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Frederick Mayer: Vorurteil - eine Geißel der Menschheit

Cover Frederick Mayer: Vorurteil - eine Geißel der Menschheit. Böhlau Verlag (Wien Köln Weimar) 2010. 200 Seiten. ISBN 978-3-205-78505-7. 24,90 EUR.
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Sein ist Handeln

Vielleicht ist einigen noch der Untertitel zu Heinrich Bölls Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ in Erinnerung, der da lautet: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann (Böll 1995) Was der deutsche Literaturnobelpreisträger über das gerichtete Missverständnis schreibt, ist insofern eine ganz brauchbare Einleitung zu den Gedanken von Frederick Mayer über die Kraft von Vorurteilen, weil Heinrich Böll in seiner Erzählung fast ein Musterbeispiel eines eskalierendes Konfliktes liefert, das der Konflikteskalation nach Friedrich Glasl sehr nahe kommt, und Frederick Mayer den Vorurteilen eine gesellschaftszersetzende Kraft zuschreibt. Vorurteile schaffen eine gesellschaftliche Atmosphäre in der es immer wieder zu Konflikten zwischen Menschen oder Gruppen von Menschen kommen kann.

Ein bekanntes chinesisches Sprichwort lautet: Sein ist Handeln – und damit wird in knapper Form ein Spannungsverhältnis beschrieben, das moderne Menschen mit dem Begriff Verantwortung belegt haben. Toleranz im Miteinander ist mehr als nur ein Bekenntnis, es ist eine Lebenspraxis, die laufend eingeübt und gelebt werden muss, um gesellschaftliche Wirksamkeit entfalten zu können. Vorurteile haben einen tradierten Kern, und prägen das Verhalten von Generationen von Menschen – wie einfach, wie schwierig ist es, diese Muster zu durchbrechen? „Die über Jahrzehnte hinaus ausgebildeten Denkgewohnheiten müssen angepasst, verändert oder ganz aufgegeben werden. Aber ist das ohne weiteres möglich? Wird nicht etwas gefordert, was unmöglich ist? Reicht es und funktioniert es, rein rational mit Statistiken und Prognosen ein Umdenken zu verlangen? Lassen sich so bestehende Denkmuster ersetzen? Dass dies ohne erhebliche Komplikationen und Widerstände geschehen wird, erscheint höchst fraglich.“ (Schwarz 2007, 10)

Der psychologische Befund scheint erdrückend zu sein – nichtsdestotrotz sind es Pamphlete wie Frederick Mayers Buch wider das Vorurteil, die Hoffnung machen, dass Vorurteile wirksam begegnet werden kann.

Autor

Frederick Mayer ist vor allem durch seine Ideen zur Pädagogik und Kreativität einem breiten Publikum bekannt. Der Kreativität hat er einen wichtigen Platz in der Lebenswirklichkeit der Menschen zugedacht – sein weiter Kreativitätsbegriff umfasst dabei auch die gelingende Gestaltung und Planung des eigenen Lebens – die Lebenskunst. Hier finden sich auch interessante Berührungspunkte zu Ideen von Zygmunt Bauman, der die Gestaltung individuellen Lebens mit einem Kunstwerk verglichen hat: „Our lives, whether we know it or not and whether we relish the factor bewail it, are works of art. To live or lives as the art of living demands, we must – just as artists must – set ourselves challenges that are difficult to confront up close,visibility: hidden; margin-bottom: 0,5em;" />

I. Effektives Bekämpfen von Vorurteilen

Frederick Mayer geht davon aus, dass Vorurteile, da sie ein Produkt der Gesellschaft sind, auch durch gesellschaftliche Bemühungen bekämpft werden können. Die gesellschaftliche Rolle besteht darin, die Individuen dabei zu unterstützen, sich selbst besser kennen zu lernen, d.h. ihre Selbstreflexion zu fördern. Der erste Schritt in der erfolgreichen Bekämpfung von Vorurteilen liegt in der Entwicklung des individuellen Vermögens, seine Emotionen zu entdecken und darüber Klarheit zu bekommen: „ Wir müssen in unserem eigenen Leben die Ursachen für Liebe und Hass, Ablehnung und Zuneigung klären und müssen uns der Ambivalenz unserer Gefühle bewusst sein.“ (202). Im zweiten Schritt geht es darum, Perspektivenwechsel einzusetzen, um sich und andere in einem anderen Licht zu sehen: „Wir müssen andere Menschen in einem neuen Licht sehen, und mit ihnen in eine tiefere Beziehung … treten.“ (202) Der permanente Abgleich von Selbst- und Fremdbild nimmt eine wichtige Rolle im Zusammenleben von Menschen ein. Der dritte Schritt betont den Vorzug des Handelns gegenüber dem bloßen Erkennen und Wissen: „Wir müssen handeln: Intellektuelle Erklärungen über die Schrecken des Vorurteils sind weit weniger wichtig als eine Tat der Zivilcourage von unserer Seite.“ (203). Für Frederick Mayer geht es an dieser Stelle um die Betonung der Tatsache, dass es im Leben der Menschen darauf ankommt, lebenswirksam zu werden – nur so kann Gesellschaft auch verändert werden.


II. Die Schule der Zukunft

Die Schule der Zukunft nimmt eine wichtige Stellung in den Überlegungen von Frederick Mayer ein, wenn es darum geht herauszuarbeiten, welche Möglichkeiten die Institution Schule in der Formung von Menschen und ihren Ideen und Verhaltensweisen einnimmt. „Der wirkliche Bildungszuwachs wird in der größeren Befähigung liegen, Beziehungen zu anderen Menschen herzustellen.“ (221) Diese bloße Beziehung zu anderen Menschen baut bereits Vorurteile ab – an einigen Stellen im Buch weist Frederick Mayer darauf hin, wie sehr Distanz (in Form von begrifflicher Abstraktion, lebensweltlicher Trennung oder emotionaler Distanzierung) das Aufkommen und Persistieren von Vorurteilen befördern kann. Er spricht in diesem Zusammenhang auch vom Unterschied zwischen Teilnehmen und Beobachten: „Was wir wirklich erleben, macht einen bleibenden Eindruck auf uns, der Rest ist vage wie im Film.“ (166).

Die Schule der Zukunft muss sich nach Frederick Mayer über die Beantwortung folgender Fragen definieren (222 ff.):

  • Wie können alle sozialen Schichten an der Institution Schule beteiligt werden?
  • Wie sehr können die kreativen Kräfte der Gesellschaft an diesem Projekt beteiligt werden?
  • Wie sieht es mit der Förderung lernschwacher Schüler aus?
  • In welcher Form kann der Geist der Demokratie zu einem konstituierenden Teil der schulischen Erziehung gemacht werden?
  • Wie ist es möglich, kooperative Führungsstile im Schulbetrieb anschaulich zu machen?
  • Inwieweit können Vorurteile durch die schulische Erziehung abgebaut werden?
  • Durch welche Maßnahmen lernen die Schüler kosmopolitisch zu denken?
  • Was muss getan werden, um die Bedeutung der Zeitgeschichte auch im Lehrplan und der schulischen Wirklichkeit zu verankern?
  • Welcher Rahmenbedingungen bedarf es, um die Schule als Stätte der Freude und des Entdeckens zu etablieren?
  • Wie lässt sich die notwendige Erwachsenenbildung fördern?
  • Durch welche Maßnahmen wird die Institution Schule transparent gemacht, um so zu einer Art Kommunikationszentrum zu werden?

III. Schaffung einer vorurteilsfreien gesellschaftlichen Atmosphäre

Frederick Mayer geht in seinen Überlegungen implizit davon aus, dass das gesellschaftliche Umfeld einen maßgeblichen Einfluss auf individuelle Denk- und Verhaltensweisen ausübt. Seine gesellschaftlichen Ansätze verfolgen das Ziel, durch Änderungen der sozialen Rahmenbedingungen schließlich ebenso die individuellen Verhaltensmöglichkeiten verändern zu können. Die von ihm beschriebene vorurteilsfreie Atmosphäre soll Vorurteile erst gar nicht aufkommen lassen. Beispielsweise schlägt er für den familiären Rahmen folgende Maßnahmen vor (208 ff.):

  • Fördern von Aufrichtigkeit; Theorie und Praxis sollen nicht auseinanderfallen.
  • Offenheit für Ideen ermöglichen und vorleben
  • Intellektuelle und ästhetische Horizonterweiterungen initiieren
  • Soziale Verantwortung übertragen
  • Solidarität betonen und fördern
  • Differenzen zwischen Menschen bewusst machen; Ideen und Meinungen sollten respektiert werden
  • Erzählungen fördern den Abbau von Distanz
  • Anteilnahme fördern; ein kooperativer Lebensstil soll entwickelt werden; Toleranz und Wertschätzung sind zentrale Werte der Erziehung
  • Liebe als vorbildhaftes Verhalten

Diskussion: Plausibilität statt Erklärung

Die Stärke des vorliegenden Buches liegt in der Art und Weise, wie Frederick Mayer seinen Ideen Raum und Wirkung zu geben versteht. Seine Ideen entwickeln sich in einer Art Gespräch – Fragen und Antworten strukturieren den Text und gestalten ihn lebendig. Diese Lebendigkeit wirkt zwar sehr ansprechend, die argumentative Stringenz bleibt dabei aber an vielen Stellen auf der Strecke. Das Buch und die darin enthaltenen Ideen vermögen nicht zu überzeugen, wo eine grundsätzliche Übereinstimmung fehlen sollte – Tolerante, vorurteilsfreie Menschen werden Gefallen an den Beispielen aus sehr unterschiedlichen Lebenssituationen finden, auch wenn manchen Beispiele und Vorschläge fiktiven Charakter haben. Aber es gilt, was die italienische Philosophin Elena Esposito einmal über die Kraft der Fiktion geschrieben hat - „Die Orientierung an der fiktiven Realität ist ein Teil der realen Realität. Sie ist ein Faktor, der ihre zukünftige Entwicklung bestimmt.“ (Esposito 2007,64)

Fazit

Gelingendes menschliches Zusammenleben basiert nicht auf Vorurteilen, Kooperation, Toleranz und Empathie werden durch die Dominanz von Vorurteilen gebrochen. Die Ausbildung einer vorurteilsfreien Persönlichkeit und menschlichen (kulturellen bzw. gesellschaftlichen) Umgebung ist ein wichtiges Anliegen. Frederick Mayer hat in seinem Buch eine Vielzahl von Beispielen dafür geliefert, wie Vorurteile sich zwischen Menschen aufrichten und damit ein ausgleichendes Zusammenleben verhindern können. Sein Buch wird für all jene von Interesse sein, die sich mit der Frage beschäftigen, warum es offenbar nur schwer möglich ist, Minderheiten in der Gesellschaften angemessene Freiräume (für politische, kulturelle und soziale Bedürfnisse) zu ermöglichen. Seine Denkanstöße punkten vor allem mit Plausibilität und klaren Formulierungen, weniger mit argumentativer Stringenz. Das Buch stellt eine gute Ausgangsbasis für die Auseinandersetzung mit sozialpsychologischen und sozialphilosophischen Theorien zur Bedeutung von Vorurteilen dar – in dem Sinne, dass Vorurteile Menschen dasjenige rauben, was sie für ihr gelingendes Leben unbedingt benötigen: Anerkennung.

Literatur

  • Bauman, Z. (2008). Does Ethics Have a Chance in a World of Consumers? Cambridge, MA (USA) & London (UK), Harvard University Press
  • Böll, H. (1995 [1974]). Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann. München (GER), Deutscher Taschenbuch Verlag
  • Esposito, E. (2007). Die Fiktion der wahrscheinlichen Realität. Frankfurt/Main (GER), Suhrkamp Verlag
  • Schwarz, F. (2007 [2006]). Muster im Kopf - Warum wir denken, was wir denken. Reinbeck/Hamburg (GER), Rowohlt Taschenbuch Verlag

Rezensent
Mag. Harald G. Kratochvila
Homepage www.kompetenz-coaching.at
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Zitiervorschlag
Harald G. Kratochvila. Rezension vom 07.12.2010 zu: Frederick Mayer: Vorurteil - eine Geißel der Menschheit. Böhlau Verlag (Wien Köln Weimar) 2010. ISBN 978-3-205-78505-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10395.php, Datum des Zugriffs 19.01.2019.


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