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Petra Benz Bartoletta, Marcel Meier Kressig u.a. (Hrsg.): Soziale Arbeit in der Schweiz

Cover Petra Benz Bartoletta, Marcel Meier Kressig, Anna Maria Riedi, Michael Zwilling (Hrsg.): Soziale Arbeit in der Schweiz. Einblicke in Disziplin, Profession und Hochschule. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2010. 290 Seiten. ISBN 978-3-258-07606-5. 27,90 EUR.
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Thema

Der Klappentext, der im Folgenden auszugsweise zitiert wird, formuliert den Anspruch des Bandes: „Soziale Arbeit in der Schweiz ist in Bewegung. Die wirtschaftliche Lage erfordert besondere Anstrengungen in der Sozialarbeit und in der Sozialhilfe; die Einwanderung macht besondere Formen soziokultureller Unterstützungsleistungen notwendig; Veränderungen in den Familienformen verlangen sozialpädagogische Ergänzungsangebote, die demografische Entwicklung hinsichtlich der Altersstruktur schafft neue Handlungsfelder - um nur einige der Bewegungen zu nennen. […] Die Beiträge zeichnen den gegenwärtigen Diskurs zu Gesellschaft und Soziale Arbeit, Sozialmanagement und Sozialpolitik, Interventionen und Wirkungen sowie auch zu Hochschule und Bildung nach. […]“

Entstehungshintergrund

Die Fachhochschulen in Bern, Luzern, St. Gallen und Zürich haben einen gemeinsamen Masterstudiengang in Sozialer Arbeit entwickelt und bieten diesen seit Herbst 2008 an. In dem vorliegenden Band schreiben Dozierende der genannten Hochschulen zu aktuellen Frage- und Problemstellungen der Sozialen Arbeit.

Herausgeberinnen und Herausgeber

  • Petra Benz Bartoletta, Prof., lic. phil., Hochschule Luzern
  • Marcel Meier Kressig, Prof., Dr. phil., Fachhochschule St. Gallen
  • Anna Maria Riedi, Prof., Dr. phil., Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften
  • Michael Zwilling, Prof., Dr. phil., Berner Fachhochschule

Die Herausgeberinnen und Herausgeber sind in unterschiedlichen Funktionen in dem gemeinsamen Masterstudiengang der Hochschulen Bern, St. Gallen, Luzern und Zürich tätig.

Aufbau

Der Sammelband gliedert sich in die fünf Kapitel

  1. Gesellschaft und Soziale Arbeit,
  2. Sozialmanagement und Sozialpolitik,
  3. Intervention und Wirkung,
  4. Forschung und Entwicklung sowie
  5. Hochschule und Bildung.

Gerahmt werden diese zentralen Kapitel durch einen einleitenden Beitrag zum Nutzen des konsekutiven Masterstudiums der Sozialen Arbeit von Ursula Blosser, Johannes Schleicher, Walter Schmid und Monika Wohler (Fachbereich- bzw. Departementsleitungen und Rektoren der beteiligten Hochschulen) und einen abschliessenden Kommentar der Herausgebenden. Im Folgenden werden die Inhalte der Beiträge kurz benannt:

1. Gesellschaft und Soziale Arbeit

  • Peter A. Schmid fasst die gerechtigkeitstheoretische Diskussion in der Sozialen Arbeit zusammen und reflektiert das Verhältnis von Verfahrens-, Bedürfnis- und Leistungsgerechtigkeit
  • Heinrich Zwicky leistet - auf der Grundlage einer Matrix vertikal und horizontaler Differenzierung sowie der Unterscheidung struktureller/materieller und kultureller Ebene des sozialen Systems - eine Analyse der Migrationsgesellschaft Schweiz
  • Martin Albert Graf und Christian Vogel rekonstruieren Sozialarbeit auf der Basis einer geschichtstheoretischen Konzeption und umreissen die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit von gesellschaftskritischen Strömungen in Abhängigkeit von Grosszyklen gesellschaftlicher Entwicklung
  • Karin Werner und Anna Maria Riedi behandeln die Gegenstandsbestimmung Sozialer Arbeit im Spannungsfeld von sozialen Problemen und Lebensführung
  • Martin Hafen und Herbert Meier tauschen aus Perspektive der Systemtheorie bzw. der Kritischen Theorie Positionen zu Wissenschaft und professioneller Praxis der Sozialen Arbeit in der Form eines Briefwechsels aus

2. Sozialmanagement und Sozialpolitik

  • Beat Baumann und Sarah Neukomm arbeiten die Bedeutung des (europäischen) Sozialstaats vor dem Hintergrund aktueller Wirtschafts- und Finanzkrisen heraus und analysieren dabei exemplarisch die Entwicklungen in Irland, Spanien und Ungarn
  • Jacqueline Chopard und Peter A. Schmid begründen die Soziale Arbeit als Teil des Service public und votieren für Strategien politischer Einmischung
  • Daniel Iseli und Martin Wild-Näf geben anhand einer gesellschaftstheoretischen, einer professionstheoretischen und einer interventionspraktischen Perspektive Einblick in die Komplexität und Dynamik sozialer Dienstleitungsorganisationen
  • Dieter Haller entwirft unter Einbeziehung empirischer Befunde und diverser theoretischer Zugänge eine Steuerungslandkarte, anhand welcher (neue) Steuerungsaufgaben der Führungs- und Fachpersonen sowie der Klientinnen und Klienten der Sozialen Arbeit verdeutlicht werden
  • Herbert Bürgisser und Werner Riedweg differenzieren auf der Grundlage einer systemtheoretisch begründeten Unterscheidung von sozialen Problemen, sozialpolitischer Steuerung, professionellen Leistungen der Einrichtungen und Versorgungssystemen Managementaufgaben im Bereich der Behindertenhilfe aus.

3. Intervention und Wirkung

  • Peter Rahn beleuchtet Professionalität - auf der Grundlage einer Funktionsbestimmung Sozialer Arbeit von Franz Hamburger (Versöhnung zwischen Individuum und Gesellschaft) - in Bezug auf die Aspekte „Arbeitsbündnis“ und „professionelle Identität“.
  • Hanspeter Hongler und Rolf Nef entfalten einen Bezugsrahmen zur Analyse dessen, was die Soziale Arbeit in Theorie und Praxis zur Lösung sozialer Probleme beitragen kann
  • Ulrich Otto arbeitet am Beispiel der Intervention in soziale Netzwerke Ambivalenzen der intentionalen Wirkungserzielung durch beruflich organisierte Hilfe heraus
  • Matthias Weber und Steve Stiehler konzeptualisieren ein Reflexionsverfahren methodischen Handelns, das der Verbindung von Wissensbeständen aus Disziplin und Profession dient
  • Alexander Kobel untersucht die sozialökologische Substanz der Konzepte Case-Management und Sozialraumorientierung und beschreibt Merkmale, die eine gelungene Verbindung beider Ansätze in der Organisation und Steuerung Soziale Dienste anzeigen

4. Forschung und Entwicklung

  • Anna Maria Riedi und Sonia Pellegrini explizieren die Kompetenz zu quantitativer Forschung und qualifizieren sie als kritisches Handwerk
  • Monika Götzö und Marius Metzger verfassen einen kurzen Abriss qualitativer Sozialforschung und thematisieren die berufspraktische Relevanz qualitativer Forschungskompetenz
  • Peter Neuenschwander und Pia Gabriel-Schärer stellen anhand theoretischer Ausführungen und am Beispiel der Evaluation eines Bachelor-Studiengangs das nutzenorientierte Paradigma der Evaluation vor

5. Hochschule und Bildung

  • Anna Maria Riedi leuchtet mehrperspektivisch den Terminus des forschenden Lernens und Lehrens aus
  • Sylvie Kobi und Maja Graf geben in der Form von vier provokanten Thesen Einblicke in die Veränderungen der Hochschulbildung durch E-Learning
  • In einem Gespräch mit Wiebke Twisselmann wird der Leistungsverbund des Masterstudiengangs Sozialer Arbeit der Hochschulen Bern, St. Gallen, Luzern und Zürich hinsichtlich organisatorischer Gesichtspunkte erörtert

Diskussion

In dem Buch wird ein sachhaltiges und facettenreiches Bild diverser, aktueller Diskurse der Sozialen Arbeit gezeichnet. Dabei sticht ein Eindruck markant hervor, nämlich der von Vielfalt. Daraus ergibt sich auch - in Verbindung mit dem beschränkten Platzangebot einer Rezension -, dass eine gesamthafte inhaltliche Diskussion unmöglich erscheint. Im Folgenden wird hauptsächlich der genannte Gesamteindruck weiter ausgeführt, bevor abschliessend eine Kritik des Buchtitels erfolgt.

Pluralität firmiert in den Beiträgen in Bezug auf Gegenstände, Fragestellungen, empirische Zugänge, (grundlagen-)theoretische Perspektiven, Disziplinarität, Schreibstile, um nur einige Dimensionen zu nennen. Diese eindrückliche Vielfalt ist typisch für die Soziale Arbeit, wird hier keineswegs neu gezeigt und festgestellt. Die Beobachtung von Vielfalt lässt sich als Faszinosum der Sozialen Arbeit zusammenfassen - und als Konsistenzdefizit problematisieren. Dieses Defizit zeigt sich in dem vorgelegten Sammelband deutlich, ist aber durchaus nicht als Defizit (wohl aber als Charakteristikum) des Readers zu werten. Die Aufgabe einer kohärenten Darstellung Sozialer Arbeit - sofern eine solche überhaupt als Desiderat gesehen wird - wäre derzeit kaum zu bewältigen. Vielmehr ist als Verdienst der Herausgebenden zu sehen, dass sie, bezogen auf die Buchbeiträge, die Frage nach der Konsistenz im abschliessenden Kapitel kritisch aufwerfen.

Die Problematik der Heterogenität der Sozialen Arbeit dokumentiert sich jeweils in Disziplin, Profession und Ausbildung, den drei systematischen Bezugspunkten des Buchs, und potenziert sich - trotz aller entgegen gerichteten Anstrengungen - bisher faktisch in einer weitgehend brachliegenden Synergie dieser sowie weiterer Segmente. Der vorgelegte Reader dokumentiert diese Situation der Sozialen Arbeit und ermöglicht seiner Leserschaft - neben einer gewinnbringenden Auseinandersetzung mit den Inhalten der einzelnen Diskussionsbeiträge -, sich in Bezug darauf zu positionieren. Diese Möglichkeit bestand in der Schweiz so zuvor noch nicht und insofern zielt der Band auf eine Lücke, nicht ohne diese zugleich erst eigentlich zu Tage treten zu lassen und somit auch Stimuli für Folgepublikationen zu eröffnen, wie es für anspruchsvolle wissenschaftliche Literatur geboten ist.

Bleibt die Wahl des Buchtitels zu kritisieren, und dies in zweierlei Hinsicht. Zum einen werden zwar in einigen Beiträgen spezifische Bezüge zur Schweiz hergestellt; in der Mehrheit der Beiträge erfolgen solche Bezüge aber nicht. Dem Anspruch, aktuelle Bewegungen der Sozialen Arbeit nachzuzeichnen, wird der Band vollauf gerecht. Der darüber hinaus gehende, selbst formulierte Anspruch, aktuelle Frage- und Problemstellungen der Sozialen Arbeit in der Schweiz aufzuarbeiten, wird nicht vollständig eingelöst. Zum anderen weckt der Titel unweigerlich Erwartungen an eine systematische, im Grunde genommen an eine lexikalische Darstellung. Eine „Soziale Arbeit in der Schweiz“ wird nicht geboten, war vermutlich auch gar nicht beabsichtigt. Der (oben angegebene) Entstehungshintergrund wird in den Rahmungen des Bandes mehrfach expliziert. So ist es weder verwunderlich noch ehrenrührig, dass weniger die Sachlogiken der behandelten Themengebiete, sondern vielmehr Modulzuständigkeiten und fachliche Schwerpunkte der Dozierenden als basale Organisationsprinzipien des Bandes erkennbar werden.

Fazit

Der Reader „Soziale Arbeit in der Schweiz“ ist ein vielfältiges, aktuelles Lesebuch zur Sozialen Arbeit. Als solches kann es fortgeschrittenen Studierenden der Sozialen Arbeit sowie allen anderen, an Sozialer Arbeit Interessierten im deutschsprachigen Raum empfohlen werden.


Rezensent
Prof. Dr. Matthias Hüttemann
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Zitiervorschlag
Matthias Hüttemann. Rezension vom 13.09.2011 zu: Petra Benz Bartoletta, Marcel Meier Kressig, Anna Maria Riedi, Michael Zwilling (Hrsg.): Soziale Arbeit in der Schweiz. Einblicke in Disziplin, Profession und Hochschule. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2010. ISBN 978-3-258-07606-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/10491.php, Datum des Zugriffs 24.04.2018.


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