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Martin Lengwiler, Jeannette Madarász (Hrsg.): Das präventive Selbst (Gesundheitspolitik)

Cover Martin Lengwiler, Jeannette Madarász (Hrsg.): Das präventive Selbst. Eine Kulturgeschichte moderner Gesundheitspolitik. transcript (Bielefeld) 2010. 387 Seiten. ISBN 978-3-8376-1454-1. 32,80 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: VerKörperungen - Band 9.
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Thema

Das Buch thematisiert die letzten 100 Jahre der Entwicklung moderner Praktiken der Gesundheitsprävention in den Ländern Deutschland, Großbritannien, die Schweiz und die USA. An ausgewählten Beispielen wird der Entwicklungsgang von der staatlichen und von anderen Akteuren verordneten äußeren Prävention in den Anfangsjahren des 20.Jahrhunderts bis hin zur inneren präventiven Disziplinierung des heutigen Individuums, des präventiven Selbst, nachgezeichnet.

Herausgeber und Herausgeberin, Autorinnen und Autoren

Die Herausgeber sind für die Bewältigung des Themas bestens gerüstet:

Martin Lengwiler ist Professor für Neuere allgemeine Geschichte an der Universität Basel und beschäftigt sich mit Fragen des Sozialstaates und der Wissensgeschichte.

Jeannette Madarász bearbeitet am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung ein Forschungsprojekt zur „Genese und Entwicklung präventiver Gesundheitsvorsorge in Deutschland (1918-1995)“.

Auch die anderen 12 Autorinnen und Autoren sind alle Mitglieder der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft und haben ihre Fähigkeiten in gesundheitswissenschaftlichen Diskursen und Publikationen unter Beweis gestellt.

Entstehungshintergrund

Dieses Buch ist im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projektes „Präventives Selbst-Interdisziplinäre Untersuchung einer emergenten Lebensform“ innerhalb der Initiative „Geisteswissenschaften im gesellschaftlichen Dialog“ entstanden. Die Mehrzahl der abgedruckten Aufsätze wurde in den Jahren 2007 und 2008 geschrieben. Es wäre aber durchaus unvernünftig, das Buch bei wissenschaftlich induzierten Lese- und Verständnisschwierigkeiten (spezifischen Terminologien und Diskussionszusammenhängen), die sich übrigens in engen Grenzen halten, aus der Hand zu legen. Dafür enthalten die einzelnen Arbeiten zu viele Möglichkeiten, sein Wissen und seine Kenntnisse sowie die bisherige Sicht und Bewertung präventiver Praxis auf den Prüfstand zu stellen.

Aufbau und Inhalt

Ausgangspunkt des Buches bildet die von Martin Lengwiler und Jeannette Madarász geschriebene thematische Einleitung: Präventionsgeschichte als Kulturgeschichte der Gesundheitspolitik.

Es folgt der erste Teil, der sich mit den Grundlagen der Gesundheitsvorsorge beschäftigt:

  • Lebensmittel und neuzeitliche Technologien des Selbst: Die Inkorporation von Nahrung als Gesundheitsprävention (Jakob Tanner)
  • Lebensversicherung, medizinische Tests und das Management der Mortalität (Theodore M. Porter)

Der zweite Teil thematisiert die Veränderung der Epidemiologie und den Aufstieg der Prävention nach 1900:

  • „Die Jagd auf Mikrobien hat erheblich an Reiz verloren„- Der sinkende Stern der Bakteriologie in Medizin und Gesundheitspolitik der Weimarer Republik (Silvia Berger)
  • Health like liberty is indivisible- zur Rolle der Prävention im Konzept der Sozialhygiene Alfred Grotjahns (1869-1931) (Ursula Ferdinand)
  • Die Pflicht zur Gesundheit: Chronische Krankheiten des Herzkreislaufsystems zwischen Wissenschaft, Populärwissenschaft und Öffentlichkeit,1918-1945 (Jeannette Madarász)
  • Moderne Diätetik als präventive Selbsttechnologie: Zum Verhältnis heteronomer und autonomer Selbstdisziplinierung zwischen Lebensreformbewegung und heutigem Gesundheitsboom (Eberhard Wolff)

Präventionsmodelle und -praktiken in der frühen Nachkriegszeit sind das Thema des dritten Teiles:

  • Medizin, Public Health und die Medien in Großbritannien von 1950 bis 1980 (Virginia Berridge)
  • Sicherheits- und Präventionskonzepte im Umbruch: von der Gruppenvorsorge zur individualisierten medizinischen Risikoprävention für Schwangere (Ulrike Lindner)
  • Risikofaktoren: Der scheinbar unaufhaltsame Erfolg eines Ansatzes aus der amerikanischen Epidemiologie in der deutschen Nachkriegsmedizin (Carsten Timmermann)
  • Eine neue Sorge um sich? Ausdauersport im „Zeitalter der Kalorienangst“ (Tobias Dietrich)

Biomedizin und Genetik stehen im Mittelpunkt des vierten und letzten Teiles:

  • Über die Spannungen zwischen individueller und kollektiver Intervention: Herzkreislaufprävention zwischen Gouvernementalität und Hygienisierung (Jörg Niewöhner)
  • Konzeptualisierung(en) des metabolischen Syndroms: Versuch einer diskurshistorischen Analyse über ein zeitgenössisches Syndromkonzept (Martin Döring)
  • Die Vermengung von Risiko- und Krankheitserfahrung (Robert A. Aronowitz)

Aus dieser Übersicht wird deutlich, wie vielfältig die Sichtweisen und Themen sind, die bearbeitet werden müssen, wenn man eine tragfähige und diskussionswürdige Vorstellung von der modernen Geschichte der Prävention und ihres inneren Zusammenhanges erhalten möchte.

Da die thematische Einleitung der Herausgeber den Versuch einer aufgrund der vorliegenden Materialien entworfenen Geschichte der modernen Prävention macht, soll auf einige meiner Meinung nach besonders erwähnenswerte, auf Deutschland bezogene Diskussionspunkte dieser lesenswerten Einleitung näher eingegangen werden.

Um dem vorausschauenden Verhalten in der Form der krankheitsvermeidenden Prävention überhaupt einen hohen Stellenwert zumessen zu können, bedarf es eines Verständnisses von Geschichte, das der Rationalität viel Wirkung zutraut: Zukunft ist grundsätzlich berechenbar, und aus einer definierten krankmachenden Ausgangssituation kann unter strikt verordneten Verhaltensweisen eine wünschenswerte gesunde Zukunft abgeleitet werden, sofern sich nur das beide Punkte vermittelnde Verhalten entsprechend den Verhaltensanweisungen rational verhält. Die Möglichkeit der Prävention erhält so einen geschichtlichen Ausgangspunkt und Horizont, der nicht übersehen werden sollte, will man den Vorsorgegedanken selbst rational verstehen.

Es gibt für die Herausgeber neben der geschichtlichen Möglichkeit ein Bündel von Gründen, warum seit 1900 der Präventionsgedanke in den Vordergrund des Handelns zum Beispiel staatlicher und privatwirtschaftlicher Institutionen getreten ist. Hier eine Auswahl:

  • Chronische, nicht-heilbare Krankheiten (Krebs, Herzkrankheiten) führen zu einer Verlagerung von der kurativen Medizin zu präventiven Vorkehrungen.
  • Der Aufstieg der Medizinalstatistik (detaillierte Mortalitäts- und Morbiditätsstatistiken) erhellt den Zusammenhang zwischen Erkrankung und Lebensweise.
  • In den medizinischen Kausalitätstheorien gewinnt die Sicht der Hygiene gegenüber bakteriologischen Ansätzen an Bedeutung.
  • Nach Ende des Ersten Weltkrieges gehören präventive Ansätze zum Kernanliegen der Sozialmedizin (Alfred Grotjahn)
  • In den 20er und 30er Jahren tauchen die Begriffe der Zivilisations- und Kulturkrankheiten auf, deren Einfluss nach 1945 noch zunimmt.

Mit der Risikofaktorenforschung kommt es nach dem 2. Weltkrieg über den Weg der USA zu einer unendlichen Vermehrung von identifizierbaren Krankheitsrisiken ( es gibt meines Wissens mehrere tausend Krankheiten) und einer Extensivierung entsprechender Präventionsstrategien, die auf der einen Seite wohl auch zu einer verstärkten präventiven Sensibilisierung führten, auf der anderen Seite jedoch beizeiten zu einem Präventionsüberdruss und einer Präventionskritik beitragen sollten. Bedroht von mehreren Krankheiten, gab es für dieses Kontingent eine Fülle von Präventionsvorschriften, deren Kenntnis und Einhaltung jedenfalls nicht einfach waren. Außerdem wurde die Verhältnisprävention wenig beachtet, und der Siegeszug der Verhaltensprävention begann.

Im Laufe der Zeit wurde aber auch der Widerspruch zwischen wissenschaftlichem Präventionsanspruch und alltäglichen Präventionspraktiken immer deutlicher sichtbar. Wissenschaftlich, aus Risiken abgeleitete Präventionsvorschriften treffen auf den Alltag der Individuen und dessen Widerständigkeit.

Die Gesundheitsdefinition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit ihrer Betonung des körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens als Gesundheitsbestandteil hatte zwar schon früh eine Bresche in die ausschließlich pathogene Orientierung der Prävention geschlagen. Doch erst die Ottawa-Charta (1986) wendet sich ausdrücklich der nicht pathogen orientierten Prävention zu und spricht nunmehr von Gesundheitsförderung, für die u. a. das Modell der Salutogenese (Aaron Antonovsky) Pate gestanden hat. Die Lebenswelt und der Alltag, aber auch das gesundheitspolitische Handeln geraten in den Mittelpunkt und überlagern eine Zeit lang die auf Krankheiten bezogene Prävention.

Die in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts mit der Risikofaktorentheorie verstärkt einsetzende Übertragung des Präventionsgedankens von staatlichen und privatwirtschaftlichen Institutionen auf das Individuum und auf individuelle Praktiken der Prävention hat dem Buch den Titel gegeben. Die Wendung zum präventiven Selbst - „jenes rationale, krankheitsminimierend agierende Subjekt“ - ist der vorläufige Endpunkt der modernen Präventionsgeschichte. Die historische Entwicklung präventiver Verhaltensnormen kann somit als ein langfristiger Prozess zunehmender Verinnerlichung bis hin zum Leitbild des präventiven Selbst beschrieben werden, das sich als rationales Wesen kontinuierlich selbst beobachtet und sein Verhalten nach gesundheitlichen Kriterien selbst diszipliniert.

Diskussion

Für den Praktiker der Gesundheitsförderung und Prävention stellt sich die Frage, ob nicht der Träger des präventiven Selbst der aufgeklärte und in vielfältigen Kostümierungen auftretende Bürger ist, der sich in seiner langen Existenzgeschichte stets um sein Wohlbefinden und seine Gesundheit gesorgt hat. Die Schwierigkeiten der Gesundheitsförderung und Prävention liegen aber vor allem bei den nicht-bürgerlichen Klassen und Grundschichten, deren Verhalten anderen Gesetzen als denen der Gesundheit folgt. Hier bleibt die Notwendigkeit, die für Gesundheit grundlegenden Lebens- und Verhaltensweisen zu fördern. Der Weg geht hier eher über die drei goldenen Gesundheitsregeln: keine Suchtmittel -ausreichende Bewegung -gute Ernährung (Manfred Pflanz 1971) und über gesundheitsfördernde, Individuum und Lebenswelt gleichermaßen berücksichtigende Ansätze als über die Propagierung unmittelbar aus der Wissenschaft abgeleiteter Präventionskonzepte. Das präventive Selbst erscheint somit als ein spezifisches Modell des Gesundheitsverhaltens, das nicht für alle Mitglieder der Gesellschaft gültig ist.

Fazit

Das Buch enthält wesentliche Bausteine einer Kulturgeschichte moderner Gesundheitspolitik und wirft ein Licht auf viele Themen, die kenntnisreich, detailliert und nie langweilig erörtert werden. Zudem setzen die Herausgeber einen diskussionswürdigen Rahmen für eine moderne Präventionsgeschichte und verfolgen keine die vielfältigen Entwicklungen verengende Sichtweise. Einfach gesagt: sehr lesenswert!


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 19.07.2011 zu: Martin Lengwiler, Jeannette Madarász (Hrsg.): Das präventive Selbst. Eine Kulturgeschichte moderner Gesundheitspolitik. transcript (Bielefeld) 2010. ISBN 978-3-8376-1454-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10424.php, Datum des Zugriffs 07.07.2020.


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