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Jan-Felix Schrape: Neue Demokratie im Netz?

Cover Jan-Felix Schrape: Neue Demokratie im Netz? Eine Kritik an den Visionen der Informationsgesellschaft. transcript (Bielefeld) 2010. 245 Seiten. ISBN 978-3-8376-1533-3. 27,80 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Sozialtheorie.
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Thema: Das Internet und die Zukunft der Massenmedien

Jüngst hat die Internetplattform Wikileaks mit der Veröffentlichung von rund 250.000 Diplomatendepeschen in der internationalen Presse ein riesiges Medienecho ausgelöst. Während einige Stimmen von Gefährdung der nationalen Sicherheit sprechen oder gar den "Cyber-War" befürchten, andere wiederum das Recht auf Informationsfreiheit betonen, ist schon jetzt eine Sache klar: Das Internet reiht sich nicht nahtlos als ein weiteres Medium zwischen Zeitung, Rundfunk und Fernsehen ein. Durch seine vernetzte und partizipative Struktur bietet es jedem Einzelnen die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen. Durch diese »bottom-up«-Struktur werden die Kommunikationswege der herkömmlichen »Massenmedien« quasi auf den Kopf gestellt. Was dies für die Zukunft der Medienlandschaft bedeutet - ob Massenmedien durch die "Schwarm-Intelligenz" des Web 2.0 zunehmend obsolet werden oder sich mit ihm zu neuen Formen verbinden - dieser Frage geht Jan-Felix Schrape in seiner kritischen Untersuchung zu den "Visionen der Informationsgesellschaft" nach.

Autor

Der Autor, Jan-Felix Schrape, schloss 2010 seine Promotion an der Universität Regensburg ab. Seit Mai 2010 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am sozialwissenschaftlichen Institut der Universität Stuttgart, in der Abteilung für Organisations- und Innovationssoziologie. Schrapes wissenschaftlichen Arbeitschwerpunkte liegen in den Bereichen Innovationssoziologie, Wandel von Mediensektoren, Systemtheorie und Prozesssoziologie. Der Autor betreibt darüber hinaus den Blog www.gedankenstrich.org.

Entstehungshintergrund

Bei dieser Publikation handelt es sich um eine überarbeitete Fassung seiner Dissertation, die Schrape 2009 unter dem Titel "Wirklichkeitschancen alternativer Realitätsentwürfe in der europäischen Netzwerkgesellschaft - Eine Kritik der Utopien der Informationsgesellschaft aus erweiterter systemtheoretischer Sicht" an der Universität Regensburg vorgelegt hat. Die Arbeit steht unter http://gedankenstrich.org/wp-content/uploads/2010/04/Diss%20FINAL.pdf zum Abruf bereit.

Aufbau und Inhalt

Im "Prolog" umreißt Schrape sein Forschungsprogramm, indem er den Forschungsgegenstand thematisch einordnet, Forschungsfragen und Definitionen bringt sowie die beiden Hypothesen seiner Arbeit darlegt: Erstens geht der Autor davon aus, dass die Massenmedien in Deutschland ihre Bedeutung auch in Zukunft nicht einbüßen werden. Zweitens vermutet Schrape, dass das Internet innovative Inhalte in die massenmediale Berichterstattung einbringe und auf diese Weise eine unterschwellige Einflussnahme von Online-Themen auf „herkömmliche“ massenmediale Berichterstattung stattfinde.

"Teil I: Soziale Realitätskonstruktion aus erweiterter systemtheoretischer Sicht" beschäftigt sich mit der systemtheoretischen, bzw. soziologischen Rekonstruktion massenmedialer und netzwerkbasierter Interaktionsprozesse. Als Modell präferiert Schrape ein "erweitertes System-Umwelt-Paradigma" Lumannscher Prägung. Zentrale Begrifflichkeiten sind die "interne" und die "externe Umwelt" sowie die "psychischen" und "sozialen Systeme". Des Weiteren die Begriffe: "Stabilisation", "Innovation" und "Emergenz". Bereits an dieser Stelle der Arbeit wird für den Autor deutlich: "[… D]as soziale System der Massenmedien erfüllt in der Gesellschaft eine spezifische Funktion" (S. 83), und zwar in Form einer notwendigen Reduktion von Komplexität.

"Teil II: Medienevolution und gesellschaftliche Wirklichkeitsbeschreibung" beginnt mit dem Buchdruck als Einstieg in das Zeitalter der Massenmedien und spannt den Bogen von dort weiter bis in die Gegenwart. In dieser Zusammenschau wird deutlich, dass sowohl Buchdruck als auch Rundfunk, Fernsehen und Internet spezifische Entwicklungen eingeleitet haben, die aus der gesellschaftlichen Wirklichkeitsbeschreibung hervorgingen und hierauf zurückwirkten.

Um das empirisch erhobene Nutzungsverhalten der Internetuser in Abhängigkeit von ihren Altersgruppen und soziale Schichtzugehörigkeiten geht es in "Teil III: Einflüsse des World Wide Web". Unter Bezugnahme auf einschlägige Online-Studien beobachtet Schrape eine abnehmende Nutzung mit steigendem Alter und konstatiert ferner, "dass sich zwei Drittel der Bevölkerung lediglich auf einem niedrigen Kompetenzniveau bewegen" (S. 163). Bezogen auf die Hypothesen seien die Massenmedien in ihrer komplexitätsreduzierenden Funktion und in der Rolle als zentrale Schaltstellen weder substituiert worden, noch zielten die Blogs, Podcasts, Foren und Online-Lexika darauf ab, dieser Medienlandschaft aktiv Konkurrenz zu machen.

Die bilanzierende Zusammenschau der Ergebnisse erfolgt dann im vierten Hauptteil des Buches: "Neue Demokratie im Netz?". Man kann sich aufgrund des bisher Gesagten leicht vorstellen, wie diese aussieht: Demokratisierung, gemessen an der Zahl innovativer oder alternativer Inhalte, welche die Vormachtstellung der Massenmedien zu brechen oder zumindest aufzuweichen in der Lage sind, sieht Schrape nicht. Eher ist das Gegenteil der Fall, wenngleich der Autor zweifelsohne graduelle Veränderungsprozesse am Wirken sieht, die durch das Internet ausgelöst werden, etwa in der Musikindustrie.

Diskussion

Schrape analysiert das Verhältnis von Massenmedien und Internet auf zwei Ebenen: Erstens hinsichtlich der stabilisierenden, komplexitätsreduzierenden Funktion von Zeitung, Rundfunk und Fernsehen angesichts der divergierenden, gleichberechtigten Vielstimmigkeit, die das Internet produziert. Zweitens im Hinblick auf die Absicht der Web-Inhalte, die demokratische (scil. journalistische) Medienkultur überhaupt bereichern zu wollen.

Zweifellos hat der Autor mit der vorliegenden Arbeit einen intelligenten Analyseansatz gewählt, der weit über herkömmliche plakative Niedergangs-Szenarien, etwa dem Verschwinden der Printmedien angesichts der »Übermacht« Internet, hinausgeht. Analysiert er doch nicht nur singuläre Phänomene, sondern erfasst Massenmedien und Internet in ihrem strukturellen Wesenskern. Von hier aus kann Schrape interessante Befunde stringent im Lichte seiner Theorie präsentieren. Schade nur, dass die Lektüre insbesondere im zweiten Teil durch sperrige Satzkonstruktionen und streckenweise Fremdworthypertrophie getrübt wird. Gute Ideen lassen sich einfacher ausdrücken.

Irreführende Erwartungen mag auf den ersten Blick der Titel des Buches wecken: »Demokratie« meint weniger den politischen Kommunikationsprozess, sondern beschreibt nach Schrapes Verständnis die Durchsetzungskraft innovativer und alternativer Medieninhalte: Der Begriff fungiert damit als ein Gradmesser der Durchlässigkeit einer (Netzwerk-)Gesellschaft für Themen von "unten nach oben", bzw. der Dezentralisierung von Medienmacht.

