socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Christoph Mattes (Hrsg.): Wege aus der Armut

Cover Christoph Mattes (Hrsg.): Wege aus der Armut. Strategien der sozialen Arbeit. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2010. 234 Seiten. ISBN 978-3-7841-1969-4. 21,90 EUR, CH: 37,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Entstehungshintergrund

Der Sammelband verdankt sich der Fachtagung „Armut ohne Ausweg ?- Sozialberatung im aktivierenden Sozialstaat“ in Freiburg im Breisgau. Ausgehend von der Rücknahme wohlfahrtsstaatlicher Standards, insbesondere durch die Durchsetzung der Reformen unter dem Stichwort Hartz IV, etabliert sich das Programm des sogenannten aktivierenden Sozialstaates. Die in dieses Programm eingelassene Eigenverantwortlichkeit der betroffenen Menschen wird in der Einführung des Bandes durch den Herausgeber allerdings unter Ideologieverdacht gestellt, weil das grundlegende Problem der Nichterwerbstätigkeit nicht gelöst wird. Hinzu kommt, dass sich das Hilfesystem immer mehr zu einem Hilfemarkt entwickelt in dem Wirtschaftlichkeit und Rentabilität die Leitgrößen darstellen.

Aufbau

Auf diesem Hintergrund ordnen sich die 14 Beiträge nach den

  1. „Dimensionen der Armut“ (Kap.1), nach der
  2. „Bewältigung von Armut in den Handlungsfeldern der sozialen Arbeit“ (Kap.2) sowie nach
  3. „Handlungstheoretische(n) Herausforderungen für die soziale Arbeit“ (Kap.3).

Inhalt

Zu Beginn des 1. Kapitels gibt Berthold Dietz in seinem Beitrag „Armut in Deutschland“ einen datenbasierten Überblick über die Armutssituation. Die betroffenen Bevölkerungsgruppen befinden sich ausgeprägt bei Beziehern und Bezieherinnen von ALG II oder Sozialhilfe, bei Alleinerziehenden, bei Kindern bis zum 15. Lebensjahr und bei kinderreichen Familien. Das Armut u. a. bei Menschen mit Behinderungen, Migrantenfamilien und Überschuldeten zu wenig Beachtung finden ist ein Anliegen des Autors. Eingegangen wird ausführlich auf Armutsdefinitionen und Armutskonzepte zur quantitativen und qualitativen Erfassung von Armut: Das Konzept Bekämpfte Armut erreicht 8,8 Prozent der Bevölkerung, das Lebensstandardkonzept 9,5 Prozent, das Ressourcenkonzept 13,1 Prozent und die Berechnung nach dem Lebenslagenkonzept kommt auf 14,3 Prozent der Bevölkerung. Der Ausblick in die Zukunft ist durchaus dramatisch. Altersarmut wird sich verstärken und prekäre Beschäftigungen mit unzureichenden Löhnen sowie die gegebene Einkommensungleichverteilung sind ausschlaggebend für die Armutsentwicklung.

Claudia Wallner analysiert im folgenden Beitrag Armut Genderaspekte unter Einbezug von Bildung, Beschäftigung und Alter. Vorliegende Befunde zeigen ein deutlich höheres Armutsrisiko für Frauen. Gleichstellungspolitik ist deshalb für die Autorin eine Notwendigkeit der Armutsbekämpfung bei Frauen.

Armutsbekämpfung in der Europäischen Union (EU), ein Beitrag von Thomas Vollmer und Hans Eckart Steimle, beschreibt die komplexe Entwicklung zunehmender Einflussnahme auf die nationale Sozial- und Beschäftigungspolitik. Armutsbekämpfung wird in der EU vorwiegend über Programme zur Verstärkung der Erwerbstätigkeit gesteuert, wobei ein europäisches Strategiekonzept leitend ist mit dem umfassenden Ziel, Ausgrenzung in mehreren Sektoren zu bekämpfen (z.B. Arbeitsmarkt, Bildung, Institutionen, soziale Desintegration). Die Autoren machen darauf aufmerksam, dass Wohlfahrtsverbände aber auch kleine Sozialorganisationen von den genannten Entwicklungen und den installierten Programmen profitieren (z.B. im Rahmen des Programms Soziale Stadt). Sehr gute Informiertheit, Initiativkraft und Kreativität sind aber wichtige Voraussetzungen, um die Mittel einzuwerben.

