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Birgit Reißig: Biographien jenseits von Erwerbsarbeit

Rezensiert von Prof. Dr. Brigitte Stolz-Willig, 11.01.2011

Cover Birgit Reißig: Biographien jenseits von Erwerbsarbeit ISBN 978-3-531-17561-4

Birgit Reißig: Biographien jenseits von Erwerbsarbeit. Prozesse sozialer Exklusion und ihre Bewältigung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 220 Seiten. ISBN 978-3-531-17561-4. 34,95 EUR.

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Thema

Die vorliegende Studie fragt nach Prozessen sozialer Exklusion und den Bedingungen und Möglichkeiten ihrer Bewältigung. In einem qualitativen Längsschnitt wurden junge Erwachsene befragt, die an den Übergängen Schule-Berufsausbildung und/oder Berufsausbildung-Arbeitsmarkt gescheitert sind. Dabei geht es der Autorin um die Verbindung der Exklusion als sozialen Prozess mit Aspekten des Lebenslaufs und den akteursspezifischen Deutungen und Handlungsorientierungen. Je nach dem Ausmaß und der Verfestigung sozialer Ausgrenzung und in Abhängigkeit von individuellen Copingstrategien können sehr unterschiedliche Exklusionsverläufe sichtbar gemacht werden.

Autorin

Die Autorin Birgit Reißig ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Jugendinstitut, München. Sie forscht und veröffentlicht zu Themen der beruflichen und sozialen Integration Jugendlicher.

Zielgruppen

Die Lektüre empfiehlt sich für alle Forschenden, Lehrenden und Studierenden in den Feldern Biographieforschung, Bildungsforschung und Soziale Arbeit. Nicht zuletzt bietet der Band zahlreiche Einblicke und Anregungen für Praktiker_innen und politisch Verantwortliche in den Feldern Jugendberufshilfe und Arbeitsförderung.

Inhalt und Diskussion

Die Studie sollte Erkenntnisse darüber generieren, wie von sozialer Exklusion bedrohte oder betroffene Personen diese Ausgrenzungsprozesse beeinflussen, aber auch wo die Grenzen individueller Einflussmöglichkeiten liegen. Die Dynamik sozialer Exklusionsprozesse und ihrer biographischen Bedeutung erschließt sich über die Verbindung mit Aspekten des Lebenslaufs. In der Lebenslaufperspektive erweisen sich die erste und zweite Schwelle im Übergang von Schule in Ausbildung und Beruf als die entscheidenden Statuspassagen, die über die Risiken sozialer Ausgrenzung entscheiden. Denn sowohl die den Ausbildungs- und Erwerbsprozess junger Erwachsener begleitenden Institutionen als auch die jungen Erwachsenen selbst orientieren sich mehrheitlich an den Normalitätsvorstellungen eines erwerbszentrierten Lebenslaufs. Zu fragen war deshalb nach den Reaktionsweisen und Bewältigungsstrategien im Umgang mit verweigerten Teilhabechancen am Arbeitsmarkt. Die mit einer qualitativen Längsschnittuntersuchung (befragt wurden junge Männer und Frauen in den neuen Bundesländern) gewonnnenen Ergebnisse zeigen, dass die Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt und deren Dauerhaftigkeit zwar zentral für die Erfahrung sozialer Exklusion ist, dass aber die soziale Isolation und das Schwinden anerkannter Teilhabemöglichkeiten einen wesentlichen Einfluss auf den individuellen Verlauf und die subjektiven Bewältigungsmöglichkeiten haben. Die sorgfältig dokumentierten und typisierten Verlaufsmuster und Falldarstellungen belegen, dass nicht alleine die materielle Deprivationserfahrung bedeutsam ist, sondern die soziale Eingebundenheit als zentrale Ressource gelten kann. Daraus lassen sich Folgerungen für eine ressourcenorientierte Jugendberufshilfe ableiten, die aber in dem Band nicht explizit herausgestellt und diskutiert werden. Eine auf Arbeitsmarktintegration um jeden Preis abzielende Aktivierungsstrategie, die ihre Erfolge über sanktionsbewährte Hilfepläne glaubt erreichen zu können, erweist sich auf der Grundlage der vorgelegten Befunde als kontraproduktiv.

Im Gegenteil, in dem Maße, in dem die Arbeitsmarktperspektiven sich verdüstern, die Sektoren deregulierter und prekärer (Niedrig)Lohnbeschäftigung sich ausweiten und die soziale Sicherung erodiert, stellt sich die Frage nach Möglichkeiten und Bedingungen gelungener Lebensbewältigung jenseits von Erwerbsarbeit. In dem Widerspruchs- und Spannungsfeld zwischen soziökonomischer Krisenentwicklung und den nicht hinterfragten ideologischen und institutionalisierten Normalitätsvorstellungen einer (Erwerbs)Arbeitsgesellschaft müssen Integrationsangebote an junge Erwachsene neu justiert werden und nach möglichen Strukturen und Förderung sozialer Teilhabe und Anerkennung jenseits normaler Erwerbsarbeit fragen. Eine Aufgabe, die durch die aktuellen arbeitsmarktpolitischen und sozialpolitischen Vorgaben allerdings immer schwerer einlösbar erscheint.

Fazit

In der Jugendberufshilfe und Arbeitsförderung haben sich mit den Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010 defizitorientierte Sichtweisen der Ursachen und Folgen von Arbeitslosigkeit durchsetzen können und mit einer auf Arbeitsmarktintegration begrenzten Handlungsansätzen und Methoden besteht die Gefahr, dass soziale Exklusionsprozesse nicht nur kaum bekämpft, sondern sogar noch verstärkt werden. Erst eine auf ganzheitliche Lebenserfahrungen bezogene Betrachtung sozialer Ausgrenzung und eine ressourcenorientierte und partizipativ ausgerichtete Förderkultur können Antworten auf die Gefahren dauerhafter Ausgrenzung von gesellschaftlicher Teilhabe geben. Dazu leistet die vorliegende Studie einen guten Beitrag.

Rezension von
Prof. Dr. Brigitte Stolz-Willig
Fachhochschule Frankfurt/Main, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
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Es gibt 8 Rezensionen von Brigitte Stolz-Willig.

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Zitiervorschlag
Brigitte Stolz-Willig. Rezension vom 11.01.2011 zu: Birgit Reißig: Biographien jenseits von Erwerbsarbeit. Prozesse sozialer Exklusion und ihre Bewältigung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-17561-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10479.php, Datum des Zugriffs 20.04.2024.


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