Christine Riesner: Menschen mit Demenz und ihre Familien
Rezensiert von Dipl. Sozialpädagoge Peter Wißmann, 11.03.2011
Christine Riesner: Menschen mit Demenz und ihre Familien. Das personzentrierte Bedarfsassessment CarenapD ; Hintergründe, Erfahrungen, Anwendungen.
Schlütersche Fachmedien GmbH
(Hannover) 2010.
143 Seiten.
ISBN 978-3-89993-262-1.
D: 26,95 EUR,
A: 27,80 EUR,
CH: 47,50 sFr.
Reihe: Pflege. Pflegebibliothek - Wittener Schriften.
Thema
Nach wie vor leben die meisten Menschen mit Demenz zuhause und werden von Angehörigen betreut und gepflegt. In Schottland wurde 1995 das Assessment CarnapD (Care Needs Assessment Pack for Dementia) entwickelt, mit dem Unterstützungsbedarfe dieser beiden Personengruppen erhoben und in einen Hilfeplan überführt werden sollen. Am Institut für Pflegewissenschaften der Universität Witten-Herdecke wurde CarenapD 2004 übersetzt und von 2007 – 2009 getestet. Das vorliegende Buch stellt die Erkenntnisse aus dieser Testphase vor.
Aufbau und Inhalt
Das Buch besteht aus 12 Kapiteln.
1 Einleitung. Mit dem beschriebenen Projekt sollte getestet werden, ob CarenapD im zersplitterten deutschen Gesundheitswesen anwendbar ist und wie seine Implementierung erfolgen kann.
2 Demenzversorgung in der Kommune. Die Zukunft pflegerischer Sorge und Begleitung wird nach Meinung der Autorin zum großen Teil im ambulanten Feld stattfinden. Die Kommunen haben den Auftrag der Daseinsvorsorge. Durch geeignete Methoden und Konzepte auf kommunaler Ebene muss einem festzustellenden„ambulanten Chaos“ entgegengewirkt werden.
3 Pflegende Angehörige. Thematisiert werden hier Fragen der Definition und der Rolle von pflegenden Angehörigen, ihres Belastungserlebens sowie demographische Daten. In einem Unterpunkt wird der Subjektstatus von Personen mit Demenz betont. Im Assessment CarnapD stehen sowohl die Sichtweisen der Menschen mit Demenz, als auch die der Angehörigen im Fokus.
4 Bedarfsbestimmung. In diesem Kapitel werden theoretische Zusammenhänge des Begriffs „need“ bzw. „Bedürfnis/Bedarf“ erörtert und entsprechende Definitionen vorgenommen. CarenapD beinhaltet einen Entscheidungsprozess, der von der individuellen Bedürfnisbestimmung zu einem Hilfeplan überleitet, in dem definierte Bedarfstypen festgehalten sind.
5 Methodik. Vorgestellt werden das Projektdesign, die Projektziele, die Durchführung des Projektes sowie methodische Fragen (z.B. Interrater-Reliabilitätstestung und Datenanalyse).
6 Merkmale der Regionen und der CarenapD-Anwender. Das Assessment wurde in einer ländlichen und in einer städtischen Region in Nordrhein-Westfalen erprobt. Die ausgewählten Regionen Minden und Bochum werden in diesem Kapitel mit Blick auf demographische Daten (Altersstruktur, Inzidenz und Prävalenz von Demenz usw.) vorgestellt. Ebenso werden die wesentlichen Merkmale der im Projekt tätigen CarenapD-Anwender benannt.
7 Entwicklung und Struktur des Assessments CarenapD. CarenapD besteht aus mehreren Bausteinen, die an dieser Stelle erläutert werden: Basis-Assessment, Bedarfsassessment-Person, Bedarfserfassung, Hilfeplan, biografische Informationen und Assessment des bzw. der pflegenden Angehörigen.
8 Praktikabilität und Anwendbarkeit von CarenapD. Im Kontext der Frage nach der Praktikabilität und der Anwendbarkeit des Instruments werden im 8. Buchkapitel die folgenden Aspekte thematisiert: Schulung der Anwender und Evaluation der Schulungen, Interrater Reliabilität, Zeitaufwand für die Assessmenterstellung, Ergebnisse der Praktikabilitätsbefragung der Anwender. Interessante Feststellungen sind hier, dass anders als in Schottland die Interrater Reliabilität nicht als zufriedenstellend betrachtet wird und sich größere Differenzen im Zeitaufwand für die Assessmenterstellung bei den unterschiedlichen Anwendern zeigen.
9 Darstellung von Klientenmerkmalen. Zu beiden Zielgruppen des Assessments – Personen mit Demenz und pflegenden Angehörigen – werden relevante Merkmale vorgestellt, so beispielsweise: Demenzdiagnosen, Wohnstatus, Einstufung in die Pflegeversicherung.
10 Darstellung der CarenapD-Assessment Ergebnisse. Als ein prägnantes Ergebnis der Analyse zu Hauptproblemen und Erwartungen der beteiligten Personengruppen (Personen mit Demenz, Angehörige, CarnapD-Anwender) wird die „relative Sprachlosigkeit der Personen mit Demenz“ genannt. Sowohl Angehörige als auch Anwender lassen den Menschen mit Demenz wenig Raum, sich selbst zu artikulieren. Bei der Bedarfserhebung zeigt sich, dass die Bedarfe der Klienten zum größten Teil als erfüllt eingeschätzt werden. Den höchsten Wert an nicht-erfülltem Bedarf findet man bei der Dimension „Soziale Interaktionen“. Bei den Hilfeplänen beschränkt sich das Spektrum der Auswahl einzelner Hilfen auf wenige Hilfetypen.
11
Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse. Im vorletzten
Kapitel des Buches werden die wesentlichen Ergebnisse des Projektes
zusammengefasst und interpretiert:
Es ergaben sich
eindeutige lokale Unterschiede im Umgang mit der Bedarfserfassung
sowie eine hohe Diversität in der Umgangsweise der Anwender mit
dem Assessment. CarenapD wurde mit Anwendern aus unterschiedlichen
Dienstformen erprobt (Ambulanter Pflegedienst, MDK, Kommunaler
Dienst, Demenzberatung). Die Autorin resumiert, dass anhand der
Projektergebnisse nicht davon ausgegangen werden kann, dass eine der
beteiligten Dienstformen besonders geeignet sei, die Begutachtung mit
CarenapD im Gesundheitssystem vorzunehmen.
Mit Blick auf
die Anwender des Instruments wird formuliert, dass die Anwendung von
CarnapD eine Zuwendung und eine Empathie zur Familie mit Demenz
erfordere, die nicht unbedingt geübter Anteil der
professionellen Rollen sei, welche die Anwender im Alltag einnähmen.
Notwenig sei vor allem eine fragende und weniger eine ‚wissende‘
Haltung. Als problematisch wird geschildert, dass pflegende
Angehörige den Anwendern kommunikativ deutlich näher als
die Menschen mit Demenz stehen und letztere dadurch hinter den
Angehörigen zu verschwinden drohen. CarenapD ist als
interdisziplinäres Assessmentverfahren angelegt, dennoch zeigt
sich, dass bei den verschiedenen Berufsgruppen stärker
fragmentierte Rollen als ein Dienst – und
Professionsübergeifender Blick im Vordergrund stehen.
Die Autorin schlägt Anpassungen des Assement CarnapD vor,
unter anderem ein deutsches Handbuch und die Durchführung
teilweise getrennter Gesprächseinheiten (Person mit Demenz,
Angehöriger).
CarenapD könne die Versorgung
umfassend darstellen und sei für Case Management-Prozesse gut
geeignet, lautet eine weitere Schlussfolgerung. Jedoch würden
die bisherigen Versorgungsstrukturen in Deutschland keine
kontinuierliche Begleitung beinhalten. Als eines der herausragenden
Ergebnisse des Projektes wird noch einmal herausgestellt, dass mehr
als 50% der Demenzbetroffenen Personen nicht in Entscheidungsprozess
eingebunden gewesen seien,
CarenapD, so das
Resumee der Autorin, sollte im Rahmen bestehender, tragfähiger
und entwicklungsbereiter Versorgungsstrukturen eingesetzt werden.
Dies sei in Kommunen, innerhalb gesetzlicher oder privater Kassen
oder auch in expliziten Demenz-Netzwerken möglich.
12 Ausblick. Die Ergebnisse des Projekts, so die Autorin, zeigen wesentliche Entwicklungsfelder des ambulanten Versorgungsfeldes auf. Trotz einer kleinen einbezogenen Stichprobe würden sich die wesentlichen Problemfelder der ambulanten Versorgung klar abzeichnen. Zwei Faktoren werden dabei für die zukünftige Entwicklung als wesentlich betrachtet: Der Abbau des mit Demenz verbundenen Stigmas und die Zusammenführung sozialwissenschaftlicher und pflegewissenschaftlicher Erkenntnisse. Das Einsatzfeld von CarenapD liege in der kommunalen Versorgung und in Case Managementprozessen durch Kostenträger.
Diskussion
Bei dem hier vorgestellten Buch von Christine Riesner handelt es sich nicht um ein Manual zu CarenapD. Dargestellt wird vielmehr der Prozess der wissenschaftlichen Erprobung dieses in Schottland entwickelten Assessments für den ambulanten Versorgungsbereich in Deutschland. Prozess meint dabei sowohl die Zielsetzung und das Design, als auch das methodische Vorgehen und schließlich die Ergebnisse dieser Erprobung. All dies ist für den interessierten Leser in der Publikation gut nachvollziehbar dargestellt.
Was CarnapD interessant macht, ist vor allem seine explizit person-zentrierte Fundierung sowie seine Ausrichtung sowohl auf den betroffenen Menschen mit Demenz als auch den pflegenden Angehörigen. CarenapD könnte auf kommunaler Ebene einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung und Ermöglichung ambulanter Versorgungssettings leisten. Anders als im gänzlich anders strukturierten Sozial- und Gesundheitssystem Schottlands scheint eine Implementierung im zersplitterten Versorgungssystem in Deutschland aber trotz des im Buch dargestellten Testes noch in weiter Ferne zu liegen. Hier kann die Studie daher auch nur Empfehlungen geben: Einsatz im kommunalen Kontext und im Rahmen von Case Managementverfahren der Kostenträger. Deren Realisierung bleibt zurzeit noch ungewiss. Zu hoffen bleibt jedoch, dass die Ergebnisse des Testlaufs ein Nachdenken über entsprechende Implementierungsmöglichkeiten befördern kann.
Neben den Ergebnissen, dass Caranap D sich a) als person-zentriertes Assessment für die Erfassung von Hilfebedarfen gut eignet und b) leider aber nicht Umstands los in die deutsche Versorgungslandschaft einzubauen ist, lässt vor allem eine weitere im Projektverlauf gewonnene Erkenntnis aufhorchen: Menschen mit Demenz werden von ihrem Umfeld in erheblichem Maß sprachlos gemacht. Diese Erkenntnis ist nicht wirklich neu. Nachdenklich werden lässt jedoch der Umstand, dass ein solches Sprachlosmachen selbst dort geschieht, wo sensibilisierte und speziell geschulte berufliche Helfer agieren. Dies zeigt, wie wichtig auch in Deutschland seit einiger Zeit verfolgte Strategien sind, mit denen Menschen mit Demenz in die Lage versetzt werden sollen, sich selbst zu artikulieren. Im Ausblickkapitel des Buches heißt es dazu: „In der Praxis geht es nun darum, Menschen mit Demenz ihre Stimme zurück zu geben“. Ein auf der Grundlage der Testergebnisse modifiziertes und realiter eingesetztes Bedarfsassessment CarenapD könnte dazu durchaus einen wichtigen Beitrag leisten.
Fazit
In dem Buch „Menschen mit Demenz und ihre Familien“ können an wissenschaftlichen Studien Interessierte sich einen guten Überblick über die Hintergründe, Erfahrungen und Anwendungen des Bedarfsassessment CarenapD verschaffen.
Rezension von
Dipl. Sozialpädagoge Peter Wißmann
Geschäftsführer
Demenz Support Stuttgart gGmbH, Zentrum für Informationstransfer
Website
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