socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Andreas Knoll: Professionelle soziale Arbeit

Cover Andreas Knoll: Professionelle soziale Arbeit. Professionstheorie zur Einführung und Auffrischung. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2010. 3. Auflage. 231 Seiten. ISBN 978-3-7841-1984-7. 9,90 EUR, CH: 17,50 sFr.

Reihe: Studienbuch soziale Arbeit.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Es scheint sich nicht nur um eine auf die Lehrerfahrung des Rezensenten beschränkte Einschätzung zu handeln, dass der Bedarf Studierender nach Literatur angewachsen ist, möglichst viel im Studium eher diskret und vor allem disparat wahrgenommene Erkenntnisse zu und über Soziale Arbeit in verdichteter Form und bilanziert nachschlagen zu können. An dieser Stelle scheint zugleich ein Bedarf an Orientierung auf, der den Übergang von Theorie (Studium) in Praxis (erste eigenständige Professionserfahrungen) abfedern und erleichtern können soll. Damit wird auch ein „Markt“ an Literatur markiert, der an anderer Stelle nicht selten durch Repetitorien oder Ratgeberliteratur aufgefüllt wird. Der vorliegende Band von Andreas Knoll mag – vordergründig! – dieses Grundbedürfnis aufnehmen und Professionstheorie „zur Einführung und Auffrischung“ (so der Untertitel) anbieten; legt der Begriff „Auffrischung“ noch die Nähe zu einem klassischen Repetitorium nahe, Ratgeberliteratur ist der Band jedenfalls nicht; zu niveauvoll und differenziert, das sei – auch trotz manchen Mangels – vorweg genommen, seinen Versuch an, tatsächlich einen Praxis gestützten Entwurf einer Professionstheorie vorzulegen.

Autor

Dr. Andreas Knoll war nach dem Studium der Sozialarbeit Anfang der 1970er Jahre zunächst in der Drogen- und Suchthilfe in Kassel und Nürnberg tätig, bildete sich zum Sozial- und Psychotherapeuten und Supervisor fort und lehrt und seit 1986 am Fachbereich: Soziale Arbeit, Bildung und Diakonie an der Evangelischen Fachhochschule Bochum Im Lehrgebiet „Methodik der sozialpsychiatrischen und klinischen Sozialarbeit, Supervision und Sozialtherapie“.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Werk ist in sieben Abschnitte gegliedert:

