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Günter Bentele (Hrsg.): Öffentliche Kommunikation

Cover Günter Bentele (Hrsg.): Öffentliche Kommunikation. Handbuch Kommunikations- und Medienwissenschaft. Westdeutscher Verlag (Wiesbaden) 2003. 607 Seiten. ISBN 978-3-531-13532-8. 38,90 EUR.
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Einführung in die Themenstellung

Seit vielen Jahren liegen für Nachbardisziplinen wie Soziologie und Politikwissenschaft diverse Hand- und Lehrbücher, Einführungsreihen und eine größere Zahl von Lexika vor. Unterschiedliche Herausgeber- und Autorenteams vermitteln dort ihre jeweilige Sicht des Faches und offerieren mitunter konkurrierende Erklärungs- und Deutungsangebote. Die Kommunikations- und Medienwissenschaft hat insbesondere hierzulande noch keine vergleichbare Vielfalt entwickelt. Mit dem Handbuch "Öffentliche Kommunikation" haben sich die Herausgeber Günter Bentele, Hans-Bernd Brosius und Otfried Jarren sowie mehr als 30 bedeutende Autorinnen und Autoren einen entscheidenden Anstoß für die Entfaltung der Lehrbuchkultur in dieser Disziplin vorgenommen.

Aufbau und Inhalte

"Öffentliche Kommunikation" ist der Leitband für die neue Reihe "Studienbücher zur Kommunikations- und Medienwissenschaft". Diese sollen sowohl dem studienbegleitenden Lernen an Universitäten, Fachhochschulen und einschlägigen Akademien wie auch dem Selbststudium dienlich sein. Die Reihe soll zur nötigen Fachverständigung und zur Kanonisierung des Wissens innerhalb der Disziplin einen Beitrag leisten. Die vergleichsweise junge Disziplin Kommunikationswissenschaft soll mit der Reihe ein Forum zur innerfachlichen Debatte erhalten. Die Herausgeber erhoffen sich davon einen nachhaltigen Einfluss sowohl auf die Entwicklung der Kommunikationswissenschaft im deutschen Sprachraum als auch einen Beitrag zur Außendarstellung des Faches im deutschen Sprachraum. Ziel ist also auch die weitere Entwicklung, Etablierung und Profilierung des Faches Kommunikationswissenschaft.

Kommunikationswissenschaft wird als sozialwissenschaftliche Disziplin verstanden, die sich - mit interdisziplinären Bezügen - vor allem mit Phänomenen der öffentlichen Kommunikation in der Gesellschaft befasst. Der zentrale Begriff "Öffentliche Kommunikation" bezeichnet Kommunikationsprozesse und -strukturen, die öffentlich stattfinden und häufig durch Massenmedien vermittelt sind. Das Fach ist jedoch nicht auf die Betrachtung von Medien allein eingrenzbar. Zu den Gegenständen des Fachs gehören beispielsweise auch Kommunikationsprozesse, die mit dem Begriff "Massenkommunikation" nicht mehr abzudecken sind, beispielsweise viele Bereiche interner und externer Kommunikation von Unternehmen und anderen Organisationen.

Im ersten Teil des Sammelbandes werden die zentralen Forschungsfelder des Prozesses öffentlicher Kommunikation behandelt, also institutionelle Rahmenbedingungen (Otfried Jarren), Kommunikatorforschung Journalistik (Martin Löffelholz) und Public Relations (Günter Bentele), Forschung zu Medieninhalten (Heinz Bonfadelli), Nutzungsforschung (Uwe Hasebrink) und Medienwirkung (Hans-Bernd Brosius). Die hierbei benutzte Prozesslogik basiert auf der allgemeinen Struktur des (öffentlichen) Kommunikationsprozesses, wie sie international gebräuchlich ist.

