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Imke Niediek: Das Subjekt im Hilfesystem

Rezensiert von Dipl.-Psych. Lothar Sandfort, 06.05.2011

Cover Imke Niediek: Das Subjekt im Hilfesystem ISBN 978-3-531-17654-3

Imke Niediek: Das Subjekt im Hilfesystem. Eine Studie zur individuellen Hilfeplanung im unterstützten Wohnen für Menschen mit einer geistigen Behinderung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 335 Seiten. ISBN 978-3-531-17654-3. 49,95 EUR.

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Thema

Das Leben ist kompliziert, besonders das menschliche. Es erscheint vielen als zu kompliziert, geistig Behinderten zum Beispiel. Mehr oder weniger freiwillig, aber eben freiwillig begeben sie sich daher fast alle in Hilfesysteme. Sie delegieren ihren Bedarf an Sicherheitsmanagement und konzentrieren sich auf das, was sie besonders gut können: Emotionale Bindung.

Dr. Imke Niediek, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sonderpädagogik der Leibniz Universität Hannover und Autorin dieses Buches, findet das Leben auch kompliziert. Um es wissenschaftlich zu verstehen, ist es gut, eine Auffassungsweise denken zu können, die die Kompliziertheit der Welt abbildet und abbilden kann. So ein Denksystem hat Michel Foucault (1926-1984) entworfen. Er dachte vor, nicht linear sondern in beweglichen Gefügen, in Dispositiven, - besonders gern über Objektivierungsformen, die Macht auf ein Subjekt ausüben, sich in einer bestimmten Weise zu produzieren.

Für die Lektüre des hier rezensierten Buches ist es gut, an solchen erkenntnistheoretischen Erklärungsweisen Freude zu haben. Leser müssen sich auf Foucault, seine philosophischen Bewegungen und seine Festlegungen in neue sprachliche Konstruktionen, einlassen können. So richtet sich das Buch auch an Profis, an „WissenschaftlerInnen, Verantwortliche in der Praxis wohnbezogener Hilfen für Menschen mit Behinderungen, sowie Studierende der Heil- und Rehabilitationspädagogik“ (Klappentext). Für ihre Mühen erhalten sie eine analysierende Kritik des Dispositivs „Individuelle Hilfeplanung“ (IHP) im Bereich Unterstütztes Wohnen für geistig Behinderte, also des umfassend ordnenden Instrumentes der Pädagogik in diesem Bereich.

Aufbau und Inhalt

Das Inhaltsverzeichnis schon deutet auf den hoch wissenschaftlichen Charakter der Arbeit hin:

  • Einleitung
  • Dimensionen des Gegenstandsbereichs "Unterstütztes Wohnen für Menschen mit geistiger Behinderung"
  • Theoretische, methodologische und methodische Verortung der Arbeit -
  • Globalanalyse des Diskursfeldes
  • Individuelle Hilfeplanung im Kontext sozialrechtlicher Veränderungen -
  • Individuelle Hilfeplanung aus Sicht der Leistungsträger
  • Individuelle Hilfeplanung aus Sicht der Leistungserbringer
  • Individuelle Hilfeplanung aus Sicht von Fachwissenschaften
  • Hilfeplanungskonzepte als diskursgenerierte Modellpraktiken: Versuch einer Dimensionalisierung
  • Individuelle Hilfeplanung als Spezial-Dispositiv moderner Gouvernementalität
  • Exemplarische Vertiefung
  • Diskussion der Ergebnisse im Licht der Gouvernemetally Studies
  • Ausblick

Interessierte müssen nicht jedes Kapitel lesen. Einige Passagen, etwa die über den sozialrechtlichen Kontext, sind den Notwendigkeiten einer Dissertation geschuldet. Interessierte sollten sich - frei nach Foucault - dem Werk als sich selbst konstituierende Nutzer nähern, soweit das geht. Die Zusammenfassungen am Ende einiger Kapitel helfen dabei. Ich empfehle aber in jedem Fall die Kapitel 10 und 11: „Die IHP als Spezial-Dispositv moderner Gouvernementalität“ und die „Exemplarische Vertiefung“

Diskussion

Gouvernementalität ist die Kunst der Regierenden, durch die sie vom Subjekt den Auftrag bekommen, genau solche Bedingungen zu schaffen, die das Subjekt selbst anhalten, sich so zu konstituieren, wie die Regierenden das wollen. Bestimme dich selbst mit der Fremdbestimmung durch mich!