  1. Zunächst (S. 14 – 28) nimmt Andreas Knoll (in sehr knapper) eine Herkunftsbestimmung dessen vor, was als Sozialarbeit begriffen wird.
  2. Im zweiten Abschnitt (S. 31 – 76) schildert er die „Wege der Erkenntnis“, die zu einer Theorie der Sozialen Arbeit führen; dies illustriert er an zahlreichen Beispielen aus der Praxis, die er am besten kennt: insbesondere die Drogenhilfe, die Jugend- und Drogenberatung, die Arbeit in einer Fachklinik für suchtkranke Frauen und Männer oder einer Heimeinrichtung für chronifizierte suchtkranke Menschen; aber auch Bezüge zur Jugendarbeit und zur Jugendgerichtshilfe weiß Knoll herzustellen. Verschiedentlich werden (grafisch z. B. in Kästen hervorgehobene) wesentliche Informationen (fast als „Merksätze“) formuliert, dies allerdings eben nicht durchgehend, worunter die Einheitlichkeit der Darstellung etwas leidet.
  3. Der dritte Abschnitt ist dem Wechsel- und Spannungsverhältnis von Theorie und Praxis, Disziplin und Profession vorbehalten (S. 79 – 84), wobei Knoll auf die Bezüge zur Theorie des Symbolischen Interaktionismus auch im Umfeld von Jane Addams verweist.
  4. Einführungen in professionstheoretische Ansätze (zum Beispiel vom merkmalsorientierten Ansatz über den systemtheoretischen Ansatz bis hin zum reflexiven Professionsansatz) werden im vierten Abschnitt behandelt (S. 87 – 103).
  5. Die Ethik professionellen Handelns – und damit der Zusammenhang von Solidarität, Menschenrechten und Menschenwürde – steht im Mittelpunkt des fünften Abschnitts (S. 107 – 114); dies ist grundsätzlich erfreulich, kommt doch der Aspekt der Ethik des Sozialen in mancher Einführung nur am Rande vor. Auch ist es erfreulich, dass der Autor auf die Selbstbestimmung der International Federation of Social Work (ISFW) insofern Bezug nimmt, was Soziale Arbeit sei („Die Profession Soziale Arbeit fördert sozialen Wandel, Problemlösungen in menschlichen Beziehungen und die Stärkung und Befreiung von Menschen, um das Wohlergehen zu stärken. Gestützt auf Theorien über menschliches Verhalten und sozialer Systeme greift Sozialarbeit an den Stellen ein, wo Menschen mit ihrer Umwelt in Wechselwirkung stehen. Die Grundlagen von Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit sind für die Soziale Arbeit wesentlich“), als er diese Definition und die Kommentierung dem Anhang beifügt; allerdings nimmt er an dieser Stelle hierauf nicht weiter Bezug, so dass der um Verbindlichkeit bemühte ISFW-Text weitgehend unverbunden zu den Ausführungen Knolls bleibt. Es irritiert auch, dass der Autor in der aktuellen Ausgabe (2010) noch auf den Zugang verweist, den das (bereits am 27. Dezember 2003 außer Kraft gesetzte) Bundessozialhilfegesetz/BSHG in § 1 Abs. 2 in Bezug auf die Herstellung von Gerechtigkeit und Sicherung der Menschenwürde vornahm („Aufgabe der Sozialhilfe ist es, dem Empfänger der Hilfe die Führung eines Lebens zu ermöglichen, das der Würde des Menschen entspricht. Die Hilfe soll ihn soweit wie möglich befähigen, unabhängig von ihr zu leben; hierbei muß er nach seinen Kräften mitwirken“). Hier scheinen Aktualisierungen künftig doch mehr als angemessen, ja, zwingend, muss doch gerade eine zeitgemäße Auseinandersetzung mit den ethischen Imperativen der Sozialen Arbeit durch die Studierenden als dringend erforderlich angesehen werden. Dann würde auch der neo-soziale Duktus der „neuen“ (im Aktivierungsstaat verorteten) Sozialhilfe (die in § 1 SGB XII aufscheint: „Aufgabe der Sozialhilfe ist es, den Leistungsberechtigten die Führung eines Lebens zu ermöglichen, das der Würde des Menschen entspricht. Die Leistung soll sie so weit wie möglich befähigen, unabhängig von ihr zu leben; darauf haben auch die Leistungsberechtigten nach ihren Kräften hinzuarbeiten“) zu diskutieren und gerechtigkeitstheoretisch wie -ethisch zu kritisieren sein.
  6. Im sechsten Abschnitt (S. 117 – 196) breitet Andreas Knoll sein professionstheoretisches Konzept der Sozialen Arbeit im Rückgriff unter anderem auf die Schlüsselbegriffe und -überlegungen in der Risikogesellschaft, die sich alltags- und lebensweltorientiert begreift und im Widerspruch im Verhältnis von Hilfe und Kontrolle bestimmt, aus.
  7. „Ohne die Soziale Arbeit würde unsere heutige Gesellschaft nicht mehr funktionieren“, schreibt Andreas Knoll zu Beginn des siebten Abschnitts (S. 199 – 203), und er fährt fort: „Mit der Sozialen Arbeit hat diese Gesellschaft einen Professionstypus geschaffen, der das Zusammenleben in einer individualisierten und pluralisierten Gesellschaft erst möglich macht.“ Soziale Arbeit trete an, „soziale Ungleichheiten zu kompensieren, in dem sie durch Ungleichheit benachteiligte Gesellschaftsmitglieder zu befähigen versucht, teilzuhaben“ (S. 199). Sie diene „Individuum und Gesellschaft gleichermaßen“ und sie „versucht, individuelle Interessen gegen die Gesellschaft und gesellschaftliche Interessen gegen die Individuen durchzusetzen“ (S. 203). Zum „Schluss“, so ist der Abschnitt übertitelt, gelingt es dem Autor, die Ambivalenz der Sozialen Arbeit in wenigen Kernaussagen, die wie Lehrsätze wirken, schlussfolgernd zusammen zu fassen.

Der Leser/Die Leserin muss diesen Schlussfolgerungen nicht immer folgen, insbesondere auch deshalb nicht, weil die „Risiken und Nebenwirkungen“ Sozialer Arbeit im Kontext des neo-liberalen Regimes des „Neo-Sozialen“ nur angedeutet bleiben. Hier sollte sich eine kritischere Lesart auch in der „Auffrischung“ dienenden Einführungstexten durchsetzen. Auch irritiert, dass nahezu gänzlich unberücksichtigt in der Argumentation des Autors der Zugang bleibt, den Hans Thiersch und andere als Alltags- und Lebensweltorientierung in der Sozialen Arbeit näher bestimmt und in einer Vielzahl von Veröffentlichungen ausführlich exemplifiziert haben. Hier ist eine Lücke markiert, die noch zu schließen sein wird.

Ebenso überraschend ist es, dass Knoll mit einer Reihe von Hinweisen auf Diplomarbeiten aufwartet (S. 74ff), die er als Beispiele für wissenschaftliche Erkenntnisfindung in der Sozialen Arbeit anführt. Was früher als Exempel hat gelten dürfen, wirkt im vollzogenen Prozess der „Bolognaisierung“ auch der akademischen Ausbildung von Fachkräften des Sozialen überholt. Hier sollte schnell Anschluss an die veränderten Maßstäbe und Praxen im Lichte von Bachelor- und Masterarbeiten gefunden werden und eine künftige Ausgabe der veränderten Qualität dieser Arbeiten Rechnung tragen.

Schließlich weist das Literaturverzeichnis (S. 207 – 224) mehrheitlich Literatur bis 2006 aus, insbesondere aus den 1990er Jahren, und einige aktuelle Titel; es wird angereichert durch ausgewählte Diplomarbeiten aus den Jahren 1994 bis 2009, auf die sich der Autor wiederholt bezieht. Jüngere – für die Entfaltung einer Professionstheorie der Sozialen Arbeit relevante – Publikationen (z. B. Carola Flad, Sabine Schneider und Rainer Treptow: Handlungskompetenz in der Jugendhilfe, vgl. die Rezension; oder: Roland Becker-Lenz und andere [Hrsg.]: Professionalität in der sozialen Arbeit, vgl. die Rezension; oder: Jürgen Ebert: Reflexion als Schlüsselkategorie professionellen Handelns in der sozialen Arbeit, vgl. Rezension; oder: Roland Becker-Lenz und andere: Professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit, Wiesbaden 2011, Rezension in Arbeit) finden sich im Verzeichnis nicht. Hier zeichnet sich Aktualisierungsbedarf ab. Schließlich verzichtet die dem Literaturverzeichnis beigefügte „Webliografie“ leider auf erhellende nähere Angaben zu den genannten Weblinks, was den zielgerichteten Gebrauch nicht eben vereinfacht.

Zielgruppen

Der vorliegende Band ist vorrangig an Studierende der Sozialen Arbeit adressiert. Er soll – so will es der Verlag – Studienanfängerinnen und Studienanfängern eine erste Vorstellung davon vermitteln, was Soziale Arbeit ist, kann und leistet: Warum gibt es den Beruf Sozialarbeit/Sozialpädagogik? Warum muss man das studieren? Was bedeutet eigentlich „Professionelle Soziale Arbeit„“? Das Buch verhelfe „aber auch den erfahrenen Fachleuten der Sozialen Arbeit dazu“, heißt es in der Produktbeschreibung des Lambertus-Verlags, „diese Fragen nach vielen Berufsjahren erneut zu überdenken, damit sie weiterhin als Helfer erfolgreich tätig sein können“.

Diskussion und Fazit

„Professionelle Soziale Arbeit. Professionstheorie zur Einführung und Auffrischung“ wird bei diesen Zielgruppen (insbesondere aber wohl bei Studierenden!) auch deshalb „ankommen“, weil – neben einer einleuchtenden Schreibung – der Autor stets Kontakt zur Praxis hält, bildreich argumentiert und erfolgreich bestrebt ist, dass seine „Auffrischung“ nicht als „Theoriewerk“ wahrgenommen wird. Dabei aber bleiben die skizzierten Lücken, die eine vierte überarbeitete Auflage freilich schnell schließen könnte. Auf diese Ausgabe darf gespannt gewartet werden.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
E-Mail Mailformular


Alle 90 Rezensionen von Peter-Ulrich Wendt anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 06.12.2011 zu: Andreas Knoll: Professionelle soziale Arbeit. Professionstheorie zur Einführung und Auffrischung. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2010. 3. Auflage. ISBN 978-3-7841-1984-7. Reihe: Studienbuch soziale Arbeit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10389.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!