Manuela Brandstetter, Monika Vyslouzil (Hrsg.): Soziale Arbeit im Wissenschaftssystem
Rezensiert von Prof. (em) Dr. Herbert Effinger, 24.10.2011
Manuela Brandstetter, Monika Vyslouzil (Hrsg.): Soziale Arbeit im Wissenschaftssystem.
VS Verlag für Sozialwissenschaften
(Wiesbaden) 2010.
318 Seiten.
ISBN 978-3-531-17349-8.
39,95 EUR.
Reihe: VS research.
Thema
Professionalisierung – Disziplinentwicklung Sozialer Arbeit in der Perspektive zu den Nachbardisziplinen und den Aufgaben Sozialarbeitswissenschaft – insbesondere in Österreich.
Herausgeberinnen, Autorinnen und Autoren
Die Herausgeberinnen sind Sozialarbeiterinnen und Soziologinnen und lehren im Studiengang Soziale Arbeit an der FH St. Pölten in Österreich. Monika Vyslouzil leitet dort das Ilse Arlt Institut für Soziale Inklusionsforschung.
Bei den 14 weiteren AutorInnen handelt es sich um SozialarbeiterInnen, Lehrende und DozentInnen in der Sozialen Arbeit und benachbarten Disziplinen. Vier von ihnen kommen aus Deutschland.
Entstehungshintergrund
Die Herausgeberinnen möchten die disziplinäre Entwicklung der Sozialen Arbeit in Theorie und Forschung in Österreich, die mit der Gründung der Fachhochschulen und der Einführung von BA und MA Studiengängen einen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat, bilanzieren und einen „Beitrag zur Setzung und Erreichung des nächsten Meilensteins in der Entwicklung – der Einrichtung eines Lehrstuhls für Sozialarbeit an einer Österreichischen Universität – leisten.“ (7)
Aufbau und Inhalt
Nachdem die Herausgeberinnen eine Übersicht zu den einzelnen Beiträgen geben, haben sie die teilweise recht unterschiedlichen Beiträge in drei Kapiteln zusammengefasst.
Im ersten Kapitel finden sich
Beiträge, die sich mit der „Professionalisierungs- und
Disziplinentwicklung Sozialer Arbeit“ im deutschsprachigen Raum
befassen.
Anton Amman und die Herausgeberinnen
gehen im ersten Beitrag der Frage nach, „wie die Soziale Arbeit
seit den 1990ern im deutschsprachigen Raum diskutiert wird und welche
Nahtstellen es dabei mit Blick auf die Disziplinentwicklung und
Professionalisierungsbemühungen zu anderen Feldern und
(Semi-)Professionen gibt.“ (8)
Hemma Mayrhofer
betrachtet den Diskurs um die Bedeutung von Organisation in der
Sozialen Arbeit. Ausgehend von der These, dass hier Organisation
meist negativ konnotiert und eher als Problem und viel zu wenig als
Ressource gesehen wird, skizziert sie künftige Forschungs- und
Theoriebedarfe in diesem von der Sozialarbeitswissenschaft eher
vernachlässigtem Gebiet.
Vor dem Hintergrund eigener
Lehrerfahrungen in Österreich setzt sich Werner Freigang zunächst
mit den unterschiedlichen Bedeutungen im Verhältnis von
Sozialarbeit und Sozialpädagogik und deren Verankerung in der
Hochschullandschaft auseinander. Hier geht er der Frage nach, wie die
Soziale Arbeit aus dem Dilemma ihrer prekären hochschulpolitischen
Verankerung, insbesondere an den Universitäten, herauskommen könnte.
Eigene Studien zur sozialpädagogischen Professionsforschung veranlassen Stefan Köngeter zu einer Klage über die geringe empirische Basis der Professionsforschung. Davon ausgehend, fragt er danach, dieses Kapitel abschließend, welche Forschungsstrategien für die Untersuchung sozialpädagogischer Professionalität angemessen sind.
Das zweite Kapitel zu den
„Perspektiven der Nachbardisziplinen“ wird von Manuela
Brandstätter eröffnet. In diesem Kapitel werden Bezüge und
Zugänge für die Disziplinbildung aus pflegwissenschaftlicher,
ökonomischer, soziologischer, psychologischer und psychoanalytischer
Perspektive für einen Lehrstuhl Sozialer Arbeit hergestellt.
Brandstetter knüpft hier in mikrosoziologischer Perspektive bei den
Interaktionsbeziehungen und an den Begriffen von Hilfe und Armut bei Georg Simmel (1903) an. Dabei beschreibt sie die höchst
ambivalenten gesellschaftlichen Prozesse unterschiedlicher
„Hilfekonstruktionen“ und deren gebrochene Auswirkungen auf das
Selbstverständnis von Sozialarbeit.
Aus
gesundheitswissenschaftlicher Perspektive fokussiert Heiner Keupp
in seinem Beitrag insbesondere das Salutogenesekonzept und den
Capability-Ansatz, um daraus eine vom Medizinsystem unabhängige
Perspektive für Profession und Disziplin Sozialer Arbeit
aufzuzeigen. Soziale Arbeit wird hier als eine vom bürgerschaftlichen
Engagement unterstützte Instanz der Gesundheitsförderung
vorgestellt. Hier macht er eine bedeutsame Unterscheidung zwischen
dem Konzept vom aktivierenden Sozialstaat und eines vom autonomen
Subjekt her gedachten Konzepts der Lebensbefähigung.
Hanna
Mayer beschreibt in ihrem Beitrag Unterschiede und
Gemeinsamkeiten der Disziplinbildung der Pflegwissenschaft am
Beispiel der Probleme bei der Etablierung eines Lehrstuhls an
Österreichischen Universitäten. Dabei plädiert sie für eine
Abkehr von einer naturwissenschaftlich-medizinischen Sichtweise und
für die Beibehaltung von Anwendungsorientierung in der Forschung.
Klaus Posch stellt einen zunächst überraschenden aber
dann doch recht interessanten Vergleich zwischen den Praxeologien von
Psychoanalyse und Sozialer Arbeit her. In Seinem Beitrag beschäftigt
er sich vor allem mit den professionellen Dilemmata in der Sozialen
Arbeit und geht der Frage nach, welche Möglichkeiten
psychoanalytische Theorie und Interventionskonzepte zu deren
produktiver Bearbeitung bieten. Mit seinen Ideen einer
„psychoanalytischen Praxeologie der Sozialarbeit“ (173) knüpft
er auch an Konzepte des Symbolischen Interaktionismus und der
Systemtheorie an.
Ganz anders nähert sich Susanne
Elsen ihrer Fragestellung. Aus einer gesellschafts- und
sozialpolitisch-ökonomischen Perspektive und geht sie der Frage
nach, welche Bedeutung alternative Konzepte Lokaler Ökonomie für
die Soziale Arbeit haben. Aus einer recht normativen Perspektive
skizziert sie ihr Ziel, Soziale Arbeit zu einem Akteur
gesellschaftspolitischer und ökonomischer Gegenentwürfe zur
neoliberalen „Enteignungsökonomie“ (203) zu entwickeln.
Das dritte Kapitel wird mit
einem Nachdruck eines Beitrages von Maria Dorothea Simon (Jg.
1918) aus dem Jahre 1975 und einem nachfolgenden „Sommergespräch“
(220) zwischen ihr und Manuela Brandstätter sowie Michaela
Just eröffnet. In dem Beitrag von 1975 geht Simon auf die
Probleme der Professionalisierung der Sozialarbeit in Österreich
ein. Sie zeigt sehr anschaulich wie die verzögerte
Professionalisierung der Sozialarbeit im Spannungsfeld einer
österreichisch-deutschen Fürsorgetradition in einer vom
paternalistischen Obrigkeitsstaat geprägten Verwaltung einerseits
und dem anglo-amerikanischen Nachkriegsmodell der Sozialarbeit, das
vielmehr von privatem und zivilgesellschaftlichen Engagement und
professioneller Autonomie ausgeht, geprägt wurde. In dem
Sommergespräch werden die Entwicklung seit 1975, insbesondere der
sogenannte Bolognaprozess und die gegenwärtigen Studienperspektiven
reflektiert.
Diesen historischen Hintergrund aufgreifend
zeichnet Barbara Bittner „die Entwicklung der
Ausbildungsstruktur in der Sozialen Arbeit in Österreich und deren
Auswirkungen auf die AdressatInnen Sozialer Arbeit“ nach. Zur
Beantwortung dieser Frage stehen ihr allerdings kaum empirische
Belege zur Verfügung. So beschränkt sich dieser Beitrag auf die
Hoffnung, dass mit der besseren wissenschaftlichen Ausbildung im
Rahmen der Diplom- und BA/MA-Abschlüsse auch Vorteile für die
Problemlösungen der AdressatInen ergeben. Damit dieses
Charakteristikum noch verstärkt werden kann, mündet dann auch
dieser Beitrag in der Forderung nach einem Lehrstuhl für Soziale
Arbeit an einer Universität Österreichs.
Roland Fürst
folgt mit einem recht kritischen Beitrag über die „Ausbildung an
den Fachhochschulen in Österreich und deren Auswirkungen auf die Identität
und das Berufsbild“. Er bemängelt vor allem die anhaltende und durch
den Bolognaprozess noch zunehmende Dominanz der Bezugswissenschaften
und beklagt die hiermit verbundenen negativen Auswirkungen auf die
Identität der Profession. Seine Analyse untermauert er neben
der Forderung nach einem Lehrstuhl mit einer Forderung nach einem Promotionsrecht für
alle Hochschulen, die Sozialarbeiter akademisch ausbilden.
Diese Forderung untermauert Monika Vyslouzil mit dem
Hinweis auf die Pionierleistungen Ilse Arlts. Mit Blick auf „neue
und wiederkehrende Problemlagen“ begründet sie die Notwendigkeit
einer eigenständigen, auch universitär verankerten
Sozialarbeitswissenschaft mit der Notwendigkeit zur „systematischen
Befassung“ mit den für die Sozialarbeit relevanten
Problemlagen.
Im Kontrast zu den eher funktionalistisch
ausgerichteten Theorien Sozialer Arbeit hält Andrea
Trenkwalder-Egger „die Orientierung am Bedürfnis“ als den
geeigneteren „Bezugspunkt für die Soziale Arbeit“ und sieht in
deren Anwendung eine erhebliche „sozialpolitische Spürengkraft“.
Unter Hinweis auf psychologische und ökonomische Bedürfnistheorien
stellt sie eine Verbindung zwischen diesen und den Theorien Ilse
Arlts und von Staub-Bernasconi/Obrecht her. Hierin sieht
sie dann eine „interessante Basis für die
sozialarbeitswissenschaftliche Theoriebildung.
„Wie frei ist die Sozialarbeit im Gefängnis?“ fragt Wolfgang Gratz anschließend. Dieser im Kontext eines Kapitels zu den Perspektiven der Sozialarbeitswissenschaften zunächst etwas unplatziert erscheinende Aufsatz fokussiert in zugespitzter Weise auf professionelle Paradoxien dieses Handlungsfeldes, die durchaus auch auf andere Handlungsfelder der Sozialen Arbeit zutreffen. Sie münden in der interessanten Frage, wie SozialarbeiterInnen mit diesen Widersprüchen überleben können und er skizziert darin Ansätze für die Professionsforschung und die Entwicklung professioneller Identität.
Den Abschluss dieses Sammelbandes bildet dann
ein Plädoyer von Peter Pantucek über die „Aufgaben und
Charakteristika einer professionsbezogenen Wissenschaft“, welche er
als „anwendugsorientiert“ klassifiziert. Er fordert, endlich mit
der Debatte aufzuhören, ob es eine Sozialarbeitswissenschaft gibt.
Für ihn gibt es diese, aber sie muss sich in Zukunft über eigene Forschungen – trotz noch unzureichender Ressourcen - noch weiter profilieren.
Diskussion
Die Herausgeberinnen wollten mit diesem Sammelband einen Beitrag zur Begründung und Einrichtung eines Lehrstuhles „Sozialarbeitswissenschaft an einer österreichischen Universität vorlegen. Anspruch dabei ist offenbar den State of the Art zu dokumentieren und daraus die Forderung nach einem Lehrstuhl zu untermauern. Die Einteilung und Zuteilung der Beiträge in die drei Unterkapitel ist nicht immer ganz schlüssig. Die Herausgeberinnen konstatieren in einem gemeinsamen Beitrag mit Anton Amman, dass es bisher keine strukturierte Diskussion zur Wissenschaft der Sozialen Arbeit gibt. Ob Ihnen dies mit ihrem Beitrag gelungen ist, müsste man bezweifeln, wenn diese mit dem Anspruch einer finalen Klärung verbunden wäre. Das ist sicher nicht so und daher kann man darin einen weiteren verständlichen Versuch sehen, diese Diskussionslandschaft ein wenig zu sortieren und zu systematisieren. Ob das zu mehr Erkenntnis und Klarheit führt, mag jeder und jede selbst beurteilen.
Die Qualität der Beiträge, ihre Fragestellung und Passung sind – wie immer in solchen Sammelbänden – doch recht unterschiedlich. Für den deutschen Leser ist zunächst bemerkenswert, dass es in Deutschland und Österreich durchaus gemeinsame Hintergründe und Diskurse gibt. Anderseits gibt es auch einige bemerkenswerte Unterschiede, wie insbesondere das andere Verhältnis von Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Während der Status der Sozialpädagogik in Deutschland als einer universitär verankerten Teildisziplin der Erziehungswissenschaft tendenziell eher höher eingeschätzt wird als der Status der Sozialarbeit, scheint dies in Österreich – wie auch in einigen anderen Ländern Europas – eher umgekehrt zu sein. So erklärt sich denn auch die weitgehend durchgängige Verwendung des Begriffes „Sozialarbeitswissenschaft“. In Deutschland hat sich hingegen in den letzten Jahren eher der Begriff „Wissenschaft der Sozialen Arbeit“ als ein Oberbegriff für alle sozialarbeiterischen und sozialpädagogischen Traditionen durchgesetzt. Für den Rezensenten lesen sich insbesondere jene Aufsätze spannend und bereichernd, welche neue und ungewöhnliche Aspekte in die Debatte zur Weiterentwicklung und Profilierung sozialarbeitswissenschaftlicher Theoriebildung bzw. der Wissenschaft Soziale Arbeit eintragen. Dazu zählen für mich insbesondere der Beitrag von Brandstätter zur „Soziologie die Helfens“, Keupps Erörterung der Sozialen Arbeit als Gesundheitsförderung und Poschs Beitrag über den Vergleich zwischen Psychoanalyse und Sozialarbeit. Diese Beiträge hätten für meinen Geschmack durchaus etwas ausführlicher sein können. Einige der Beiträge sind doch recht spezifisch auf die Situation in Österreich zugeschnitten oder haben teilweise einen eher apellartigen Charakter. Da sich bei der Vielzahl der Beiträge einiges wiederholt, wäre vielleicht wieder einmal weniger mehr gewesen. So wird dann manches nur angerissen und dann doch über den Sinn und Unsinn einer Sozialarbeitswissenschaft nachgedacht. Es ist jedoch einigen AutorInnen zuzustimmen, dass sich eine solche Notwendigkeit oder Begründung nicht aus einem historischen Rückblick, sondern nur aus den gegenwärtigen und zukünftigen Anforderungen an die Disziplin und Profession ergeben kann. Dafür braucht es dann vor allem empirischer Belege aus eigener Forschungspraxis. Dafür fehlt es in der Tat an ausreichenden Ressourcen und wohl nicht nur einem Lehrstuhl. Den KollegInnen in Österreich ist zu wünschen, dass es ihnen gelingen möge, sich aus diesem Dilemma zu befreien.
Fazit
Das Buch gibt teilweise recht interessante Anregungen für die Weiterentwicklung sozialarbeitswissenschaftlicher Theoriebildung – auch wenn in erster Linie hier auf die Besonderheiten in Österreich eingegangen wird. Für die Protagonisten einer Sozialarbeitswissenschaft/Wissenschaft Soziale Arbeit an Hochschulen im deutschsprachigen Raum bietet die Lektüre teilweise einige wertvolle Hinweise und Bezugspunkte.
Rezension von
Prof. (em) Dr. Herbert Effinger
Diplomsozialpädagoge (DBSH, Supervisor (DGSv), Case Management Ausbilder (DGCC), Professor für Sozialarbeitswissenschaft/Sozialpädagogik an der Evangelischen Hochschule Dresden
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