Die Regierenden empfinden den Auftrag von der Gemeinschaft der Steuerzahlenden, trotz steigenden Hilfebedarfs nur eine bestimmte Budgetsumme für institutionelle Hilfe auszugeben. Gleichzeitig soll es nach den Wünschen des Souveräns (der Gemeinschaft der Wahlbürger) den Behinderten gut gehen. „Gut“ ist dabei dann erreicht, wenn Behinderte als satt, sauber und zufrieden wahrgenommen werden können, ohne dass sie dem Souverän persönlich zu nahe kommen. Den letztgenannten Auftrag vernachlässigt Niediek leider, aber sie legt überzeugend offen, wie das Instrument der Individuellen Hilfeplanung Behinderte dazu bewegt, sich ganz neu zu produzieren; zu einem Subjekt, das zum Instrument IHP passt und den Hilfeapparat selber beauftragt, dafür zu sorgen, dass sie als Behinderte möglichst den Erwartungen des Souveräns entsprechen.

Die Kunst gelang, da schon bald nach der Proklamation durch die Behindertenbewegung der 1980er Jahre die Ziele „Selbstbestimmung“ und „Gleichstellung“ zu neuen Leitlinien der Pädagogik anerkannt wurden. Selbstbestimmung und Gleichstellung wurden in der Gouvernementalität interpretiert als: „Irgendwie sind doch alle gleich. Alle Menschen wollen trotz ihrer Einschränkungen von staatlicher Unterstützung unabhängig sein“. Also hat Pädagogik Behinderte zu unterstützen in ihrem Wunsch, gleich und damit nicht mehr hilfebedürftig zu sein. Das spart.

Niediek fällt das auf und sie beschreibt präzise denkend die Binnenstruktur des Dispositivs Individuelle Hilfeplanung. Allerdings wundert sie sich über die auffällig wenigen Stellungnahmen der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung und anderer Selbsthilfeinitiativen zur IHP. Doch die Selbsthilfe-Verbände stellen selber gerne gleich. Auch Geistigbehinderte sind ja eigentlich nur Lernbehinderte – wie alle. Auch diese Behinderten sind also interessiert daran, unabhängig zu leben, am besten im Arbeitgebermodell mit verschiedenen Assistenzen. Denn die Bewegung hat kein anderes Ideal entwickelt. Heim geh ein!

Bis auf wenige Ausnahmen gruselt diese Vorstellung die Geistigbehinderten in den Einrichtungen. Welche Alternativen haben sie in ihrem Sicherheitsbedürfnis? Die Alternativen bestimmen die Konstitution des Subjektes mit.

Sich bindend an ihre Bezugbetreuerinnen macht vielen Geistigbehinderten die Vorstellung Angst, bei einem verordneten Umzug in die ambulante Versorgung die Bezugsbetreuerin oder den Bezugsbetreuer zu verlieren. Für die gewohnte Sicherheit tun sie alles. Sie hegen und pflegen die Aufmerksamkeit der Pädagogen, erst im Guten und wenn es nicht anders geht durch die Produktion von Problemen. Wenn die Bezugspersonen ihren Arbeitsplatz im stationären Bereich nicht verlieren wollen - und das ist leider allzu oft der Fall -, dann wollen das die Behinderten auch nicht. Sicherheit kommt vor Risiko.

Niediek beschreibt feinsinnig die Macht der Schnittstelle „Bezugspersonen“ und bleibt dabei noch zurückhaltend. Hier wäre es interessant auch noch mehr über das „Beharrungsvermögen“ stationärer Strukturen zu lesen. Sind es nicht gerade Betreuende und die Leistungsanbieter in ihrem eigenen Sicherheitsinteresse, die dieses Beharrungsvermögen füttern? Sie erfüllen damit gleichzeitig den Auftrag der Allgemeinheit, Behinderte aus dem Leben der Gemeinschaft - gut versorgt - herauszuhalten? Ist das dem Staat recht? Hat er diesen Auftrag des Souveräns erfolgreich delegiert?

Der Leistungsträger, der Staat, ließ sich tatsächlich von den ehemaligen Bewegungen (Behinderte und Anti-Psychiatrie) dazu verleiten, Enthospitalisierung und Dezentralisierung zu fördern, weil das spart, aber auch nur solange das spart. Den Auftrag, Behinderte der Öffentlichkeit nicht zu nah kommen zu lassen und wenn überhaupt, dann langsam, den Auftrag hat er delegiert.

Das Buch endet seine erhellende Analyse mit der Kritik am Bestehenden. Niediek beklagt selber, nicht mehr Alternativen zu beschreiben. Sie tröstet sich mit der Feststellung, einen Beitrag für die Reflexion zur IHP geleistet zu haben. Ein guter Trost. Zur Beschreibung der Alternativen bleibt sicher noch Zeit. Die Autorin ist noch jung und wird ihren Platz im Wissenschaftsapparat hoffentlich noch ausbauen können.

Was gäbe es noch zu untersuchen? Vieles vom Ungesagten im Diskurs. Vieles von der Macht der Seele, sich Freiräume zu schaffen. Geht das mit Foucault? Wie reagieren Geistigbehinderte auf die Ansprüche an sie selber? Sie machen die IHP mit, sehen sie wie eine Art Umweltbedingung und suchen nebenbei ihre Freiräume in den bestehenden Verhältnissen, - soweit ihr Sicherheitsbedürfnis das zulässt. Da sind sie schlauer als von Niediek gedacht. Sie haben ihre Träume, die sie bewegen. Oft reichen ihnen die Phantasie, die Tagträume, die gesuchte Psychosen. Eigene Welten, deren Schlösser nicht genannt werden dürfen. Das würde sofort ausgebeutet, um sie zu bewegen, ihre Zimmer aufzuräumen, die Kleidung sauber zu halten, vernünftig zu essen.

Und dann treibt sie die Suche nach den guten Pädagoginnen und Pädagogen. Viele davon gibt es, man muss sie finden und dann pflegen. Gut sind sie, wenn sie verlässlich sind, wenn sie tun, was sie sagen, nicht viel rumerzählen, wenn sie die IHP mitmachen und einen doch ganz individuell beraten. Betreuer, bei denen man das Gefühl haben kann, sie wollen einem Gutes. Die mit einem reden, wenn man unzufrieden ist, obwohl sie leicht glauben, versagt zu haben, weil man unzufrieden ist. Gut sind Betreuer, die Krisen aushalten, damit man als Behinderter gestärkt daraus hervorgehen kann und sich mehr (zu-)traut. Denn das wollen Geistigbehinderte doch beides: Selbstbestimmte Sicherheit und selbstbestimmten Spaß am Leben – wie alle –, koste es, was es kosten muss.

Fazit

Eine ausgezeichnete wissenschaftliche Beschreibung, die mit ihren ausgedehnten Dissertations-Notwendigkeiten einerseits und den vergnüglichen Analysen andererseits eine selbstbestimmte Leserschaft braucht, fähig sowohl zum Auslassen als auch zur Konzentration. Ein empfehlenswerter Beitrag zur Reflexion über den Sinn und Unsinn der Individuellen Hilfeplanung.

Rezension von
Dipl.-Psych. Lothar Sandfort
Psychologischer Leiter des „Institutes zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (Trebel), seit 1971 querschnittgelähmt und so seit vielen Jahren als Peer-Counselor in Beratung und Psychotherapie tätig. Unter anderem Supervisor und Coach für Teams in Einrichtungen der Behindertenarbeit von körperlich, geistig bzw. psychisch behinderten Menschen.
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Es gibt 24 Rezensionen von Lothar Sandfort.

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Zitiervorschlag
Lothar Sandfort. Rezension vom 06.05.2011 zu: Imke Niediek: Das Subjekt im Hilfesystem. Eine Studie zur individuellen Hilfeplanung im unterstützten Wohnen für Menschen mit einer geistigen Behinderung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17654-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10421.php, Datum des Zugriffs 23.04.2024.


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