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Helmut Wehr, Gerd-Bodo von Carlsburg (Hrsg.): Erlebnispädagogik

Rezensiert von Dipl. Pädagogin Lorena Rautenberg, 03.02.2011

Cover Helmut Wehr, Gerd-Bodo  von Carlsburg (Hrsg.): Erlebnispädagogik ISBN 978-3-87101-524-3

Helmut Wehr, Gerd-Bodo von Carlsburg (Hrsg.): Erlebnispädagogik. Theorie, Praxis und Projekte für die Schule. Brigg Pädagogik Verlag GmbH (Augsburg) 2010. 122 Seiten. ISBN 978-3-87101-524-3. 19,80 EUR.
Reihe: Pädagogik und Psychologie
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Thema

Das Buch stellt die Erlebnispädagogik als Handlungsalternative im Schulalltag vor und zeigt, wie das Erfahrungsrepertoire für Schüler durch die Integration von erlebnispädagogischen Elementen in den Unterricht erweitert werden kann.

Herausgeber

Gerd-Bodo von Carlsburg ist Professor für Schulpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, Helmut Wehr ist akademischer Oberrat für Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in einen Theorieteil mit Berichten über bereits durchgeführte Projekte und einen Praxisteil mit praktischen Übungen zum direkten Umsetzen in der Schule.

Der Theorieteil stellt in Beiträgen verschiedener Autoren die Grundlagen der Erlebnispädagogik dar und diskutiert den Bildungsanspruch der Erlebnispädagogik und ihre Perspektiven des Erfahrungslernens; daneben werden verschiedene bereits durchgeführte erlebnispädagogische Projekte vorgestellt.

Im Praxisteil findet sich eine umfangreiche Sammlung verschiedener, im Unterricht durchführbarer erlebnispädagogischer Spiele. Die Palette ist sehr breit gestreut und reicht von Spielen, die in wenigen Minuten einen Einstieg in eine Unterrichtseinheit bilden können bis hin zu zeit- und vorbereitungsintensiven ganztägigen Projekten.

Theorieteil

Einführung. Der Auffassung folgend, dass eigenes Leben sich nur durch Selbertun und die aktive Auseinandersetzung mit sich und seiner Umwelt erschließen kann, stellen die Herausgeber dem Buch eine realitätsnahe Definition von Erlebnispädagogik voran: Erlebnispädagogik wird als handlungsorientierte Methode verstanden, welche junge Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung fördern und sie befähigen will, aktiv ihre Lebenswelt (mit) zu gestalten.

Der Bildungsanspruch der Erlebnispädagogik. (Rolf Göppel) Auf der Grundlage von vier eigenen erlebnispädagogischen Erfahrungen (Klettern mit Freunden während des Urlaubs, Höhenwanderung, Kanufahren mit einer Sportschule und ein Familienkreiswochenende im Hochseilgarten) untersucht Rolf Göppel das Bildende der erlebnispädagogischen Erfahrungen und vergleicht seine individuellen Erlebnisse und Lernerfahrungen mit den laut Theorie typischen Erlebnisformen und positiven Effekten erlebnispädagogischer Maßnahmen. Dabei unterscheidet er zwischen Lernerfahrungen als Erweiterung des persönlichen Wissens und technischer Fertigkeiten und Bildungserfahrungen als Veränderungen in der Persönlichkeitsstruktur. Lernerfahrungen sind für alle genannten Beispiele nachzuweisen, wenn sie im Bereich Klettern und Höhenwanderung auch eher nebenbei passieren, während in den beiden anderen Fällen Lernen in diesem Sinn das erklärte Ziel war. Schwerer fällt der Nachweis der Bildungserfahrungen. Hier holt Göppel zunächst weiter aus und beschreibt die Erweiterung des Bildungsbegriffs von der formalen, organisiert und strukturiert ablaufenden institutionellen Bildung wie sie in Schule, Hochschule oder Ausbildung stattfindet hin zur Anerkennung non-formaler und informeller Bildungsorte als wichtiger Bestandteile der heutigen Bildungslandschaft. Informelle und non-formale Bildung findet freiwillig statt, ohne Lehrplan, Lehrperson oder didaktisch-methodische Aufbereitung der Inhalte, beispielsweise im Internet, im Bereich der Jugendarbeit oder in den Szenen der Jugendkultur. Bildung in diesem erweiterten Sinn wird einer Veröffentlichung des Bundesjugendkuratoriums zu Folge allgemein als „Aneignung von Lebens- und Bewältigungskompetenz“ (S. 19) verstanden. Unter diesem Aspekt gelingt Göppel der Nachweis der Bildungserfahrung in den von ihm gewählten Beispielen.

Perspektiven des Erfahrungslernens – Anmerkungen zur Theorie der Erlebnispädagogik. Individualisierung und Erlebnisverlust in der Erlebnisgesellschaft. (Helmut Wehr / Gerd-Bodo von Carlsburg). Zunächst wird gezeigt, wie der gesellschaftliche Strukturwandel die Möglichkeit, aber auch den Zwang eröffnet, ein eigenes Leben zu führen. Weiter wird auf die Medienrezeption eingegangen: Primärerfahrungen werden oft durch passives, konsumierendes Rezipieren von Medien ersetzt und Kinder erfahren die Welt „aus zweiter Hand“ (S. 25). Darüber hinaus verändern sich das Zeitbewusstsein und das Raumerleben. Das zyklische Zeitverstehen von Kindern wird durch die Zeitdifferenzierung von Erwachsenen ersetzt und erzeugt Stress. Parallel dazu ist auch das Raumerleben in Inseln aufgeteilt, deren Zusammenhang für Kinder kaum noch zu überblicken ist. Durch den normativen Wandel identifizieren Kinder sich, geprägt durch die Medien, eher mit Kategorien wie stark oder schwach anstatt mit ethischen Begriffen gut – böse, wie z. B. Märchen sie anbieten. All diese Faktoren wirken bei der Individualisierung von Jugend mit. Jugendliche suchen naturgemäß nach Autonomie und Verselbständigung, diese Suche findet heute in einer sehr unübersichtlichen und pluralen gesellschaftlichen Situation statt, die eine Flut von Ansätzen aus unterschiedlichsten Medien anbietet. Das Erleben und Erfahren in der Moderne ist nicht mehr von der Aufgabe des Überlebens geprägt, sondern von der Aufgabe, sein eigenes Leben zu erleben. Aus dieser Perspektive wird die Erlebnis-Orientierung von Jugendlichen verständlich, die Lebendigkeit und Abwechslung erfahren wollen. Paradoxerweise bietet die Moderne vielfältige Erlebnismöglichkeiten an, durch das plakative Darstellen von Allem und Jedem als Erlebnis sinkt jedoch der Wert des Erlebnisses. Es ist nicht befriedigend und löst in der Folge den Wunsch nach neuen Erlebnissen aus. Der Übergang ins Erwachsenenalter wird entstrukturiert und individualisiert, er zerfällt in Teilübergänge und verursacht oft Probleme, wie die steigenden Zahlen von psychosozialen Störungen, psychosozialen Auffälligkeiten oder gesundheitsgefährdenden Verhaltensmustern belegen können. Die „Kinder der Freiheit“ leben im Spannungsfeld zwischen den Möglichkeiten und den Gefahren der ihnen angebotenen Freiheit; Grenzenlosigkeit und geringe empathische Fähigkeiten sind ebenso Folgen wie geringe Frustrationstoleranz. Unklar ist, inwieweit alte Werte wie Ordnung, Fleiß oder Hilfsbereitschaft in Zukunft in die neuen Lebensentwürfe integriert werden. In der Folge wird Erich Fromms Kritik am Erleben in der Moderne dargestellt; davon ausgehend wird die geschichtliche Entwicklung der erlebnisorientierten Reformpädagogik an Hand der Vertreter Hermann Lietz und Kurt Hahn beschrieben. Der Erlebnis-Begriff, das Kernstück der Erlebnispädagogik, wird ausführlich betrachtet. Als Bestimmungsmerkmale werden Intensität, affektiver Gehalt, Wahrnehmung, Aktivität, Spannungsmoment, Gegenstandsbezug und Subjektivität genannt. Waltraut Neubert nennt sieben Kategorien, die ein Erlebnis auszeichnen, dazu gehören u. a. die Unmittelbarkeit oder der Objektivationsdrang. Aus der Ich-Wirksamkeit des Erlebnisses erschließt sich, weshalb die Erlebnispädagogik für die Schule und die Vermittlung von Lehrstoff geeignet ist: Handlungsorientiertes Lernen lässt Schüler die Lerninhalte sprichwörtlich be-greifen. Dem Flow-Erlebnis ist ein weiterer Abschnitt gewidmet. Was von Montessori bei Kindern als Polarisation der Aufmerksamkeit bezeichnet wurde, wurde später von Csikszentmihalyi bei Erwachsenen als Flow-Erleben bezeichnet. Flow wird durch fünf Elemente charakterisiert, ist jedoch nicht die Folge spezieller Tätigkeiten, sondern wird durch die Balance von Sicherheit, einer Aufgabe gewachsen zu sein und der Herausforderung, entwickelte Fähigkeiten noch zu steigern erreicht. Fromm bezeichnet dieses Phänomen als primär menschliches Erlebnis, das allen Menschen im Sinn des kollektiven Unbewussten gemeinsam ist und unabhängig von Kultur und Gesellschaft nicht erlernt werden muss. Im Assimilations- und Sozialisierungsprozess spielen Erlebnisse eine große Rolle. Im Unterricht kann das nutzbar gemacht werden, indem erlebnispädagogische Methoden verwendet werden. Die Grundstruktur unterteilt sich in drei Phasen: die Vorbereitungsphase, die der Motivation der Schüler dient, die Aktionsphase, welche die eigentliche Durchführung der Aufgabe beinhaltet und die Reflexionsphase, die der Zusammenfassung und dem Transfer ins Alltagsleben dient. Dem Lehrer stehen vier grundsätzliche Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung: das Arrangieren, Animieren, Begleiten und intervenieren. Als Beispiel, wo im Unterricht solche Methoden Anwendung finden, werden die Wald-Erlebnispädagogik und die Naturerlebnispädagogik genannt, weiterhin der Schullandheimaufenthalt. Weiterhin werden die Indoor-Erlebnis-Pädagogik und das Theaterspiel als Elemente genannt.

Erlebnisse im Kopf? Innere Vorstellungsbilder im Unterricht. (Bernward Lange). Dieser Beitrag beschreibt die momentan stattfindende individualisierende Bewegung in der Pädagogik und Didaktik der Schule. Unterricht wird zunehmend personzentriert verstanden und die emotionalen und imaginativen Aspekte finden Eingang in den Schulalltag, werden auch als Bildungsziele in Bildungspläne aufgenommen. Imagination als personale Fähigkeit wird als wichtiges Element verstanden. Imagination kann wie reales Erleben von starken Emotionen begleitet sein. Am Beispiel von Texterfahrung beleuchtet Lange, wie der didaktische Einsatz von Imagination im Unterricht Interessantheit des Textes und Interessiertheit der Schüler an der Aufgabe fördern kann. Der Beitrag schließt mit einer Sammlung kritischer Argumente zum imaginationsanregenden Unterricht. Dieser soll reflektiert und didaktisch begründet eingesetzt werden; da es um das innere Erleben und die Emotionen der einzelnen Schüler geht, muss vorab der wertungsfreie Umgang mit Äußerungen der Schüler in mehrfacher Hinsicht bedacht sein.

Die Kletterwand war die beste Investition überhaupt!“ Mit erlebnispädagogischen Angeboten auf dem Weg zur geschlechterbewussten Schule. (Kirsten Lehmkuhl / Isolde Rehm). Die Erlebnispädagogik als Methode geschlechtsstereotype Verhaltenserwartungen aufzulösen wird am Beispiel einer Kletterwand in der Gesamtschule Sprockhövel beschrieben. Die PISA Studie verweist u. a. auf die demotivierenden Faktoren des traditionellen Schulunterrichts und wirft so die Frage nach den Hintergründen von Lernen und dem Erleben von Lernerfolgen und -misserfolgen auf. Bildungsziel der Schule sei außer den Sozial-, Methoden- und Fachkompetenzen auch die Personalkompetenz. Ein Problem ist aber die Standardisierung der Komponenten, die zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen sollen. Das Beispiel der Gesamtschule Sprockhövel beweist aber, dass eine Kletterwand diesen Anspruch erfüllen kann. Besonders die traditionellen Rollenerwartungen und die stereotypen Selbstbilder von Jungen und Mädchen können über die Aktivität des Kletterns ergänzt und verändert werden. Es lässt sich leicht beweisen, dass männliche Schüler überproportional an aggressivem Verhalten beteiligt sind, andererseits schätzen sich Mädchen, die objektiv die gleichen Noten wie leistungsschwache Jungen haben, deutlich schlechter ein. Beim Klettern wird der Zwang, in diesen stereotypen Denkmustern und Verhaltensweisen zu verharren, aufgehoben, Schüler wie Lehrer müssen eine Beziehung eingehen, bei der sie sich aufeinander verlassen müssen. Sorgfalt und Aufmerksamkeit ergeben sich selbstverständlich aus der Situation und gegenseitiges Vertrauen und Respekt können entstehen.

Vom Zirkusprojekt zum zirkuspädagogischen Konzept: Ein Spiel-, Sport- und Bewegungsunterricht. (Ursula Hanke). Vor dem Hintergrund, dass der Schulsport als Bewegungsraum für Kinder und Jugendliche immer wichtiger wird und auch in der sozialen Entwicklung der Kinder eine zentrale Rolle spielt, führte die Grundschule Frauenweiler eine Projektwoche zum Thema Zirkus durch. Die mit dem Projekt verbundenen Hoffnungen der Betreuer, eine Entwicklung von Selbstwert, Kreativität, Beziehung und Bewusstheit bei den Kindern auszulösen, wurden weit übertroffen. Daraus entstand das zirkuspädagogische Gesamtkonzept der Grundschule, die dieses seit inzwischen sechs Jahren fest in den Schulalltag integriert hat.

Erlebnis Kanu: Spannungsfelder zwischen Thrill Seeking und Risikoreduktion, Selbstinszenierung und Naturliebe, Wildheit und Planungskompetenz. (Arnold Hinz). Der Beitrag liefert zunächst Hintergrundinformationen zum Kanufahren. Es wird zwischen den Begriffen „Kanu“, „Kajak“ und „Canadier“ unterschieden und die geschichtliche Entwicklung dieses Sports in Deutschland aufgezeigt. Neben den aktuellen Trends widmet sich ein Abschnitt der Verbreitung des Kanusports. Es lässt sich eine deutliche männliche Mehrheit im Kanusport ausmachen. Nachdem die Gefahren betrachtet wurden, geht es um die Ökologie und die Umweltverträglichkeit von Kanufahren. Der letzte Teil widmet sich ausführlicher der Frage nach der erlebnispädagogischen Nutzbarkeit von Kanufahren. Einen eigenen Abschnitt widmet Hinz dem Zusammenhang von Jungenpädagogik und Kanufahren, der Vermittlung von ökologiegerechtem Kanufahren und erlebnispädagogischen Wasseraktivitäten allgemein. Er kommt zu dem Fazit, dass Kanufahren eingebettet sein muss in einen pädagogischen Kontext, dass es aber viele Elemente enthält, die pädagogische Wirkung haben können. Er verweist aber darauf, dass es bisher keine empirischen Belege für diese Behauptung gibt.

Naturerleben. (Janine Kairies / Arnold Hinz). Der Begriff Natur hat eine Umdeutung erfahren. War es früher „das, was von selbst da ist und ohne fremdes Zutun geworden ist“ (S. 70), so wird der Mensch in einer von ihm selbst gestalteten Kulturlandschaft zunehmend auch als Teil der Natur verstanden. Naturerleben meint das emotional-kognitive Erfahren der Natur und ist immer individuell und einmalig. Naturerleben wird zur Entspannung und Erholung angestrebt, es vermittelt den Schein der Einfachheit; zugleich aber ermöglicht es die Reflexion über die eigene Existenz und das Erleben des eigenen Seins. Kinder und Erwachsene haben dabei ein stärkeres Bedürfnis nach Naturerleben als Jugendliche, die Natur oftmals als langweilig erleben, obwohl sie kognitiv gleichzeitig als wichtig bewertet wird. Die Natur wird seit der Romantik als Lehrmeister gesehen und in der Erlebnispädagogik als Antwort auf die ökologische Krise gesehen. Ein Kernpunkt ist die Entschleunigung der westlich-industriellen Zeitwahrnehmung durch Naurerleben.

Praxisteil

Im Praxisteil werden Spielanleitungen zu folgenden Bereichen geliefert.

Spielesammlung. Es werden neun einfache, wenig zeitaufwendige erlebnispädagogische Spiele vorgestellt, die als Warm-up für Gruppen beliebiger Größe geeignet sind und wenig Materialaufwand haben.

Kimspiele. Nach einer kurzen Einführung, was Kimspiele sind werden zahlreiche Spielmöglichkeiten vorgestellt, die alle fünf Sinne ansprechen. Die Spiele machen in der Gruppe mehr Spaß, die meisten können aber theoretisch auch für einen einzelnen Teilnehmer eingesetzt werden. Vorbereitung und Materialbedarf sind relativ hoch.

Koordination, Kooperation und Konstruktion. 31 verschiedene Spiele werden beschrieben. Die Gruppengröße variiert zwischen vier bis beliebig vielen Teilnehmern, wobei nicht alle Spiele für jede Gruppengröße geeignet sind. Auch ist der Materialbedarf unterschiedlich. Während manche Spiele gar keinen Materialbedarf haben und daher kaum Vorbereitungszeit brauchen, erfordern andere relativ viel Material (Seile, Balken, Stöcke,…). Zentrales Thema ist die Abstimmung und Zusammenarbeit in der Gruppe, damit die Aufgabe gelöst werden kann.

Aggression & Konflikte. Drei Spielideen transportieren Aggressionspotential in eine Wettbewerbssituation, aus der heraus Konflikte nach Regeln gelöst werden können. Der Materialbedarf beschränkt sich auf Papier und Schreibgeräte, die Spiele können daher auch spontan und ohne Vorbereitung eingesetzt werden.

Emotionen ausdrücken und gestalten. In zwölf Spielen soll den Gruppenteilnehmern die Wahrnehmung eigener Emotionen ermöglicht werden. Zugleich kann die Aufgabe aber auch nur gelöst werden, wenn die Stimmungslage der anderen Gruppenmitglieder erkannt und berücksichtigt wird. Vertrauen und Zuverlässigkeit aber auch Rücksichtname innerhalb der Gruppe und Achtsamkeit gegenüber den anderen sind die zentralen Themen dieser Aufgaben. Die Spiele haben unterschiedlich hohen Materialaufwand und brauchen dadurch unterschiedlich viel Vorbereitungszeit; die Mindestgröße der Gruppe liegt bei fünf Teilnehmern, die Obergrenze ist meist fließend. Ideal ist eine Gruppengröße zwischen zehn und 20 Teilnehmern.

Spannung & Abenteuer. Es werden zehn Spiele beschrieben. Die Spiele bauen auf einer Konkurrenzsituation zwischen verschiedenen (Klein-)Gruppen auf. Es spielen immer mindestens zwei Gruppen gegeneinander, wobei die Aufgaben nur bewältigt werden können, wenn innerhalb einer Gruppe alle Mitglieder zusammenarbeiten. Der Materialbedarf ist unterschiedlich, oft können Alltagsgegenstände eingesetzt werden; der Vorbereitungsaufwand für die Spielleiter ist recht hoch.

Fantasie & Kreativität. Es werden sieben Spiele vorgestellt, bei denen es Schwerpunktmäßig um problemlösendes Denken geht. Die Werkzeuge, die die Teilnehmer zur Aufgabenlösung zur Verfügung gestellt bekommen, erscheinen zunächst mangelhaft. Nur durch sinnvolle Kooperation untereinander und gegenseitiger Hilfestellung gelingt die Lösung. Es werden Spiele für Kleingruppen mit vier Teilnehmern angeboten, aber auch Spiele für eine beliebige Anzahl von Teilnehmern. Der Materialbedarf reicht von Naturmaterialien, die vor Ort zu finden sind bis hin zu Kletterausrüstung, entsprechend hoch muss die Vorbereitungszeit angesetzt werden.

Erlebnispädagogische Projekte. Die acht Projekte erfordern sowohl in der Vorbereitung wie auch in der Durchführung und Reflexion viel Zeit. Es geht hauptsächlich um die Wahrnehmung der eigenen Grenzen, eigenen Gefühle und das Erleben der eigenen Kompetenz sowie um das Entdecken persönlicher Problemlösungsstrategien. Die Projekte richten sich daher schwerpunktmäßig an jeden Teilnehmer individuell; dennoch werden sie in Gruppen durchgeführt, wobei die Größe der Gruppe variabel ist. Die Gruppe kann Sicherheit vermitteln, ermutigen und unterstützen, z. T. auch als konkrete Sicherungshilfe z. B. beim Klettern eine wichtige Rolle übernehmen. Auch können soziale Kompetenzen geübt und soziale Konfliktsituationen gelöst werden. Die Gruppenmitglieder profitieren von den Erfahrungen der anderen. Die Reflexion spielt daher eine wichtige Rolle.

Kooperative Projekte. Drei Spiele für Kleingruppen werden vorgestellt. Dabei sind die Absprache der Teammitglieder, der Gruppen untereinander und die Weiterentwicklung von Ideen zur Lösung der Aufgabe zentral. Die Spiele werden daher in mehreren Runden gespielt. Die Spielleiter haben einen relativ hohen Vorbereitungsaufwand, der Materialbedarf ist aber recht gering und mit alltäglichen Gegenständen abzudecken.

Denk-Pause. Zum Abschluss wird ein Experiment eines amerikanischen Psychologen zur Identifikation mit einer Gruppe beschrieben. Es entstehen zwei verfeindete Gruppen, der Leser bekommt Fragen gestellt, wie die Verfeindung wieder aufgehoben werden könnte (es werden aber keine Lösungen beschrieben).

Diskussion

Das Buch deckt mit der Teilung in Theorieteil und Praxisteil beide Bereiche gleichwertig gut ab. Im Theorieteil wird ein weiter Bogen vom Bildungsanspruch und der Theorie der Erlebnispädagogik bis zu konkreten Projektberichten gespannt. Es kommen sowohl wissenschaftlich arbeitende Autoren wie auch Projektbegleiter zu Wort. Dadurch stehen Beiträge mit hohem wissenschaftlichem Anspruch und Fachsprache neben inhaltlich weniger fordernden Teilen im Bereich der Erfahrungsberichte. Potentielle Leser werden daher entweder teilweise über- oder unterfordert. Im Praxisteil wird eine ausgesprochen breite Palette von erlebnispädagogischen Bereichen abgedeckt, die Spielbeschreibungen sind leicht zu verstehen und gut umzusetzen. Durch die Auswahl verschiedenster Spielideen mit unterschiedlichen Anforderungen an Gruppengröße, das Material und Vorbereitung kann jeder Interessierte ein passendes Spiel finden. Mehr Gewicht hätte auf die Qualifikation des Spielleiters gelegt werden können. Während einige Spiele auch von völligen Neulingen im Bereich der Erlebnispädagogik angeleitet werden können, ist bei einigen anderen Spielen, besonders im Bereich der erlebnispädagogischen Projekte und der Emotionen, Erfahrung und die Fähigkeit zur professionellen Auswertung der Spiele (Reflexion) wesentlich für das Gelingen. Ist diese Erfahrung nicht gegeben, kann ein solches Spiel u. U. auch für einzelne Teilnehmer zu einer traumatischen Erfahrung werden. Bei den Spielanleitungen ist aber kein Hinweis für den Spielleiter enthalten, wie viel Erfahrung und Vorbildung im erlebnispädagogischen Bereich sinnvoll und nötig ist.

Fazit

Selten wird in einem Buch Theorie und Praxis dermaßen gleichwertig und gleichermaßen ausführlich gegenübergestellt wie hier. Wenn auch der Anspruch des Theorieteils an die Vorbildung der (pädagogisch ausgebildeten) Leser unterschiedlich hoch ist und sicher nicht jeder mit allen Beiträgen etwas anfangen kann, so ist der Praxisteil für jeden pädagogisch ausgebildeten Leser verwendbar. Das Buch ist direkt in der Schule einsetzbar und erfüllt sicher das selbstgesetzte Ziel, einen Beitrag zu einer erlebnisorientierten und lebendigen Lernform zu leisten.

Rezension von
Dipl. Pädagogin Lorena Rautenberg
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Zitiervorschlag
Lorena Rautenberg. Rezension vom 03.02.2011 zu: Helmut Wehr, Gerd-Bodo von Carlsburg (Hrsg.): Erlebnispädagogik. Theorie, Praxis und Projekte für die Schule. Brigg Pädagogik Verlag GmbH (Augsburg) 2010. ISBN 978-3-87101-524-3. Reihe: Pädagogik und Psychologie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10435.php, Datum des Zugriffs 12.08.2022.


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