Im 2. Kapitel wird zunächst auf den Zusammenhang von Armut und Gesundheit eingegangen. Berthold Dietz verweist in diesem Beitrag auf Wechselwirkungen von Armut, Gesundheit, Gesundheitsversorgung, Wohn- und Umfeldbedingungen. Ein eindringliches Beispiel zeigt, dass Armut krank macht: Die Rentenbezugsdauer von Männern mit einem Einkommen unter 1.500 Euro beträgt 10,8 Jahre, von Männern über 4.500 Euro hingen 18,2 Jahre.

Daran anschließend bearbeitet Cornelia Kricheldorff das Themas Armut im Alter. Alle vorliegenden Daten zum Thema prognostizieren steigende Altersarmut. Ursachen hierfür sind geringes Einkommen im Lebenslauf, Senkung des Rentenniveaus, Versorgungslücken durch Arbeitslosigkeit und niedrig bezahlte Beschäftigungsverhältnisse. Die Autorin macht sowohl deutlich wie wichtig zukünftige Mindestsicherungssysteme werden aber auch wie notwendig präventive Konzepte wohnortnaher und niedrigschwelliger Beratungs- und Begegnungsangebote auf kommunaler Ebene sind.; durchaus in einem Mix aus professioneller Hilfe und bürgerschaftlichem Engagement.

Den Zusammenhang von Armut und Überschuldung bearbeitet Thomas Wagner. Für ihn besteht die Notwenigkeit, Lösungswege auf drei Ebenen zu beschreiben: auf der persönlichen Ebene der Sozialberatung, der institutionellen Ebene im Umfeld der Betroffenen und der politischen Ebene (kommunale Sozialpolitik, Sozialbank).

Für Martin Albert gehören Migranten zum Kern des gefährdeten Armutspotentials. In der BRD leben ca. 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Benachteiligung im Bildungssystem, im Arbeitsmarkt, Niedriglohnbeschäftigung und soziale Ausgrenzung sind hauptsächliche Ursachen, die Armut und Armutsrisiko begründen. Der Autor fordert lebensweltorientierte Beratung im Migrationsbereich und eine Neuausrichtung der professionellen Migrationsarbeit., die die vielfältig vorhandene Zersplitterung (z.B. Ausländersozialarbeit, Spätaussiedlerbetreuung, Asylantenberatung) überwindet. Soziale Arbeit kann diese Ausrichtung forcieren und nachhaltige Integration und weitsichtige Migrationspolitik unterstützen.

Josef Kaiser stellt das „Gründerzentrum Goethe 2“ in Freiburg vor. Ausgehend von einer grundsätzlichen Leistungsfähigkeit des Einzelnen findet eine begleitete Suche nach beruflicher Selbständigkeit statt. Durch Schulung kaufmännischer Kompetenz und Unterstützung durch Soziale Arbeit haben, so ein Zwischenbericht, 19 Existenzgründungen zumindest zu einer Nebenerwerbsselbständigkeit geführt. Geschäftsideen waren z.B. Gründung einer Hundeschule, das Angebot von Grabpflege, Verkauf von fair gehandelter Fitnesskleidung aus Kolumbien.

Der letzte Artikel von Christoph Mattes, Anja Lusch und Isolde Geissler-Frank des 2. Kapitels beschäftigt sich mit Armut und Wohnen. Dargestellt wird ein Projekt der Ev. Hochschule Freiburg zu dessen Zielsetzung gehört, für die Betroffenen von Miet- und Energieschulden Lösungswege zu finden und vor allem Wohnungsverlust zu vermeiden. Zu diesem Projekt gehört auch ein Dialog mit der Wohnungswirtschaft sowie die Weiterbildung dortiger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Das 3. theorieorientierte Kapitel erörtert in einem ersten umfänglichen stadtsoziologisch akzentuierten Aufsatz Armut unter dem Aspekt von Sozialraumorientierung und Stadtentwicklung (Martin Becher). Empfohlen wird auf dem Hintergrund der Ausführungen eine auf Vernetzung von Personen und Organisationen ausgerichtete weitgefächerte Sozialraumberatung. in deren operativen Zentrum ein Stadtteilbüro oder ein Quartiersmanagement steht.

Theoretisch ebenfalls anspruchsvoll ist der Beitrag von Matthias Drilling. Auf dem Hintergrund von Armutsstudien bezüglich junger Erwachsener in Europa wird die Ökonomisierung sozialer Beratung und ihre Justierung ausschließlich auf den Arbeitsmarkt und dortige Notwendigkeiten kritisiert. Demgegenüber erörtert Drilling den Capability-Ansatz von Amartya Sen und entwickelt eine Beratungsperspektive. Letztlich führt diese Wendung zu einer Veränderung des Betratungsverständnisses: Die biografische Phase im jungen Erwachsenenalter und die Förderung der dortigen Handlungsfähigkeit Betroffener steht im Mittelpunkt der Beratung, dann erst richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Gegebenheiten des Arbeitsmarktes.

Daran anschließend erörtert Uta Meier-Gräwe den Zusammenhang von Resilienz und Armut. Widerstandsfähigkeit (Resilienz) eröffnet die Möglichkeit mit Risiken und Belastungen konstruktiv umzugehen. Ausschlagend zur Minderung der Risikofaktoren, wie z.B. Angst als psychische Belastung, sind insbesondere bei Kindern und Jugendlichen und ihren Familien die jeweiligen Schutzfaktoren (persönliche Eigenschaften, Familie, soziale Netze).

In einem kurzen Schlussbeitrag unternimmt Christoph Mattes eine Standortbestimmung der Sozialberatung mit verschuldeten Personen. Entgegen der neoliberalen Strategie eines wohlfahrtstaatlichen Rückzuges und dort verankerten institutionalisierten Verschuldungslösungen plädiert er dafür, den angestrebten gelingenden Alltag der Betroffenen, durch einen mündigen Umgang mit ihrer Verschuldungssituation zu unterstützen.

Die vorgelegte Dokumentation der Fachtagung endet mit kommunalpolitischen Empfehlungen:

  • Beschäftigungsverhältnisse in der eigenen Verwaltung und in eigenen Betrieben schaffen.
  • Einführung eines Sozialtickets (öffentlicher Verkehr).
  • Verantwortungsvoller Umgang der Behörden z.B. mit Kontopfändung, Tilgungspraxis.
  • Wirksame Hilfeangebote im Bereich Armut und Gesundheit.
  • Kostenlose Betreuungsplätze für Kinder, individuelle Bildungsförderung.
  • Menschenwürdige Umsetzung der Bestimmungen zu SGB II und SGB VII.
  • Kostengünstige Wohnungen.
  • Armutsbezogene Vernetzungen in Stadtteilen und Wohnquartieren (Beratung, Begegnung).

Diskussion

Es liegt ein aufschlussreicher Band zum Thema zum Thema „Wege aus der Armut“ vor. Theoretische Fundierung und praxisbezogene Konzepte kommen ausgewogen zur Geltung, wobei eben Wege aus der Armut aufgrund der gegebenen gesellschaftlichen Situation eher schmale Pfade sind. Auf kommunale Kontexte einzugehen und auch kommunalpolitische Empfehlungen zu formulieren ist sicherlich der Handlungsreichweite Sozialer Arbeit geschuldet, gleichwohl wäre eine gesellschaftskritische Analyse der nationalen und internationalen Armutszusammenhänge wünschenswert gewesen.

Fazit

Eine empfehlenswerte Publikation zum Thema „Wege aus der Arbeit“. Angesprochen ist die professionelle Soziale Arbeit in den dargestellten Handlungsfeldern eines weit ausgelegten Beratungsansatzes. Aufgrund guter Verständlichkeit und guter Strukturierung der dargestellten Themenkomplexität, ist der Band auch für Studierende einschlägiger Studiengänge sehr geeignet.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
E-Mail Mailformular


Alle 89 Rezensionen von Erich Hollenstein anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 11.09.2012 zu: Christoph Mattes (Hrsg.): Wege aus der Armut. Strategien der sozialen Arbeit. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2010. ISBN 978-3-7841-1969-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10390.php, Datum des Zugriffs 03.12.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Inserieren und suchen Sie im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung