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Sabine Kurtenbach, Rüdiger Blumör u.a. (Hrsg.): Jugendliche in gewaltsamen Lebenswelten

Cover Sabine Kurtenbach, Rüdiger Blumör, Sebastian Huhn (Hrsg.): Jugendliche in gewaltsamen Lebenswelten. Wege aus den Kreisläufen der Gewalt. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2010. 239 Seiten. ISBN 978-3-8329-5682-0. 19,90 EUR, CH: 35,90 sFr.

Reihe: Eine Welt - Band 24, Stiftung Entwicklung und Frieden.
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Potenzen und Gewalterfahrung bei Jugendlichen

Über das mit unterschiedlichen Altersangaben definierte Jugendalter – im Weltentwicklungsbericht der Weltbank, 2006, werden Jugendliche der Altersstufe von 12 bis 24 Jahren zugeordnet, der Weltjugendbericht der Vereinten Nationen, 2007, nennt 15 – 24jährige Jugendliche, und die WHO, 2002, betrachtet die Gruppe der 15 bis 29jähren als Jugendliche – gibt es in der Entwicklungspsychologie, den Bildungswissenschaften und in der gesellschaftspolitischen Zuordnung unterschiedliche Positionen. Der Balanceakt zwischen einem glückenden, adoleszenten Entwicklungsprozess und missglückenden, konfliktträchtigen Fixierungen bedarf im gesellschaftlichen, lokalen und globalen Diskurs einer besonderen Aufmerksamkeit ( vgl. dazu: Susanne Hauser, Franz Schambeck, Juliane Bründl, Peter Bründl, Yecheskiel Cohen, Hg., Übergangsraum Adoleszenz. Entwicklung, Dynamik und Behandlungstechnik Jugendlicher und junger Erwachsener, Frankfurt/M., 2010, in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/9782.php). Dazu liegen vielfältige Wortmeldungen vor, die sich spannen von den eher gestrig und dominant motivierten Einlassungen zum „Lob der Disziplin“ (Bernhard Bueb, Lob der Disziplin, in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/4096.php), über praktische Anregungen zur Gewaltprävention (siehe dazu auch: Jörg Schmitt-Kilian, „Ich mach euch fertig!“, in: www.socialnet.de/rezensionen/9252.php), bis hin zu den dramatischen Hilferufen von Kirstin Heisig ( Das Ende der Geduld. Konsequent gegen jugendliche Gewalttäter, in: www.socialnet.de/rezensionen/10135.php). Der wissenschaftliche Diskurs orientiert sich an den Gründen und Ursachen, weshalb einmal diese Übergangsphase vom Kindes- zum Erwachsenenalter gelingt und zum anderen misslingt oder mit Problemen behaftet ist ( siehe ausgewählt dazu auch: Babette Loewen, Bernd Overwien, Jugendliche stärken. Entwicklungspolitische Ansätze und Perspektiven für Bildung und Beschäftigung, www.socialnet.de/rezensionen/3442.php, Michael Winterhoff, Isabel Thielen, Persönlichkeiten statt Tyrannen. Wie junge Menschen in Leben und Beruf ankommen, www.socialnet.de/rezensionen/9954.php; Cornelia Muth, Gewaltfreie Kommunikation…, www.socialnet.de/rezensionen/10095.php). Die Auseinandersetzungen um die innergesellschaftlichen Phänomene nehmen einen ebenso breiten Diskussionsrahmen ein (siehe dazu, ebenfalls ausgewählt: Sandro Napolitano, Straßenkinder in Deutschland – eine Lebenssituation. Erklärungsversuche und Handlungsstrategien für ein soziales Phänomen, www.socialnet.de/rezensionen/3223.php, Stefan Dierbach, Jung – rechts – unpolitisch? Die Ausblendung des Politischen im Diskurs über Rechte Gewalt, www.socialnet.de/rezensionen/10189.php, Peter Langman, Amok im Kopf. Warum Schüler töten, /www.socialnet.de/rezensionen/7996.php, sowie: Benjamin Faust, School-Schooting. Jugendliche Amokläufer zwischen Anpassung und Exklusion, www.socialnet.de/rezensionen/9353.php).