Zunächst ist festzustellen, dass auch die herkömmlichen Massenmedien Dependenzen im Onlinebereich eingerichtet haben: Onlineausgaben von Zeitungen, "Audio on demand" und "Video-Livestreams" beispielsweise. Somit hat eine Verschränkung von herkömmlichem Verbreitungsweg und Netzwerk technisch bereits stattgefunden, etwa wenn Zeitungsartikel von Usern kommentiert werden können. Andererseits stellen hoch frequentierte Internetseiten wie etwa Google, Wikipedia, darunter Blogs wie netzpolitik oder bildblog mittlerweile bedeutsame Selektions- und Verteilungsinstanzen von Inhalten dar, die ebenso komplexitätsreduzierend wirken. Die Wechselwirkung von digitalen Massenmedien und interaktivem Internetraums wäre daher eine interessante Erweiterung des Forschungsgegenstandes gewesen: Inwieweit verändert zum Beispiel bereits der technische Einstieg in das Web 2.0 die Massenmedien, etwa wenn Usern die Möglichkeit gegeben wird, Inhalte zu kommentieren oder zu bewerten?

Letztlich ist die kontinuierliche und hochwertige Recherche und Publikation von Inhalten mit einem hohen Zeitaufwand und professioneller Expertise verbunden. Daher die begründete Vermutung, dass die Berufsgruppe der Journalist/innen mitsamt den Massenmedien auch weiterhin Bestand haben und nicht durch "Freizeitblogger" ersetzt werden wird.

Nicht ganz zustimmen mag ich dem Autor, wenn er schreibt, dass Blogger nur selten von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen würden (S. 189). Dies mag quantitativ in Bezug auf die Vielzahl von Blogs zutreffen, die zum Teil über eine "Nabelschau" tatsächlich nicht hinauskommen. Doch insbesondere hat der Wikileaks-Skandal gezeigt, welche Wirkung auch Onlineinhalte auf Presse und Öffentlichkeit haben können. Ähnliche Wirkungen – wenngleich in kleinerem Umfang - erzielten auch deutsche Blogs, zum Beispiel in Sachen Bahn-Affäre und www.netzpolitik.org Anfang 2009.

Schließlich räumt Schrape die (zumindest theoretische) Möglichkeit der Substitution von Massenmedien durch das Internet ja selbst ein (S. 163). Der springende Punkt ist, wie Internetangebote eine zentrale Stellung erlangen können. Dies ist meines Erachtens bei der Suchmaschine Google und Wikipedia (bei letzterer entgegen der Einschätzung Schrapes) bereits der Fall, deren unheilvolles Zusammenwirken Stefan Weber mit dem "Google-Copy-Paste-Syndrom" (vgl. die Rezension) beschreibt. Überhaupt wäre angesichts eines Demokratieverständnisses, "als Erosion der Selektions- und Verteilungsinstanzen" (S. 18), die Frage nach der Rolle von Suchmaschinen eine interessante Vertiefung gewesen.

Insgesamt ist das Zusammenwirken von Internet und Massenmedien also ein hoch komplexer, teils jenseits von Schlagzeilen verlaufender, subtiler Prozess. So nachvollziehbar die These der Komplexitätsreduktion durch Massenmedien ist, umso mehr bleibt die Feststellung Schrapes, es lägen "bislang kaum Anhaltspunkte dafür vor, dass nutzergenerierte Inhalte zu einer veränderten Balance zwischen alternativen und etablierten Sinnangeboten in der gesellschaftsübergreifenden Wirklichkeitsbeschreibung führen könnten" (S. 198f.), in meinen Augen unbefriedigend.

Fazit

Mit seiner Kritik an den Utopien der Informationsgesellschaft analysiert Schrape das Verhältnis von Massenmedien und Internet in Deutschland aus systemtheoretischer Perspektive. Damit ist dem Autor ein interessanter Wurf gelungen, der dazu angetan ist, den Mythos des »Web 2.0« als per se demokratisierendes Medium differenzierter zu beleuchten.


Rezensent
Dr. Stefan Anderssohn
Sonderschullehrer an einer Internatsschule für Körperbehinderte. In der Aus- und Fortbildung tätig. Weitere Informationen auf der Homepage.
Homepage www.anderssohn.info
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Zitiervorschlag
Stefan Anderssohn. Rezension vom 17.12.2010 zu: Jan-Felix Schrape: Neue Demokratie im Netz? Eine Kritik an den Visionen der Informationsgesellschaft. transcript (Bielefeld) 2010. ISBN 978-3-8376-1533-3. Reihe: Sozialtheorie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10387.php, Datum des Zugriffs 20.08.2017.


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