socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Andreas Motel-Klingebiel, Susanne Wurf u.a. (Hrsg.): Altern im Wandel

Cover Andreas Motel-Klingebiel, Susanne Wurf, Clemens Tesch-Römer (Hrsg.): Altern im Wandel. Befunde des Deutschen Alterssurveys (DEAS). Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2010. 306 Seiten. ISBN 978-3-17-021595-5. 34,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Das Alter wandelt sich von einer Lebens-Restzeit zu einer eigenständigen Lebensphase, umfasst es zeitlich doch die Spanne einer ganzen Generationsabfolge von 25 bis 30 Jahren. Die Frage ist, wie es sich qualitativ darstellt: Als Zeit von Glück und Erweiterung oder von Beschwernis und Lasten. Hier erarbeitet der Deutsche Alterssurvey DEAS seit den 1990er Jahren auf empirischer Basis Angaben zu den das Leben im Alter in Deutschland bestimmenden Momenten. Nun zum dritten Mal trägt der DEAS-Survey Daten über die zweite Lebenshälfte in Deutschland im Jahr 2008 (nach der entsprechenden Situation in den Jahren 1996 und 2002) zusammen.

Herausgeberin und Herausgeber

Die Herausgeber des 2010 bei Kohlhammer im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend erschienenen Daten-Bandes sind Sozialwissenschaftler beim Deutschen Zentrum für Altersfragen Berlin DZA: Privatdozent Soziologe Dr. Andreas Motel-Klingebiel, stellvertretender Leiter des DZA, lehrt an der Universität Vechta, Psychologe Prof. Dr. Clemens Tesch-Römer leitet das DZA und lehrt an der Freien Universität Berlin, Psychologin Dr. Susanne Wurm ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin am DZA tätig.

Aufbau und Inhalt

Nach der Feststellung, dass Alter und Altern multidimensionale Konstrukte sind, teilen die Autoren des DZA in den methodischen Grundlegungen ihr entsprechend über vielerlei Lebensbereiche angelegtes Forschungsdesign mit. In den drei Erhebungsjahren 1996, 2002 und 2008 wurden insgesamt rund 14.000 Personen in der zweiten Lebenshälfte in standardisierten Interviews zu ihrer sozialen Situation befragt. Die Angaben wurden für objektive Lage und subjektive Situationseinschätzung nach den drei Altersgruppen von 40 bis 54 Jahren, 55 bis 69 Jahren und 70 bis 85 Jahren erfragt. Durch die wiederholte Befragung in den drei Untersuchungsjahren wurden nicht nur Querschnittsergebnisse für die Altersspannen von 45 Lebensjahren, sondern auch zeitliche Längsschnittentwicklungen über zwölf Jahre gewonnen. Dabei sank die Rate der zu allen drei Zeitpunkten Befragbaren aber durch Ausfälle und Befragungsverweigerungen bei den Wiederholungsuntersuchungen auf ein Drittel des ursprünglichen Panels.

Im Ergebnis stellten die Forscher gerade bei ihrer ältesten Befragtengruppe eine hohe Lebenszufriedenheit fest. Diese positiven Situationseinschätzungen waren aber bei Teilgruppen der Befragungspopulation (wie Männern in den Neuen Bundesländern und gering Gebildeten) mit weniger positiven Rückmeldungen zu relativieren.

Zu insgesamt zehn Lebensmomenten werden sowohl Sozialdaten als auch Einschätzungen der Befragten mitgeteilt.

Die materielle Absicherung ist derzeit im vorgerückten Alter gut. Jüngere Jahrgänge befürchten jedoch, in ihrem Alter wirtschaftlich nicht mehr so günstig leben zu können wie es die heutige Alterskohorte kann.

Die gewonnenen Jahre werden bei besserer Gesundheit verbracht als es frühere Altersgruppen vermochten. Die gesundheitliche Situation ist bei gering Gebildeten noch verbesserbar. Erhöhte Präventionspotenziale fürs Alter ergeben sich bei Motivation zu mehr körperlicher Bewegung und zur Reduktion des Tabakkonsums.

Zur Partizipation zwischen Arbeit, Bildung und Ehrenamt wird auf die inzwischen auf 33 Prozent (von 20 Prozent) gestiegene Erwerbsbeteiligung bei den 60- bis 64jährigen hingewiesen. Neben den bereits 37 Prozent Berenteten dieser Junge-Alters-Gruppe klafft als Problem eine Lücke von 30 Prozent ungesichert zwischen Invalidität, Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe und prekärer Beschäftigung Lebender. Ehrenamtlich betätigen sich die dazu durch Bildung Motivierten, die überwiegend noch in ihrer Erwerbszeit damit begonnen haben.

Bei zunehmender Qualität der Wohnstätte und des Wohnumfelds können Ältere ihr Leben auch im selbstständigen Wohnen und Leben selbst dann meistern, wenn die Kräfte nachlassen.

In den partnerschaftlichen Lebensformen stellt die Ehe für die mittleren Lebensjahrgänge zunehmend kein verbindliches Muster mehr dar. Ihre gewonnenen Jahre im Alter verbringen immer mehr Menschen als Ehe- bzw. Partnerpaare, wobei die Hälfte der nicht miteinander verheirateten Partner getrennte Wohnstätten haben.

Bei den familialen Generationenbeziehungen wird die Großelternschaft heute über eine verlängerte Phase von 10 bis 30 Jahren mit hoher Ressourcengabe seitens der Älteren durchlebt (mit Gewährung biografischer, finanzieller und instrumenteller Zuwendung der Älteren).

In der sozialen Integration werden neben Ehe/Partnerschaft und neben Eltern/Großelternschaft zunehmend Freunde und Nachbarn selbst zur emotionalen Stabilisierung wichtig.

Diskriminierung wegen vorgerückten Alters geben 34 Prozent der Befragten an. Schwerpunkte hierbei sind die Neuen Bundesländer, Felder die Arbeitswelt, Gesundheitsdienste, Behörden, finanzielle Fragen und der Alltag.

Die derzeit herrschenden Altersbilder enthalten positive (späte Freiheit, Weiterentwicklung) wie negative Momente (Demenz, Kräfteverlust, Hilfebedürftigkeit).

Das subjektive Wohlbefinden im Alter resultiert vor allem aus zureichender materieller Absicherung, zufrieden stellender Gesundheit und guter sozialer Integration.

Diskussion

Die kompakte Gesamtbetrachtung der deutschen Bevölkerung in ihrer zweiten Lebenshälfte auf so vielfältigen Gebieten wie Einkommenslage, Gesundheit, Familie, sozialer Einbindung, gesellschaftlicher Diskriminierung und Alterserleben gibt ein umfassendes Bild von derzeitigem Altern und aktuellem Alter. Die mitgeteilte Datenfülle hilft ebenso, politische Optionen aufzustellen, wie sie der Wissenschaft dienlich ist. Die Breite des multifaktoriellen Ansatzes verdient es, besonders gewürdigt zu werden.

Negativ fällt die Aussparung der vor allem unter Sozialleistungskosten immer bedeutsameren Hochaltrigkeit jenseits des 85. Lebensjahres auf. Auch leiden vor allem die Längsschnittbetrachtungen unter der hohen, bei über 25 Prozent liegenden Verweigerungsquote bei den Wiederholungsbefragungen; sie wird mit konkreter Angst vor Datenmissbrauch (Deutsche Telecom) und allgemeiner Unsicherheit über die Gewährleistung des Datenschutzes begründet und schlägt sich zusammen mit den natürlichen Ausfällen in der Panel-Population in einem Verlust von rund zwei Dritteln der Befragten nieder. Das wird von den Autoren zwar als „akzeptabel“ angesehen, ändert aber auch unter Einrechnung von Ausfallkoeffizienten nichts daran, dass 2008 von den ursprünglich befragten 4.838 Teilnehmenden mit den am Ende noch 740 Interviewten nur noch ein Siebtel zur Verfügung stand. Es entsteht der Eindruck, dass die Längsschnittergebnisse da doch auf nicht allzu stabilen Füßen stehen.

Die Darlegung des Materials ist durch viele zusammenfassende Kernaussagen und Resümees bei aller Fülle gut lesbar und mit unzähligen Säulen- und Balken-Diagrammen eingängig aufnehmbar. Allerdings ermüdet die zu häufige Wiederholung der Ergebnisse auf Dauer dann doch.

Fazit

Eine reichhaltige Datengrundlage für die Situationsbeschreibung des Lebens in der zweiten Lebenshälfte wird für die beiden letzten Jahrzehnte um die Jahrtausendwende vorgelegt. Der Alters-Datenreport ist für politische Akzente zur Entängstigung vor dem Altern und für die Aktivierung im Alter hilfreich. Ins Auge springen neue Phänomene wie das lange Zusammenleben der Partner in alternden Ehen/Partnerschaften, die prekäre Vor-Rentensituation eines Drittels Älterer und die Ressourcenhaltigkeit der neuen Großelternschaft. Der DEAS-Survey wäre bei Einbezug auch der Hochaltrigkeit jenseits des 85. Lebensjahrs noch informativer.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
E-Mail Mailformular


Alle 89 Rezensionen von Kurt Witterstätter anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 26.11.2010 zu: Andreas Motel-Klingebiel, Susanne Wurf, Clemens Tesch-Römer (Hrsg.): Altern im Wandel. Befunde des Deutschen Alterssurveys (DEAS). Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2010. ISBN 978-3-17-021595-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10478.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung