Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Katarina Planer: Haus- und Wohngemeinschaften

Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 29.03.2011

Cover Katarina Planer: Haus- und Wohngemeinschaften ISBN 978-3-456-84797-9

Katarina Planer: Haus- und Wohngemeinschaften. Neue Pflegekonzepte für innovative Versorgungsformen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2010. 230 Seiten. ISBN 978-3-456-84797-9. 28,95 EUR. CH: 48,60 sFr.
Reihe: Pflegemanagement: Altenpflege
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Die stationäre Altenhilfe in Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten einige teils gravierende Veränderungen hinsichtlich ihrer Klientel- und Organisationsstruktur durchgemacht. Das Altenheim als Heimstatt von meist noch rüstigen aber teils hilfebedürftigen alten Menschen entwickelte sich zunehmend zu einer Einrichtung für Pflegebedürftige. Parallel hierzu wurde durch die Pflegeversicherung der flächendeckende Ausbau der ambulanten Pflege vorangetrieben. In Anlehnung aus Erfahrungen aus anderen Ländern fand eine zunehmende Binnendifferenzierung im Heimbereich statt, so wurden und werden mehr und mehr spezielle Wohngruppen für Demenzkranke in den Heimen eingerichtet. Darüber hinaus werden seit ca. 10 Jahren Wohngemeinschaften für Demenzkranke als Solitäreinrichtungen geschaffen, die überwiegend von ambulanten Pflege- und Betreuungsdiensten versorgt werden. In dieser Phase der Herausbildung demenzspezifischer Versorgungsstrukturen im stationären und vorstationären Bereich propagiert das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) seit einigen Jahren das Konzept der so genannten „Hausgemeinschaft“ für den Heimbereich. Als Vorbild für diese Versorgungsform dienen die Wohngruppen für leicht Demenzkranke in Schweden und das so genannte „Cantou“- Konzept aus Frankreich. Das Modell der „Hausgemeinschaft“, das als „vierte Generation“ des Altenpflegeheimbaus propagiert wird, sieht eine vollständige Dezentralisierung der Versorgungsleistungen Mahlzeitenzubereitung und Wäscheversorgung vor. Das heißt, in den Wohngruppen soll nicht nur gepflegt und betreut werden, sondern zusätzlich auch gekocht und die Wäsche der Bewohner gewaschen werden. Dieses von betriebs- und personalwirtschaftlichen Kalkülen her äußerst dysfunktionale Modell hat sich in Deutschland u. a. aus Kostengründen nicht durchsetzen können.

Autorin

Bei der Autorin handelt es sich um eine Altenpflegerin, die sich zur Pflegewissenschaftlerin (MScN) und Pflegewirtin (FH) weitergebildet hat. Des Weiteren hat sie eine Ausbildung zur „systemischen Familientherapeutin“ absolviert und arbeitet als Sachverständige für Pflege- und Pflegequalitätsmanagement.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sieben Kapitel untergliedert, wobei das erste und das letzte Kapitel (Einleitung und Ausblick) recht kurz gehalten sind. Die Inhalte der übrigen Kapitel:

  • Kapitel 2 (Ausgangslage und Herausforderungen, Seite 15-40): Es werden u. a. die Problemstellungen der Demografie, der Multimorbidität, Hochaltrigkeit, Demenz und Aspekte einer multikulturellen Gesellschaft angeführt. Es folgen die Qualitätskriterien der Autorin für neue Wohnformen für Pflegebedürftige wie das Normalitätsprinzip, Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und die Familienorientierung. Des Weiteren wird das Modell eines „ökosystemischen Ansatzes“ erläutert.
  • Kapitel 3 (Familien- und umweltbezogene Pflege, Seite 41-46): Im Mittelpunkt steht die Darstellung des systemtheoretischen Modells der familien- und umweltbezogenen Pflege von Marie-Luise Friedemann als theoretischem Bezugsrahmen von Haus- und Wohngemeinschaften. Das Kernelement dieses Modells besteht aus der Theorie des systemischen Gleichgewichts, das auf den Annahmen basiert, dass der Mensch und die Familie Kongruenz durch Erreichung der Ziele Stabilität, Wachstum, Regulation/Kontrolle und Spiritualität anstreben. Dies geschieht durch die Prozesse der Systemerhaltung und –änderung, der Kohärenz und der Individuation.
  • Kapitel 4 (Elemente einer familien- und umweltbezogenen Pflegekonzeption, Seite 47-120): Anhand einer fiktiven Einrichtung – die „Hausgemeinschaft St. Magnus“ – werden ausführlich und mit vielen Beispielen versehen die verschiedenen Elemente des familien- und umweltbezogenen Ansatzes vorgestellt: u. a. die Rolle der Pflegenden und der Familie, Pflegesystem und Dienstplankonzept, Pflegeprozessplanung, Pflegedokumentation und Fallbesprechungen.
  • Kapitel 5 (Pflegewissenschaftliche Erklärungen und Begründungen, Seite 121-171): Hier werden einige Aspekte des Ansatzes wie die Aufgaben der Pflegenden und der Angehörigen bezogen auf das Modell der Hausgemeinschaft vertieft. Schwerpunkte sind in diesem Kapitel das Pflegesystem Gruppenpflege und deren Realisierung in Gestalt der Dienstplangestaltung und zusätzlich die Konzepte der Pflegeprozessplanung und –dokumentation.
  • Kapitel 6 (Bedingungen zur Anwendung der familien- und umweltbezogenen Pflegetheorie für Hausgemeinschaften, Seite 173-178): Auf wenige Seiten werden Erfordernisse für eine angemessene Versorgung auf den Ebenen der unmittelbaren Pflege und Betreuung, der Einrichtung und des Trägers und der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wie der Pflegeversicherung abgehandelt.

Diskussion

Die vorliegende Studie vermag aus vielerlei Gründen bezogen auf die stationäre Versorgung Demenzkranker nicht zu überzeugen. Folgende Kritikpunkte sind hervorzuheben:

  • Die Ablehnung des Pflegeheimes als stationäre Einrichtung der Altenpflege wird konstatiert, aber nicht durch Fakten belegt. Die „neuen Wohnformen“ hingegen werden idealtypisch ohne ausreichende Begründung als Alternativen propagiert. Dieser Argumentationsweise kann Einseitigkeit und ideologische Verengung vorgeworfen werden, denn es fehlt die nötige Objektivität in der Analyse und Erfassung des Gegenstandsbereiches Lebenswelt pflegebedürftiger und demenzkranker Bewohner.
  • Das systemtheoretische Modell der familien- und umweltbezogenen Pflege nach Friedemann ist für die sozialökologische Darstellung und Analyse der Pflege- und Milieugestaltung in stationären Einrichtungen zu abstrakt. Den Begriffen und Wirkkonzepten dieses Modells fehlt jedwede empirische Fundierung durch entsprechende Erhebungen oder Erfahrungen aus der Praxis.
  • Es fehlt die Darstellung des gegenwärtigen Erkenntnisstandes über die Pflege und Betreuung Demenzkranker in stationären Einrichtungen als ein entscheidender Bezugsrahmen für die Beurteilung der Versorgungseinrichtung. Das Modell „Hausgemeinschaft“ verbleibt somit auf der bloßen normativ-idealtypischen Ebene ohne konkreten Realbezug, der letztlich durch die Klientel konstituiert wird.

Fazit

Die Demenzpflege und das Demenzmilieu spiegeln sich in den Realbezügen des Pflegealltags wider. Der vorliegenden Publikation mit dem Schwerpunkt einer konstruierten und somit fiktiven Darstellung eines Modells „Hausgemeinschaft“ fehlt dieser Erfahrungshintergrund. Neue Anregungen und Perspektiven für die Praxis sind daher nicht zu erwarten.

Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Website
Mailformular

Es gibt 220 Rezensionen von Sven Lind.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 29.03.2011 zu: Katarina Planer: Haus- und Wohngemeinschaften. Neue Pflegekonzepte für innovative Versorgungsformen. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2010. ISBN 978-3-456-84797-9. Reihe: Pflegemanagement: Altenpflege. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10425.php, Datum des Zugriffs 27.11.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht