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Helmut Clahsen: Aphasie nach Schlaganfall - ein Erfahrungsbericht

Cover Helmut Clahsen: Mir fehlen die Worte... Aphasie nach Schlaganfall - ein Erfahrungsbericht. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2003. 124 Seiten. ISBN 978-3-935964-22-7. 15,90 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

In Deutschland erleiden jährlich schätzungsweise etwa 200.000 Menschen einen Schlaganfall - und nicht wenige von ihnen weisen als unmittelbare Folge davon auch eine Aphasie, eine Sprachstörung auf. Während manchen lediglich immer wieder die passenden Worte nicht einfallen, können andere außer einigen unverständlichen Lautfolgen überhaupt nichts mehr von sich geben.

Angesichts der großen Zahl der Betroffenen ist es erschreckend, wie wenig man als Otto Normalverbraucher über diese Erkrankung weiß... und wie wenig man sich vorstellen kann, was es bedeutet, als Betroffene/r oder Angehörige/r mit diesem Krankheitsbild zu leben. Hier schafft Helmut Clahsen, der die Erlebnisse rund um die plötzliche Erkrankung seiner Frau Lilo aufgeschrieben hat, um sie selber verarbeiten zu können, Abhilfe.

Aufbau und Inhalte

In 21 Kapiteln führt der Autor durch die wenigen Höhen und vielen Tiefen, die er mit seiner Frau innerhalb von sieben Jahren seit dem Schlaganfall in Krankenhäusern, Reha-Kliniken und daheim erlebt hat. Mit einem gängigen Vor- oder Fehlurteil räumt er dabei gleich eingangs auf: Schlaganfälle treffen nicht notwendigerweise alte Menschen. Seine Frau beispielsweise traf der Schlag mit 48. Aber es gibt durchaus Opfer, die erst halb so alt sind.

Die Summe der Ausfälle und Verluste, die Lilo Clahsen zu beklagen hat, könnten selbst die stärksten Menschen zur Verzweiflung bringen. Zwar bilden sich ihre Halbseitenlähmung und die Schluckstörung weitgehend zurück. Aber die nicht sichtbaren Auswirkungen auf ihre Sprachfähigkeit und ihr Alltagswissen sind massiv: Sie leidet zunächst unter der schwersten Aphasieform, der Globalaphasie, die sich nur ganz langsam in Richtung Broca-Aphasie bessert. Dass ihre Aussprache mühsam und verwaschen wird, ist dabei eines der geringeren Probleme - denn zunächst bringt sie trotz unbeeinträchtigter Denkfähigkeit schier überhaupt nichts mehr heraus. Und das Wenige, was sie über die Lippen bringt ('jaffe, jaffe, taffeta' beispielsweise), ist für andere vollkommen unverständlich. Zudem hat der Schlag ihre körperliche Leistungsfähigkeit und ihr Gefühlsleben massiv beeinträchtigt: Wie viele SchlaganfallpatientInnen ist jede kleinste Bewegung für sie zunächst so anstrengend, dass sie ständig einschläft. Wie viele AphasikerInnen hat sie große Probleme mit Zahlen und Mengen bekommen. Und wie bei vielen SchlaganfallpatientInnen scheint sich ihr Charakter drastisch zu ändern: Zu dem Schock über die plötzliche Behinderung und die kindgleiche Hilflosigkeit kommt die krankheitstypische Affektlabilität und Dünnhäutigkeit. Über für sie wahrnehmbare Veränderungen oder Verbesserungen ihrer Situation kann sie sich freuen wie ein Kind; häufiger sind jedoch Wutausbrüche und Tränen der Verzweiflung. Und am schlimmsten für ihr Selbstwertgefühl ist: Frau Clahsen, einst eine passionierte Köchin, hat mit einem Schlag nicht nur das Sprechen und Schreiben, sondern auch viele der zuvor tausendfach ausgeführten Alltagstätigkeiten in der Küche wie etwa das Kochen von Kartoffeln oder die Funktionsweise von Kaffeemaschine und Dosenöffner vergessen.

Das Buch ist ein Dokument des Kampfes: nicht nur um das physische Überleben, sondern auch um das soziale und psychische Überleben; schließlich müssen sie einen Weg finden, wie Frau Clahsen trotz ihrer Behinderungen ihr Selbstwertgefühl wiedererlangen und ein unter den gegebenen Umständen/Einschränkungen befriedigendes Leben leben kann. Zudem wenden sich viele Bekannte und KollegInnen aus Unsicherheit und einer völlig irrationalen 'Ansteckungsangst' heraus von dem Paar ab und verstärken so ihre Isolation.

Beide kämpfen um jeden Laut, jeden Buchstaben und jedes Wort, um Lilo Clahsen wieder zu einem kommunikationsfähigen, möglichst selbstständigen Menschen zu machen... und müssen doch lernen, auch immer mal wieder locker zu lassen, um sich nicht nur zu verschleißen und auch wieder das Schöne am Leben sehen zu können.

Und schließlich kämpfen sie um das unter den veränderten Umständen und unter immer schwieriger werdenden finanziellen Bedingungen neu zu gestaltende Zusammenleben, ist doch der Autor selber schwer herzkrank und nicht grenzenlos belastbar.

Das Buch ist aber auch als Kritik an menschenunwürdigen Begleitumständen zu lesen. So sind die Clahsens nicht nur gleichgültigen, kommunikativ unfähigen oder unsensiblen ÄrztInnen und Pflegekräften begegnet, sondern auch schikanösen Beamten in diversen der für sie zuständigen Ämter. Berechtigt scheint zudem auch die Kritik an den Inhalten so mancher logopädischer Therapiestunden, werden dort doch Worte vermittelt, die wenig mit dem Alltag der Betroffenen zu tun haben und überhaupt nicht taugen, um über die eigenen Gefühle, Wünsche und Ängste zu kommunizieren. (Übrigens: 'Das Schweigen verstehen' von Luise Lutz zeigt, dass das auch anders ginge!)

Der Erfahrungsbericht des Autors wird ergänzt durch Illustrationen der Schreibübungen seiner Frau (die leider wie so oft bei Mabuse grob gerastert und deshalb nicht wirklich gut zu lesen sind), sowie durch Basisinformationen über Schlaganfälle, Aphasie und logopädische Aphasietherapie. Des weiteren findet sich eine kurze Liste mit nützlichen Adressen.

Fazit

Neben 'Katze fängt mit S an' von Ingrid Tropp Erblad ist dies eines der wenigen Bücher, die zeigen, was Aphasie für das Leben der Betroffenen bedeutet. Es veranschaulicht auf sehr persönliche Art und Weise, wie schrecklich der Sprachverlust das Leben verändert - und dass es doch immer wieder Hoffnung gibt. Deshalb ist dem Buch eine weite Verbreitung zu wünschen.


Rezensentin
Dr. Svenja Sachweh
Homepage www.talkcare.de
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Zitiervorschlag
Svenja Sachweh. Rezension vom 29.07.2003 zu: Helmut Clahsen: Mir fehlen die Worte... Aphasie nach Schlaganfall - ein Erfahrungsbericht. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2003. ISBN 978-3-935964-22-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1040.php, Datum des Zugriffs 14.11.2019.


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