Der zweite Teil behandelt kommunikationswissenschaftliche Teildisziplinen und der dritte Teil Forschungsgebiete und Forschungsgegenstände, die in der Kommunikations- und Medienwissenschaft heute wichtig sind. Diese beiden Teile beruhen auf einer Fachsystematik, mit der sich, empirisch gesehen, Forschung und Lehre darstellen. Die Teildisziplinen Kommunikations- und Mediengeschichte (Jürgen Wilke), Kommunikationstheorien (Roland Burkart), Öffentlichkeitstheorien (Kurt Imhof), Kommunikationspolitik (Gerhard Vowe), Methoden der Kommunikationsforschung (Friedrich Krotz, Greogor Daschmann) und Medienstrukturen (Rudolf Stöber, Hans J. Kleinsteuber u.a.) sind dabei eher klassisch zu nennende Lehr- und Forschungsbereiche, die sich historisch herausgebildet haben und heute in vielen Instituten und Studiengängen durch Professuren abgedeckt werden. Bei den Teildisziplinen Medienpsychologie (Karin Böhme-Dürr), Medienpädagogik (Bernd Schorb), Medienökonomie (Gabriele Siegert), Medienrecht (Wolfgang Schulz/Uwe Jürgens) und Medieninformatik (Claudia Linnhoff-Popien/Hans-Bernd Brosius) zeigen sich gemeinsame Interessen mit den entsprechenden anderen Fächern. Die transdisziplinäre Ausrichtung des Faches wird hier besonders deutlich. Diese Teildisziplinen sind durch Professuren, Fachgruppen innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK), sogar eigene wissenschaftliche Gesellschaften oder Zeitschriften vergleichsweise weit institutionalisiert.

Bei den kommunikations- und medienwissenschaftlichen Forschungsgebieten und -gegenständen handelt es sich um noch nicht so stark institutionalisierte Gebiete, als dass man ohne weiteres von Teildisziplinen sprechen könnte. Dazu gehören Politische Kommunikation (Winfried Schulz), Online-Kommunikation (Patrick Rössler), Medienmanagement (Ina Sjurts) und Gender-Studies (Johanna Dorer/Elisabeth Klaus). Vertreter einer eher philologisch oder geisteswissenschaftlich orientierten Medienwissenschaft und kulturwissenschaftlich ausgerichtete Autoren benutzen u. a. den Begriff der Medienkultur (Knut Hickethier), um medial vermittelte Produktions- und Rezeptionsprozesse, vor allem aber Medieninhalte im Kontext kultureller Muster zu beschreiben und zu analysieren. Dem angelsächsischen "Cultural Studies Approach" entsprechen hierzulande kulturorientierte Medienanalysen mit ethnografischem oder semiotischem Charakter.

Den Herausgebern und Autoren ist es zweifelsohne gelungen, das Fachgebiet Kommunikationswissenschaft als Ganzes, aber auch die relevanten Teil- und Forschungsgebiete der Disziplin darzustellen. Den Studierenden und allen am Fach Interessierten wird ein solider, zuverlässiger, kompakter und aktueller Überblick über die Teilgebiete des Faches geboten. Beiträge zu Forschungsgebieten der Unterhaltungskommunikation oder zur Entwicklung des Faches fehlen allerdings. Doch das ist keinesfalls störend. Die Herausgeber kündigen bereits in ihrem Vorwort die ergänzte, bearbeitete und erweiterte Neuauflage an, sodass Kontinuität gewährleistet zu sein scheint und zukünftig weitere Forschungsgebiete Eingang in das schon jetzt über 600 Seiten starke Handbuch finden könnten. Zudem wird die neue Reihe "Studienbücher zur Kommunikations- und Medienwissenschaft" ergänzt um ein "Handbuch der Öffentlichen Kommunikation" sowie ein "Lexikon der Kommunikationswissenschaft", das von den gleichen Herausgebern betreut wird.

Fazit

Das Handbuch gibt in kompakten Kapiteln einen fundierten Überblick über die wichtigsten Forschungsfelder, Teildisziplinen, Theorien, Ansätze, Methoden und Befunde der Kommunikationswissenschaft. Die Kerngebiete des Faches werden von namhaften Vertretern des Faches zusammenfassend und systematisch präsentiert sowie kritisch reflektiert. Der jungen Reihe ist zu wünschen, dass das vorhandene Basiswissen der Disziplin einer größeren fachinteressierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.


Rezension von
Thomas Mavridis
Inhaber der PR-Agentur DIE PR-KANZLEI am Bodensee (www.pr-kanzlei.de) und Lehrbeauftragter für PR, Marketing und Kommunikation an den Hochschulen München, Bamberg und Ravensburg. Auch auf Facebook und bei Twitter präsentiert und diskutiert Thomas Mavridis Wissenswertes rund um das Thema Public Relations & PR 2.0.
Homepage www.mavridis.de
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Zitiervorschlag
Thomas Mavridis. Rezension vom 23.12.2003 zu: Günter Bentele (Hrsg.): Öffentliche Kommunikation. Handbuch Kommunikations- und Medienwissenschaft. Westdeutscher Verlag (Wiesbaden) 2003. ISBN 978-3-531-13532-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1044.php, Datum des Zugriffs 20.01.2021.


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