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Burkhard Liebsch: Renaissance des Menschen?

Cover Burkhard Liebsch: Renaissance des Menschen? Zum polemologisch-anthropologischen Diskurs der Gegenwart. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2010. 303 Seiten. ISBN 978-3-938808-94-8. 39,90 EUR, CH: 62,90 sFr.
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Der Mensch als Projektionsfläche – Menschenbilder als normative Sinnbilder

Vielleicht ist es mit dem Versuch das genuine Menschliche zu definieren, wie mit dem Gebrauch der Vernunft - „Beginning to reason is like stepping onto an escalator that leads upward and out of sight. Once we take the first step, the distance to be traveled is independent of our will and we cannot know in advance where we shall end.” (Peter Singer zitiert nach Baron 2008, 5) Der Mensch als Adressat und Objekt der Definitionsversuche des Menschlichen ist eine Projektionsfläche – seine eigene Projektionsfläche. Eine Selbstbezüglichkeit, die Gefahren birgt. Mit dem Begriff „Projektionsfläche“ soll folgendes Phänomen genauer in den Blick genommen werden: Unter einer Projektionsfläche versteht man in der Geometrie, Kartografie oder Optik jenen Bereich auf die ein Objekt mittels Strahlen abgebildet wird. Eine Projektionsfläche steht also nicht für sich selbst, sondern für das, was auf ihr abgebildet wird. Ihre einzige Eigenschaft besteht darin, diese Abbildung auch tatsächlich manifestieren zu können.

Dazu ein Beispiel: Das anthropologische Faktum des Bösen, von dem Vertreter einer evolutionären Ethik gerne sprechen, lässt diese Vertreter auch gerne von der Faszination des Bösen sprechen: „Wir Menschen sind keine Engel, und es wäre an der Zeit, diesen Umstand zur Kenntnis zu nehmen.“ (Wuketits, 2000, 9) Das Böse der Menschen scheint gegen stabile gesellschaftliche Verhältnisse zu sprechen, die durch Kooperation, Respekt und Recht geprägt sind. Sind Menschen tatsächlich unanständig? Müssen sie tatsächlich in unanständigen Verhältnissen leben? Nun, „[e]ine anständige Gesellschaft bekämpft Verhältnisse, durch die sich ihre Mitglieder mit Recht gedemütigt fühlen können. Eine Gesellschaft ist dann anständig, wenn ihre Institutionen den Menschen, die ihrer Autorität unterstehen, keine berechtigten Gründe liefern, sich als gedemütigt zu betrachten.“ (Margalit 1999, 24-25) – das Böse im Menschen, von dem die Vertreter einer evolutionären Ethik gerne sprechen, scheint dagegen zu sprechen. Das Böse steht – folgt man diesen Überlegungen, dem autonomen Lebensvollzug entgegen, denn „mit „Autonomie“ bezeichnen wir … eine bestimmte Art der individuellen Selbstbeziehung, die es erlaubt, seinen eigenen Bedürfnissen zu vertrauen, zu den eigenen Überzeugungen zu stehen und die eigenen Fähigkeiten als wertvoll zu empfinden … Zur Autonomie gelangen wir … auf intersubjektivem Wegen, indem wir uns nämlich durch die Anerkennung seitens anderer Personen als Wesen verstehen lernen, deren Bedürfnisse, Überzeugungen und Fähigkeiten es wert sind, verwirklicht zu werden.“ (Honneth 2010, S. 60-61).

Dieser Versuch der Zuschreibung des Bösen ist ein Beispiel für den Menschen als Projektionsfläche und den Konsequenzen, die manche bereit sind, daraus zu ziehen. Wesentliche Bestimmungen des Menschen sind für einige Jahre (Jahrzehnte) in Verruf geraten und mit Spannung und Interesse wird die Renaissance des Menschen verfolgt.

Autor

Burkhard Liebsch, promovierter und habilitierter Philosoph, lehrt derzeit als Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Fakultät für Sozialwissenschaften und Philosophie der Universität Leipzig (www.uni-leipzig.de/~politik/site/personen). Seine Arbeitsschwerpunkte finden sich gut dokumentiert in seinen zahlreichen Publikationen und haben Themen der praktischen und der Sozialphilosophie zum Inhalt, genauso wie die Philosophie der Geschichte, die Phänomenologie, die Hermeneutik in kulturwissenschaftlicher Perspektive.

2008 erschien seine Studie zur Gastlichkeit beim Karl Alber Verlag, bei dem einige seiner Bücher veröffentlicht worden sind (www.verlag-alber.de).

Zur Renaissance des Menschen

Ausgangspunkt der Überlegungen von Burkhard Liebsch ist eine vermeintliche Tautologie des französischen Philosophen Jean Baudrillard, der 1982 des Satz geprägt hat: „Heute sind alle Menschen Menschen.“ (zitiert nach Liebsch 2010, 9). Dieser Satz soll tatsächlich so zu verstehen sein: „heute sollen alle Menschen als Menschen behandelt werden. So gesehen wird unsere Aufmerksamkeit weniger auf die Frage gelenkt, was ein Mensch ist oder was alle Menschen als solche ausmacht, sondern vielmehr darauf, wie es dazu kommen kann, Andere nicht als Menschen zählen zu können oder zu wollen.“ (Liebsch 2010, 10).

Der Fokus verschiebt sich für den Autor weg von ontologischen und epistemologischen Fragen hin zu moralischen, soziologischen und politischen Fragen. Definitionsversuche des Menschlichen hätten bloß dazu geführt Menschen als des Menschen Feind zu bestimmen – die zur Schau gestellten Feindschaften wären Folge der Inklusions- bzw. Exklusionsversuche gewesen.

Der Autor strukturiert sein Buch in zehn Teile – eine Einleitung, acht Kapitel und einen Epilog – in denen zu Beginn nochmals das Thema der Definition und Bestimmung des Menschlichen aufgeworfen wird “Was oder wer wir sind“ (so der Beginn des ersten Kapitels, Liebsch 2010, 29). Die nächsten beiden Kapitel beschäftigen sich mit dem Feindbild Mensch und der Feindschaft der Menschen untereinander. Diese Darstellung greift auf Überlegungen von Carl Schmitt und Wassili Grossman zurück. Das vierte Kapitel stellt eine erste Zäsur im Buch dar – Ethik wird als Ende aller Menschenbilder vorgestellt, die ja als Motor der Feindschaft in den vorangegangenen Kapiteln identifiziert worden sind. Die folgenden stellen den Versuch dar, die beschriebenen Feindschaften (als Exklusionsversuche) durch einen radikalen Perspektivenwechsel zu verunmöglichen. Der Blick auf den Anderen steht nun im Zentrum der Aufmerksamkeit des Autors (was ihm durch Rückgriffe auf die Positionen von Emmanuel Levinas, Jaques Ranciére oder Judith N. Shklar gelingt). Das achte Kapitel nimmt diesen Anderen als Menschen in den Blick, der Spuren hinterlässt – Erinnerungen, Zeugnisse und Spuren werden in den Blick genommen und stellen den Abschluss des Gedankengangs dar.

Konsequenterweise wird der Epilog als „Der bezeugte Mensch“ betitelt.

Fazit

Burkhard Liebsch dokumentiert in seiner Studie welche Gefahren in den Versuchen das Menschliche als Begriff, als Definition, als Wesensbestimmung zu fassen zu bekommen, liegen. Über die Definition des Menschen im Allgemeinen kommt es zu einer Bestimmung des Nicht-Menschlichen auf individueller und kollektiver Ebene – einzelne Menschen wird die Zugehörigkeit zur Sphäre von Recht und Anstand genauso verwehrt, wie Gruppen von Menschen. In einem schon vor einiger Zeit erschienenen Aufsatz hat das Patricia Seed dargestellt: „At the core of the issue of the „humanity“ or „rational soul“ was a fundamentally Christian distinction between men and animals. Although, for example, the Greeks and Romans, separated themselves from barbarians, they did not distinguish sharply between men and animals, but related them more closely on a continuum. But, beginning with Augustine, Christianity had established possession of „reason“ as a defining characteristic of humanity. „Reason“, which „humans“ were defined as having, and animals defined as lacking, thus became the way of establishing an absolute difference between men and animals.” (Seed 1993, 636) Und weiter: “The debate over the „humanity“ of the natives developed not neutral let alone ethnographic competence, but knowledge created in the service of political power.” (Seed 1993, 650). Den Definitionsversuchen des Menschlichen sind Machtinteressen eingeschrieben, die in Feindseligkeiten ihren Ausdruck finden. Diesen Gefahren kann man entgehen, so Burkhard Liebsch, widmet man sich nicht möglichen Wesensdefinitionen, sondern dem konkreten Anderen, wie er sich durch seine Geschichte, seine Tätigkeiten und seine Präsenz bezeugt. Das Buch bietet eine gute Gelegenheit seinen eigenen Menschenbildern, die sich im Denken und Handeln verraten, auf die Spur zu kommen und darüber nachzudenken, welchen Konstruktionen von Menschlichkeit man eigentlich lebt. Es ist jenen Lesern zur Lektüre empfohlen, die sich auf eine herausfordernde Spurensuche begeben wollen.

Literatur:

  • Baron, J. (2008 [1988]). Thinking and Deciding. New York, NY (USA), Cambridge University Press
  • Honneth, A. (2010 [2009]). Das Gewebe der Gerechtigkeit. Über die Grenzen des zeitgenössischen Prozeduralismus. Das Ich im Wir - Studien zur Annerkennungstheorie. A. Honneth. Berlin (GER), Suhrkamp Verlag: 51-77
  • Seed, P. (1993). "\„Are These Not Also Men?\„: The Indians\“ Humanity and Capacity for Spanish Civilisation." Journal of Latin American Studies 25(3): 629-652
  • Margalit, A. (1999 [1996]). Politik der Würde - Über Achtung und Verachtung. Frankfurt/Main (GER), Fischer Taschenbuch Verlag
  • Wuketits, F. M. (2000). Warum uns das Böse fasziniert. Die Natur des Bösen und die Illusion der Moral. Stuttgart (GER) & Leipzig, S. Hirzel Verlag

Rezensent
Mag. Harald G. Kratochvila
Homepage www.kompetenz-coaching.at
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Zitiervorschlag
Harald G. Kratochvila. Rezension vom 27.06.2011 zu: Burkhard Liebsch: Renaissance des Menschen? Zum polemologisch-anthropologischen Diskurs der Gegenwart. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2010. ISBN 978-3-938808-94-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10393.php, Datum des Zugriffs 20.05.2019.


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