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Fritz B. Simon: Einführung in die Systemtheorie des Konflikts

Cover Fritz B. Simon: Einführung in die Systemtheorie des Konflikts. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2010. 125 Seiten. ISBN 978-3-89670-746-8. D: 12,95 EUR, A: 13,40 EUR.

Reihe: Compact.
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Thema

Personalverantwortliche neigen dazu, Konfliktursachen zu personalisieren: „schwierige Kollegin“, „Konkurrenzkämpfer“ etc. Dementsprechend könnte der Konflikt vermieden oder schnell gelöst werden, wenn der/die betreffende Kollege/Kollegin sich anders verhalten würde. Supervisoren und Coaches werden entsprechend häufig eingeladen, um mit diesem Mitarbeiter, dieser Mitarbeiterin zu arbeiten. Dabei wird die Tatsache ausgeblendet, dass Konflikt in Systemen stattfinden und deshalb auch in systemischen Zusammenhängen zu sehen sind. Und dann könnte es sein, dass die „schwierige Kollegin“ nur die Symptomträgerin ist, die auf ein Problem hinweist, dass im System nicht gelöst wurde. Das ermöglicht einen veränderten Blick auf den Konflikt – und eine andere Wertung: „Dass Konflikte nicht nur nicht zu vermeiden sind, sondern gelegentlich vom Zaune gebrochen oder verstärkt werden sollten, muss hier zu Beginn ausdrücklich betont werden.“ (S. 10) Aber natürlich kann man auch über die Bewertung von Konflikte streiten…

Fritz B. Simon beschäftigt sich mit der Systemtheorie des Konfliktes und antwortet auch gleich zu Beginn auf die sehr naheliegende Frage, wem – außer in akademischen Kontexten mit solchen Fragen befassten Menschen – Konflikttheorien nützlich sein sollen: „Sie ermöglichen es denen, die in Konflikte verwickelt sind, den Verlauf von Geschichte(n) zu verändern.“ (S. 7) Dieser Anspruch soll durch die Lektüre überprüft werden.

Autor

An dem Namen Fritz B. Simon kommt niemand vorbei, der sich mit systemischen Theorie- oder Beratungskonzepten befasst. Er ist Dr.med., Professor für Führung und Organisation am Institut für Familienunternehmen der Universität Witten/Herdecke. Er ist systemischer Organisationsberater, Psychiater, Psychoanalytiker und systemischer Familientherapeut. Er ist Autor einer ganzen Reihe von „Einführungs-„Bänden bei Carl-Auer: Einführung in Systemtheorie und Konstruktivismus, in die systemische Organisationstheorie, in die systemische Wirtschaftstheorie. Seine Veröffentlichungsliste ist lang – Näheres zu Person und Werk findet sich auf www.fritz-simon.de.

Aufbau und Inhalt

Nach der Einleitung, die Antworten geben auf die Fragen, „wozu Konflikttheorien nützen“ und „warum Systemtheorie des Konflikts?“, befasst sich das zweite Kapitel mit Definitionen. Einen Einblick in Sprache und Niveau der Einführung gewinnt man durch ein längeres Zitat: „Als Konflikt soll ein Kommunikationsprozess (= sozialer Prozess) oder Denk- und Fühlprozess (= psychischer Prozess) definiert werden, bei dem eine Position (z.B. ein Wunsch, eine Handlungsanweisung, -option oder -wirkung, eine Sichtweise, eine Bewertung etc.) verneint wird und diese Negation ihrerseits verneint Wird. Auf diese Weise kommt es zu einer mal länger, mal kürzer dauernden Oszillation zwischen den Positionen, die sich gegenseitig negieren, ohne dass es zu einer Entscheidung käme. Dieser Typus von Sinnsystem, der durch einen Prozess fortgesetzter Negation der Negation gekennzeichnet ist, soll „Konflikt“ genannt werden. Sein Resultat ist ein Zustand der Unentschiedenheit. Er währt, solange der Konflikt dauert. Und er kommt zum Schluss (im doppelten Sinn) durch eine Entscheidung.“ (S. 11) Da Konflikte häufig durch unterschiedliche Beobachtungen bzw. Wahrnehmungen entstehen oder aufrechterhalten werden, geht es im zweiten Abschnitt um das Beobachten und das Unterscheiden. Die Rolle der Entscheidung klang schon in der o.g. Definition an –das wird im folgenden Abschnitt vertieft. Ebenso klang die Rolle von Negationen an, ihnen ist der nächste Abschnitt gewidmet. Der letzte Abschnitt des Kapitels handelt von psychischen und sozialen Systemen als autopoietischen Systemen – und gibt eine erste Antwort auf die Frage, warum in Systemen auch Konflikte aufrechterhalten werden.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit Konfliktfeldern. Simon entwickelt eine „Konfliktmatrix“ auf dem Hintergrund konstruktivistischer Erkenntnistheorie. Auf dieser Matrix lassen sich unterschiedliche Konfliktmuster abbilden: auf der y-Achse werden Sach-, Sozial- und Zeitdimension unterschieden, auf der x-Achse Beschreiben, Erklären und Bewerten. Natürlich passt kein Konflikt in nur eines dieser Kästchen, aber die Matrix liefert gleichwohl eine gute Orientierung in unübersichtlichen Konfliktlagen.

