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Ullrich Heilemann (Hrsg.): Demografischer Wandel in Deutschland

Cover Ullrich Heilemann (Hrsg.): Demografischer Wandel in Deutschland. Befunde und Reaktionen. Duncker & Humblot (Berlin) 2010. 186 Seiten. ISBN 978-3-428-13354-3. 58,00 EUR, CH: 98,00 sFr.

Reihe: Volkswirtschaftliche Schriften - H. 559.
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Thema

Demografie als volks- und betriebswirtschaftlicher Gegenstand ist mehr als „die Rente mit 65 oder 67“.

Anläßlich der 600-Jahr Feier der Universität Leipzig fand – gleichzeitig auch zu Ehren des Direktors des dortigen Institus für Empirische Wirtschaftsforschung, Prof. Dr.Adolf Wagner - ein Symposium statt, das mit diesem Buch dokumentiert ist.

Aufbau und Inhalt

Der Band versammelt die folgenden Beiträge.

Ulrich Heilemann, Professor am Institut für Empirische Wirtschaftsforschung, Universität Leipzig, gibt in seiner Einführung einen Überblick über die Geschichte der Demografie, die immer auch die Fragen der politischen Steuerung bevölkerungspolitischer Wandlungen aufwarf, aber immer auch Wagnisse einging, wenn sie über lange Zeiträume verlässliche Daten liefern sollte.

Adolf Wagner, dem das Symposium gewidmet war, wirft in seinem Aufsatz Orthodoxe und heterodoxe Bevölkerungsökonomik nach einen Blick zurück auf seinen Werdegang die Frage auf, weshalb sich die Demografie so oft auf bevölkerungs- und arbeitsmarktpolitische Gesichtspunkte beschränkt – stehen doch wesentlich mehr Gesichtspunkte zur Verfügung, die ebenfalls demografisch erörtert werden wollen. So zählt er als Funktionen, unter denen die Populationen betrachtet werden können, u.a. auf: den Menschen als Verbraucher und Nachfrager, als Nutzer staatlicher Einrichtungen, und zwar je nach Lebensalter verschiedener ( Kindergärten, Schulen Heime, Klinika). Als potentielle und reale Arbeitskraft, als Wissensträger, als Erfinder, eventuell auch als Unternehmer, als Elternteil, als Kulturträger und Kulturkonsument (in Anlehnung an die Aufzählung S.46f. des vorliegenden Bandes).

Eugen Spitznagel vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg fragt: Ist die Demografie unser Schicksal ? Expansive Arbeitszeitpolitik – eine übersehene Option. Er entwickelt seine Gedanken anhand der Entwicklung der zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte einerseits, möglichen Zuwanderungsquoten andererseits und unter Berücksichtigung verschiedener Arbeitszeitmodelle und vorliegender Praxis sieht er noch die meisten Potentiale in den derzeitigen Teilzeitbeschäftigten, die seiner Meinung nach noch nicht genügend Hilfestellung und Angebote erhalten, ihre Bedürfnisse mit denen des Arbeitsmarktangebotes in Einklang zu bringen(familiengerechte Arbeitszeitmodelle sowohl auf die alltägliche als auch auf die Lebensarbeitszeit bezogene Organisation der Arbeit).

Günter Steinmann: Vorschläge für eine effektive und nachhaltige Bevölkerungspolitik.Steinmann, Professor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, entwirft hier eine weit in die private Familienentscheidung reichende sozialpolitische Vorstellung, über die die politischen Parteien vermutlich noch nachdenken werden. Der Aufsatz hat folgende Unterkapitel: Die Fertilitätsentscheidung. Grundprinzipen der nachhaltigen Familienpolitik. Die Erhöhung des elterlichen Kindernutzens. Die Senkung der elterlichen Kinderkosten. Die Vorschläge im Einzelnen darzustellen und abzuwägen, wäre eine eigene Auseinandersetzung wert, kann hier nicht geleistet werden, dazu ist der Rezensent auch nicht Fachmann genug.
Leitbild Steinmanns ist der Homo oeconomicus, der von der Gesellschaft verlangt, sie möge sich eine möglichst reine betriebswirtschaftliche Betrachtungsweise ebenfalls zu eigen machen, damit dann die Kinder gemäß Kosten-Nutzen-Rechnung gezeugt oder nicht gezeugt werden. Steinmann geht mit der bisherigen, eher dem politischen Tagesgeschäft (Wahlen gewinnen) verpflichteten Familienpolitik ins Gericht und betrachtet unter ökonomischen Kalkül die Entscheidungsmatrix von Eltern und anderen, z.B. bei der Frage der Geburtsprämien (im Abschnitt „Erhöhung des elterlichen Kindernutzens“):

„Einige Kommunen zahlen Geburtsprämien an die Eltern von Neugeborenen. Geburtenprämien sind einmalige Einkommensgewinne, die beim Abwägen von Kindernutzen und Kinderkosten nicht ins Gewicht fallen. Die Zahlungen von Geburtenprämien bringen daher bevölkerungspolitisch nichts und führen lediglich zu Mitnahmeeffekten. Die Geburtenprämien sind bevölkerungspolitisch nutzlos und taugen allenfalls als Mittel für erfolgreiches Stadtmarketing.“(S.84)
Nicht alle Eltern und Kinder dürften hingegen Steinmanns Ausführungen zur Ausbildungsfinanzierung im Abschnitt „Die Senkung der elterlichen Kinderkosten“ teilen: “Das Ziel einer höheren Zahl von Kindern bei besserer Ausbildung. ist nur erreichbar, wenn die Eltern bei den Ausbildungskosten ihrer Kinder entlastet werden. Wenn der Staat die Deckungslücke nicht finanzieren kann oder will, bleibt als Lösung nur die stärkere Heranziehung der Schüler und Studenten zur Finanzierung ihrer eigenen Ausbildungskosten…Die teilweise Übertragung der Studien- und Ausbildungskosten von den Eltern auf die Studenten und Auszubildenden ist ein bevölkerungspolitisches Mittel, weil sie die Kinderkosten der Eltern verringert und damit Hindernisse für eine größere Kinderzahl abbaut.Die Teil-Finanzierung von Studien- und Ausbildungskosten durch die Studenten und Auszubildenden hat den weiteren Vorteil, dass diese ihre Studien- und Ausbildungsentscheidung endlich als das wahrnehmen, was sie tatsächlich ist, nämlich als eine Investitionsentscheidung in ihr Humankapital.“(S.90)
Dass hierbei wieder der betriebswirtschaftliche Gesichtspunkt über-, der volkswirtschaftliche gar nicht (denn schließlich wirkt eine gute Ausbildung in alle Bereiche der Gesellschaft, was sich eben nicht ausschließlich in kurzfristigen und privaten Profiten niederschlägt) betont wird, nährt doch Zweifel an der Vernunft mancher Vorschläge. Die Einführung der Studiengebühren, die mangelhafte studentische Versorgung durch staatliche Alimentierung lassen schließlich immer größere Bildungsreserven ungenutzt – eben weil das privat vollzogene ökonomische Kalkül die ungewisse Arbeitsplatzaussicht (Generation Praktikum) mit einbezieht und andere (Bildungs-)Wege gehen lässt.

Hans Dietrich von Loeffeholz, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg, schreibt über Demografischer Wandel und Migration – Erfahrungen,Perspektiven und Optionen zu ihrer Steuerung.Anhand des Vergleichs der alten und der neuen Bundesländer erörtert er die Auswirkungen auf kleinere geografische Einheiten wie eben Bundesländer um zu Vorschlägen zu kommen. Ist doch die Abwanderung, die Entleerung der Städte, die Landflucht aber auch der „Zug nach Westen“ in den neuen Bundesländern nicht weniger ernst zu nehmen als z.B. die Arbeitsmigration italienischer Gastarbeiter in den 60ger Jahren für Süditalien.

Georg Milbradt, Sächsischer Ministerpräsident a.D., beschreibt darum auch sehr plastisch die Demografische Entwicklung in Sachsen als politische Herausforderung. Zum Beispiel, wo sich Geburtenrückgang und Abwanderung auch bemerkbar machen: In Sachsen zum Beispiel „führte die Geburtenentwicklung zu einer Halbierung der Schülerzahlen, was wieder erhebliche Folgen für das Schulnetz hatte. Da sich der Bedarf an Lehrern hauptsächlich von der Schülerzahl ableitet, führte das zu einer erheblichen Anpassungslast bei den Lehrern.Dies ist aber mit den normalen Regeln des öffentlichen Dienstes, z.B. mit dem Prinzip der Beschäftigung auf Lebenszeit im Beamtenrecht, nicht vereinbar.(Das öffentliche Dienstrecht Sachsens) machte zur Vermeidung von Bedarfskündigungen (Zwangs-)Teilzeitbeschäftigung ohne Lohnausgleich in erheblichem Maße möglich, in der Spitze bis zu 57% Teilzeit und Gehaltsminderung bei Grundschullehrern.“(S.140/141) Ein weiteres Problem seien die „jungen Rentner. Das Renteneintrittsalter lag im Jahr 2007 bei Frauen bei 60,6 und bei Männern bei 60,8 Jahren.Verglichen mit den vor uns liegenden demografischen Problemen wird das auf Dauer nicht zu halten sein.“(S.141)

Fazit

Als Einführung in das Gebiet der Demografie ist dem Rezensenten dieser Band zu speziell. Andererseits bekommt der Leser eine gute Auseinandersetzung mit zeit- und ortstgebundenen Problemen - die ja die Praktikabilität einer Wissenschaft erst so recht beweisen - geboten, auch wird der Bogen zur Geschichte dieses Wissenschaftsgebietes und dessen Randzonen geschlagen. Es ist keine leichte Lektüre und es bedarf auch mancher eigenen Klärung, d.h. Beschaffung von Grundlagenwissens dieses Gebietes. Wer diesen Weg des Wissenserwerbs – in medias res und dann die restlichen Fragen klären – nicht von vornherein ausschliesst, hat mit diesem Band, der allerdings reichlich teuer ist, einen guten Griff getan.


Rezensent
Dipl.-Psychol. Wolfgang Jergas
Jahrgang 1951, Psychologischer Psychotherapeut, bis 2006 auf einer offenen gerontopsychiatrischen Station, 2007-2015 Gedächtnissprechstunde in der Gerontopsychiatrischen Institutsambulanz der CHRISTOPHSBAD GmbH Fachkliniken
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Zitiervorschlag
Wolfgang Jergas. Rezension vom 09.03.2011 zu: Ullrich Heilemann (Hrsg.): Demografischer Wandel in Deutschland. Befunde und Reaktionen. Duncker & Humblot (Berlin) 2010. ISBN 978-3-428-13354-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10410.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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