Der innergesellschaftliche Diskurs um abweichendes Verhalten von Jugendlichen wird immer auch gespiegelt im Fokus der Bedeutung von Kindern und Jugendlichen für die Zukunft der Menschheit, sowohl im lokalen, als auch im globalen Maßstab. Im Jahrbuch der Menschenrechte 2010 wird darauf verwiesen, dass rund 1,5 Milliarden Jugendliche im Alter von 12 – 24 Jahren auf der Erde leben, davon 1,2 Milliarden in den Ländern des Südens ( Heiner Bielefeld, Volkmar Deile, Brigitte Hamm, Franz-Josef Hutter, Sabine Kurtenbach, Hannes Tretter, Hrsg., Kinder und Jugendliche. Jahrbuch Menschenrechte 2010, www.socialnet.de/rezensionen/8038.php). Es geht also um die Erkenntnis, dass bei Konflikten, ob mit Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen, immer die gesellschaftlichen, kulturellen und inter- und transkulturellen Dimensionen beachtet werden müssen ( siehe dazu: Wilhelm Berger, Brigitte Hipfl, Kirstin Mertlitsch, Viktoria Ratkovic, Hrsg., Kulturelle Dimensionen von Konflikten, www.socialnet.de/rezensionen/10333.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Dieser Aufmerksamkeit haben sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei einem Workshop des German Insitute of Global and Area Studies 2009 mit der Frage nach dem Leben von Jugendlichen in gewaltsamen Lebenssituationen, insbesondere in den Ländern des Südens der Erde, in den so genannten Entwicklungsländern, gewidmet. Das German Institute of Global and Area Studies / Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien in Hamburg ist 2006 aus dem Deutschen Übersee-Institut hervorgegangen. GIGA, als größte deutsche und eine der größten europäischen Forschungseinrichtungen für Area Studies und Comparative Area Studies, fokussiert ihre Arbeit auf politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen in Afrika, Asien, Lateinamerika und Nahost.

Die Politikwissenschaftlerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin von GIGA und Lehrbeauftragte an der Universität Hamburg, Sabine Kurtenbach, der Erziehungswissenschaftler, Leiter des Sektorvorhabens Bildung und Konflikt der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (gtz, ab Januar 2011: giz, Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit), Rüdiger Blumör, und der Historiker und Politikwissenschaftler Sebastian Huhn von GIGA, legen den Tagungsband des Workshops vor mit dem Fragekomplex, „welche Erfahrungen Jugendliche im Heranwachsen in gewaltsamen Lebenswelten machen, welche Faktoren zur Fortschreibung von Gewaltverhalten führen und damit einen `Teufelskreis` jugendlichen Gewaltverhaltens verursachen und welche Auswege es gibt“. Der Fokus richtet sich dabei auf Jugendliche in den so genannten Entwicklungsländern, und es werden die Kontextfaktoren diskutiert, die ein solches Handeln hemmen oder begünstigen.

Aufbau und Inhalt

Das Herausgeberteam gliedert das Buch in vier Teile.

  1. Im ersten werden „Ursachen und Formen der Mobilisierung von Jugendlichen für Gewalt“ thematisiert;
  2. im zweiten geht es um „psychologische, soziale und gesellschaftliche Dimensionen gewaltsamer Lebenswelten“,
  3. im dritten werden „individuelle und kollektive Wege aus der Gewalt am Beispiel von Demobilisierungsprogrammen“ reflektiert;
  4. und im vierten Teil werden „Maßnahmen zur Gewaltprävention“ mit Erfahrungsberichten aus der Praxis der Entwicklungszusammenarbeit vorgestellt.

Sabine Kurtenbach leitet den ersten Teil mit ihrem Beitrag „Jugendliche und Gewalt“ ein, indem sie auf die Dimensionen, Risikofaktoren und Bedeutung zentraler Statuspassagen verweist, die Problematik von direkter physischer Gewalt an zahlreichen Statistiken und Beispielen verdeutlicht und die negativen Auswirkungen auf das individuelle Leben der Jugendlichen wie auf die Gesellschaft aufzeigt. Bei der Analyse und den notwendigen Gegenmaßnahmen müssen deshalb die vielfältigen, auch strukturellen Ursachen berücksichtigt werden.

Die Professorin für International Education an der School of Education der Universität Birmingham, Lynn Davies, setzt sich in ihrem Beitrag mit dem ambivalenten Verhältnis von Schule und Gewalt auseinander, zeigt Erscheinungsformen auf und formuliert Gegenmaßnahmen. Die Janusköpfigkeit von Bildungseinrichtungen, die einerseits friedensstiftend und gemeinschaftsfördernd wirken wollen, andererseits aber auch Konflikte erzeugen ( vgl. dazu auch: Karl-Josef Pazzini, Marianne Schuller, Michael Wimmer, Hg., Lehren bildet? Vom Rätsel unserer Lehranstalten, in: http://www.socialnet.de/rezensionen/10560.php ), ist für die Autorin einerseits Fakt, andererseits warnt sie vor Generalisierungen von Jugendlichen als Opfer oder Täter; es geht vielmehr darum, in den Schulen „nicht entweder Konflikt oder Frieden (zu) lehren, sondern Schülern und Lehrern(zu) ermöglichen, sich mit Ambivalenz, Pluralismus und Kontroversen wohl zu fühlen“.

Der Schweizer Lehrer und Mitarbeiter des United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR), Jürgen Wintermeier, zeigt mit seinem Beitrag „Gefangen im Kreislauf der Gewalt“ am Beispiel von jugendlichen Flüchtlingen die Problematik der vielfältigen, gewaltgeprägten Lebenssituationen auf und stellt mit der Initiative Imagine Coexistence ein Projekt vor, mit dem die Wiedereingliederung von geflohenen Kindern und Jugendlichen in ihre Heimatregionen gefördert und in mehreren Ländern, z. B. auch in Bosnien und Ruanda, angewandt wird. Er wendet sich dabei auch gegen die falsche Einschätzung, dass der Großteil der Jugendlichen in Gewalt abdriften; vielmehr weist er darauf hin, dass die „große Mehrheit nicht nur Frieden ersehnt, sondern auch täglich friedlich zusammenlebt“.

Der Anthropologe vom Washingtoner United States Institute of Peace, Marc Sommers, bringt seine Forschungsergebnisse zu den Lebenswelten ruandischer Jugendlicher ein, indem er im Titel seines Beitrages formuliert: „Verhindertes Erwachsenwerden“. Im Vergleich mit den Erwartungshaltungen und Einstellungen von Jugendlichen im benachbarten Burundi kommen die Forscher zu erstaunlichen Ergebnissen. Es ist überwiegend die Unmöglichkeit von ruandischen männlichen Jugendlichen, den gesellschaftlich und kulturell erwarteten Status als Mann zu erreichen, weil sie nicht in der Lage sind, ein Grundstück zu erwerben, ein Haus zu bauen und so eine Familie zu gründen. Was bleibt ist die Migration von den ländlichen Regionen in die städtischen Zentren, vor allem in die Hauptstadt Kigali und damit meist eine Verelendung und nicht selten Kriminalisierung.

Den zweiten Teil beginnt die an der walisischen Swansea Universität in Großbritannien Politik und International Relations unterrichtende Helen Brocklehurst mit einer Darstellung von „Rhetorik und Realität der Gewalt als genderspezifische Erfahrung“. Es geht um die in vielen Kulturen vorfindbaren Wirklichkeiten, dass Männer Frauen häufiger Gewalt zufügen als umgekehrt. Er arbeitet in seinem Beitrag heraus, dass das Verhältnis von Militarisierung und Männlichkeitsvorstellungen gewaltbezüglich ist. Die in Kinderbüchern, in der Literatur und in den Medien unreflektiert bis verherrlichend vermittelte Gewaltausübung trägt dazu bei, dass sich Verharmlosung von Gewaltszenen und die Gewöhnung daran verbreiten.

Die Politik- und Sozialwissenschaftlerin Johanna Fleischhauer reflektiert über „sequenzielle Traumatisierungen“ bei Kindern und Jugendlichen aus Kriegssituationen. Sie referiert über die Ergebnisse einer Fallstudie zur „Entwicklung eritreischer Kinder in Kriegs- und Nachkriegsphasen“ und verdeutlicht, dass die interdisziplinäre Forschung zu Jugend in gewalthaltigen Lebenswelten sich darauf einstellen muss, „um die Triade individueller, kollektiver und politischer Strukturen und Prozesse zu erfassen“.

Die Politikwissenschaftlerin von der Butler University in Indianapolis, Siobhán McEvoy-Levy, diskutiert die „Rolle von Peer-Gruppen“ und stellt fest, dass sie in gewaltsamen Lebenswelten Aufgaben und Funktionen übernehmen (können), die traditionell der (Groß-)Familie und staatlichen Einrichtungen zukommen. Das kann Unterstützung sein, Lernen und Erfahrung sammeln, aus der Gewalt heraus-, aber auch in sie hinein führen. Die Jugendsozialarbeit steht hier vor großen Herausforderungen.

Die beiden Mitarbeiter von GIGA, Sebastian Huhn und Peter Peetz, diskutieren die Aspekte von „Inszenierung und Instrumentalisierung von Jugendgewalt“ und formulieren die Herausforderungen, die sich für die Entwicklungszusammenarbeit ergeben. Am Beispiel der gewalttätigen Jugendbanden in Lateinamerika setzen sie sich mit den Fragen auseinander: „Als was werden die Jugendbanden in der Öffentlichkeit dargestellt? und „Wie wirkungsmächtig ist diese Darstellung, verstanden als eine Konstruktion sozialer Wirklichkeit? Ihr Vorschlag: In der Entwicklungszusammenarbeit sollte stärker wahrgenommen werden, „dass das Bild des jugendlichen Gewalttäters immer auch ein konstruiertes ist“.

Im dritten Teil informiert die am Institut für Ethnologie und Afrikanistik der Münchner Universität tätige Anne Rethmann über ihre Arbeit zum Thema Kindersoldaten in Kolumbien und über Formen der „Demobilisierung als Übergangsritus“ bei jungen Ex-Kombattanten. Dabei stellt sie fest, dass die von staatlicher Seite und von Entwicklungsorganisationen eingerichteten Reintegrationsprogramme eher nicht wirksam sind, sondern zur Remarginalisierung der Jugendlichen in der gesellschaftlichen Realität führen. Es bedürfe vielmehr einer anerkannten und gewollten „Dekonstruktion des Opferdiskurses“ in der kolumbianischen Gesellschaft genau so wie in der Entwicklungszusammenarbeit.

Der am Osloer Institute for Applied International Studies forschende und lehrende Politikwissenschaftler Morten Bøås stellt die Frage: „Reintegration oder erneute Marginalisierung“, indem er über Programme und Erfahrungen der Demobilisierung von ehemaligen jugendlichen Kombattanten berichtet. In zwei Forschungsprojekten wurden ehemalige Kämpfer im Bürgerkrieg in Liberia nach ihren Motiven befragt, sich am Krieg zu beteiligen. Dabei konnten eine Reihe von Gründen ermittelt werden, die den dominanten Vorstellungen widersprechen; damit wird auch eine Neubewertung der Möglichkeiten für eine erfolgreiche Reintegration notwendig.

Der Schweizer Ethnologe Michael Bürge und der an der Agrarökonom von der Swansea University, Krijn Peters, reflektieren über „soziales Kapital als Potential kollektiver Demobilisierung“ am Beispiel der Motorrad-Taxifahrer in Sierra Leone. Die Programme zum Disarmament, Demobilisation and Reintegration (DDR) sollen im wesentlichen dazu beitragen, um den Übergang von Kriegs- zu Friedenszeiten zu erleichtern. Durch die schwierigen Lebensverhältnisse, schlechten Verkehrsverbindungen und einer steigenden Mobilität entwickelte sich in Sierra Leone ein florierendes Motorrad-Taxi-Geschäft, in das ehemalige Kämpfer einsteigen konnten, sowohl als Taxifahrer, als auch als Motorradbesitzer, die wiederum Fahrer beschäftigten, mit Formen von gewerkschaftlichen Vertretungen und Zusammenschlüssen. Die DDR-Programme müssen auf die verschiedenen „Graswurzel“ – Situation eingehen, indem sie mit maßgeschneiderten Aktivitäten darauf reagieren.

Der Psychologe von der City University of New York, Luis Barrios, stellt am Beispiel der „Almighty Latin King and Queen Nation“ (ALKQN), einer organisierten Gang von Jugendlichen in New York, die Wandlungs- und Veränderungsprozesse „von der Bande zur sozialen Bewegung“ dar. Die in den 1940er Jahren begonnenen Zusammenschlüsse von Lateinamerikanern in den USA knüpfen zum einen an die vorherrschenden Diskriminierungen der Einwanderer an, zum anderen stützen sie sich auf mystische und verherrlichende Bilder der Herkunftsländer und Regionen. Bezeichnend etwa, dass sich die Anführerinnen und Anführer „King“, „Queen“, „Inca“ titulierten und hierarchische und patriarchale Systeme aufbauen. Die Entwicklung der ALKQN) hin zu einer zwar nicht von den offiziellen Kräften und Sicherheitsbehörden anerkannten, aber immerhin praktisch wirksamen sozialen Bewegung zeigt, dass es in der (US-amerikanischen) gesellschaftlichen Wirklichkeit mehr bedarf, als die Gruppierungen als kriminelle Organisationen zu kategorisieren. Der Autor weist darauf hin, dass Gewalt in zwischenmenschlichen Beziehungen immer ein komplexes Problem darstellt, das nicht zuletzt durch kapitalistische und hegemoniale gesellschaftliche Strukturen entsteht und sich entwickelt.

Die Hamburger Sozialwissenschaftlerin und Mitarbeiterin der european play work association (e.p.a.), Christa-Berta Kimmich, bringt in ihrem Beitrag „Spielend Gewalt verlernen?“ ermutigende Praxisbeispiele aus Kolumbien. „Anwendung von Gewalt ist ein Zeichen für das Fehlen von Vorstellungskraft und Phantasie, von Fähigkeiten und Möglichkeiten, sich anders auszudrücken“. Weil in der sozialwissenschaftlichen Forschung und in der Sozialen Arbeit die Möglichkeiten und Wirkungen, sich spielend die Welt anders als gewaltsam zu erschließen, unterschätzt werden, dürften die referierten Projekte weiterführende Anregungen und Aufforderungen „zum Spielen gegen Gewalt“ sein.

Die Historikerin Anna Rau und die Anthropologin Tina Silbernagl, beide von der GTZ, stellen in ihrem Beitrag „Gewaltprävention durch Jugendförderung“ die Rolle und Aufgaben der Entwicklungszusammenarbeit dar. Weil „ Gewalt ( ) aufgrund der hohen ökonomischen und sozialen Kosten, die sie verursacht, ein Entwicklungshemmnis (ist)“, hat die Prävention von Jugendgewalt eine hohe Priorität, wie die dargestellten Konzepte der deutschen (offiziellen) Entwicklungszusammenarbeit zeigen.

Rüdiger Blumör und Ulf Metzger, Senior Berater für das Bildungsministerium in Sri Lanka, setzen sich mit „Friedenserziehung in einem fragilen Umfeld“, am Beispiel Sri Lankas auseinander. Sie stellen den „Mehrebenen-Ansatz“ zur Förderung von demokratischen Werten, Toleranz und Respekt anderen (ethnischen) Gruppen gegenüber und für ein friedliches Zusammenleben in einer multiethnischen, multikulturellen und mehrsprachigen Gesellschaft, beginnend in der schulischen Bildung, vor.

Fazit

Es sind die Teufelskreise und Drehtüren der gewaltsamen Lebenswelten von Jugendlichen, die die Situation weltweit, insbesondere in den Ländern des Südens , den so genannten Entwicklungsländern, charakterisieren: Teufelskreise, die Gewalt zu mehr Gewalt machen, und Drehtüren, die für Manche (Wenige) Ausgänge aus der Gewalt weisen, für die Mehrzahl aber Gewalt nicht verhindern, „so dass es eine gleichbleibend hohe Anzahl von Jugendlichen in gewaltsamen Lebenswelten gibt“. Die Auswege aus der Gewalt, die Projekte der Entwicklungszusammenarbeit aufzeigen können, sind je nach den Lebenswelten, in denen sich (auch) Jugendliche befinden, unterschiedlich und vielfältig; und sie sind vor allem eingebunden in die gesellschaftlichen Kontexte, in denen sie leben.

Die im Sammelband diskutierten und aufgezeigten Konzepte und Erfahrungen aus der internationalen Entwicklungszusammenarbeit bilden ohne Zweifel wertvolle Ansatzpunkte und fordern zu einer vernetzten Kooperation sowohl fachspezifisch und disziplinübergreifend, als auch inter-institutionell und interkulturell heraus. Die Texte aus der Reihe EINE WELT der Stiftung Entwicklung und Frieden ( www.sef-bonn.org) stellen eine hilfreiche Grundlage dafür dar.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.03.2011 zu: Sabine Kurtenbach, Rüdiger Blumör, Sebastian Huhn (Hrsg.): Jugendliche in gewaltsamen Lebenswelten. Wege aus den Kreisläufen der Gewalt. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2010. ISBN 978-3-8329-5682-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10408.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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