Das vierte Kapitel handelt von psychischen Konflikten. Im ersten Absatz werden psychologische Modelle intrapersonaler Konflikte referiert, im zweiten geht es um das Thema Fühlen und Denken (und um die Rationalität des einen wie des anderen). Letztlich sind es die Gefühle, die das Entstehen elementarer sozialer Systeme (Paare, Familie) anstoßen und so deutlich darauf hinweisen, dass der Mensch ein soziales Wesen ist. Zugleich ist der Mensch aber auch ein autonom handelndes Subjekt - und genau hier entsteht ein Konfliktpotential. Zudem kommt es zu Konflikten zwischen Fühlen und Denken: „Das Denken verneint die Ergebnisse des Fühlens, und das Fühlen verneint die Ergebnisse des Denkens.“ (S. 61) Das Ergebnis sind Ambivalenzen - Gegenstand des dritten Abschnittes. Der vierte ist überschrieben mit „Themen“: Simon listet tabellarisch „beliebte Konfliktstoffe“ auf. Der letzte Abschnitt des Kapitels beschreibt „die Selbstorganisation psychischer Konflikte“. Konflikte werden, wie schon in der Definition formuliert, durch Entscheidungen gelöst. Das kann durch Entweder-oder, durch Sowohl-als auch oder durch Weder-noch geschehen. Ziel ist in jedem Fall die Herstellung von Widerspruchsfreiheit im Handeln.

Das fünfte Kapitel ist überschrieben mit „Soziale Konflikte“. Es gibt „Kurzzeit-Konflikte“ (meist Sachkonflikte, deren Gegenstand irgendwann „vergessen“ wird), Kollusionen, strukturelle Konflikte und „paradoxe Konflikte“ (Man verliert, wenn man gewinnt). In diesem Kapitel zeichnet Simon auch die Entstehung und die Eskalationsdynamik sozialer Konflikte nach, die zuvor auch schon Glasl ausführlich beschrieben hat.

Das sechste Kapitel fragt nach der Funktion von Konflikten. Diese Frage ist mit der Bewertung von Konflikten verbunden. Je nachdem, welche Seite der Ambivalenz stärker betont wird, können sie als Chance der Überwindung des Status quo geschätzt werden, aber auch als Störung funktionierender Prozesse problematisiert und als „Alarmierfunktion“ verstanden werden. Konfliktproduktiv sind auch Veränderungen im Beziehungsmuster: von einer symmetrischen zu einer hierarchischen Beziehung, von einer Eltern-Kind-Beziehung zur einer Beziehung zwischen Erwachsenen etc. Außenkonflikte schließlich haben bekanntlich intern eine integrative Wirkung: Ein gegebenes soziales Gebilde wird dadurch stabilisiert, dass ein Konflikt mit einem äußeren Feind angezettelt wird – es kommt zu einer Triangulation, die sich z.B. Schlichter, Berater oder Mediatoren häufig zunutze machen.

