie des Kriegs zu investieren“.

Die Rechtswissenschaftlerin von der Berliner FU, Heike Krieger, referiert über „völkerrechtliche Fundamente einer neuen Sicherheitsarchitektur“. Sie macht deutlich, dass im UN-Völkerrechtsdiskurs kein Paradigmenwechsel zu erwarten ist, sondern sich eine Fortentwicklung des geltenden Rechts durch eine dynamische Vertragsauslegung vollzieht, z. B. mit dem Konzept der „Human Security“.

Der Osnabrücker Politologe Ulrich Schneckener reflektiert die „globale Sicherheitspolitik und die Krise des multilateralen Systems“. Er informiert über die konkreten Maßnahmen zu den Bereichen der „security and-issues“, wie Migration und …, Demographie und …, Ressourcen und …, Klima und …, Entwicklung und …, Internet und …, Nahrung und Sicherheit…, und diskutiert die Bedingungen, die für eine „globale Sicherheitspolitik“ notwendig sind.

Leon Hempel und Michael Carius, beide am Zentrum Technik und Gesellschaft der TU Berlin tätig, setzen sich auseinander mit Fragen der inneren Sicherheit im transnationalen Großraum der Europäische Union, indem sie die Situation als „Dynamik der Überbietung“ charakterisieren. Die Fokussierung der Sicherheitsbestrebungen innerhalb der EU, weitgehend ausgerichtet auf Terrorismus- und Kriminalitätsabwehr und Freizügigkeit, verliert die bedeutsame Frage aus den Augen und der transnationalen Diskussion: Wer ist der EU-Bürger? (vgl. dazu die Rezension zu Michael M. Thoss / Christina Weiss, Hrsg., Das Ende der Gewissheiten. Reden über Europa, München 2009).

3. „Transformationsprozesse sozialer Risiken“

Im dritten Kapitel geht die Berliner Wirtschaftswissenschaftlerin Christine Windbichler der Frage nach, wie „Kapitalmärkte als Vorsorgeinstrument(e)“ wirken können und eine Risikobegrenzung durch Rechtsnormen möglich wird. Es ist der Umgang mit dem Risiko – andere sagen, mit der Chance - einer längeren Lebenserwartung, die materielle Regelungen erforderlich machen und ein Verständnis von Finanzmärkten als Dienstleistungsmärkte einfordern. Kapitalmärkte sind ein Vorsorgeinstrument, was bedeutet, „dass die Funktionsfähigkeit der Kapitalmärkte ein wichtiges Gemeinschaftsgut (ist), das der Staat mit den Mitteln des Rechts zu hüten hat“ (es sei dem Rezensenten erlaubt, in diesem Zusammenhang auf andere Denk- und Handlungsrichtungen zu verweisen: Eva Hartmann / Caren Kunze / Ulrich Brand, Hrsg., Globalisierung, Macht und Hegemonie. Perspektiven einer kritischen Internationalen Politischen Ökonomie, Münster 2009, vgl. dazu die Rezension).

Der an der Berliner Humboldt-Universität Politische Soziologie und Sozialwissenschaft lehrende Friedbert W. Rüb bringt in den Diskurs „eine Problemskizze über Gefahren und Risiken im Bereich des Sozialen zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ ein, indem er über neue Unsicherheiten, neue soziale Risiken und die Herausforderungen moderner Wohlfahrtsstaaten nachdenkt. Während in der öffentlichen Diskussion bisher von den „Gewinnern“ und „Verlierern“ des gesellschaftlichen Wandels gesprochen wurde, sieht Rüb in den (Ideal-)Typen der „Überflüssigen“ (Exkludierte), der „Abweichler“ und der „Unsichtbaren“ die neuen Herausforderungen für die Gesellschaftspolitik und für eine Veränderung zum individuellen und institutionellen Denken und Handeln vom „Wohlfahrtsstaat zu Wohlfahrtsmärkten und zum Workfare-Staat“.

Der Leipziger Soziologe Georg Vobruba plädiert in seinem Beitrag für „soziale Sicherheit und die Selbstgestaltung der sozialen Verhältnisse“. Der Übergang von vormodernen zu modernen Verhältnissen habe, so der Autor, einen grundlegenden Strukturwandel in den lokalen und globalen Weltinterpretationen verursacht. Es sind die „Leute“, in ihrem individuellen und gesellschaftlichem Denken und Handeln, die eine neue „gesellschaftliche Inpflichtnahme“ erforderlich machen und Formen der „Selbstgestaltung“ praktizieren sollten, um, soziologisch betrachtet, so etwas wie eine „Gesellschaft der Leute“ zu schaffen.

Martin Odening von der Berliner Humboldt-Universität und Oliver Mußhoff von der Göttinger Georg-August-Universität gehen im Schlussbeitrag des Tagungsbandes der Frage nach: „Armutsbekämpfung durch alternative Risikotransferinstrumente“. Sie stellen die verschiedenen Risikomanagementinstrumente dar und schlagen ein Alternativmodell vor, bei dem indexbasierende Versicherungen, Wetterdevirate und CAT Bonds (Katastrophenanleihen oder Act-of-God-Bonds) als Screening-Verfahren angewandt wird.

Fazit

„Weltrisikogesellschaft“ als faktischer Zustand (Ulrich Beck, Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit, Frankfurt/M., 2007, vgl. dazu die Rezension) oder als Ausnahmezustand (vgl. dazu die Rezension zu Markus Holzinger / Stefan May / Wiebke Pohler, Weltrisikogesellschaft als Ausnahmezustand, Weilerswist 2010), sind Anlass genug, über die bisherigen institutionellen Arrangements von Risiko und Sicherheit und den Umgang mit Risiken in der lokalen und globalen Welt neu nachzudenken. Das Forschungsprojekt „Sicherheit & Risiko“ an der Berliner Humboldt-Universität stellt dafür wichtige und innovative Denkanstöße und Forschungsansätze zur Verfügung. Der Band „Handeln unter Risiko“ bietet deshalb zum einen Sozial- und Gesellschaftswissenschaftlern und –forschern eine Reihe von Aspekten an, „wie und in welchen Formen das Verhältnis Risiko – Sicherheit neu bestimmt und auf soziale, rechtliche und politische Weise neu arrangiert werden kann“; zum anderen Politikern und den „Leuten“ die Chance zu einer Auseinandersetzung, die dich und mich und uns alle betrifft, soll sich die Gesellschaft gerecht, sozial, demokratisch und human weiter entwickeln.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 08.12.2010 zu: Herfried Münkler (Hrsg.): Handeln unter Risiko. Gestaltungsansätze zwischen Wagnis und Vorsorge. transcript (Bielefeld) 2010. ISBN 978-3-8376-1228-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10384.php, Datum des Zugriffs 20.08.2019.


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