Das siebte Kapitel zeigt Lösungsmuster und Interventionsstrategien auf, und damit wird das Buch nun auch im handwerklichen Sinne praktisch: „Im Folgenden werden einige handwerkliche Rezepte zur Bewältigung von Konflikten skizziert…“ (S. 101) Dazu gehört Differenzieren und Sortieren auf der Basis der o.g. Matrix, das Aufzeigen von Ausstiegsmöglichkeiten (statt der Einladung zur Eskalation zu folgen), das „Machtwort“ eines hierarchisch höher Gestellten oder die Beteiligung eines neutralen Dritten (Berater, Mediator, Schlichter etc.).

Ein achtes Kapitel gibt zehn praktische Tipps für die Lösung von Konflikten. Hier wird die systemtheoretische Flughöhe verlassen und zur Landung angesetzt: Der erste Tipp lautet: „Tun Sie erst mal gar nichts, oder zählen Sie bis 100.“ Eine hilfreiche Literaturzusammenstellung beendet den Band.

Diskussion

Der Band ist in der Reihe Carl-Auer Compact erschienen, und mit seinen ca. 120 Seiten ist das Buch in der Tat erfreulich kompakt. Wenn die Kompaktheit nicht auf Kosten des wissenschaftlichen Niveaus gehen soll, bedeutet „kompakt“ auch zugleich „komprimiert“. Und Niveaulosigkeit kann man Fritz B. Simon auch beim schlechtesten Willen nicht vorwerfen. Das bedingt, dass ein mit systemtheoretischen Sprachspielen nicht so vertrauter Leser möglicherweise einen Abschnitt auch zweimal lesen muss – das ist aber nicht schädlich, sondern eher bereichernd. Und es schadet nicht, wenn man mit der Systemtheorie Niklas Luhmanns auch vorher schon einmal in Kontakt gekommen ist. Dabei geht Simon allerdings deutlich über ein Referat Luhmann‘scher Konzepte hinaus und eröffnet wichtige eigene Perspektiven.

Ich lese das Buch als jemand, der in seiner Beratertätigkeit häufig in Konflikte interveniert. Mir liefert es eine sehr differenzierte Landkarte für das Verständnis von Konflikten: durch grundlegende Definitionen, durch die Matrix der Konfliktfelder, durch die Reflexion auf die Funktion von Konflikten und damit verbunden ggf. durch eine andere Bewertung von Konflikten, als sie die Beteiligten im Allgemeinen haben, und schließlich natürlich durch Lösungsansätze und Interventionsstrategien. Das Buch unterstützt mich dabei, lösungsorientiert in Konflikte intervenieren zu können. Insofern ist der von Simon formulierte Anspruch, mit Konflikttheorien dazu beizutragen, dass (Konflikt-)Geschichten verändert werden können, eingelöst. Wenn ich nun aber das Buch als jemand lese, der auch mit eigenen Konflikterfahrungen unterwegs ist, finde ich es ebenfalls hilfreich, weil es zur Versachlichung beiträgt: Es löst mich aus dem Dickicht der Emotionen, denn es führt mich zum Verstehen – und würdigt gleichzeitig die Rationalität meiner Gefühle. So ermöglicht es auch Beteiligten, eigene Konfliktgeschichten zu verändern.

Ich finde diese kurzgefasste „Einführung in die Systemtheorie des Konflikts“ so hilfreich, dass ich sie gern auf alle Literaturlisten in Supervisions-, Coaching- und Mediationausbildungen setzen würde. So müssen Einführungen sein: So fundiert, so konzentriert, so praxisrelevant! Das ist Fritz B. Simon mit diesem Band einmal mehr gelungen!

Fazit

Eine fundierte Orientierung im unübersichtlichen Feld der Konflikte. Unbedingte Leseempfehlung!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 07.02.2011 zu: Fritz B. Simon: Einführung in die Systemtheorie des Konflikts. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2010. ISBN 978-3-89670-746-8. Reihe: Compact. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10411.php, Datum des Zugriffs 23.07.2019.


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